Fröhlich verpackter Pessimismus

von Sarah Heppekausen

Ruhrgebiet, 27./28. Februar 2010. Eine nach der anderen kommt nach vorn an die Bühnenkante, drückt sich geduckt durch die Schächte unter der Hades-Holzbox, um dann vorwurfsvoll von ihrem Schicksal zu erzählen. Ganz ohne Worte. Der Chor der geschändeten Frauen spricht nicht, er atmet nur schwer. Die blasshäutigen Frauen in Unterwäsche stellen sich aus als Schuldbeweis der kriegsbereiten Menschheit, während im Hintergrund Videobilder flackern, von Vogelschwärmen, Vulkanausbrüchen und Flusslandschaften. Sie sind als Negativ zu sehen – weißer Vogel vor schwarzem Himmel. Es ist, als betrachte der Zuschauer Odysseus' Reise aus seinem Inneren heraus.

Die Unterwelt ist eine Innenwelt

Den schert das alles allerdings ziemlich wenig, äußerlich. In Lisa Nielebocks Bochumer Inszenierung "Der elfte Gesang" ist Odysseus (Wolfgang Michael) ein krummgerückter Kettenraucher, der den Seelen der abgeschiedenen Toten nicht offenen Auges, sondern mit gleichgültig gesenktem Blick entgegentritt. Aber er wird sie nicht fernhalten können, die Toten sind in seinem Kopf. Denn diese Unterwelt ist eine Innenwelt.

Roland Schimmelpfennig zitiert in seinem Text für die "Odyssee Europa", den Theater-Marathon von sechs Odysseus-Inszenierung in zwei Tagen und sechs Ruhrgebiets-Städten, reichlich Homer (nach Johann Heinrich Voß), verwebt die Passagen technisch gekonnt mit eigenen Versen und eigenen Figuren – Varianten des Odysseus wie der Mann vom Tabak- und Lotto-Laden, der Mann vom Sofortdienst oder der Soldat. Kirke tritt dreifach auf: als Kirke, als übergewichtige Frau und als asiatische Frau vom Gemüseladen.

Diese modernen Auslegungen bleiben in der Inszenierung leider bloßes Beiwerk, ihnen fehlt die Seele, die doch sonst so mannigfach im Hades unterwegs ist. Aber die Alten – Odysseus, Persephone, der blutdurstige Teiresias, Agamemnon usw. –, die sind wirklich ernst zu nehmen. Die sprechen über Opferung und Selbstaufspießung, als erzählten sie von einem tragischen Autounfall, aber in einer schnodderigen Beiläufigkeit, die die Frage nach Schuld und Vergebung nicht verharmlost, sondern im Gegenteil zur Dringlichkeit macht.

Überforderung ist Konzept

Längst nicht alle der sechs Uraufführungen an diesem außergewöhnlichen Theater-Wochenende vermitteln diese Relevanz. Vielleicht liegt das an der herausfordernden Masse, die den Geist des Zuschauers auf Dauer erschöpft und die sich auch mit einer Schlafbrille im Reisepaket nicht zu einzelnen Häppchen zerschlummern lässt. Aber das wäre eine Ausrede.

Die zweitägige Reise inklusive Versicherungsschein haben die Architektur- und Städtebau-Experten von raumlabor berlin bestens organisiert, für Brainfood genauso gesorgt wie für freundliche Gastgeber, die ihren Übernachtungsbesuch weder mit Lotosfrüchten noch mit Sirenengesang bezirzten, sondern brav bei der nächsten Vorstellung ablieferten. Die Überforderung gehört zum Konzept des aufwändigen Kulturhauptstadtprojekts. Und dass ein Entenmarsch von 400 Theatergängern zur U-Bahn-Station Eventcharakter bekommt, liegt in der Natur der Sache.

