Die Liebe zu Bacon-Streifen

von Esther Boldt

Frankfurt/Main, 11. Februar 2010. Er wölbt sich rosarot und speckglänzend. An einem Ende sitzt noch ein Huf, der einmal über eine Wiese trabte. Nun ist dieser Schinken ein Ausstellungsstück. Und Teil der Performance "Monkey on the table" des Tänzers und Performers Antony Rizzi am Frankfurter Mousonturm. Da soll es eigentlich um den Maler Francis Bacon gehen. Weil aber der passionierte Geschichten- und Anekdotenerzähler Rizzi Scherzen zugeneigt ist, geht es auch um Schinken. Der wird ausgestellt, zum Instrument umfunktioniert, später werden Schinkenstreifen auf nackter Haut eine Fleischwunde markieren, und gegessen wird er natürlich auch.

Aber die Verwendung der Keule geht über den Wortwitz hinaus, ist doch in Bacons düsteren Bildern das Fleisch omnipräsent, die fragmentierten Menschenkörper auf der Grenze zum Animalischen mit ihren blinden Gesichtern und aufklaffenden Mündern, denen kaum individuelle Züge eigen sind: Paare verkeilen sich im Geschlechtsakt, als wollten sie einander zerfetzen, ihre Körper ähneln Brocken Fleisch zwischen Leben und Tod.

Benutzen und benutzt werden

So steht er auf einem weißen Block auf der Bühne, der Schinken, um ihn gruppieren sich Performer und Zuschauer. "There are many uses that you can use a body for", erklärt Rizzi und zählt auf, was man alles so tun kann mit dem Objekt: mit ihm leben, mit ihm tanzen, man kann mit ihm spielen, man kann ihn in den Krieg schicken. Und am Ende gilt immer die Maxime: "You can use it before it uses you!" Lieber Benutzen als benutzt werden!

Während er so die Objektfaktoren des Körpers durchdekliniert, illustrieren drei Tänzer lehrfilmhaft seine Rede. Lieben könne man den Körper natürlich auch, sagt Rizzi noch. Und vielleicht, nur vielleicht, liebt der Körper einen zurück. Es ist das Objekt, das die Brücke schlägt zwischen Kunst und Leben: Es gilt, eines zu finden und es wie einst Duchamps Pissoir in einen neuen Kontext einzupflegen, in dem es in einem anderen Licht leuchte. Und wenn dieses Licht "Liebe" heißt.

In viele Formen zerflossen

Voller heiterer Übersprünge ist der Abend, und sein Tempo äußerst Rizzi-eigen: Lässig, doch nicht nachlässig, mit der Heiterkeit des Flanierens, immer in Erwartung einer Überraschung. Fast 20 Jahre war Rizzi Tänzer beim Ballett Frankfurt, auf der Bühne attackiert er gern Schmerz- und Schamgrenzen und exponiert seine Homosexualität. In seinen eigenwillig und schräg liegenden Performances untergräbt er die Trennlinie zwischen Kunst und Leben permanent. Schon 2008 hat er sich in "tiny bits of bacon" mit dem großen britischen Maler des 20. Jahrhunderts befasst, aus dem er einige Szenen wieder aufgreift.

In drei Teilen reflektiert "Monkey on the table" künstlerische Prozesse: Im Foyer hängen Bilder Rizzis, auf denen er zahllose Polaroidfotos von mehr oder minder alltäglichen Details patchworkartig zu Panoramen zusammensetzt. Auf der Bühne darf das Publikum kurz den Schinken bewundern und sich in Gedanken über die Nutzungspotenziale des Körpers verwickeln lassen. Im dritten Teil dann ist die Bühne ein Künstleratelier, vollgerümpelt mit Möbeln, einer Kloschüssel, Lautsprechern, Scheinwerfern und einem Tisch voll prallroter Fleischtomaten, Schinken und Wein.

Hier arrangiert Rizzi Inma Rubio Tomas, Norbert Pape und Douglas Bateman zu immer neuen Bildern, begleitet von Eric Lenke als sein wachsames Double. Sie pressen die drei hinter eine Glasscheibe, auf der das Fleisch zu grotesken Formen zerfließt wie in Sasha Waltz' Choreografie "Körper". Doch bald werden alle Performer zu Bildproduzenten, gemeinsam werfen sie sich für einen Moment in Pose, schaffen Standbilder und narrative Fragmente.

Aliens Verwandlung

Sie erproben die Verhältnisse von Dingen und Körpern und weisen in einem Spiel um Manipulation, Beherrschung und Begehren das ganze Oszillieren zwischen Subjekt und Objekt aus. Ordnungen kippen mit einem Wimpernschlag, und wer eben noch den anderen drapierte, wird zum Opfer einer Lustattacke.

So kommt es im Miteinander stets zum Bruch, und bei aller beredten Humorigkeit ist es Rizzi damit sehr ernst. Wenn beispielsweise Douglas Bateman als plötzlich schwerer Leib im ungetümen Kostüm auftaucht, unkontrolliert lallend, seine Glieder wie besessen leise zuckend. Wider Willen wird er auf den Rücken geworfen, aus seinen Ärmeln krakt ein zweites Paar Arme heraus, als sei seine Haut aufgeplatzt und ein Alien daraus hervorgekommen.

Doch es ist Rizzi, der mit Bateman einen zersplitternden Alptraumkörper bildet, der sich langsam in zwei teilt – in ein konflikthaftes Paar, das nach seiner Abtrennung die Annäherung erst wieder einüben muss. Da wird Kunstproduktion zur Berührungsweise und das Objekt Körper zum verletzlichen Faktor. Und die lässige Performance ziemlich bemerkenswert.


Monkey on the table
Konzept, Choreografie, Tanz, Videos: Antony Rizzi, Kostüme: Daniel Dinis.
Mit: Imna Rubio Tomas, Norbert Pape, Douglas Bateman, Antony Rizzi und Eric Lenke.

www.mousonturm.de


Mehr zu aktuellen Tanztheater-Abenden: zum Beispiel inszenierte Constanza Macras im Januar 2010 an der Schaubühne Berlin Megalopolis. Von der Forsythe Company besprachen wir zuletzt I don't believe in outer space, das im November 2008 entstand.


Kritikenrundschau

Grundsätzlich charmant findet Eva-Maria Magel im Frankfurter Lokalteil der FAZ (13.2.2010) diesen neuen Rizzi-Abend, wo es traditionsgemäß wieder reichlich Haut "mit und ohne Unterhosen" zu sehen gebe, wobei die Kritikerin auch angesichts der überdosierten homoerotischen Szenen gewisse Ermüdungserscheinungen protokolliert. Immer wieder gibt es ihrer Ansicht nach starke Momente. Doch gerade die stärkeren Szenen machen ihr  klar, was aus dem Abend hätte werden können, "wären ein paar der weniger guten Ideen gestrichen und dafür ein paar Gedanken weitergetrieben worden. So aber ist wieder einer jener wildwuchernden Rizzi-Abende daraus geworden, in denen liebenswürdig gemeinte Provokation so oft wiederholt wird, bis sie nur noch schal riecht."

 

 
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