Welt aus Blei

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 19. Februar 2010. Wahrlich, unsere Zeiten sind gefräßig, rasend, nervtötend. Wir sind alle fremdbestimmt, unfrei. Nicht einmal der Theaterdichter ist mehr das, was er einmal war. Den Geniebegriff kann er sich in die Haare schmieren: Vor dem Marketingcharakter der Theaterwelt kann er nicht bestehen, wenn er sich nicht anpasst. Was er schreibt, bestimmt nicht er, sondern Dramaturgen, Intendanten und Lektoren. "Welthaltig", "nachhaltig" sollen seine Stücke sein. Und worüber soll er schreiben im Jahr 2009? "Von überall schreit es her: Wende Wende Wende. Überall spukt der Geist der Wende. Und ich glaube nicht an Gespenster. Kein kalter Hauch, kein Schaudern überkommt mich. Nichts. Nur leere Worte – du musst du musst du musst."

So zumindest geht es dem jungen, wütenden Theaterautor in Nis-Momme Stockmanns neuestem Stück "Kein Schiff wird kommen", das jetzt im Depot des Staatstheaters Stuttgart zur Uraufführung gebracht wurde. Es ist erst das dritte Stück des 28-jährigen Stockmann, und schon bricht es heraus aus ihm: ein Überdruss an den Gegebenheiten und an der Unmöglichkeit, in dieser Gesellschaft zu sich selbst zu finden. Der Dichter in seinem Stück will ja nicht für die Schublade produzieren, sondern Cash machen. Und so verhält er sich normgerecht und schreibt über die Wende und damit über etwas, das ihn eigentlich nicht die Bohne interessiert. Aber das Thema führt ihn bald zum wesentlichen Kern seines Ichs: zu seiner eigenen verdrängten Familientragödie.

Worte des Vaters an das ewige Kind

"Kein Schiff wird kommen" ist weniger ein Theaterstück als vielmehr ein Bericht über die Entstehung und finale Verwerfung eines solchen. Natürlich auch die Geschichte einer Vergangenheitsbewältigung, an deren Ende die Selbstbefreiung steht. Es ist kein Zufall, dass "Kein Schiff wird kommen" auch als Hörspiel produziert wird. Es verarbeitet viel Text. Es ist ein pointenreiches, klug aufgebautes Stück, das Sprache phasenweise appetitlich zubereitet auf einem goldenen Tablett serviert und die Sinne erfreut. Dialogszenen werden geschickt implantiert in den übergeordneten Erzählbericht des Protagonisten, der jede Impression, jeden Gedankenfetzen, jedes Gespräch wie ein Journalist auf einem Diktiergerät aufzeichnet und auch das Abhören desselben virtuos in den Plot einarbeitet: Ein gekonntes Vexierspiel mit der Fiktion des Geschriebenen und der Realität des darin Erzählten.

Natürlich ist der anonyme Autor auch ein bisschen Stockmann, der in seinem Stück Biographisches mit Erfundenem verbindet. Um sich dem Thema zu nähern, beginnt sein Protagonist seine Recherche auf der Nordseeinsel Föhr, wo er (wie Stockmann) aufgewachsen ist. Dort befragt er seinen Vater: Wie die Maueröffnung auf der Insel, so weit weg von der damaligen Grenze, wahrgenommnen wurde. Er selbst war zu diesem Zeitpunkt erst fünf Jahre alt, kann sich an nichts mehr erinnern. Auch der Vater hat dazu nicht viel zu sagen, ohnehin nervt man sich vor allem an. Der Rückfall in alte Strukturen, wenn sich Nachwuchs und Eltern begegnen, das kennt man: Die wohlmeinenden Worte des Vaters an das ewige Kind rufen beim Sohn Aggressionen hervor. Der klugscheißende Sohn aus dem hippen Berlin fühlt sich dem bodenständigen Vater haushoch überlegen, muss dennoch bemerken, dass dieser ihn ebenso durchschaut. Man säuft gemeinsam den Frust nieder. Sieben Kästen Flensburger stehen drohend auf der Bühne.

Wild, wütend, klagend

Die Aggression und Larmoyanz des Sohnes beginnt langsam gehörig auf den Wecker zu gehen, da passiert es. Verdrängtes bricht sich Bahn. Der Vater berichtet stockend, was ihn zu Wendezeiten wirklich beschäftigt hat: Der Tod der Mutter. Ein Thema, was bis dahin von beiden totgeschwiegen wurde. Ein verschüttetes Kindheitstrauma bricht auf. Der Sohn erinnert sich: Die Mutter, geisteskrank, wahnsinnig geworden, wurde vom völlig überforderten Vater in das Zimmer des Sohnes gesperrt. Ihr Sterben ein Trauma: "Die Welt steht still, als wäre sie aus Blei."