Penelopes vollgemüllter Party-Pool

Jede Inszenierung aber soll die Identität des jeweiligen Hauses demonstrieren. Einheit in der Mannigfaltigkeit ist überhaupt nicht das Ziel. Das Theater Oberhausen zum Beispiel hat den Autor Enda Walsh beauftragt. Oberhausen mag spannende, experimentierfreudige Theaterabende. Bei Walsh erwartet den heimkehrenden Odysseus (der ausnahmsweise überhaupt keine Rolle spielt) ein vollgemüllter Pool, besetzt von Tigermuster-Unterhosen tragenden Freiern, die in Bretterbuden hausen und um die Gunst Penelopes vor einer Überwachungskamera buhlen. Effektvoller Trash mit derber Sprache, der eine wundervoll rührselige Liebeserklärung von Freier Fitz (Hartmut Stanke) zur Überlebensangelegenheit erwachsen lässt. Und genau das richtige für den späten Abend des ersten Tages. Wenn nur die stumme Beobachterin Penelope am Ende von Tilman Knabes Inszenierung nicht zur Dancing-Queen des 90er-Jahre-Rave verkommen würde. Da ersäuft jeder Ansatz von Liebesglauben im rot-grün ausgeleuchteten Partypool.

Die Freier in Michael Gruners letzter eigener Inszenierung als Intendant am Schauspiel Dortmund tragen Anzug statt Tiger-Unterhose, laufen auf Stelzen statt in ausgelatschten Stiefeletten und haben Masken statt Zuhälter-Sonnenbrillen auf. "Manchmal [ist] allein in den Gesichtern der Toten ein Ausdruck der Unschuld zu entdecken, der noch hoffen läßt", sagt Odysseus im Text von Christoph Ransmayr. Nur die Toten tragen auf der Dortmunder Bühne keine Masken, bei allen anderen ist die Mimik unter weißem Pappmaché stillgelegt. Wie der polnische Autor Grzegorz Jarzyna im Essener Grillo Theater behandelt Ransmayr die Rückkehr des Odysseus, der seine Heimat nicht mehr wiedererkennt und seinen Sohn ungewollt zum Morden verführt. Aber während in Andreas Grothgars (Odysseus ohne Maske) starrem Blick nicht viel mehr als undefinierte Befremdung zu lesen ist, zwingen die Masken die Dortmunder Schauspieler zur puppenspielartigen Eindeutigkeit. Das Spiel bewegt sich am Rande der Groteske, was Ransmayrs unaufdringlichem Stück allerdings gut tut.

Identität im Dreierpack

Ein wahrer Textbrocken hingegen ist Péter Nádas' "Sirenengesang", ein poetisches Warnsignal an die kriegsbelastete europäische Kultur und ein Abgesang auf die Utopie von der Subjektivität. "Auch eine Einzelmeinung ist keine persönliche Meinung", nimmt Persephone (Christine Sohn in weißer Nonnentracht) jede Hoffnung auf Identität. Die gibt es nur im Dreierpack, bei den drei Müttern Penelope, Kirke und Kalypso, oder den Odysseus-Söhnen Telemachos, Telegonos und Hyakinthos. Auf der Bühne hat Ciulli zwar jeder Figur einen eigenen Text zugeteilt, aber sie sagen letztendlich das gleiche. Im Stück verteilt Nádas konsequenter nur noch die Allgemeinheit stiftenden Rollen "Söhne" und "Mütter".

Regisseur Roberto Ciulli verlagert den zweiten Teil seiner Inszenierung unnötigerweise nach draußen. Während Sturmtief "Xynthia" durch den schicken Garten des Mülheimer Theater an der Ruhr stürmt, wandelt Göttin Nike über eine Müllhalde, die Welt ist bloß noch "ein geplünderter Ramschladen", die Weltmeere mit industriellem Müll verseucht. Ein nettes Bild, aber nicht annähernd so kraftvoll wie Nádas' Text.

Pessimistische Weltsicht in fröhlichem Reisepaket

Den Vergnügungshunger einer langen Reise stillt Moers am Sonntagmorgen. Emine Sevgi Özdamar hat mit "Perikizi" ein wunderliches (sprachlich eher schlichtes) Traumspiel verfasst, vom Ansatz die aktuellste und weitgehendste Übertragung des Homer'schen Werks. Odysseus wird zum türkischen Mädchen Perikizi, auf der Flucht nach Europa. Schlosstheater-Intendant Ulrich Greb hat es in einer ehemaligen Tennishalle als ereignisreiches Stationendrama inszeniert. Die Schauspieler und Zuschauer bewegen sich zwischen Kirchenbänken, türkischen Musikern, Pappkartons und Pritschen. Greb hat den Raum hervorragend genutzt. Aber den Zuschauer speist er mit einer Menge gut bebildeter Einfälle ab, die Dramatik der Flüchtenden verliert sich in gut gespielter Feel-Good-Musik.

