Entsetzliches Rauschen

von Ralph Gambihler

Dresden, 12. März 2010. Es sind nur Kofferradios. Zehn stinknormale Kofferradios. Aber hat man eigentlich schon einmal so intensiv wahrgenommen, wie unheimlich es sein kann, wenn zehn Kofferradios rauschen? Bloß rauschen? Als hätten sie die Musik und die Stimmen, die sie sonst auf Knopfdruck von sich geben, vor lauter Schreck verlernt?

Mag sein, dass die Dresdner Bürger der Inszenierung während der Proben einen Strich durch die Rechnung gemacht haben, als sie vor vier Wochen auf die Straße gingen und Zivilcourage zeigten. Mit der Menschenkette der 20.000, die den Marsch der Neonazis durch Dresden erstmals seit zwölf Jahren verhindern konnte, hat Tilman Köhler vermutlich nicht gerechnet, denn er hat Horváths schrecklich komisches Alarmstück von 1930 klar auf diesen alljährlichen Spuk bezogen.

Zischende Farce, knisternde Dialoge

Ein Video, das die marschierenden Rechtsextremen zeigt, flackert immer wieder über die abgedunkelte Kulisse, der Zoom auf das schwarze Transparent mit der Aufschrift "Der Massenmord von Dresden. 50.000 Tote klagen an". Mit diesen Bildern geht der Abend los, und mit ihnen hört er auch auf. Dazu rauschen die Kofferradios. Es ist ein entsetzliches Rauschen.

Von der Unfähigkeit der Kleinbürger, den braunen Horden Widerstand entgegen zu setzen, handelt nun aber dieser hellsichtige Wirtshausschwank, den Horvath seinerzeit im oberbayerischen Städtchen Murnau angesiedelt hat. Die Story spiegelt die politischen Verhältnisse in der späten Weimarer Republik. Mitglieder vom sozialdemokratischen "Schutzbund der Republikaner" wollen in einem Gartenlokal einen bunten Abend, ihre "Italienische Nacht", veranstalten und sie wollen sich diese Lustbarkeit von niemandem verderben lassen. Draußen allerdings marschieren die Faschisten und begehen ihren "deutschen Tag". Aus dieser Konstellation politischer Frontverläufe entwickelt Horvath in knisternden und teils sehr witzigen Dialogen ein Bild von misslingender Faschismus-Verhinderung.

Phrasendrescher, Opportunisten, Schürzenjäger

Im Kleinen Haus am Staatsschauspiel Dresden hat Tilmann Köhler daraus eine saftige, bisweilen zischende Politfarce gemacht. Seine Mittel sind schlicht. Mehr als ein paar Requisiten, eine hölzerne Rampe vor einer hölzernen Wand mit davor aufgestapelten Bierbänken (Bühne: Karoly Risz), einen Beamer für die Videosequenz und zehn bestens aufspielende Studenten aus dem Schauspielstudio Dresden der Leipziger Hochschule für Musik und Theater braucht er nicht für einen wachen und vitalen Abend.

Dass in diesem Kaleidoskop der Unterschwelligkeiten und Ausbrüche die Angst umgeht, dass die Luft geladen ist und immer wieder ins Aggressive und Erotische überschießt, dafür hat Köhler ebenso eindringliche wie einfache Bilder und Szenen gefunden. Mit dem Megaphon sagt eine Spielerin die Besetzung durch, die Regieanweisung wird zur ersten Zuflucht der Figuren. Das schwarze Transparent aus dem Film kehrt als weiße Stoffbahn wieder, an die sich Köhlers ziemlich heutige Normalos klammern, während ihre stampfenden Füße klarmachen, was die Stunde geschlagen hat. Das Zeitcolorit, alles Sittenbildhafte ist ins Heute übersetzt. Nur im Text, der mit kleinen Strichen vom Blatt gespielt wird, sind die Fräuleins und die Frauenzimmer noch präsent.

Windelweiche Spießer, gezähmte Wut

Dass die Regie mit ihrer Tonlage und ihren Setzungen richtig liegt, merkt man immer wieder daran, dass die Studenten (Tilmann Köhler leitet das Dresdner Schauspielstudio zusammen mit dem Dramaturgen Jens Groß) keine Mühe haben, sich die Bühne zu erspielen. Da wackelt kein Satz, da stimmen Gesten und Körpersprache, da stehen Figuren. Mit Schmackes, Witz und Mut zur Karikatur geht es mitten hinein in die menschlich-politische Malaise der Abwiegler und Phrasendrescher, der Opportunisten und Schürzenjäger, der Nichtswisser und Schwarzseher. Und wo es mal an Tiefe mangelt, wo manches ins Plakative und Nurmehr-Gaudihafte verrutscht, rettet die Abgründigkeit des gesamten Abends.

Moritz Löwe spielt den aufbegehrenden, von den Alten als "Krakeeler" abgestempelten Idealisten Martin sehr schön mit innerlich schäumender, aber gezähmter Wut. Schutzlos steht er bald auf der Bühne, nackt vom Scheitel bis zur Sohle, verlassen von den seinen, die ihn hochkant aus dem Ortsverein werfen, aber auch idiotisch genug, einen Gleichgesinnten kalt abzufertigen, weil der aus Nürtingen kommt. Der Stadtrat von Eike Weinreich ist ganz der windelweiche Spießer, groß im Redenschwingen, wenn es nichts kostet, in der Ehe ein Kotzbrocken. Christian Clauß, der drei Rollen bewältigt, zeigt als sportlicher Jungnazi beim Anbaggern erstaunliche artistische und komödiantische Fähigkeiten.