Die Inszenierung von Annette Pullen vertraut ganz auf die fantastischen Fähigkeiten des Ensembles. Immer unter Hochdruck, wild, wütend, klagend und riesige Textmengen verarbeitend: Matthias Kelle als junger Schriftsteller. Sehr authentisch und glaubwürdig: Jens Winterstein als Vater. Und virtuos zwischen den unterschiedlichsten Charakteren hin- und herswitchend: Lisa Wildmann als Alter Ego des Autors, als Mutter, als Intendant. Ein Sofa, ein auseinander- und zusammenfaltbares weißes Stoffzelt, aus dem sich schnell allerlei Räume zusammentakeln lassen – das ist alles, was der spannende Theaterabend zusätzlich braucht (Bühne und Kostüme: Iris Kraft).

Etwas nervend gestaltete sich die häufige Untermalung der Monologe des Erzählers mit hippen Popklängen. Den Abend etwa mit dem wunderbar melancholischen Song "Worried shoes" von Daniel Johnston zu eröffnen und zu beenden, dagegen ist an sich nichts einzuwenden. Allerdings erklang das geglättete Cover aus dem Soundtrack zum Film "Wo die wilden Kerle wohnen" und leider nicht die schräge Originalversion mit Akkordeon. Die hätte doch viel besser zum Stück gepasst. Und der Kitsch wäre zu Hause geblieben.

 

Kein Schiff wird kommen (UA)
von Nis-Momme Stockmann
Regie: Annette Pullen, Bühne und Kostüme: Iris Kraft, Dramaturgie: Kekke Schmidt. Mit: Matthias Kelle, Lisa Wildmann und Jens Winterstein.

www.staatstheater-stuttgart.de

 

Der Dramatiker Nis-Momme Stockmann wurde 2009 für sein Stück Der Mann, der die Welt aß sowohl mit dem Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts als auch mit dem Werkauftrag des tt-Stückemarkts in Berlin ausgezeichnet worden, wo eine szenischen Einrichtung des Dramas zu sehen war, das 2009 in Heidelberg uraufgeführt wurde.

 

Kritikenrundschau

Die "Fläche", die Nis-Momme Stockmanns neues Stück "Kein Schiff wird kommen" darstellt, sei "ungefähr identisch mit der Nordseeinsel Föhr", wo Stockmann geboren ist, schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen (22.2.2010). Und der Held des Stückes sei "der Autor selbst. Wenigstens sein Double". Allerdings beherrsche Stockmann schon die Kunst, sich "in den Mittelpunkt zu stellen", aber doch "von sich abzusehen". Das größte Thema des Stücks sei "die mögliche Liebe zwischen Vater und Sohn", "für den Theaterautor die Sensation der Gewöhnlichkeit". Hier ergebe sich "kein Drama", sondern eben "eine Fläche". "Wer hier spielt, der berichtet zugleich, dass er spielt", so dass das Stück "immer zwei Ebenen" habe. Es eigne ihm "eine gewisse epische Schwerelosigkeit." Bei Matthias Kelle, Jens Winterstein und Lisa Wildmann sehe man "entspannte, gelöste und von der Regie offenbar zu einer nüchtern empathischen Menschlichkeit und Freundlichkeit hin befreite Schauspieler. Es sind ja die einfachsten Mittel, zu denen Stockmanns Stücke die Theater verführen können: Menschen darzustellen und menschlich zu sprechen."


"Lange Prosapassagen, innere Monologe, wenige Figuren, ein Minimum an äußerer Aktion, kaum Dialoge: Von der Form her" machten Stockmanns Stücke es den Regisseuren nicht leicht, schreibt Claudia Gass in ihrem Artikel für die taz (22.2.2010) über die drei Stockmann-Uraufführungen in Heidelberg, Frankfurt, Stuttgart. Stockmanns Erfolg gründe nicht nur in der "sprachlichen Qualität seiner Texte", sondern auch in seiner "Fähigkeit, nahegehende Charaktere zu schaffen". Bei ihm verstelle nicht die so oft "gesehene Künstlichkeit und zugespitzte Übertreibung den Zugang zu den Figuren, obwohl er sie durchaus mit einer kritisch-ironischer Distanz betrachtet". Seine Texte seien "voll mitreißender Empathie und unterschwelliger innerer Handlungsspannung". Regisseurin Annette Pullen teile die "innere Stimme des namenlosen Autors" aus "Kein Schiff wird kommen" auf zwei Schauspieler auf und lockere so "geschickt die über weite Strecken monologische Struktur des Textes auf". Der Handlungsstrang um Autorenschaffen und Theaterbetrieb sei in Stuttgart "jedoch fast zu parodistisch geraten". Stark werde das "Dreipersonenkammerspiel" hingegen auf der Ebene des verdrängten Familiengeheimnisses.


