Bremer Wahrzeichen geklaut!

von Andreas Schnell

Bremen, 27. Februar 2010. Etwas Besseres kann man mit dem ollen Ding vielleicht gar nicht machen: Volker Lösch brachte Schillers Erstling in Bremen in eindreiviertel Stunden und um etliche Längen. Und schuf mit Esprit, Tempo und Lautstärke ein Update des Konflikts, der unter einer dicken Schicht Patina zu verschwinden drohte. Wo indes die Uraufführung der "Räuber" ein Skandal war, erntete die Premiere in Bremen gestern Abend Begeisterung.

Der Witz dieser Inszenierung besteht darin, dass Lösch den Schiller'schen Text mit Texten von 30 Bremerinnen und Bremern verschnitten hat, die vorab unter der Fragestellung interviewt wurden: "Wo steht die linke junge Szene in Bremen heute? Wogegen richtet sich ihre Wut und Kritik?". Dazu gesellen sich Standpunkte des Ortsamtsleiters Mitte, dem im beschaulichen Bremen gern "Viertelbürgermeister" genannten Robert Bücking, als "Vertreter der 68er-Generation". Bremen als Ort mit einer ausgeprägten linken Tradition habe ihn zu der Entscheidung bewogen, das Stück "in und mit dieser Stadt zu machen", gab Lösch vorab zu Protokoll.

Fickt das System

In der Eröffnung werden Positionen aus den Interviews vorgestellt: Es geht um Lebensentwürfe, Freiräume, darum, den ökonomischen Zwängen dieser Gesellschaft zumindest auszuweichen, um die Sinnfrage, ums politische Unbehagen. Franz Moor (wunderbar geifernd mit deutlicher Tendenz zum beleidigten Knaben, was später noch eine Rolle spielt: Michael Pietsch) tritt auf, auf der Suche nach dem Vater (Siegfried W. Maschek fabelhaft als jovialer Altlinker), der in Revoluzzerromantik schwelgt – was im Publikum durchaus mit Heiterkeit aufgenommen wird. Man kennt hier eben seinen Viertelbürgermeister – der bei der Premiere auch im Publikum sitzt.

Es wird dann laut: Rockmusik, Bierkisten fliegen durch die Gegend, Pogo und Bier, Stimmung wie im Moshpit, immer wieder Zitate junger Linker, Punks, Außenseiter – diffus, naiv, idealistisch, radikal. Die Räuber von heute. Lösch lässt sie buchstäblich gegen die Wand anrennen, zum Sterne-Song "Fickt das System".

Karl Moor, den Sven Fricke als sympathischen Idealisten gibt, verkündet, er wolle heim. Dazu kommt es bekanntlich nicht, und während Karl seine Räuber um sich schart, intrigiert Bruder Franz daheim weiter gegen ihn und will sich nicht nur die Herrschaft, sondern auch Karls große Liebe Amalia unter den Nagel reißen, die ihn aber verabscheut (hinreißend hassend: Marie-Kristien Heger).

Linker Generationenkonflikt

Dann geht der Vorhang auf, wir blicken in einen Tunnel, ausgemalt in Tarnfarben, darin die Räuber, nun in coolen Gangsteranzügen mit Maschinenpistolen, die sie – so viel Klischee muss vielleicht sein – auch mal als Schwanzverlängerung vor sich halten.

Franz liest seinem Vater die Schlagzeilen über Karl vor: aus der Süddeutschen, der Bild – und dem Weser Kurier. Während die Räuber bei der Befreiung Rollers ausgerechnet Gerhard Marcks Stadtmusikanten-Skulptur erbeuten. Der Vater, hier eine weit politischere Gestalt als Schillers alter Moor, fordert mit Verweis aufs Grundgesetz aus dem Zuschauerraum heraus Gewaltverzicht, Karl und seine Räuber behaupten ein Recht auf Widerstand. "Was ist denn aus deiner Generation geworden?", fragt Karl den Vater und fordert ihn auf, sich doch mal umzuschauen – im Publikum: "Gut gebeugt, Löwe!", hält er den 68ern ihre Arriviertheit vor, während Moor erklärt, er organisiere Kompromisse – aber das ist es natürlich gerade, was die jungen Leute so erbittert.

Dann geht alles ganz schnell: Der heimgekehrte Karl will vom Vater Vergebung, der weist ihn zurück und beginnt wieder mit seinen ollen 68er-Kamellen (Heiterkeit im Publikum), wird niedergeschossen, steht wieder auf und redet weiter, wird wieder niedergeschossen, bis er dann irgendwann endlich liegen bleibt. Karl entscheidet sich bekanntlich, sich zu stellen, womit das Drama bei Schiller endet. Lösch lässt ihn dafür hinrichten. Und noch einen auftreten, der auf seine ganz eigene Weise rebelliert gegen Konkurrenz und Leistungsdruck: Franz Moor – mit den Worten des Amokläufers von Emsdetten.

Franz und Karl Moor – zwei Amokläufer, zwei Ohnmächtige. Sie sind die Verlaufsformen der Unzufriedenheit mit dem Staat. Wenig hoffnungsstiftend in der Tat – aber leider auch recht nah dran an der Realität.