Am Ende: Viel Beifall und Begeisterung für alle.


Italienische Nacht
Ein Volksstück in sieben Bildern von Ödön von Horváth
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl, Musik: Jörg-Martin Wagner, Musikalische Einstudierung: Thomas Mahn, Dramaturgie: Beret Evensen.
Mit: Eike Weinreich, Benedikt Kauff, Christian Clauß, Henner Momann, Thomas Schumacher, Moritz Löwe, Sarah Bonitz, Annett Krause, Sophia Löffler, Ines Marie Westernströer.

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Mehr zu Tilmann Köhler, der zuletzt in Dresden Bert Brechts Kapitalismuskrisendrama Die heilige Johanna der Schlachthöfe inszenierte, auch im nachtkritik-Glossar.

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=RzYtyIkAZPs}

 

Kritikenrundschau

Die "gesellschaftliche Trägheit und Selbstzufriedenheit, die Ödön von Horváth in seiner 'Italienischen Nacht' aus dem Jahr 1931 anprangert", sei "in Dresden im Alltag weit verbreitet", berichtet Hartmut Krug auf Deutschlandradio (13.3.2010): "9,4 Prozent wählten bei der Landtagswahl von 2004 NPD, nach dem Spiel zwischen der Türkei und Deutschland bei der Fußballeuropameisterschaft 2008 überfielen vermummte Nazis türkische Lokale". Tilmann Köhlers Inszenierung des Stücks zeige nun "keinen Streit zwischen guten Spießern und bösen Faschisten. Ein Freund-Feind-Eindeutigkeits-Spiel wie bei Volker Lösch gibt es bei ihm nicht: seine zehn hochbegabten jungen Darsteller (...) spielen sowohl die Republikaner wie die Faschisten und wechseln zwischen den Rollen hin und her." Mit diesem Haltungs- und Bewegungsspiel erkläre die Aufführung "mehr über Menschen als mit politischen Parolen". Die Inszenierung strahle "eine ungeheure Energie aus", besitze "hohen Unterhaltungs- und Aufklärungswert und beweist sich als modernes politisches Theater auf hohem schauspielerischem Niveau."

Tilmann Köhler lasse "keinen Zweifel aufkommen, wohin er die Verbindungslinien von Horváths 1930 erstmals gezeigtem Stück ins Heute zieht: Sie führen direkt ins Herz dieser Stadt", also Dresdens, schreibt Torsten Klaus in den Dresdner Neuesten Nachrichten (15.3.2010). Wenn Aufnahmen eines großen Nazi-Aufmarsches in Dresden über die hölzerne Leinwand flimmerten, dann lasse sich darüber streiten, "ob diese Parallelisierung lediglich plakative Funktion hat oder tiefer reicht. Damit stellt Köhler aber bildlich die verschärfte Frage, wo genau die Nazis andocken, wenn sie nach Dresden kommen." Horváth habe sich bei der Aufführung seiner Stücke "alles Satirische verbeten", denn auch "das Komische bei ihm wurzele immer Tragischen". Doch auch bei Köhler schimmere "das Komische immer wieder durch".

"Der umwerfend hellsichtige Horváth-Text" charakterisiere "seine Figuren mit Nuancen der Sprache oder aneinander gereihten Worthülsen, ohne sie zu denunzieren oder – im Falle der Nazis – zu verniedlichen." Daher brauche man auch "keine Bilder von demonstrierenden Neonazis in Dresden, um zu verstehen, dass Horváths Werk wieder aktuell geworden ist", meint Valeria Heintges in der Sächsischen Zeitung (15.3.2010). Dass Köhler diese Bilder dennoch projizieren lasse, gehöre "zu den wenigen Minuspunkten, die man seiner Arbeit ankreiden könnte. Zumal ihm und den beeindruckend agierenden Studenten vom Schauspielstudio eine lebendige, ideenreiche, auch komische, aber politisch sehr wache Inszenierung geglückt ist."

Abgesehen von Filmsequenzen, die Märsche von Neonazis durch Dresden zeigen, verzichte Tilmann Köhler "auf jedwede Aktualisierung und vertraut Horváths 'Volksstück in sieben Bildern' bis in die Regieanweisungen, die per Megaphon ausgerufen werden", berichtet Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.3.2010). Alles werde erspielt. Er lasse seine zehn Schauspieler über die Biergarten-Bühne "turnen, jagen, tanzen", als "trainierten sie für Olympia 1936" und führe sie in "griffigen, einfallsreichen Choreographien" "sehr stilisiert": "Da halten sich alle am Anfang etwa gemeinsam ein weißes Tuch vor den Bauch, weil sie als Sozialdemokraten am Stammtisch sitzen. Dann heben sie es über die Köpfe hoch und stampfen rhythmisch mit den Füßen, wenn auf der Straße die Braunhemden vorbeimarschieren." "Kein Grund zur Sorge" sage ein "ignoranter Stadtrat" am Ende des Stückes. "Kein Grund zur Sicherheit, stellt dagegen die kurzweilige, geschliffene Inszenierung von Tilmann Köhler mit dem herzerfrischenden, entschlossen aufspielenden Nachwuchsensemble fest (...)."

 

 
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