Niemand schläft

8. März 2010. Im Schweiße unseres Angesichts: "Sie schlafen, wir schreiben", lautet das Motto von nachtkritik.de seit den Anfangstagen im Mai 2007. Auch wenn es inzwischen als teilweise widerlegt gelten darf. Denn die Nachtschichtarbeiter der Kritik teilen sich die Stunden vor dem Morgengrauen längst mit den Aktivisten des nachtkritik-Forums, mit den Lurchis, Rosas und Jeanne d'Arcs, mit 123 und – when will we meet again? – mit Alias "Sebastian Hartmann". Alle schreiben. Niemand schläft.

Und siehe, dieser mitternächtliche Mummenschanz 2.0 gebiert nun keineswegs, wie gelegentlich geunkt, bloß "wilden Kunstkampf"! Nein, das nachtkritik-Forum ist mittlerweile auch zum Ort wilder Kunstschöpfung geworden: Kurz vor Weihnachten erlebte ich andcompany&Co. mit ihrem Stück West in Peace im Berliner Hebbel am Ufer. Das Ganze war eine Metatheater-Campingtour mit Marx. Und mehr: In eingeschobenen Monologen weideten die Performer genüsslich Foren auf nachtkritik.de aus und priesen ironisch den Kunstgeschmack der notorischen Schaubühnen-Zahnärzte. Vivat, das Zitat!

Wenn das so weitergeht, wird das nachtkritik-Forum bald nach Mülheim eingeladen. Gestern besuchte ich das "100°"-Festival, den großen Showcase der freien Theaterszene Berlins (und Hildesheims und ein bisschen auch der Schweiz und Skandinaviens und, und, und; O-Ton des künstlerischen Leiters Matthias Lilienthal: "Berlin ist alles, was sich Berlin nennt."). Mit "Bitte gehen Sie mir aus dem Licht" gastierte hier P14, der Jugendclub der Volksbühne. Es ist eine halbstündige Diven-Revue, in der große Frauenrollen und Schauspielerinnen aus Rainer-Werner-Fassbinder-Filmen ihre Allüren gegeneinander (und ein bisschen auch gegen das Ego des Regisseurs Fassbinder) ausspielen. Ein junger Mann bleibt abseits, während 8 Frauen an einer Tafel Leichenschmaus mit Champagner halten. Irritierend nehmen sich in diesem Ambiente allein die großen Terrinen voll Spaghetti aus. Daniel-Kehlmann-Alarm!

Und wirklich: Sobald Hanna Schygulla, Effi Briest oder Veronika Voss zur Rede anheben, ertönen vertraute Sätze: "mist, da war er wohl der erste ;-) bin mal gespannt, wie oft der spaghettiteller in 2009/10 noch zitiert werden wird!" Oder auch: "Bei Castorf gabs nie Spaghetti, immer nur Kartoffelsalat!" – Wer den gesamten Dramentext dieser ersten Minuten von P14 nachlesen will, gelangt hier zu der großen Spaghetti-Parade im Anschluss an einen Theatertheorie-und-Trash-Abend, den Patrick Wengenroth jüngst der Schaubühne kredenzte.

Theaterkritik ist in den letzten Jahren ein wahrhaft enzyklopädisches, nervenaufreibendes Unterfangen geworden: Welchen Film zitieren die Kostüme? Was war das jetzt schon wieder für ein Indierocksong? Welche Opernarie lief? Aus welchem Theoriewerk stammt das Intro? Lagern hier die Debatten um Daniel Kehlmann oder Thilo Sarrazin im Hintergrund? Und natürlich und vor allem: In welchen Inszenierungen gab es denn überhaupt die von Daniel Kehlmann zur Signatura temporis unserer Gegenwartsbühne erhobenen Spaghetti?

Oh, seliges nachtkritik-Forum! Oh, Schauplatz des kollektiven Wissens! Du machtest uns die Spaghetti-Bühnen sichtbar. Jetzt aber machst du die Bühne selbst! Dank P14 und andcompany&Co. sehen wir die Zeit der klarnamenfreien Dichtkunst gekommen, eine volkstümliche Poesie 2.0., wie sie sich die Romantik nicht lebhafter hätte ausmalen können. "Doch unenträtselt blieb die ew'ge Nacht / Das ernste Zeichen einer fernen Macht." (Novalis, Hymnen an die Nachtkritik)

(chr)

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