Minima Moralia der Werther-Lücke

von Stefan Bläske

Wien, 20. Februar 2010. Muss ein Schauspieler auf der Bühne weinen können? Was, wenn er wider Willen trocken bleibt? Die Fragen um Tränen, Tod und Theater sind die alles andere als traurigen Themen des sechsten, insbesondere für Theatermenschen amüsanten Teils von Joachim Meyerhoffs Hexalogie, jener 2007 begonnenen und nun endenden autobiographischen Authentizitäts- behauptungs-Serie "Alle Toten fliegen hoch".

Nach den erfolgreichen Episoden über Meyerhoffs jähzornige Kindheit in Schleswig und sein High-School-Jahr in Wyoming (Teil 2 und 1), über sein Beziehungstreiben und Abtreiben (Teil 5), "Die Beine meiner Großmutter" (Teil 3) sowie seinen Lesen und Leben, "Theorie und Praxis" verwechselnden Vater (Teil 4) werden wir schlussendlich vom Privatissimum, vom intimistischen Schlüssellochglotzen befreit. Genug im Tagebuch geblättert, ja, jetzt wird wieder auf die Bühne geschaut!

Theater oder Lesung?

Heftige Debatten hatten sich ob der Schubladisierung entsponnen, als 2009 die ersten drei fliegenden Totenteile zum Berliner Theaterklassentreffen eingeladen waren. Als wär's eine Antwort auf jenes "Ist-das-noch-Theater-Gemecker" lässt Meyerhoff seine Toten zum krönenden Abschluss nun im Theater landen. Er selbst ist Vorleser und Vorspieler.

Wieder von Vitrinen mit Vergangenheitsreliquien umstellt, wieder im grünen Fauteuil sitzend, mit stets übereinandergeschlagenen Beinen, erzählt er – gewohnt pointiert – diesmal von Schauspielschule und ersten Engagments, und wechselt dabei mehrfach zwischen Räsonnement und Reenactment, Lesung und Schauspiel. In gelber Weste wiederholt er seinen Lange-ist's-her-Auftritt als Werther, und in der Rolle einer Ratte erleben wir seine schwanzbestückte, spielerisch-animalische Stilfindung: "Instinkt statt Reflexion, Reflex statt Geste"! Meyerhoffs humor- und (eigen)liebevoller Rückblick, der tief in die Theaterklischeetrickkiste greift, erzählt uns eine Fortschrittsgeschichte "theatralischer Bewusstseinsstufen". Quälender Ausgangspunkt: das Schauspielschul-Simulationsgehabe, jenes psychologische Spiel, das Meyerhoff einfach nicht gelingen wollte und das er – gelbgallig vor Kollegenneid – darum als verlogen, harmlos, selbstgefällig abtat.

Einfühlung oder Distanz?

Das Trauma, Tschechow nicht tränenumflort-einfühlsam und mit "Qualitätsblick" spielen zu können, bringt Meyerhoff als gleichsam therapeutisches Nach-Spiel seiner einstmals scheiternden Rollenarbeit auf die Bühne: Die Max-Reinhardt-Seminaristen Laura Mitzkus (als Nina) und Ulrich Brandhoff (als Kostja alias Meyerhoff) geben "Die Möwe" als Modellszene, sind anrührend komisch im pseudo-psychologischen Vor-Spiel dieser schrecklich theatralen Szene, die Meyerhoff – das Original – zuvor mit reichlich Prä- und Subtext seiner Pein unterfüttert hatte. So bohrt er in alten Wunden, mit Witz und Wonne.

Meyerhoff kann uns lachen machen, weil er selbst gut lachen hat. Da erzählt ein siegreicher Marathonläufer von seinen strauchelnden Gehversuchen, blickt einer von ganz oben zurück in die "unergründlichen Niederungen meiner Untalentiertheit", erinnert sich der Schauspieler des Jahres 2007 an den qualvollen "Du-bist-nicht-in-der Situation-Terror" der Schauspielschulzeit. Komik, so sagt Woody Allen, ist Tragik plus Zeit.

Tragik oder Komik?