Was aber bleibt? Es sind die eindringlichen Bilder der Getöteten, die sich dem Zuschauer wie dem Odysseus zwischen die Hirnmasse kleben und von dort ihre stummen Wehklagen in den ganzen Körper ausstrahlen. Der Chor der geschändeten Frauen; Dortmunds Männer aus dem Chor der Krüppel und Gefallenen, die grausam verzehrte, mehrstimmige Lieder und Gedichte anstimmen. Ciullis Mädchen, die – in einer lautlosen Szene vergewaltigt und geschnitten von den Odysseus-Söhnen – blutend über den weißen Bühnenboden kriechen. Es bleibt: eine wenig optimistische Weltsicht serviert in einem fröhlichen Reisepaket.

Und erbracht wurde der Nachweis dafür, dass eine Region viele Theaterhäuser braucht, um auch in einer gemeinsam gestemmten Arbeit vielfältig zu bleiben.

 


Areteia, UA
von Grzegorz Jarzyna
Deutsch von Olaf Kühl
Regie: Grzegorz Jarzyna, Bühne und Kostüme: Magdalena Maciejewska, Video: Bartek Macias, Musik: Jacek Grudzien, Licht: Jaqueline Sobiszewski, Dramaturgie: Rita Czapka, Sabine Reich.
Mit: Andreas Grothgar, Krunoslav Šebrek, Dietrich Mattausch, Katarzyna Herman, Georg Marin, Raiko Küster, Stephan Ullrich, Jürgen Hartmann, Kristina-Maria Peters, Sandra Korzeniak, Marcin Czarnik, Jan Peszek, Andy Manndorff.

www.schauspiel-essen.de


Der Elfte Gesang, UA
von Roland Schimmelpfennig
Regie: Lisa Nielebock, Bühne und Kostüme: Sascha Gross, Video: Piotr Gregorowicz, Dramaturgie: Hanns-Dietrich Schmidt, Holger Weimar.
Mit: Margit Carstensen, Karin Moog, Veronika Nickl, Lena Schwarz, Thomas Anzenhofer, Andreas Bittl, Manfred Böll, Sven Gey/Bernhard Schmidt-Hackenberg, Henning Hartmann, Marco Massafra, Bernd Rademacher, Wolfgang Michael, Heiner Stadelmann, Oliver Stern, Maximilian Strestik.

www.schauspielhausbochum.de


Penelope, UA
von Enda Walsh
Deutsch von Martin Michael Driessen
Regie: Tilman Knabe, Bühne: Kaspar Zwimpfer, Kostüme: Gabriele Rupprecht, Dramaturgie: Tilman Raabke.
Mit: Manja Kuhl, Torsten Bauer, Hartmut Stanke, Peter Waros, Michael Witte.

www.theater-oberhausen.de


Perikizi, UA
Ein Traumspiel
von Emine Sevgi Özdamar
Regie: Ulrich Greb, Bühne: Birgit Angele, Kostüme: Elisabeth Strauß, Video: Ruzbeh Sadeghi, Dramaturgie: Erpho Bell, Fabian Lettow.
Mit: Magdalene Artelt, Patrick Dollas, Matthias Heße, Katja Stockhausen, Holger Stolz, Frank Wickermann. Musik: Mehmet Gümüştekin, Nurettin Tubay.

www.schlosstheater-moers.de


Sirenengesang. Ein Satyrspiel, UA
von Péter Nádas
Aus dem Ungarischen von Ilma Rakusa
Regie: Roberto Ciulli, Bühne: Gralf-Edzard Habben, Kostüme: Heinke Stork, Dramaturgie: Helmut Schäfer.
Mit: Albana Agaj, Petra von der Beek, Albert Bork, Rosmarie Brücher, Klaus Herzog, Peter Kapusta, Marco Leibnitz, Khosrou Mahmoudi, Fabio Menéndez, Steffen Reuber, Volker Roos, Rupert J. Seidl, Christine Sohn, Simone Thoma.

