Operation am offenen Herzen eines Tabus

von Dirk Pilz

Wroclaw, 3. Januar 2007. "Es geht alles vorbei, nach jedem Dezember kommt ein Mai", singt Angela Hubrich. Mit dünnhäutiger Stimme. Denn nichts geht ohne Schrammen an Geist und Seele vorbei. Sie hat erlebt, wie Breslau, das heutige Wroclaw, 1945 in Flammen stand. Von den Nationalsozialisten zur "Festung" erklärt und von der Sowjetarmee eingekesselt, wurde die niederschlesische Hauptstadt zum Schauplatz schwerer Kämpfe. Dreiviertel der Bevölkerung sind im strengen Winter 1944/45 geflohen. Angela Hubrich auch, nachdem sie während der Bombardements noch nächtelang im Bunker gesessen hatte. 61 Jahre später hält sie sich auf der Bühne des Wroclawer Teatr Wspólczesny die Arme über den Kopf.

Schuldkomplexe und Ressentiments

Sie ist eine von neun Zeitzeugen, denen der polnische Regisseur Jan Klata in "Transfer!" eine Stimme gibt. Ihre Geschichten haben exemplarischen Charakter, ohne Anspruch auf historische Wahrheit zu erheben. "Transfer!" ist vielmehr ein deutsch-polnisches Theaterprojekt, das am offenen Herzen eines Tabus operiert. In Polen wie in Deutschland.

Eine ehrliche Diskussion über die Vertreibung von Millionen Menschen aus ihrer Heimat findet in Deutschland erst seit wenigen Jahren statt. Das laute Schweigen wurde über Jahrzehnte zum Schmelztiegel eines verdrängten Schuldkomplexes, der Rest den konservativen "Vertriebenenverbänden" überlassen. In Polen scheint dagegen die Auseinandersetzung mit der massenhaften Zwangsumsiedlung von Ost- nach Westpolen unter dem Vorzeichen einer Selbstwahrnehmung als Opfer zu verharren; der Rest hat sich in Ressentiments verwandelt.

Und nun stehen Deutsche und Polen gemeinsam als Vertriebene auf einer Bühne. Allein dies hat in Polen für viel Aufregung gesorgt. Eine Senatorin der Warschauer Regierungspartei PiS verlangte vor der Premiere Ende November Einsicht ins Textbuch, aus Angst vor Verzerrung der historischen Fakten. Klata schrieb während der Proben in einem Essay, die Inszenierung werde "ein Kreuzfeuer" auslösen, "besonders in Polen nach den letzten Wahlen". Kein Kreuzfeuer, aber schmerzliches, vielleicht heilsames Erinnern hat der Abend bewirkt. Nach der letzten Vorstellung im ausverkauften Teatr Wspólczesny bleibt eine alte Frau auf ihrem Stuhl sitzen. Sie weint: "Endlich. Endlich redet mal einer drüber."

Wroclaw, mit 640.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Polens, hat ihr historisches Zentrum restauriert; das berühmte gotische Rathaus, die Magdalenenkirche, die prunkvollen Bürgerhäuser verstrahlen alten Glanz und neuen Aufschwung. Hinter den schicken Fassaden aber rumort jene Vergangenheit, die "Transfer!" in die Gegenwart holt.

Geschichte und Gedächtnis

Klata tut mehr als über Vertreibung reden. Das Wort selbst kommt gar nicht vor. Auf der leeren, mit Erde bedeckten Bühne steht lediglich ein Podest. Dort thronen die Teilnehmer der Konferenzen von Teheran, Jalta und Potsdam: Churchill, Roosevelt und Stalin, dargestellt von professionellen, polnischen Schauspielern. Im dämmrigen Hintergrund: polnische und deutsche Laien. Zu Beginn reden sie wild durcheinander, bis Stalin sie anherrscht: "Haut ab!" Sie treten ab – und verwandelt wieder auf. Aus Anklägern sind Erinnerungsucher geworden. Die Geschichte, der Krieg, die Sehnsucht nach Heimat werden in erlebte, betont subjektive Geschichten, nicht in Schuldkategorien gepackt.

Die dualistische Aufteilung in Befehlsgeber und -empfänger ist damit unterlaufen. Die "großen Drei" sind bei Klata nicht nur Geschichtemacher, die zur Sowjetunion ostpolnische und zu Polen schlesische Gebiete schlagen; sie sind auch Mitglieder einer Rockband, mit Stalin am Bass und Churchill an der Gitarre. Historische Fakten werden nicht allein von vernunftgeleiteten Entscheidungen, auch durch unentwirrbare, private Interessen geschaffen – es ist der unaufhebbare Zynismus der Geschichte selbst, der damit angesprochen wird.

Mentale Transformation

Die Folgen dieser unbarmherzigen Dialektik schimmern in den erzählten Erinnerungen der Betroffenen durch. Sie handeln von sowjetischen Vergewaltigern, Feldpostbriefen, dem Nachkriegsleben. Ein stimmiges Geschichtsbild zeichnet diese Collage nicht, konkrete Vertreibungsberichte fehlen. Die Differenz zwischen polnischer und deutscher Erinnerung aber bleibt: Die polnischen Erzählungen beginnen 1939, die deutschen 1945. Darf man dennoch polnische und deutsche Vertreibungserfahrungen gleichberechtigt nebeneinander stellen?

Die Rekonstruktion historischer Tatsachen darf das nicht. Klata will ein moralisches Dilemma provozieren und hat darum jede pädagogische Geste dezidiert vermieden – er stellt die Diskrepanz zwischen Gedächtnis und Geschichte aus. Seine Laien sind damit – anders als bei Rimini Protokoll etwa – keine Statthalter des Echten; sie sind die Seismografen für mentale Transformationen.

Nach der Aufführung debattieren die Zuschauer lange auf der Straße im nächtlichen Wroclaw. Man sieht die Stadt danach mit anderen Augen. Nichts geht vorbei. Im Januar gastiert "Transfer!" in Berlin und wird auf einen anderen Gesprächsbedarf treffen.

 

Transfer
ein Projekt von Jan Klata 
Regie: Jan Klata, Bühne und Kostüme: Mirek Kaczmarek, Recherche, wissenschaftliche Beratung, Casting: Ulrike Dittrich, Dramaturgie: Dunja Funke
Mit: Jan Kruczkowski, Przemysław Bluszcz, Wojciech Ziemiański, Wiesław Cich, Zdzisław Kuźniar, Karolina Kozak, Ilse Bode, Hanne-Lore Pretzsch, Eva Maria Stege, Jan Charewicz, Zygmunt Sobolewski, Matthias Goeritz, Günter Linke.

www.hebbel-am-ufer.de

 
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