Shakespeare mit Frauenbonus

von Charles Linsmayer

Basel, 12. Februar 2010. 2008 verbot das Wiener Jugendamt Jugendlichen unter 15 Jahren den Besuch von Shakespeares "Richard III." am Burgtheater. Die Aufführung im Rahmen der "Rosenkriege"-Reihe von Stefan Kimmig galt als zu "verstörend" in ihrer nackten Brutalität. Vor Michael Simons Inszenierung auf der großen Bühne des Basler Theaters braucht die Jugendlichen niemand in Schutz zu nehmen. Bei ihm ist die Brutalität ganz in den Charakter der Titelfigur zurückgenommen und wirkt abgemildert.

Jugendliche dürfen sich hier über eine Form von Theater freuen, die mit historischem Plunder wie Kulissen, Dekor oder Requisiten aufräumt und die Figuren in heutigen Kleidern auf die Bühne stellt (Kostüme: Pia Janssen). Das von Simon selbst besorgte Bühnenbild setzt auf ein geometrisches Ensemble, das aus einer fahrbaren schiefen Ebene, einem großen, mal in der Luft schwebenden, mal als Klettergerüst auf dem Boden stehenden Kegel, einer ovalen Wand mit Schiefertafel und einer am Himmel hängenden Erdkugel besteht, auf der bedeutungsvoll eine Königskrone thront.

Im Kontext des eigenen Mythos

Simon hat lange für William Forsythe gearbeitet, und es haftet nicht nur seinem Bühnenarrangement, sondern auch der Spielweise etwas Balletthaft-Choreographisches an. So argumentiert Lady Anne mit Verrenkungen und körpersprachlichen Elementen, und wenn ein Monolog fällig ist, erstarren die Umstehenden zu Statuen.

"I kriegs ned ane", murmelt, als der eher zögerliche Applaus nach zweieinviertel Stunden verhallt ist, draußen im Schnee ein älterer Theaterbesucher vor sich hin. Wobei "anekriege" so viel wie "auf den Punkt bringen" heißt und wohl jene Irritation umschreibt, in die ein mit Shakespeare vertrautes Publikum durch diese Aufführung versetzt wurde – bzw. versetzt werden sollte. Denn so jugendgerecht der surreale Zirkus daherkommt: wie Shakespeares Stück darin in Szene gesetzt ist, dürfte für viele zumindest gewöhnungsbedürftig sein.

Der Text ist radikal gekürzt, das Personal auf sechs Personen reduziert. Sämtliche Gegenspieler Richards sind in der einzigen männlichen Gegenfigur Buckingham konzentriert, während die Frauenrollen erhalten bleiben und so ein wesentlich größeres Gewicht erhalten. Sie würden so, meint Dramaturg Martin Wigger im Programmheft, "zu spannenden Reflektoren der Lebensgeschichte eines maßlosen Königs, sie klagen, weinen, verzweifeln und betten Richard immer wieder von neuem in den Kontext des eigenen Mythos." Tatsächlich rücken nun Szenen, die sonst eher am Rand von Bedeutung sind, in den Mittelpunkt; und Richards Scharlatanerie wird weit weniger in der Ausschaltung seiner Rivalen als im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht manifest.

Ein starker Richard unter starken Frauen

Die vier Protagonistinnen vermögen sich denn auch immer wieder nachhaltig zu profilieren. Inga Eckenmeier als ununterbrochen gedemütigte und doch in ihrem Eigentlichen unnahbare, wie surreal wirkende Lady Anne, Carina Braunschmidt als souverän agierende, Richard klar durchschauende Königin Margret, Claudia Jahn als Richards Mutter, die Herzogin von York, die ihren Sohn in einer der eindringlichsten Szenen des Abends auf eine fast kühl-gelassene Weise verflucht, und Ariane Andereggen als eine Königin Elisabeth, die sich bis zuletzt standhaft dagegen wehrt, dem Mörder ihrer Söhne auch noch ihre Tochter auszuliefern.