www.theater-an-der-ruhr.de


Odysseus, Verbrecher. Schauspiel einer Heimkehr, UA
von Christoph Ransmayr
Regie: Michael Gruner, Bühne: Peter Schulz, Kostüme: Gabriele Sterz, musikalische Leitung: Lukas Goldschmidt, Choreografie: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Dramaturgie: Barbara Winzer, Felix Mannheim.
Mit: Jakob Schneider, Günther K. Harder, Monika Bujinski, Juliane Gruner, Alexander Gier, Patrick Jurowki, Andreas Wrosch, Andreas Vögler, Bernhard Bauer, Harald Schwaiger, Chor: Mathias Frank, Dominik Freiberger, Lukas Goldschmidt, Ralf Kubik, Leif Mieland, Steffen Scheumann, Matthias Scheuring, Wolfgang Türks.

www.theaterdo.de

www.odyssee-europa.de
www.ruhr2010.de

 

 

Den Zwischenbericht, den Sarah Heppekausen nach dem ersten "Odyssee"-Tag lieferte, lesen Sie hier.

 

Kritikenrundschau

Bei "Odyssee Europa" sah Peter Michalzik, wie er in der Frankfurter Rundschau (2.3.2010) schreibt, den "Konzeptgrößenwahn am Werk": Eigentlich sei es darum gegangen, dass sechs Bühnen des Ruhrgebiets sechs Neufassungen der "Odyssee" gezeigt hätten, und um von der einen zur anderen zu kommen, wäre man Bus, U-, S-Bahn oder Schiff gefahren. Dieser "schlichte Shuttle-Verkehr" aber sei nun "zu einer eigenen Odyssee und Ruhrgebietentdeckungsreise hochgejazzt" worden: "Da überlagert sich alles: die Odyssee, Europa, das Ruhrgebiet, die sechs Autoren, die sechs Städte, die sechs Bühnen, die Menschen vor Ort. Alles vielfach überkodiert und überorganisiert, Konzept erschlägt Theater, overshaped but underplayed, ausgedacht vom raumlaborberlin." Und zwischendrin "das allernormalste Theater". Wobei es Michalzik "wie ein Gesetz" erscheint, dass der "europäische Mensch im Jahr 2010", sobald er sich "mit seiner Geschichte, mit seinem Ursprungsmythos" beschäftigt, "in einen Abgrund aus Krieg, Gemetzel und Vergewaltigung" blickt, "ein Horror, mit dem er eigentlich nichts zu tun haben möchte. Die Dialektik der Aufklärung haben Horkheimer und Adorno einst aus der Odyssee herausgelesen. Die Autoren von heute zweifeln daran, dass es eine Aufklärung gab. Sie sehen nur einen Abgesang auf den Mann, wie wir ihn kannten, und eine Bankrotterklärung des abendländischen Menschen."

Im Zuge der Synergie genannten Verschmälerung der Berichterstattung in den DuMont Schauberg-Medien ist dieser Text des FR-Redakteurs Michalzik heute auch in der Berliner Zeitung zu lesen. (peko)

Hubert Spiegel hat (nachzulesen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 2.3.2010) am Odyssee-Wochenende bei frischestem Wind und Wetter an einer "großen postdramatischen Kulturkarawane" teilgenommen. Das Konzept des Kerntheaters ("sechs Autoren aus Europa, sechs Uraufführungen an Theatern im Ruhrgebiet, sechs Fort- und Umschreibungen der "Odyssee" und sechs verschiedene Entwürfe ihres Helden") hat für ihn "auf einem Bierdeckel Platz". Aber die mit der logistischen Umsetzung beauftragte Gruppe raumlabor berlin hätte "die Fahrten von Theater zu Theater nicht als lästiges logistisches Problem" betrachtet, sondern als willkommene Chance, ein Konzeptkunstwerk zu schaffen". Und das sei ihnen auch gelungen: "Wildfremde Menschen reden miteinander, im Bus, in den Theaterpausen, beim 'Großen Gastmahl', dem gemeinsamen Essen in einer Industriehalle, abends bei den Gastgebern oder auf dem Rhein-Herne-Kanal, wenn ein Ausflugsschiff die Karawane von Gelsenkirchen nach Duisburg bringt. Sie reden natürlich nicht nur über die Stücke. Sie reden über die Städte, durch die man fährt, über sich und über ihr Leben."– "Es findet tatsächlich ein kleines Theaterwunder statt."