 

Die Räuber
Friedrich Schiller
Regie: Volker Lösch; Bühne: Cary Gayler; Kostüme: Gwendolyn Bahr; Dramaturgie: Gesine Schmidt, Marcel Klett; Mit: Siegfried W. Maschek, Michael Pietsch, Marie-Kristien Heger, Sven Fricke, Jan Jaroszek, Varia Linnéa Sjöström, Friederike Becker, Julia Käßner, Karla Sengteller, Christiane Cornelia Wetter, Parbet Chugh, Ibrahim El-Akramy, Niklas Herzberg, Wanja Lange, Alexander Meyerling, Tim Schmersow, Walter Schmuck, Leroy Stocker, Daniel Tautz

www.theater-bremen.de

 

Mehr zu Volker Lösch gibt es unter dem entsprechenden Eintrag in unserem Glossar. Seine letzten Premieren waren Wut am Staatstheater Stuttgart im April 2009, Nachtasyl ebendort im September 2009 und Berlin Alexanderplatz an der Schaubühne Berlin im Dezember 2009.

 

Kritikenrundschau

Diesmal wirke "der Chor der jungen Menschen, die (...) erst ihre politische Empörung hervorbrüllen und dann Karl Moors Räuberbande mimen, in einem Maße professionell", dass bei Till Briegleb von der Süddeutschen Zeitung (1.3.2010) das "schale Gefühl von früheren Lösch-Arbeiten ausbleibt". "Erfreulicherweise" werde nicht wie sonst "menschliches Leid für eine Demagogie politischer Klischees" missbraucht, auch wenn Lösch auch hier die "Grobzeichnung" bevorzugt. Das "widersprüchliche Pathos aus Freiheitswillen, Verzweiflung, Mordlust und Gruppeneuphorie" der Schiller'schen Räuberbande korrespondiere "erstaunlich gut mit dem emotionalen jugendlichen Politikverständnis, das Party und Randale, Utopie und Frusthandlungen, naive Träume und neurotische Ängste mischt". Diesmal zeige Lösch "keine platten Gegensätze, sondern formuliert Konflikte". "Ohne explizite Wertungen überlässt es Lösch dem Zuschauer, die Grenze zwischen notwendiger und falscher Gewalt zu suchen." Die Argumente von Amokläufer, Bremer Bezirksbürgermeisters oder Autonomen würden allesamt "unparteiisch" wied. Endlich könne man Lösch mit Recht einen "politischen Künstler (...) in einem modernen Sinne" nennen, denn politisch sei, "Widersprüche ohne moralische Vereinfachung darzustellen. Und das geht auch mit einem differenzierten Krawall-Abend."

Für das Bremer Theater, dass derzeit einen Nachfolger für den glücklosen, dem Hochglanztheater zugeneigten Intendanten Hans Joachim Frey sucht, wirke Löschs Inszenierung "wie ein Befreiungsschlag", schreibt Benno Schirrmeister von der taz (1.3.2010). "Hier glänzt das Theater, aber nicht durch Tand und Talmi. Sondern weil es Stoff zum Diskutieren bietet. Position bezieht. Die Ökonomisierung in Frage stellt, statt sie zu betreiben." Löschs Befund "differenziert, lässt Gegentendenzen zu und sucht nach Ortsspezifischem". Zu sehen: "perfektes Schauspielhandwerk" und "starke, anspruchsvolle Szenen. Für die Zusammenrottung der künftigen Räuberbande etwa greift er auf ein Bremer Szene-Ritual zurück, die Mitternachts-Kicks auf der Sielwallkreuzung". "Gerade das bremische Selbstverständnis, so scheißtolerant zu sein, so ähnlich gewesen zu sein (...), birgt großes Verdrängungs-Risiko: Die Konflikte, die Gewaltpotenziale bleiben unterhalb der Wahrnehmung; man kennt sie ja, meint man. Das könnte, verkürzt, die Diagnose sein." Solch ein Befund mache den Abend "zu Politik mit anderen Mitteln, fordert zum Reagieren auf: mit Ignoranz, mit Repression, im günstigsten Fall mit Verunsicherung".

Lösch verwandle die Räuber "in eine Art Stadtguerilla", so Rainer Mammen im Weser-Kurier (1.3.2010). Was dabei "überhaupt nicht funktioniert, ist die (...) versprochene Provokation des Publikums. Löschs Räuberbande beim krachlaut untermalten Pogo-Tanz zwischen Bierkisten (...)? Gott, man lacht." Es gehöre zu den Verdiensten der Aufführung, dass sie die Profis und die jungendlichen Laiendarsteller innerhalb der Räuberbande "immer wieder bis zur Ununterscheidbarkeit miteinander verschmilzt". Der "engagierte Ensemblegeist" der Chorpassagen verpasse der Inszenierung "viel Tempo, Schwung und Entschlossenheit". Nur scheine "die beachtliche choreografierte Aggressivität" eben "ohne jede Publikumsresonanz zu verpuffen". Dabei gingen die Zuschauer durchaus mit, lachten über Michael Pietschs augenrollenden Franz und bekämen bei Marie-Kristien Hegers "markerschütternden Schreien" feuchte Augen. Für die "durchschlagende Wirkungslosigkeit" der Verantstaltung macht er verantwortlich, dass uns "Überall die Zukunft abhanden gekommen, der utopische Glaube an Veränderung und Verbesserung" – falle in den O-Tönen heutiger Jugendlicher doch vor allem "ihre Perspektivlosigkeit auf". Und "für so ein Programm (...) rollen wir, das bürgerliche Publikum, einfach nicht mehr die Augen".

 

 

 
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