Charakterschwein, verdammtes!

von Marcus Hladek

Frankfurt am Main, 13. Februar 2010. Mit Gogols "Tagebuch eines Wahnsinnigen" als Übernahme vom Deutschen Theater Berlin und Monodrama Samuel Finzis hatte Hanna Rudolph erst kürzlich am Main begeistert. Jetzt klaubt sie sich ein Bild zerreißender Gemeinschaft aus der Ibsen-Zeit, eines, das die einen im Denken und Fühlen weiter und anderswo zeigt als die andern, die nicht recht nachkommen können. Von Ehe und ihren Zwängen handelt das Spiel: von der "höheren" Liebe des einsamen Denkers Johannes Vockerat zum dritten Rad am Ehewagen, verkörpert von Claude De Demo, als Studentin Anna Mahr teils bemäntelt in Reise-Blau, teils offen im schwarzen Kleid als Vamp. Auffällig ist, dass man ihr und der unglücklichen Ménage das Ideale von damals mittlerweile, und allemal bei Hanna Rudolph, als bloßes Vorspiel abzustreichen neigt.

Sensibelchen von einem Privatgelehrten

Mitakteur bei dieser Ménage ist der zum Ertränken schöne Müggelsee in – damals bei – Berlin, den Christian Ludwigs Videobilder auf der hölzernen Lattenwand im Hintergrund reichlich zeigen. Ansonsten geht es um den philosophisch aufgemotzten Avantgardedünkel im Kopf eines schwachen Charakters, dessen Leiden an der Ehefrau und den frömmelnden Eltern wir durch die Augen Hanna Rudolphs zu sehen bekommen. Es ist ein weiblicher Blick, ein wenig nach dem Motto: Charakterschwein, verdammtes!

Isaak Dentler, der mit Intendant Oliver Reese und doch aus dem relativen Nichts der Provinz kam, um sich nun mit Fleiß zur regelrechten Entdeckung zu mausern, zeigt diesen Johannes Vockerat als Sensibelchen von einem Privatgelehrten, der mit der Habilitation so wenig zu Rande kommt wie mit sich selbst und im Grunde ein trotzig kränkelndes, unsicheres Kind geblieben ist, das darum zu narzisstischen Maximalpositionen neigt. Seiner tragisch angetrauten Käthe (Sandra Gerling), die jeden Akt einzeln ausrufen darf und überhaupt das Deutungsszepter in Händen hält, rinnt darob vorn an der Rampe mit den Tränen die schwarze Augenschminke von der Wange. Die Zuschauer hat sie fest im Frontalblick.

Kein Kopfzerbrechen von gestern

Worum geht es in Rudolphs "Einsame Menschen"? Gewiss nicht um das private Pathos, das Hauptmann in der Widmung seines Dramas ("in die Hände derjenigen, die es gelebt haben") andeutet, nicht darum also, welcher Dichter oder Freund Hauptmanns gerade welche Geliebte hatte und unterm Ehejoch ächzte. Was damals Kopfzerbrechen machte, sehen wir dank Steffen Schmerses Bühne wie durch Glaswände: gegessen, kodiert, abgehakt. Sein seitwärts wandloser Raum besteht aus nichts als einem Lattenrechteck hinten und dem Kunststoffmarmor-Interieur davor als Landhaus-Residual für den einsamen Denker; die mobilen Möbel tragen Darsteller und Bühnenarbeiter erst herbei.

Dass Vockerat es mit Darwin und Haeckel hatte, als das forsch und fortschrittlich war, ist kaum mehr übersetzbar. Also ahnt man es nur noch aus den "Kapier-nix"-Gesten des Künstlerfreundes Braun (bekehrter Eheretter-Bohemien im weißen Anzug: Sébastien Jacobi) und seinen genuschelten Halbsätzen vom philosophisch-physiologischen Irgendwas.

Soll er doch absaufen

Worum es hier immer noch gehen kann, was an Ibsen anschloss und zum Anstoß für Tschechow wurde, ist das Zurückgeworfensein des einzelnen auf sich selbst: eine beziehungsschwache Einsamkeit, der familiäre, soziale, religiöse Bindungen am Ende des Tages weder auf- noch abhelfen. Schon Hauptmann behandelte den vordergründigen Kampf gegen alte Weltbilder ja mit einer Ironie, die Rudolph nun zur Persiflage vergröbert.

