Petra- und Peterchens Mondfahrt ins Beziehungsleben

von Stefan Bläske

Wien, 26. Februar 2010. Auf der Bühne hüpfen stark geschminkte, verkleidete Menschen herum, die langweilige Texte in schlechter Betonung aufsagen ... Ich frage mich - wozu? ... Sollen die Theater doch dichtmachen von mir aus, Schauspieler mag ich sowieso nicht. Eitle Fatzkes meist ... Theater zu fördern ist, als würde man seit Jahrtausenden den Erhalt der Höhlenmalerei subventionieren. Alles hat seine Zeit, und manchmal sterben Sachen zu Recht aus. Ende des Zitats. O-Ton Sibylle Berg.

Geschrieben hat sie das noch im letzten Jahrtausend, die aufregende Kolumne im ZEITmagazin trug den Titel: "Wer keinen Spaß kennt, stirbt aus" (und ist im spaßigen Sammelband "Gold" nachzulesen). Aktuell nun spottet Frau Berg über das "Elend der Printmedien" und gibt im Printmedien-Interview preis, das Theater – ausgerechnet! – habe sie aus dem Kolumnenschreiben "heraus gerettet". Und noch von einer zweiten Rettung lasen und fernsahen wir viel in der letzten Zeit: In ihrem jüngsten Roman "Der Mann schläft" singt die sonst alles Niedermachende das Hohelied auf die Liebe im spätmittleren Alter: auf das Glück, einen Menschen zu haben, mit dem man schlafend und wachend das Leben erträgt.

Zwei Menschlein mit gleich geringem Marktwert

Auch das nun am Akademietheater uraufgeführte Stück "Nur Nachts" träumt von dieser Liebe, ist ein Berg-Werk des Auf- und Umbruchs. Es handelt vom zarten Beziehungsglück von Übervierzigjährigen und steckt dennoch voll spätpubertärer Verachtungsvokabeln und Sibylle-Berg-typischen Zynismen. Stellenweise ergibt das eine prickelnde Mischung, kaltschnäuzig und warmherzig zugleich. Insgesamt geriet die Mixtur aber eher piwarm, und lau lässt Regisseur Niklaus Helbling sie leider auch dahinplätschern. Als schwungvolle Revue zwar, mit bemalten Kulissen, Videoprojektionen und Livemusik, aber unter der bunten Oberfläche oft etwas trist und hölzern.

Zwei Menschlein "mit gleich geringem Marktwert" begegnen einander. Petra und Peter, die "Gesichter voll mit unzufriedenem Leben". (Alexandra Henkel und Dietmar König erfüllen diese Beschreibung spielerisch aufs Trefflichste.) Eine Stehparty, ein bisschen Alkohol – und schon beginnt das Spiel von Liebe und Zufall. Die beiden Einsamen mit ihren Speck- und Augenringen klammern sich an den Rettungsring Zweisamkeit, wollen es noch einmal wissen. Ab Stückbeginn geben sie sich sechs Tage Zeit, um gemeinsam ein neues Leben zu beginnen. Und schon ist sie da, die Angst vor Veränderung.

Problemgespräch statt Bettgeflüster

Zwei stark geschminkte, Halbglatze tragende Geister sind beauftragt, diese Ängste zu schüren, und sie tun das Nachts. Die Stückstruktur könnte klarer kaum sein: Jeden Abend bei Dämmerung wird telefoniert, in der Nacht dann gealpträumt. Sechsmal die gleiche Prozedur. Der Tag geht, aber Doris Day kommt nicht. Wenn Petra und Peter zum Hörer greifen, wird daraus mehr Problemgespräch als Bettgeflüster, Haftcremeleiden statt Zahnpastalächeln. Mit Breitmaulgrimassen unter ihren dunklen Augenhöhlen greifen dann die Geister ein (Sarah Victoria Frick und Daniel Jesch als wandlungsfähige, tragikomische Clowns). Sie produzieren Angst- und Sorgenphantasien, mimen im Alptraum die debilen Eltern, die zur Pflegelast, oder die Kaiserschnitt-Kinder, die zu nervigen Energiebündeln werden. Als erfolg- und reiche Bekannte des Paars schüren sie Sozialneid und Minderwertigkeitsgefühl, als Pfleger die Angst vorm Altern. Wahre Miesmacher also, diese giftgelbkostümierten Geister.

Natürlich entdecken wir als Zuschauer in Miesepeter und Miesepetra immer wieder eigene Situationen und Ängste, oder die unserer Freunde, und müssen schmunzeln, gar lachen. Aber wirklich witzig ist wenig an diesem Abend, tragisch auch nicht. Das meiste bleibt seltsam fern. Aus emotionaler Distanz betrachten wir Petra- und Peterchens hindernisreiche Mondfahrt ins Beziehungsleben – auf dieser Kulissenbühne, die eine Mond-, Eis- oder Berglandschaft darstellen könnte, ein weißgraues (und häufig bunt beleuchtetes) Nirgendwo und Immerland.