Für die Neue Zürcher Zeitung (2.3.2010) war Dirk Pilz unterwegs im Ruhrpott und danach befürchtetermaßen "vor allem erschöpft": "Leider wurde diese Unternehmung doch zur rein sportlichen Ausdauerübung, zu einem hektischen Theaterhopping rund durchs Ruhrgebiet, bei dem das Theater auf der Strecke blieb." Wobei er nichts gegen Kulturhauptstadtunternehmungen hat. Aber gegen "Event-Manager", "denen zuerst das Wort 'Projekt' einfällt, wenn sie von 'Kultur' hören, und für die das Kulturelle mit Erlebnistrips zusammenfällt." Obwohl die menschliche Seite des Events, die persönliche Betreuung durch Ureinwohner des Ruhrgebiets durchaus erfreulich gewesen sei ("Vielen Dank.") war die Kunst für ihn die reinste "Enttäuschung": "fast überall plumpes Herunterspielen, schlimmstes Veräußerlichen und Verraten der Texte an Effekte und Plattheiten". "Ratlos stammelnd" stünde das Theater vor der Frage nach Identität und historischem Bewusstsein. "Man sieht lauter kunsthandwerkliche Übungen, die Meinungen, aber keine Haltung zu den Texten haben". Was "auch dem Gesamtprojekt geschuldet" sei. "Das Umtopfen in den Erlebnispark bekommt den Bühnenkünsten offensichtlich nicht gut. Im Grunde eine gute Nachricht."

Fast ausschließlich mit den Inszenierungen selbst befasst sich Stefan Keim in der Welt (3.3.2010). Der Bericht seiner "Odyssee" besteht aus sechs Kurzkritiken, die in die Bemerkung münden:"'Odyssee Europa' ist eine gewaltige Leistung, abwechslungsreich, ein Theaterrausch. Vom Leben im Ruhrgebiet allerdings erzählt sie kaum etwas. Die Verzahnung von Kunst und Region klappt nicht. Mit einer Ausnahme: Mindestens zwei der sechs Schauspielhäuser sind akut gefährdet. Kein Wunder, dass die Toten eine so große Rolle spielen auf dieser Odyssee."

Eine umfängliche Medienumschau, auch unter Berücksichtigung vieler Lokalzeitungen, hat der Veranstalter selbst zusammengestellt. Und zwar hier.

Zurück zum Bericht von nachtkritik.de.

