Intimität mager

von Stefanie Waszerka

Hamburg, 6. September 2007. "A play for two" ist eine Produktion des DOT aus Istanbul. Das DOT wurde 2005 gegründet und ist gegenwärtig die wichtigste Anlaufstelle für zeitgenössisches Theater in der Türkei. Neue Stücke, internationale und türkische Dramatik, und eine offene Zusammenarbeit mit Künstlern aller Sparten sind seine Markenzeichen.

Jenseits aller Theaterroutine steht auch das künstlerische Team von "A play for two". Bülent Erkmen, der bekannteste Grafikdesigner der Türkei, schrieb das Konzept, entwarf das Design und führte erstmalig Regie. Der Kulturjournalist Yekta Kopan schrieb den Text.

Die Mathematik der zwischenmenschlichen Beziehung

"Erzähl", sagt sie. "Ich will nicht", sagt er. "Warum?", fragt sie. "Der Strand", sagt er. "Weißt du noch?", fragt sie und lächelt. "Sand", sagt er und lächelt. "Dein Mund", "rot", "Bikini", "der Kuss", "deine Geliebte", "dein Mann", "du bist weggelaufen", "schweigen wir"– sagt sie, sagt er. Der Mann und die Frau liegen in einem schmalen, schwarzen Stahlgerüst, das im ersten Moment an ein Klettergerüst auf dem Spielplatz erinnert, nur viel kleiner und enger, nicht bunt, schwarz halt.

Die Stangen stehen so dicht beieinander, dass es fast unmöglich ist, sich darin zu bewegen. Es muss ein klaustrophobisches Gefühl sein, in diesem Labyrinth gefangen zu sitzen. Der Mann trägt einen Anzug und Turnschuhe. Die Frau hat einen Rock, ein Jäckchen, eine Strumpfhose und ebenfalls Turnschuhe an. Alles ganz ordentlich, ganz sauber und ganz schneeweiß. Sie sprechen miteinander. Ihre Kommunikation ist jedoch auf einzelne Worte reduziert, sie folgt keiner eindeutigen Logik und läßt die individuelle Geschichte dieser beiden Menschen nur erahnen.

Gefangene der Vergangenheit

Sie sind ein Paar gewesen, Liebende, die einander erneut begegnen. Ihre Erinnerungen sind schön und grausam. Es gab Verletzungen, Misstrauen, Betrug und Leidenschaft. Er ist schwach, sie ist mutig. Was jetzt? Gnadenlos quetschen, schieben, hetzen, drängen sie ihre Körper durch das harte, scharfkantige Eisengestänge, das dem Zuschauer der Schmerz ins Gesicht fährt. Ihr wortkarger Dialog ist hoffnungslos. Ihre Liebe ist verloren. Keiner von beiden kann vergessen oder vergeben. Sie sind Gefangene ihrer Vergangenheit, ihrer Persönlichkeit. Die Kleidung zerknittert, zerrissen, verrutscht hocken der Mann und die Frau am Ende im stählernen Gerüst: "Weißt du noch?", fragt sie. "Strand", sagt er. "Bikini", "geht nicht" – Stille.

Auch im Zuschauerraum herrscht Stille. Der Applaus ist kurz und verklingt ungehört. Die Schauspieler haben ihre Positionen im Gerüst nicht verlassen. Das wäre auch unlogisch, sind sie doch ein fester Bestandteil der stählernen Installation.

Körpereinsatz statt Kunst

Abstraktion und Intimität spielen die Hauptrollen in "A play for two". Abstrakt ist die Sprache, das Gerüst, die Geschichte, die Figuren - nur geringe Spuren von Individualität sind hier auffindbar. Allgemeingültigkeit überwiegt. Struktur, Dynamik und Form der menschlichen Paarbeziehung werden sichtbar. Den Schauspielern Alper Kul (Mann) und Melike Güner (Frau) gibt Regisseur Bülent Erkmen wenig Spiel-Raum. Von ihnen wird vor allem Körpereinsatz gefordert. Die beiden sind ständig in Bewegung. Große Schauspielkunst vorzuführen, ist ihnen nicht vergönnt. Ihre Figuren haben eine Funktion. Sie werfen Worte aus. Manchmal gelingt es, dass diese Worte einen Klang haben: traurig, wissbegierig, aggressiv.

Schweißtropfen nah

Was Mann und Frau verloren haben, findet der Zuschauer - Intimität. Nur 24 Personen dürfen im Rangfoyer des Deutschen Schauspielhauses Platz nehmen. Diese sitzen auf Drehhockern, acht Reihen à drei Hocker, in der Mitte des Raumes, um den das Stahlgerüst verläuft. So dicht beieinander, so dicht an den Schauspielern, dass jedes Heben der Augenbraue, jeder Blick, der sich verdüstert, selbst der kleinste Schweißtropfen auf der Stirn beobachtet werden kann. Dieser Kontakt bricht nicht ab. Diese Nähe verbindet. Obwohl "A play for two" ein sehr kurzes Theaterstück ist, fünfzig Minuten, ist nach einer halben Stunde die Luft raus. Das Wortgerüst ist zu mager, das Spiel zu dünn. Die Simultanübersetzung kann die Kraft der Sprache nicht wirklich übermitteln.

 

A play for two
Konzept, Design, Regie: Bülent Erkmen, Text: Yekta Kopan, Co-Regie: Murat Daltaban, Bühne: Yesim Bakirküre, Lichtdesign: Kemal Yigitcan, Kostüm: Hatice Gökce.
Mit: Melike Güner, Alper Kul.

www.schauspielhaus.de

 

 

 
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