Politpop der Sechziger neu besichtigt

von Petra Hallmayer

München, 11. Februar 2010. Bonnie (Sylvana Krappatsch) räkelt sich gelangweilt in einem weißen Minikleid und schwarzen Glitzerstiefletten und zündet sich mit einer Pistole eine Zigarette an, während Clyde (Oliver Mallison) in Faschingsräuberposen um ihre Aufmerksamkeit buhlt. Die Beiden, die sich da auf der Bühne so pseudocool aufspielen, wissen von Anbeginn, dass sie Filmgeschichte schreiben werden. "Das ist ein totales Gangsteroadmovie", erklärt er später, nachdem sie ihm gefolgt ist auf den großen Abenteuerspielplatz jenseits des Gesetzes.

Bonnie Parker war gerade 20, als sie Clyde Barrow begegnete. Ihr Mann saß im Gefängnis, ihren Job als Kellnerin hatte sie verloren. Mit einem Male jedoch schien alles möglich. Mit ihr wurde aus dem Landarbeitersohn und Kleinkriminellen Clyde ein Supergangster und Medienstar.

Nach der schönen Naivität

Nicht erst das Kino hat die romantische Legende ihres Lebens erfunden. In ihrem Gedicht "The Story of Bonnie and Clyde", das wir an diesem Abend in den Münchner Kammerspielen in einer der letzten Szenen hören, sang Bonnie die Ballade von dem anständigen Kerl, aus dem ein brutales System einen Mörder machte und das Hohelied einer todgeweihten Liebe.

Barbara Webers Projekt "Bonnie und Clyde" legt das Gewicht auf die Selbststilisierung des Pärchens zum Mythos. Das ist nicht neu und liegt nahe, könnte aber dennoch sehr interessant sein, nur ist es das leider nicht.

Bekannt wurde die Regisseurin mit Arbeiten wie "Jacko unplugged" oder "RAF unplugged", in denen sie moderne Mythen ironisch vorführte. Zu den Regeln ihres Low-Budget-Formats gehörte es damals sich mit maximal zwei Wochen Probenzeit und "Requisiten, die in drei Türkentaschen passen" zu bescheiden. Mittlerweile ist sie Co-Leiterin des Zürcher Neumarkt-Theaters und hat Klassiker an wichtigen Häusern inszeniert. Mit "Bonnie und Clyde" knüpft sie wieder einmal an ihre frühen Jahre an, wenngleich unter Prämissen, unter denen die schöne Naivität des Beginnens, die aus der Spontaneität erwachsende Energie kaum mehr reproduzierbar ist.

Planschen im Diskursschnipselpool

Allein was sie nun auf der großen Bühne der Kammerspiele zeigt, lässt sich bestenfalls als mitunter amüsante Petitesse bezeichnen. Im Grunde aber ist es ein schick schlampig lackiertes Nichts. Tatsächlich erschöpft sich die Inszenierung in einer mit Zitaten von Romantiteln bis Nouvelle-Vague-Film-Sätzen angereicherten Nacherzählung, mit heiterem Planschen im Diskursschnipselpool.

Die Große Depression dient Clive bloß kurz als Rechtfertigungsfloskel für seine Verbrecherkarriere. Weiter eingehen mag Weber nicht auf die Wurzeln und Mechanismen der Idealisierung von Outlaws, die sich in einer ungerechten von Ganoven regierten Welt das Recht herausnehmen zu stehlen, was man ihnen verweigert. "Wir führen Krieg gegen die Verhältnisse, Baby", meint Bonnie.

Doch der Bonnie-und-Clyde-Politpop der Sechziger Jahre, in dem sich kindliche Wünsche nach grenzenloser Bedürfnisbefriedigung mit gesellschaftskritischen Momenten verbanden, und der RAF-Terrorismus werden bloß ebenso nebenbei und nachlässig anzitiert wie Clives Impotenz.

Über weite Passagen begnügt sich die Aufführung schlicht damit, vor drehbaren Häuserfronten die Geschichte der Barrow-Bande zu referieren, wobei wechselweise mit Waffen gepost, gesungen, gebrüllt und gealbert wird. "Mann, ich will auch in der Zeitung stehen", mault der Fluchtwagenfahrer C.W. Moss (Stefan Merki). Clives Bruder Buck (Michael Neuenschwander) bläst sich zum Machomacker auf und jault nach Schimpansenart. Annette Paulmann verulknudelt lustig dessen Frau Blanche, ein süßes, Haarspraywolken versprühendes und Werbesprüche nachbetendes Dummchen.

In der Filmsackgasse festgefahren

Keine Frage: Ironie ist eine wunderbare Waffe gegen das Wahrheitsdiktat, manchmal aber ist sie auch nur Ausdruck von Denkfaulheit. Und um mittels karikaturhafter Überzeichnung irgendetwas wirklich zu dekonstruieren, dafür ist Barbara Weber viel zu verliebt in ihre nachgestellten Filmbilder.

