Das Glück ist wie Atommüll

von Beat Mazenauer

Basel, 12. März 2010. Jugendliche quälen einen Gleichaltrigen aus Spaß zu Tode. Eigentlich war es ja nicht so gemeint, doch passiert ist passiert. Jetzt geht es nur noch darum, heil aus der Sache herauszukommen. In seinem zurzeit fleißig gespielten Stück "DNA" (2007 in London uraufgeführt) versucht der Engländer Dennis Kelly zu zeigen, welche Prozesse bei einem solchen Geschehen ablaufen.

In Basel wird das Stück unter der Regie des Schauspieldirektors Elias Perrig mit Basler Jugendlichen aufgeführt. Die Wände sind kahl, im Bühnenboden klaffen Abgründe, Leitern führen hinab in die Hölle, von wo auf einmal verzerrte Schatten herauf flackern, begleitet von aggressiven Paukenschlägen – dann kriechen die ersten Ratten an die Oberfläche. Die Jugendbande hält Kriegsrat. Der Tod von Adam, einem Jungen, der sich ihnen anbiedern wollte, bringt alles durcheinander. Einer von ihnen markiert den Anführer, weil die Bande nun zusammenhalten muss.

Wenn der Götze spricht

Im Zentrum der Bühne sitzt ein ungleiches Paar. Die kommunikationsfreudige Leah beschwatzt den zwangsneurotischen Phil, der ungerührt und stumm bleibt. Sie erzählt vom Glück, von der "Zerbrechlichkeit der Realität" oder von den Bonobos, jenen Affen, die den Menschen genetisch am nächsten seien. Hätten die Menschen zuerst die friedlichen Bonobos anstatt der gewalttätigen Schimpansen entdeckt, "dann hätten wir eine ganz andere Auffassung von uns selbst". Was angesichts des toten Jungen zynisch klingt, offenbart bloß die Kluft zwischen Traum und Leben, die Leah nicht zu schließen vermag.

Ganz anders dagegen Phil. Beständig vor sich hin futternd, sitzt er unbeweglich wie ein Götze da – bis er unvermittelt und wie in Trance seinen Kumpanen eine Strategie vorsagt, mit der das Verschwinden Adams einem fiktiven Täter in die Schuhe geschoben würde. Nur nichts anfassen! Sonst wird daraus "ein DNA-Alptraum". Die Untat aus Zufall verwandelt sich in kalkulierte kriminelle Energie. Ohne Reue, ohne Schuldbewusstsein. Und wehe dem, der nicht spurt!

Die willigen, linkischen Mitläufer vollziehen, was das schweigende Mastermind ausgedacht hat. Dafür bewundert ihn Leah. In ihrem Redeschwall aber klingt auch Nachdenklichkeit mit.

Im Kraftfeld zwischen Ich und Gruppe

In seiner Arbeit mit den Jugendlichen ist es dem Regisseur Elias Perrig ausgezeichnet gelungen, die individuellen Charaktere und die gruppendynamischen Prozesse herauszuarbeiten. Im Kraftfeld zwischen Spaß und Ernst, Fiktion und Wirklichkeit wirken die Darsteller dabei erfrischend unverkrampft, echt und lebendig. Im Kreis der Mitläufer bringen Keoma Kaiser als Phil und Irina Reinke als Leah stellvertretend ihre inneren Kämpfe ans Tageslicht. Sie beide überzeugen auch spielerisch.

In Leahs quirligem Redeschwall offenbart sich das prekäre Gleichgewicht zwischen Hoffen und Bangen, an dem ihr Gemüt beinahe zerbricht: "Das Glück ist ein Alptraum wie Atommüll und Erderwärmung." Demgegenüber wirkt Phil mit bewundernswert ruhender Bühnenpräsenz wie eine Mischung aus stoischem Philosoph und bösem Logiker. Gerade die ausgehaltene Geduld und lange Weile beeindrucken an seiner Darstellung.

Ein Mensch oder alle?

Dann wird ein Täter gefunden, den es eigentlich gar nicht gibt, auf den aber alle Indizien passen. Er bringt die Strategie durcheinander. Und plötzlich taucht auch Adam wieder auf, der ja eigentlich tot ist – tot sein muss. Die beiden Zwischenfälle spitzen die Konflikte innerhalb der Gruppe zu. Die neu gewonnene Eintracht durch das gemeinsame Verbrechen und das Glück der gemeinsamen Trauer drohen zu zerbrechen. Nochmals ergreift Phil das Wort und organisiert das Unausdenkbare. "Was ist wichtiger: ein Mensch oder alle?", fragt er mit fieser Absicht. Gehandelt wird abseits der Bühne.