"Von diesem Autor wird in den nächsten Jahren auf deutschen Bühnen noch viel zu sehen und zu hören sein", prophezeit auch Horst Lohr in den Stuttgarter Nachrichten (22.2.2010). Stockmanns Stück besteche "mit der Kraft und Genauigkeit einer unverwechselbar poetisch-nüchternen Sprache". "Feinfühlig und genau" beschreibe er "die Innenschau eines jungen namenlosen Autors". Annette Pullen vertraue ganz "der Bildkraft des Stücks" und beobachte entsprechend feinfühlig "die zarte, in beidseitigen Ritualen hilfloser Zuneigung festgefahrene Beziehung zwischen Vater und Sohn". Jens Winterstein spiele den Vater als einen "Grobmotoriker mit Seele und dem Realitätssinn des einfachen Mannes". Matthias Kelle entlocke dem jungen Autor "faszinierend fiebrige Töne des Ekels gegen die Mechanismen eines auf spektakuläre Themen (...) konditionierten Kulturbetriebs". Fazit: "Intensives Theater".

Die Komik, die in der von ihm gewählten "Ausgangssituation für ein zeitgenössisches Künstlerdrama steckt", wisse Stockmann "unglaublich gut auszureizen", findet Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (23.2.2010). Da sei vieles "ziemlich witzig." Sehr schön beschreibe Stockmann auch "die Gereiztheit des erwachsenen Kindes auf Heimatbesuch", manchmal "zum Schreien komisch". Der Autor habe "einen so feinsinnigen, klugen Humor", blicke "mit so viel Ironie und Ehrlichkeit auf sich selbst und mit einem so (ver)zweifelnden, aber auch liebevollen Verständnis auf eine Welt, die er kennt, dass dieses Stück eine helle Freude ist – nicht nur als künstlerische Innenschau, sondern auch als das Familiendrama". Annette Pullen habe das "so abstrakt wie möglich und so konkret wie nötig" inszeniert und ihm "bei aller ironischen Zuspitzung nichts von seiner Warmherzigkeit ausgetrieben". Matthias Kelle erspiele dem Theaterautor "eine liebenswerte, zappelnde Fragilität, die ihn zunehmend wieder zum Kind werden lässt, klein, kleinlaut, pummelig". Da gebe es "rührende Szenen" und Sätze, die "einfach nur bitter und schön und wahr" seien.

Peter Michalzik von der Frankfurter Rundschau (23.2.2010) hat Stockmann in seinem dritten Stück dabei zugehört, "wie ihm die Worte im Mund faulig werden". Dieses Stück nerve, anders als die angestrebten Wende-Stücke im Stück, aus verschiedenen Gründen nicht: Erstens, weil "etwas geschieht: Erst kapiert der Vater nichts, denkt man mit dem Sohn, dann kapiert der Sohn nichts, denkt der Zuschauer, und dann kapiert der Vater was, und der Sohn kapiert was und der Zuschauer auch". Zweitens, "weil es nicht bei Wende- und Medienkritik stehenbleibt, sondern (...) die Geschichte der Krankheit der Mutter" entdeckt. Drittens, "weil aus der Verweigerung ein Stückchen Wahrheit entsteht". Viertens, "weil die Auseinandersetzung des Autors mit sich selbst sich aufsplittert in die Stimmen der Familie und das einer Art innerer Notwendigkeit folgt". Und "genau die inszeniert Annette Pullen (...) sehr klug". Endlich habe Stockmann hier "eine Aufführung gefunden, die den Text entfaltet und die seine Dynamik sichtbar macht", man sehe deutlich, "was im Inneren dieses in sich verschränkten Stückes alles los ist". Die Tugend des "intelligenten Erzählens" komme hier einmal nicht zu kurz. "Am Ende hat man nachgedacht, ist berührt worden und man hat sich vielleicht sogar selbst etwas in Frage gestellt".

Zu Recht gelt Stockmann als "großes Dramatikertalent", schreibt Peter Kümmel (Die Zeit, 25.2.). Und in seinen Wunschphantasien stecke "ein Kern von Selbstverhöhnung": "Sein Stück spiegelt die Nöte von einem, der einem Ruf hinterherhetzt." Die große deutsche Geschichte, die das Stück verhandelt, sei dabei nur die "Deckerinnerung, unter der ein familiäres Drama glüht". Und Stockmann "entwickelt die vermeintliche Kolportage mit einer bemerkenswerten Kunstfertigkeit zur Liebesgeschichte zwischen Vater und Sohn". Von den Stuttgarter Darstellern Matthias Kelle und Jens Winterstein werde sie "großartig und beiläufig gespielt – so beiläufig wie alle wirksame Verdrängung". Regisseurin Annette Pullen hüte "das Schweigen über das Eigentliche, das sich in diesem Stück verbirgt". Denn in Stockmanns "Inselwelt nistet eine bockige Wärme, ein unausgesprochnes Familiengeständnis unter Familienmitgliedern". Die Sprache des Stückes sei dabei "ein Instrument der Lust, der Abirrung, ein hoher Selbstzweck".

 

 
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