Keine Rettung, nein

Manche der bemalten Kulissenteile erinnern an Caspar David Friedrich, mit abgestorbenen Bäumen im Hier und Jetzt, mit Sonne oder Mond als Sehnsuchtsmotiv in der Ferne. Die Sehnsucht von Petra und Peter erfüllt sich im Happy-End-Musical-Finale. Andere Sehnsüchte aber bleiben unerfüllt, und das dürfte tatsächlich an der Unentschiedenheit von Stück und Inszenierung liegen.

Ein bisschen Realismus, ein wenig Revue; ein bisschen Psychologie, und auch Groteske, und alles dann präsentiert von einem moralisierenden, oberlehrerhaften Conferencier, der steif durch den Abend führt, als "Einsatzleiter" die Geister antreibt und ständig der Menschen "Erbärmlichkeit" belächelt. Ächz. Sibylle Berg, die so brilliant beobachten und formulieren, mit düsteren Pointen so erhellend witzig sein kann, erreicht in ihrem aktuellen Stück weder die Wärme ihres schlafenden Mannes noch die Bissigkeit ihrer Kolumnen. Dafür zeigt sie aber, dass man vom Theater – zumal wenn man es in Musicalform denkt und halbherzig als Revue inszeniert – nicht in jedem Fall Rettung erwarten kann.

 

Nur Nachts (UA)
von Sibylle Berg
Regie: Niklaus Helbling, Bühnenbild: Dirk Thiele, Kostüme: Viktoria Behr, Video: Elke Auer, Choreographie: Salome Schneebeli, Musik: Imre Bozoki-Lichtenberger, Moritz Wallmüller Licht: Peter Bandl, Dramaturgie: Barbara Sommer.
Mit: Sarah Viktoria Frick, Alexandra Henkel, Daniel Jesch, Marcus Kiepe, Dietmar König.

www.burgtheater.at

 

Ein Stück der Dramatikerin Sibylle Berg war 2009 für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert: Die goldenen letzten Jahre, von Schirin Khodadadian am Theater Bonn uraufgeführt. Mehr auf nachtkritik-stuecke09.

 

Kritikenrundschau

Der "verräterische Satz: 'Hallo, bist du noch da?'" erhalte in "Nur Nachts", diesem "herrlich spröden, hinterfotzigen Drama von Sibylle Berg", das am Akademietheater Wien seine Uraufführung erlebte, "eine geradezu metaphysische Bedeutung", schreibt Norbert Mayer in der Presse (28.2.2010): "Zwei vereinsamte Singles in der Krise der Mitte des Lebens wollen sich wieder spüren, und weil das bisher offenbar immer auch mit Scheitern verbunden war, ist die Daseinsfrage stets eine zweifelnde." In Bergs Stück würden des Nachts "giftgelbe und grimassierende Albträume" diesen radikalen Zweifel am Sinn des Lebens nähren. Regisseur Niklaus Helbling habe die "Geisterwelt so übertrieben auf die Bühne gestellt, dass sie mit ihrer grellen Bösartigkeit schon wieder lieblich erscheint, ganz im Kontrast zum scharfen Humor des Textes, der bei aller Poesie auch Kalauer aus der modernen Lebens- und Arbeitswelt nicht scheut." Die Protagonisten Alexandra Henkel und Dietmar König seien "völlig überzeugend in der Darstellung von Menschen mittleren Alters und mittlerer Klasse in der trüben, grauen, westlichen Industriegesellschaft, die sich fast schon damit abgefunden haben, zu den Verlierern zu gehören." Und doch klaffe "zwischen der übermütigen, satirischen, im Grunde aber gutmütigen Show von Regisseur Helbling, die eine Komödie suggeriert, und den nur kurz aufflackernden Momenten von Tragik in Bergs schönem Text ein Riss".

Sibylle Berg habe mit ihrem neuen Stück "die Verwandtschaft mit den Edelboulevardthemen einer Yasmina Reza angedeutet", meint Margarete Affenzeller im Standard (1.3.2010). Der Unterschied sei freilich, "dass Bergs Protagonisten, nach eigenen Aussagen, der 'Economy-Class' angehören." Und diesen sei bei Niklaus Helblings Wiener Uraufführung "auch eine Economy-Class-Inszenierung widerfahren." Helbling übertrage die in Mitleidenschaft gezogene Gefühlswelt der Protagonisten "auf zeitlos hässliche Kulissenteile aus dem Märchenfundus und signalisiert generell schlechten Geschmack." Damit gebe er "das ganze Liebesunterfangen einer Lächerlichkeit preis und doppelt die Aussage. Dinge, die in den Dialogen ausgedrückt werden, queren dann noch einmal als Requisit oder Kulissenimpression die Bühne. Diese Dopplung nimmt der Entwicklung auf Dauer den Atem". Nur jene Momente, "in denen sich die Figuren vom Reden in den Gesang retten", erzeugten "schöne, gar trotzige Befreiungsschläge".

Man könne "die ganze Chose als pubertär abtun, oder man kann einfach seinen Spaß daran haben", stellt uns Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen (1.3.2010) vor eine Alternative. "Hundert Minuten gute Unterhaltung im Akademietheater kriegt man nicht jeden Abend." Es passe "alles an diesem boshaft leichten Abend, und das Ensemble erntet verdienten großen Applaus."

 
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