Kommentare

Kommentare  
#1 Odyssee Europa: spannende Autorenroger 2010-03-01 16:29
klingt nach einem spannenden projekt - sind auch noch einzelkritiken der stücke geplant? würde mich interessieren, jew. noch mehr zu lesen. sind ja echt spannende autoren.
#2 Odyssee 2010: Wiener HinweisSusanne Peschina 2010-03-01 20:07
@1
auf derStandard.at gibt es eine ausführliche Einzelkritik zu Odysseus, Verbrecher. von Ransmayr.
#3 Odyssee Europa: Erinnerung an eine TotenfeierThomaspeter Goergen 2010-03-05 10:44
Eine nach meinem Empfinden eigenartige Stille liegt unter dem Trubel und Aufwand, mit dem das Odyssee-Projekt nun, etwas respektlos gesagt, durch einen Teil des Ruhrgebiets rollte. Sehr schnell dachte ich an die mexikanischen Allerseelenfeiern, bei denen die Friedhöfe festlich erleuchtet, die Gräber mit der orangenen Totenblume geschmückt, und Totenköpfe aus Zuckerguss verkauft werden. Eine unüberschaubare Zahl von Zeugen: das Publikum, die Presse, das Internet, die Politik, der Kulturbetrieb, schüttet seine Stimmen zusammen, und für einen kurzen Augenblick wird das Projekt derart illuminiert: die sechs Theater, die sechs Uraufführungen, die Logistik der Reise, die "Kulturhauptstadt", Zwanzigzehn und Tausendundeins; so grell, dass ich mich irgendwann wunderte, warum ich mich wunderte und nicht einfach mich an dem Fest erfreute; bis mir auffiel: Kulturhauptstadt, Theater der Welt im Sommer, all dies orchestriert doch zu einer Zeit, in der Theater geschlossen werden.
Ich bin wahrscheinlich ungerecht, aber für eine gewisse Zeit erscheint mir das Sterben betäubt. Das Feuerwerk blendet mich, ich selber denke, ansichtig der augenscheinlichen Vitalität und Leistungsfähigkeit, nicht an den Widerspruch, dass das Ruhrgebiet sich feiert, als Theaterlandschaft, und zugleich das Fest nicht zum Anlass genommen wird, seinen eigenen Charakter der Totenfeierlichkeit zur Kenntnis zu nehmen. Insofern unterscheidet es sich vom mexikanischen Allerseelen.
Möglicherweise, ich schreibe mich nicht davon frei, haben wir es satt. Der Muskel, mit dem wir unsere Empörung aufrecht erhalten, erschlafft mit der Zeit. Ein geistiger Angriff auf die Kultur findet nicht in dem Sinne statt, so denke ich, dass man sich wehren wollte. Überdrüssig, dass Theater bedroht werden, die freie Szene einschmilzt, Kulturkinos wegdampfen, und so fort, dass ich bereits in die innere Emigration unterwegs bin, weil mir der Dauergestus der Empörung allmählich peinlich wird?
Die passive, besserwisserische Verzweiflung, die ich oftmals bloß als intellektuellen Ekel wahrnehmen, das saturierte Behagen einer Kassandra, die eh immer gewarnt habe, vor Neoliberalismus, Faschismus, den losen Ende von Geschichte, Erzählung und Kultur, und sich jetzt selbst beim Italiener an der Ecke zuprostet? Immerhin, Geld wird doch ausgegeben, die Ruhr 2010 veranstaltet, im Juli folgt Theater der Welt, also was ist mir unbehaglich, welchen Widerspruch meine ich denn. Nur den: es wird gefeiert, eine Totenfeier, und ich muss mich selber erinnern, dass es eine ist. Als ob ich den Schädel sähe und mich früge: wer, was ist das überhaupt?
Es baut ja sich keine ideologische Macht auf, die andere verdrängen will und zum Jasagen zwingt. Im Gegenteil, die Ideologie, ich fand den Gedanken erhellend: greife nach der allgemeinen Meinung und behauptet sie als die eigene. Dass Theater geschlossen werden (müssen), Politik, Wirtschaft, sind allgemein betroffen und traurig, und je höher in der Hierarchie, desto repräsentativer. Nicht aus Kultur-Feindseligkeit, mit Argumenten wie Entartung oder Moral oder Gesinnung oder Jugendschutz. Allein der Begriff der "freiwilligen Aufgabe" schirmt die Kommunen als "freiwillige Helfer" der Kultur ab. Alle wohlmeinenden Ideen liegen schon zu Tisch, und sind alle – nach meiner Meinung - wohlmeinend bizarr (z.B. Steuersünder-CD's in die Kulturförderung zu laden); die Kämmerer sind keine Neros, sie krempeln nicht die Ärmel hoch, sondern leeren die Ta8schen aus. Als wohlmeinend gelten mittlerweile selbst die Schlachthöfe der Heiligen Kühe: alle Subventionen zu streichen etwa; der Aufschrei ist so wohlmeinend, wie heutige Studentenproteste wohlerzogen sind im Vergleich mit den vergangenen. Sogar, im Gegenteil, es wird gefeiert.
#4 Odyssee Europa: Erinnerung an eine Totenfeier IIThomaspeter Goergen 2010-03-05 10:45
In einer gewissen Weise ist das, eben das dekadent. Nicht in dem blaugelben Sinn, wie gerade marktliberalschreierisch auf die Gruppe der Ärmsten in unserem Lande eingeschossen wird. Sondern im heiter-melancholischen k.u.k. Sinne: als das deutsche Kaiserreich sagte: die Lage ist ernst aber nicht hoffnungslos, sprach die Donaumonarchie: die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.
Instinktiv wollte ich schreiben: ja, aber das ist ja nicht das Thema der Ruhr 2010, oder der Odyssee, dass wenigstens zwei der beteiligten Häuser letal bedroht sind. Wir haben so oft gelesen, welche, dass ich gar nicht wiederholen will, es hätte schon Qualität eines morbiden Witzes. Das eine scheint ja nichts mit dem anderen zu tun zu haben, die Ruhr 2010 mit der Krise der Kulturhaushalte. Jemand schrieb: der Tod ist ja ein Ereignis außerhalb des Lebens. Insofern ist wahrscheinlich die Krise der Theater ein Ereignis außerhalb der Kulturhauptstadt. Dennoch finde ich, die Krise hätte ein Symbol verdient.
Da ich, unironisch, ein konkret denkender Mensch sein möchte, der sich fragen muss: ob der Aufwand sich Tag für Tag rechtfertigt, ob die Summe der kleinen Rückschläge größer wiegt als ein gewaltiges Missgeschick, ob die dosierten alltäglichen Hiobsbotschaften nicht bald zu Arsen werden; da ich also denken will wie ein Mexikaner an Allerseelen, schlage ich ein Symbol vor, um simpel, sichtbar darzustellen, dass mir, trotz all der Theaterfeiern im Jahre 2010, das ganze Theatersterben im Jahr 2010 ff. nicht unbewusst ist. Vielleicht existiert etwas derartiges ja bereits, dann bitte ich mich zu verbessern.
Ich denke sofort an eine Schleife, ein Ribbon, deren bekanntestes die rote Aids-Schleife ist (an Aids hat "man" sich einstweilen auch, nach dem Aufschrei der 80ger, 90ger, gewöhnt, wie an die Infizierung der Kultur); insofern ist die klassische Theaterfarbe samt-rot, schon besetzt. Erstaunlich viele Farben sind bereits Schleifen, zahlreiche Erinnerungsschleifen, die alle in Vergessenheit geraten sind. Eine Farbe, die mir passend erschien, ist noch frei. Die Farbe der Vierten Wand am Theater. Der durchsichtige Stoff, der Kunst-Stoff, das transparente Material, die Plastikfolie. Ich schlage also, mehr oder weniger naiv, als vielleicht nur hübsche und nette, vielleicht als eine Man-weiß-ja-nie-Idee vor, anlässlich der Theaterfeiern 2010 die transparente Schleife, den Translucent Awarness Ribbon, gegen die Bedrohung von Kulturförderung und Kulturschaffenden, zu benennen und zu tragen.
Es mag sein, denke ich, das Bewusstsein des Todes verwandelt die Totenfeier doch wieder zu einer Feier des Lebens.