Was mehr überrascht, ist die verweigerte Empathie mit Johannes Vockerat. Angesichts der Trümmer, die Dentlers Verkörperung desselben als Egomanen-Würstchen hinterlässt, ist man über sein suizidales Bad im See fast erleichtert. Wilhelminische Emanzipation interessiert hier so wenig wie alles Gefühlige, weshalb die Textfassung – ohne preußisch-naturalistischen Dia- und Soziolekt, ohne Pastor, Amme, Hausmädchen, Hökerfrau und Wagenschieber – sich die alberne Laternenschwingerei und Käthes treubesorgte Selbstgespräche am Ende spart. Soll er doch absaufen.

Aufwertung alter Werte?

Eigenartig berührt indes, dass die Tendenz zur Denunziation des Denkers Vockerat und der bitchigen Studentin Anna, die ins Ibsen-Horn der Befreiung aus allen Banden blasen, eine fast reaktionäre Aufwertung alter Werte mit sich bringt, ein moralisches Zurückströmen mit Käthe als Galionsfigur am szenischen Bugspriet. Wenn Josefin Platt als matronenhafte Frau Vockerat (mit Textanteilen der Amme) von der Haustaufe bis zum Selbstmord ihr Verständnis von Christentum hochhält und Felix von Manteuffel bei der Wiederkehr als Vater Vockerat den bärtigen Sittenrichter Moses raushängen lässt, um Hannes zur Umkehr aufzurufen, wird deutlicher als bei Ibsen die Rückseite der Befreiungsmedaille greifbar. Rudolph arbeitet das heraus. Man muss ihr nicht zustimmen, um die Entschiedenheit zu schätzen, mit der sie es tut.

 

Einsame Menschen
von Gerhart Hauptmann
Regie: Hanna Rudolph, Bühne: Steffen Schmerse, Kostüme: Geraldine Arnold, Musik: Jacob Suske, Kriton Klingler, Video: Christian Ludwig, Dramaturgie: Andreas Erdmann.
Mit: Felix von Manteuffel, Josefin Platt, Isaak Dentler, Sandra Gerling, Sébastien Jacobi, Claude De Demo.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Der Schauspieler Isaak Dentler ist am Schauspiel Frankfurt u.a. als Solist in Lily Sykes' Steilwand zu sehen.

Kritikenrundschau

Die junge Regisseurin Hanna Rudolph habe in ihrer Frankfurter Inszenierung in "Hauptmanns verquältem Männerstück", in "Einsame Menschen" nämlich, "die freie Frauenspur" entdeckt, schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen (15.2.). "Nicht triumphal. Nicht besserwisserisch oder andersmacherisch. Einfach aus freier Liebe zu einer Figur". Diese Figur spielt Sandra Gerling, und ihre Käthe erinnere "weniger an das frustrierte verhuscht-demütige Hausfrauenheimchen am Herd eines egomanen Privatgelehrten. Sie erinnert auch in ihrer patent nüchternen, in die Ferne schweifenden, in die Nähe träumenden Blickwurfkunst mehr an das Käthchen von Heilbronn unterm Holunderbusch des Heinrich von Kleist." Wenn Sandra Gerling als Käthe "den Arm in die Luft reckt, andeutungsweise mit den Fingern schnippt und 'Erster Akt' ruft, hat sie das Drama weder vor noch schon hinter sich. Sondern: in sich. Sie, die starke junge Frau, nicht Johannes, der hysterische Hirnpenetrierer, ist die Hauptfigur. Sie steht ganz vorne. Es ist ihr Drama." Das aber sei: "Toll und traurig schön."

Ohne Umstände wirke "alles ganz heutig" in Hanna Rudolphs Inszenierung der "Einsamen Menschen": "Hier der Mann, dessen Egoismus schon komisch und doch immer noch tragisch ist, dort die beiden Frauen, daraus folgend die nur scheinbar originelle Fantasie von der Beziehung zu dritt. Dazu die frommen Eltern, die in Frankfurt am Ende keine Karikaturen sind." An irgendeiner Stelle steckten "wir da alle mit drin", meint Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (15.2.). Die sechs Schauspieler in den Frankfurter Kammerspielen ließen "staunen über die ohne sichtbaren Aufwand vorgeführte Intensität der Augenblicke. Während diese Augenblicke sich unter der Regie von Hanna Rudolph ebenso ohne sichtbaren Aufwand zusammenfügten zu einem Stück, das schon fast nicht mehr Theater war und fast schon Leben."

 
Kommentar schreiben