Komik, das ist auch Tragik plus Meyerhoff. So unecht und gekünstelt wirkte einst sein Gefühlsgetue, dass er bei der Schauspielschulabschluss-Inszenierung gebeten wurde, doch bitte nur mit dem Rücken zum Publikum zu lachen und zu weinen. Gleich ob er Celans "Todesfuge" vortrug oder als Tybalt starb, als Werther litt oder als Ratte verendete: wahlweise brachen – so geht die Mär – er selbst oder die Zuschauer in schallendes Gelächter aus.

Auf einmal aber, wie aus dem Nichts, funktionierte der Bühnentod, und der grotesk-komische Zappeljoachim wurde zum Sterbeszenenspezialist, ergab sich in "ehrgeizigen Todesvariationen", starb: "für mein Leben gern". Mit Sylvia Plath hatte er "Sterben als Kunst" begriffen, mit Werther den Selbstmord als finalen Versuch, mit sich eins zu werden. Hat Werther nicht dieselbe Sehnsucht nach Welt und echten Gefühlen wie er, Meyerhoff? Sieht sich W. nicht genauso beim Leben zu wie M. sich beim Theaterspielen?

Lässt sich im Wertherspielen also endlich "diese entsetzliche Lücke" schließen, die immer zwischen Meyerhoff und seinen Rollen klaffte? Womöglich muss man sie gar nicht schließen; gilt der Versuch mehr als das Gelingen; sollte man gerade das "Ringen mit den Dämonen der Entfremdung sichtbar machen"?

Spielen oder Nichtspielen?

Dies sind die Minima Moralia aus der Entwicklungslesung von Meyerhoffs Lehr- und Wanderjahren. Meister Joachim weiß, wie gut er ist, seit er seine Entfremdungen bewusst einsetzt, seit er nach Luft schnappt und betont, Bewegungen macht und Haltungen einnimmt, wie es ihm gefällt. Man sollte Meyerhoffs Teatro-Novela aber nicht als Happy-End-Story und Coelho-kitschigen Selbstfindungstrip verstehen.

Nein, Meyerhoff scheint sich selbst ein Rätsel zu bleiben, und uns – die wir nicht einmal zwischen Fakten und Fiktion, zwischen dem "echten" Meyerhoff und seiner Kunstfigur zu unterscheiden wissen – erst recht. Meyerhoff bleibt Rätsel, als Mensch und Schauspieler. Nach sechs Teilen und zehn Stunden Toten-Talk könnte es immer noch weitergehen. Wir wissen so vieles, aber wir begreifen so wenig. Ach diese Lücke, diese herrliche Lücke! Modemäßig klaffen Lücken derzeit ja überall im deutschsprachigen Theater. Aber selten sind sie so abgründig, kraftvoll und zugleich so gefällig wie im Spiel und Nichtspiel von Joachim Meyerhoff.

Alle Toten fliegen hoch
Teil 6: Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Regie: Joachim Meyerhoff, Ausstattung: Sabine Volz, Dramaturgie: Sibylle Dudek. Mit: Joachim Meyerhoff, Laura Mitzkus, Emanuel Fellner/Ulrich Brandhoff.

www.burgtheater.de

 

Mehr zu Joachim Meyerhoffs Autobiographie-Abenden Alle Toten fliegen hoch, bei denen er Ich sagt und doch immer die Welt meint: nachtkritik besprach den dritten Teil Die Beine meiner Großmutter und den fünften Teil Heute wärst Du zwölf.

Kritikenrundschau

So herzergreifend wie die früheren Folgen sei der sechste Teil von Joachim Meyerhoffs "Alle Toten fliegen hoch", "eine aus dem Geist eines sturen, fachmännischen Spielers gerissen formulierte Auffächerung von Sterbensszenen", nicht, meint Margarete Affenzeller im Standard (22.2.). "Auch wenn man es als konsequent und sinnfällig betrachten mag, die Reihe all dieser Totenbegegnungen im Theater aufzulösen: Meyerhoff hat sich damit dem leicht biederen Tonfall der Nähkästchenplauderei ausgesetzt und entkommt ihm nicht ganz. Das In-Beziehung-Setzen der Vergangenheit zu sich als Privatmensch beschwor in den bisherigen Teilen zwingendere Weltanschauungen herauf. Der Rückgriff auf quälende Lehrjahre aus der Postion eines arrivierten Mimen wirkt allerdings kokett."

 

 

 
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