Mediengenerierte Schauerlandschaften

von Esther Boldt

Mainz, 5. März 2010. Was für ein Mann, dieser Kara Ben Nemsi! Ein vortrefflicher Kerl in Cargohosen und Springerstiefeln, der mit seinem treuen Diener Hadschi Halef Omar durch die Wüste reist. Dort bekommt der Effendi vom Stamme der Nemsi allerhand zu tun, er trifft auf Waffenschmuggler und korrupte Scheichs, Mörder und eine ziemlich abgebrühte Dönerbudenbesitzerin. Als guter Christ gilt ihm Recht vor Rache, und weil Gott den Menschen nach seinem Ebenbild erschuf, glaubt er, dass auch Frauen eine Seele haben.

Aber Ben Nemsi reist nicht durch den Orient, um zu bekehren – es ist die reine Neugier, die den Schlacks gen Osten treibt, wo ihn fremde Sitten und exotische Landschaften erwarten, Maschinengewehre und fliegende Teppiche. Ben Nemsi alias Gregor Trakis kann weder das eine noch das andere erschüttern. Mit ruhig tönender Stimme schaut er dem Sturm ins Auge und schultert sein Gewehr.

An seiner Seite: Stefan Graf als prolliger Hadschi in schwarzen Jeans, dem die Waffe locker in der Hüfte sitzt und der hartnäckig die Mission verfolgt, seinen geschätzten Herrn zum Islam zu bringen. "Allah muss lieben verrückte Menschen", sagt er einmal. "Warum?" fragt Ben Nemsi. "Er macht so viele davon."

Alles Mörder und Teppichhändler hier

Es ist eine eigenwillige Interpretation von Karl Mays Werken, die Regisseur André Rößler am Staatstheater Mainz entwickelt hat. "Durch die Wüste – ein Karl May-Projekt" heißt der Abend, der Orientbilder des Westens gestern und heute untersucht. Rößler greift sich dessen Helden Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar heraus, skizziert grob ihre Abenteuer und versieht sie mit heutigen Einsprengseln wie Musikvideos, Computerspielen, Film- und Fernsehzitaten und dem Krieg gegen den Terror. Gestern wie heute scheint der westliche Blick auf das Morgenland, den Orient oder den Nahen Osten, vor allem auf Vorstellungen und Vorurteilen zu beruhen. Was früher die Pluderhose war, ist heute das Palituch.

Auf der Bühne steht ein neonheller Dönerbuden-Karavan, in dem sich stur ein Fleischspieß dreht und ein Fernseher flimmert. Auf dem Dach blüht ein Mohnblumenfeld wie beim Drogenanbau in Afghanistan. Um ihn ist nichts als Wüste, in der hie und da ein Grasbüschel sprießt oder sanft eine Düne sich wölbt. Im Boden gibt's einen Gullydeckel, um Leichen darin zu verstauen – mit dem Kopf gen Mekka! – sowie eine Höhle, mit roten Orientteppichen ausgelegt. Sind doch alles Mörder und Teppichhändler hier, die sogar mit ihrem Gott feilschen!

Mit Fremden machen sie kurzen Prozess: Die werden niedergeknallt, wie es gleich dreimal einem Vertreter der US-amerikanischen Leitkultur geschieht (Thomas Brazak), der den Wüstenbewohnern Kaugummis oder Marlboros andrehen oder sich bei ihnen als Personal Trainer verdingen will. Man muss "dem Orientalen" schon mit etwas mehr Raffinesse begegnen, wie der Effendi feststellt.

Und ewig grüßt das Sendungsbewußtsein

Das Ostbild des Westens wird von "Durch die Wüste" unterhaltsam und pointiert, aber nicht schmerzfrei erzählt. Wenn etwa Gutmensch und Weltenwanderer Ben Nemsi unterm Sternenhimmel Hanneh erzählt, dass bei den Christen Frauen sehr wohl eine Seele haben und nicht nur leere Gefäße seien wie bei den Moslems, dann ist das bei aller Süffisanz herrlich böse.

Aus der historischen Distanz entlarven Pathos und Gutwille des Autors sich ganz von selbst, der die Länder, die er beschrieb, kaum oder gar nicht kannte – erst im Alter, als seine Romane längst erschienen waren, fuhr er erstmals in den Orient. So sind seine Erzählungen eurozentrische Fantasmen aus 1001 Nacht, wie vielen Zeitgenossen heute die Arabische Welt als mediengenerierte Schauerlandschaft erscheinen muss. Quasi in letzter Minute aber schwenkt Rößler das Ruder herum. Da vertraut er dem aufklärerischen Potenzial des Witzes plötzlich nicht mehr.