Jedoch: Stärker noch als in anderen Aufführungen führt diese Konzentration auf die Frauenrollen dazu, dass die Titelpartie die Aufführung dominiert. Während Pascal Lalo als Buckingham nur selten über eine clowneske Lachnummer hinauskommt, gehört der Abend unangefochten Vincent Leittersdorf als Richard III. Schon kurz nachdem er beschlossen hat, "hier den Dreckskerl aufzuführen", zieht er in der Begegnung mit Anne sämtliche Register vom schmeichelnden Liebhaber über den gerissenen Verführer bis zum brutalen Macho.

Es gibt in der ganzen Aufführung kaum eine Szene, die nicht von seiner großartigen, ganz unprätentiösen Charakterisierungskunst beherrscht würde. Bis hin zum Finale, als er zuoberst auf dem Kegel sitzt und ganz leise und in plötzlicher Selbsterkenntnis sagt: "Hab ich Angst vor mir? Ja, wer sonst ist hier?" Um dann (leider) doch noch das geflügelte Wort von sich zu geben, auf das, Frauenbonus hin oder her, alle gewartet haben: "Ein Königreich für ein Pferd!"


Richard III.
von William Shakespeare
Regie und Bühne: Michael Simon, Kostüme: Pia Janssen, Dramaturgie: Martin Wigger. Mit: Vincent Leittersdorf, Pascal Lalo, Inga Eickemeier, Carina Braunschmidt, Claudia Jahn, Ariane Andereggen.

www.theater-basel.ch

 

Mehr zu Arbeiten von Michael Simon: In Köln inszenierte er 2007 Ich, Moby Dick nach Melville. In Karlsruhe brachte er 2008 Peter Handkes Das Spiel vom Fragen auf die Bühne.


Kritikenrundschau

Es beginne ja ganz hübsch, stellt Alfred Schlienger in der Neuen Zürcher Zeitung (15.2.) mit Bezug auf Michael Simons Richard III.-Inszenierung in Basel fest. Simons Bühne, ein "Zauberland bewegter Geometrie", ergebe, "warum nicht, eine abstrakt-sinnliche Szenerie für allerlei Machtspiel". Und auch "die Reduktion des gewaltigen Stoffes mit seinen über vierzig Rollen auf sechs Figuren macht neugierig (...). Richard III. und die Frauen, das wär doch was!" Für weitere Fragen allerdings interessiere sich die Regie nicht: Zur Hauptsache seien "die Frauen einfach Klageweiber, sie verfluchen endlos diesen schrecklichen Menschen Richard, zu dem sie sich, wer weiss warum, irgendwie doch hingezogen fühlen, und rennen sich dabei ihre Verzweiflung aus dem Leib. Rund zwei Drittel des Textes sind eingestrichen. Das entkernt das Stück von seiner dramatischen Kraft. Was übrig bleibt, sind mehrheitlich Statements und kaum mehr theatralische Interaktionen. Über weite Strecken versinkt der Abend in reinem Deklamationstheater."

"Richard III." sei ein "großer Stoff, dessen so tragischer Dimension Regisseur Michael Simon am Theater Basel mit großen, opernhaften Bildern beizukommen" versuche, schreibt Wolfgang Bager im Südkurier (15.2.) "Der Mensch zählt wenig, winzig klein bewegt er sich zwischen riesigen Objekten rätselhafter Bedeutung. Das macht zunächst einmal Eindruck". Aber es seien "nicht nur diese ästhetik-trunkenen Bilder, die in Basel Shakespeares Drama in die Nähe von Oper" rückten. Ähnlich wie im Musiktheater gehe auch "der Text unter, das Wort verliert sich, Handlung wird zwischen den mächtigen Kulissen zweitrangig. Richards zielstrebig blutiger Weg zur Macht, seine beängstigenden Fähigkeiten, auf neue Situationen blitzschnell mit neuen Verbrechen zu reagieren, geht in Simons Kulissentheater unter." Und für Personenregie habe es "auch nicht mehr gereicht, die Handelnden sind mehr an den Kostümen als an ihren Charaktereigenschaften zu unterscheiden".

 

 
Kommentar schreiben