Das aber ist das Ende ohne Schluss. Die Bande fällt auseinander. Die einen werden verrückt, andere geraten auf die schiefe Bahn, Phil schweigt weiter und Leah hat – sich als einzige der Tragweite des Geschehenen bewusst – die Schule gewechselt. Antworten gibt Dennis Kelly nicht, ganz im Gegenteil scheint das Verbrechen ungesühnt zu bleiben. Theater bietet hier mehr: nämlich Veranschaulichung von Prozessen, die zwar nichts erklären, aber spürbar machen, aus welchem emotionalen Tumult heraus solche Gewalt geschieht. So trostlos, so verwirrend wie in diesem Stück könnte es hinter einer dürren Pressemeldung aussehen.

 

DNA
von Dennis Kelly
In der Übersetzung von John Birke
Education-Projekt mit Jugendlichen aus Basel
Regie: Elias Perrig, Dramaturgie: Ole Georg Graf, Coaching: Katja Reinke, Bühne und Kostüme: Beate Fassnacht, Musik: Beat Frei.
Mit: Irina Reinke, Keoma Kaiser, Alix Austin, Niggi Bein, Martin Ganter, Matthias Holzer, Jeanne Le Moign, Dominik Lüthi, Christian Ruprecht, Julius Schröder, Andrea Spicher.

www.theater-basel.ch

 

Mehr zu Stücken von Dennis Kelly? nachtkritik.de sah Liebe und Geld, mit dem Stephan Kimmig soeben zum Theatertreffen 2010 eingeladen wurde, ebenso wie die Inszenierungen desselben Stückes von Elias Perrig und Markus Dietz. Am Berliner DT zeigte jüngst Sascha Hawemann Kellys Taking Care of Baby. Auch über den Regisseur Elias Perrig finden Sie Weiteres in unserem Glossar.

 

Kritikenrundschau

Das Kürzelduo jg/sda, das sich vermutlich auf für uns nicht ganz klare Weise aus dem Redakteur Joël Gerne und der Schweizer Depeschenagentur zusammensetzt, befindet in der Basler Zeitung (15.3.), dass die Quintessenz des Stücks "DNA" – "das Böse, auch wenn es nur versehentlich unterläuft, wird immer bestraft – (...) keineswegs didaktisch" daherkomme. Dafür sei "Dennis Kellys Sprache zu authentisch und sein Gespür für jugendliche Interessen zu gut ausgeprägt". Die jungendlichen Schauspieler, die das Stück am Theater Basel aufführen, würden "von Elias Perrig sensibel geführt". Und mit dem Bühnenbild samt seinen aus dem Untergrund an die Rückwand projizieren Schatten, "ein von schrägen Balken durchzogenes Gittermuster", habe Beate Fassnacht "sich selber übertroffen: Beim Anblick des Geflechts denkt man unweigerlich an Begriffe wie 'soziales Netz' und 'Verstrickung'. Und auch die Jugendlichen in dem Stück sind wie das Flachdach zugleich unfertig und schon kaputt."

Dennis Kelly habe "DNA" zusammen mit Jugendlichen geschrieben, "die naturgemäss ihre Innensicht vertreten", meint Claude Bühler auf onlinereports.ch (13.3.). "Wie erhellend kann das sein? Jedenfalls wurde da improvisiert, und es kamen alles nette Everybodys heraus, die keiner Fliege was leide tun können." Der Text bestehe, "wie immer bei Kellys Stücken, aus Stammeleien, beredten Pausen, Abbrüchen mitten im Satz, Redeschwällen: Eine simulierte Natürlichkeit, die Menschen im roten Drehzahlbereich zeigt." Das sei "auch für Profis schwer, eine technische Herausforderung". Die Jugendlichen aber, die in Elias Perrigs das Stück spielten, "packten ihre Figuren diszipliniert mit klarer Kontur an und schlugen sich, gemessen an der hohen Anforderung, recht ordentlich (...). So weit so gut. Nur: Wäre nicht mehr herausgekommen mit Profis und einer straffen Wortregie, die die Abgründe ausgeleuchtet hätte?" Perrig aber investiere "in Dämonisierung statt Erhellung".

In der Neuen Zürcher Zeitung (16.3.2010) zeigt sich Alfred Schlienger von Kellys Stück, das er als Schultheaterdrama konzipiert hat, schwer beeindruckt. "Wie in einem moralischen Gedankenexperiment entfaltet Kelly im Gruppenclinch die inneren Seelenlandschaften." Auf "grandiose" Weise flechte er "mit leichter Hand die großen jugendlichen Suchthemen" ein ("Wer bin ich? Wie wollen wir leben? Was ist das Universum, das Leben, das Glück?") und schichte "die adoleszente Szene-Sprache in ihrer ganzen Unentschiedenheit, in den repetitiven, bruchstückhaften Mustern (...) kunstvoll ineinander". Perrig in Basel hätte dazu eine "endzeitliche Stimmung" erschaffen, die "nicht Abbild einer sozialen Realität, sondern viel mehr Symbol einer inneren Orientierungslosigkeit" sei, "die unter Druck in Verrohung kippt". Den elf jugendlichen Spielern gelängen "berührende Momente der Nachdenklichkeit".

 

 
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