Thomaspeter Goergen
#5 Odyssee Europa: HolzhammerdidaktikStefan 2010-05-13 03:22
In den letzten Jahren hat Claus Peymann, am BE immer mit ein paar ausgewählten Stücken, einen kleinen Kontrapunkt zum Theatertreffen in Berlin setzen wollen. Dieses Jahr reicht es nur für einen „Odysseus, Verbrecher“ aus Dortmund, wahrscheinlich, weil Claus Peymann wohl selber lieber zum Theatertreffen geht, wie berichtet wird.
Aber was ist das, diesen Odysseus sollte die Strandpolizei lieber sofort von der Bühne weg verhaften. Plakatives Guckkastentheater mit einem der schlechtesten Texte, die ich je von Christoph Ransmayr gehört oder gelesen habe. Diesen Text, wie die Inszenierung, kann man sich nur mit sehr viel Ouzo schön saufen. Griechische Tragödien, zur Geißelung der Kriege unserer Zeit, her zu nehmen, ist nicht neu aber durchaus machbar. Dann aber bitte auch mit dem originalen Text und nicht mit dieser Holzhammerdidaktik. Die Toten sind die Menschen, die im Chor ständig Lieder aus der „Winterreise“ hauchen müssen und die Lebenden sind blutrünstige Zombies oder berechnende „Reformer“ unter Papiermasken. Papieren wirkt das Ganze auch, aufgesetzt und unglaubwürdig. Ist das nun eine besondere Form der Verfremdung oder eher Entfremdung? Es ist einem nach Gott sei dank nur 1:30 h auch so ziemlich egal. Ich hoffe, der Regisseur gibt nach jeder Aufführung eine Runde Halsbonbons für die heiseren Schauspieler aus, die die ganze Zeit mit verstellter Reibeisenstimme sprechen müssen. Da gehe ich dann lieber wieder zum Theatertreffen und mit Sicherheit sehe ich da auch Claus Peymann wieder.

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