Am Ende sorgt ein bedeutungsschwerer Monolog des gestellten Mörders Hamed el Amassad (Zlatko Maltar) über kulturelle Differenzen dafür, dass aus dem bösen Spaß abgestandener Ernst wird: "Glaubst du, wir werden eines Tages aufwachen und wissen, wie es ist, ein Mensch zu sein?" Dabei ist das Menschsein doch schon immer der Ort, auf den die Pointe zielt. So ist das plötzliche Sendungsbewusstsein ebenso fade wie unnötig.

 

Durch die Wüste (UA)
Ein Karl May-Projekt von André Rößler
Inszenierung: André Rößler, Bühne: Tine Becker, Kostüme: Simone Steinhorst, Video: Elkmar Szücs. Licht: Peter Meier. Dramaturgie: Katharina Gerschler.
Mit: Andrea Quirbach, Gregor Trakis, Stefan Graf, Tatjana Kästel, Verena Bukal, Thomas Prazak, Joachim Mäder und Zlatko Maltar.

www.staatstheater-mainz.de

 

Der Regisseur André Rößler, 1978 in Wolfen geboren, inszenierte u.a. im April 2009 am Staatstheater Wiesbaden die Uraufführung von Jörg Grasers böser Justizposse Jailhouse Blues.

Kritikenrundschau

Das Orientbild sei "ein Konstrukt, dessen Bastelei weit vor May anfing, der ihm neues Feuer gab – und heute mit Irak-Krieg, Kopftuchdebatte und der Dönerbude an der Ecke wieder andere Nahrung erhält". Genau das wolle André Rößlers Mainzer "Karl-May-Projekt" auf der Bühne zeigen: "Erzähle 'Durch die Wüste' im ganz großen Kontext – und heraus kommt, wenn's gutgeht, ein Panorama von unser aller Orient-Mythos", schreibt Eva-Maria Magel im Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen (8.3.). Rößler setze in dem "'Projekt' auf Komik und Vieldeutigkeit", mit "den Zwischentönen allerdings" habe er es nicht. Statt "die Flucht nach vorn anzutreten und seinen höchst unterhaltsamen Bilderbogen auch mal schärfer werden zu lassen, gipfelt sein Versuch, doch noch Distanz einzulegen, in einem Monolog am Ende, der nach einer humoristisch übersteigerten Folterszene urplötzlich noch den Ernst ins Spiel bringen will: Dass wir alle Menschen seien und keine Vorurteile haben sollen, ist allerdings eine arg lahme Botschaft nach so viel sportlichem Einsatz."

"Durch die Wüste" werde bei André Rößler "zum großen Spaß", das "Karl-May-Projekt" lasse "keinen Quatsch und kein Vorurteil aus", bemerkt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (8.3.). Wenn aber am Ende der "Schurke mit Bauchtrainier-Vibratoren gefoltert" werde "und dabei über das Leben nachdenkt, stellt sich doch die Befürchtung ein, dass Rößler etwas Spezielles damit sagen wollte. Dass er womöglich sogar eine ernsthafte aktuelle Auseinandersetzung mit dem Thema 'Unser Bild vom Orient/Okzident' im Sinne hatte. Hoffentlich nicht. Sonst müsste man nämlich entschieden einwenden, dass ein Abend mit Karnevalsorientalen den Anschluss an das Leben hier draußen um sehr viel mehr Längen verpasst hat, als es einem ambitionierten Theater ansteht."

"Aus den Flicken des sechsbändigen Reiseabenteuer-Zyklus 'Durch die Wüste'" habe André Rößler "einen west-östlichen Diwan, bei dem die Spiralfedern nur so aus dem Stoff knallen", schreibt Michael Jacobs in der Main-Spitze (8.3.). Wie Mays Helden sei auch die Inszenierung "ständig auf dem Sprung, um das im sächsischen Dichterstübchen zusammengelesene Orientbild des Volksschriftstellers mit heutigen, meist medial vermittelten Vorstellungen von der islamischen Welt zu torpedieren. Und das kann irrwitzig komisch sein." Nur am Ende drohe "die anarchisch-muntere Hatz durch den May-Kosmos in zu bedeutungstiefen Treibsand abzurutschen".

 

 
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