Die Wand rund um die Bar, an der Bonnie und Clyde am Ende die Kugeln eines im Klappstuhl lümmelnden Gesetzeshüters treffen, wird sukzessive mit Fotos tapeziert - von Warren Beatty und Faye Dunaway, Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg, Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Wenn jedoch Paulmann sich den Kopf samt der Augen bandagiert und dabei unter Gekicher aus dem Publikum Ulrike Meinhofs Briefpassagen über die Isolationshaft vorträgt, dann wird es ärgerlich. Doch Ärger ist eigentlich ein zu heftiges Gefühl an diesem Abend, an dem die einzig erstaunliche Erkenntnis ist, wie lang 90 Minuten dauern können.

 

Bonnie und Clyde
Ein Projekt von Barbara Weber
Regie: Barbara Weber, Bühne: Sara Giancane, Kostüme: Madlaina Peer, Musik: Murena, Dramaturgie: Matthias Günther.
Mit: Sylvana Krappatsch, Oliver Mallison, Michael Neuenschwander, Annette Paulmann, Stefan Merki, Murena.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Mehr zu Barbara Weber gibt es in unserem Glossar.

 

Kritikenrundschau

Von einem "schwerfällige(n) Vorgang, der 'Bonnie und Clyde' heißt" spricht Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (13. 02 2010), der am Ende des Abends noch immer nicht genau weiß, was eigentlich Gegenstand dieser theatralen Untersuchung war: "das historische Paar, der Film oder seine Rezeption". Denn auf diesen drei Ebenen versuche Barbara Webers Inszenierung zu funktionieren. Doch auf keiner sind nach Ansicht des Kritikers tiefere Erkenntnisse zu erlangen. "Szenen aus dem Film werden nachgestellt, Szenen aus dem Film werden erzählt oder kommentiert. Der Aufwand ist groß, die Frage nach dem Warum auch." Dauernd sieht Tholl die Schauspieler aus ihren Rollen treten, diese oder die Aufführungssituation an sich zu kommentieren. "Ja, ja, das ist dann schon auch mal lustig", räumt Tholl ein, der das aber "aber vor allem unglaublich ostentativ, schwerfällig" findet. Gerade Michael Neuenschwander und Annette Paulmann benehmen sie sich aus Tholls Sicht, "als hätten sie ihr Leben lang nur psychologisch durchgearbeitete, in sich konsistente Figuren gespielt und plumpsen nun aus ihren Rollen wie schwere Sandsäcke auf einen Kinderspielplatz." Weshalb sich Tholl am Ende die Frage stellt, ob nicht "der Besuch einer Videothek in diesem Fall gewinnbringender sein könnte als der der Theateraufführung."

Das Projekt sei gescheitert, findet Michael Schleicher im Münchner Merkur (13. 2. 2010.) Denn trotz allem, was die Popkultur seit den tödlichen Schüssen im Mai 1934 auf Bonnie Parker und Clyde Barrow zu deren Leben und Sterben hervorgebracht habe: In dieser Geschichte stecke nach wie vor genug Erzählenswertes. Doch "Barbara Weber hat es nicht entdeckt."

Barbara Weber wisse aus diesem vielseitigen Stoff nichts Eindeutiges zu erzählen, schreibt Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (13. 2. 2010): "keine Romanze, ohne zu zwinkern, keine Historie, ohne zu flunkern, keinen Krimi ohne maßlos aufzutragen - auch keine neue Wirtschaftskrisen-Kultparabel." Genauso unverständlich wie das Regiekonzept findet die Kritikerin außerdem, "eine Persiflage auf eine Persiflage zu inszenieren und alles, bis hin zum stilistischen Mittel des Erzähltheaters, zu ironisieren". Auch viele Schauspieler bleiben für die Kritikerin "in ihrer Tragik wie ihrer Komik auch seltsam anonym und kraftlos".

Um einen echten Coup hingegen handelt es sich bei diesem Abend aus Sicht von Christoph Leibold im Deutschlandradio (12.2.2010). Denn die Theatermacherin Barbara Weber strebe nicht den simplen Vergleich zwischen einer Geschichte aus Weltwirtschaftskrisenzeiten der 1920/30er Jahre und der aktuellen Misere an. Im Gegenteil: Weber thematisiert diesen derzeit wohlfeilen Kurzschluss Reflex - "auf wahnsinnig komische und dabei hoch intelligente Weise." Indem die Regisseurin Bonnie und Clyde eingemeindet in den kollektiven Fundus von Rebellenfiguren vorführe, zeige sie, "dass es ihnen an subversiver Kraft fehlt. Es sind Figuren, die die Allgemeinheit als Rebellen akzeptiert und zitiert. Akzeptanz und Anarchie aber schließen sich aus. Und was Zitat ist, ist Gemeingut, und damit nicht mehr gemeingefährlich." Denn das Theater selbst laufe, so Leibold, immer wieder Gefahr zu vergessen, "dass es Teil der Verhältnisse ist, die es kritisiert - weil es für diese Kritik immer im eigenen Figurenfundus stöbert". Barbara Weber dagegen nutze ihre Figuren Bonnie und Clyde nicht, um eine kritische Aussage zur derzeitigen Finanzkrise zu treffen. "Eher lässt sich ihre Theaterabend als Kritik an dieser wohlfeilen Praxis des Kritisierens lesen."

 

 
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