Konsequent kühl

von Michael Laages

Hannover, 13. März 2010. Neulich, in der Fremde: Der argentinische Regisseur Osvaldo Gabrieli, Bühnenbilder im "Teatro Oficina" in São Paulo, lässt der hingebungsvollen Verehrung für das Werk des spanischen Schriftstellers Federico García Lorca freien Lauf und montiert aus ungezählten Fundstücken im Werk des Dramatikers und Lyrikers eine Art "Readers Digest"-Lorca. Plötzlich, unendlich weit weg von allen Inszenierungs- und Deutungsversuchen hierzulande, von bedeutenden zeitgenössischen Regisseuren wie Konstanze Lauterbach, Peter Zadek oder Roberto Ciulli, Jürgen Kruse oder Thomas Bischoff, zeigt Gabrieli, wie es eben auch (aber hierzulande eben fast nie!) geht.

Denn dieser Lorca-Abend lässt sich tatsächlich ein auf das Ritual des verzweifelten Begehrens, auf Angst und Zwang und Lust, Sehnsucht und Einsamkeit. Auch auf Kitsch und feuchte Träume. Wenn von "Yerma" die Rede ist an diesem Abend weit weg von hier, von der Frau, die keine Kinder bekommt, sich austrocknen fühlt und nach jedem Schluck Wasser wie nach dem Samen des Befruchters lechzt, hat ein Zuschauer pro Abend die ziemlich beglückende Aufgabe, die schöne Frau, die da vor ihm hockt, von oben her aus einer Kanne mit Wasser zu füllen bis sie überläuft. Erotik pur.

Wer kriegt schon Kinder im Kühlschrank?

Die brasilianische Lorca-Aneignung lebt komplett von solcher Phantasie. Die hannoversche "Yerma"-Inszenierung von Sebastian Schug dagegen ist weltenweit weg davon. Der junge Regisseur, erfahren mit Lorca-Texten immerhin schon seit Berliner Studienzeiten, sucht eher nach einem Lorca-Kommentar als nach der Hitze in Lorcas Tragödie. Er lässt sich auf das Unaussprechliche nicht ein, nicht auf das Ritual und die Lust, die die Schmerzen (vielleicht) brechen könnten. Schugs "Yerma" zeigt beispielhaft, wie fremd Sprache und Motive des Spaniers, zu Hause immerhin als "Volksdichter" verehrt, in der Kälte intellektueller Deutung womöglich wirklich bleiben müssen. Diese Yerma kriegt kein Kind. Aber sie lebt hier auch wie im Kühlschrank.

Die Frau eines wohlhabenden Bauern ist auch nach zwei Jahren, ein paar Szenen später nach drei, dann nach fünf Jahren und schließlich lebenslang kinderlos geblieben, wie sehr sie ihn auch gedrängt hat. Wahrscheinlich ist er zeugungsunfähig, in jedem Fall hat sie ihn wohl nie wirklich geliebt. Stattdessen wärmt sie nur die Phantasie, mit einem schmucken Schäfer von nebenan auf und davon zu gehen. Doch das Maß an Zwang und Gefangenschaft, das aus katholisch-patriarchalisch-archaischer in ihr selbst gewachsen und gewuchert ist, lässt so etwas nicht zu.

Da sucht sie schon eher bei der Dorfhexe Heilung ihrer "Krankheit" und begibt sich auf Pilgerreise. In einer ritualisierenden Beschwörung erscheint gar der Teufel persönlich. Und während drumherum die Orgie der Fruchtbarkeit beginnt, bleibt Yerma auf ewig unbefriedigt. Was bleibt ihr, als den Mann zu töten – und in ihm das Kind, das er ihr nie gab?

... und nirgends lauert die Sehnsucht

Schugs Szenario treibt dem Stück alles vordergründig Spanische, alle Folklore gründlich aus – zu Gunsten einer Art von Straßen- und Volkstheater: mit einem rechteckigen Podest auf der Vorbühne, auf das herauf und von dem herab das Personal auf- und abtritt. Und nur Yerma ist eins mit sich. Alle anderen spielen verschiedene Rollen, die beiden Männer im Ensemble auch Frauen. Zwei böse Aufpasser-Matronen, Schwestern von Yermas Mann, sind gar nur als stumme Handpuppen präsent. Das Stück hat eigentlich 17 Rollen, das hannoversche Ensemble ist zu sechst.

Sandra Bayrhammer im Zentrum ist konsequent kühl, sie beobachtet das wachsende eigene Elend, sie schaut sich selber beim Verzweifeln zu. Überhaupt hat Schug dem Stück auch fast alle Emotion, alles unterschwellige Brodeln ausgetrieben. Nirgends lauert die Sehnsucht nach Ekstase, die Beschwörung der Grenzüberschreitung und des Kontrollverlustes in dieser von Konventionen völlig kontrollierten Welt. Und wo das Stück genau das eigentlich vorsieht, in Yermas Fluchten hin zu Hexe und Wallfahrt, sind Schugs spielerische Lösungen leider nur albern. Das ist die unspanischste, die protestantisch-aufgeklärteste "Yerma" seit langem.

Huch: Bedeutung!

So geht Lorca viel verloren – zum Beispiel alles Gefühl für den zutiefst zwanghaften Gesellschaftsentwurf, der dem Stück und all seinen Motiven zu Grunde liegt. Kaum auszudenken darum, was möglich wäre und machbar, wenn etwa Lorcas Tragödie der Kinderlosigkeit in eins gedacht würde mit den "Schwarzen Jungfrauen" des halt nur nicht katholischen, sondern islamischen Fundamentalismus (die Wiener Inszenierung des Textes von Günter Senkel und Feridun Zaimoglu ist ab Ende im hannoverschen Spielplan). Lorcas "Yerma" stiftet auch keinen Gedanke an Hauptmanns kinderdiebische Mutter Wolfen im "Biberpelz" oder die soziale (und eben nicht biologische!) Kindsmutter Grusche Vachnadze in Brechts "Kaukasischem Kreidekreis".

Was Schug und dem hannoverschen Ensemble dagegen zweifellos gelingt, ist ein hohes Maß an Konzentration im kommentierenden Spiel – mit Sandra Bayrhammers Yerma vorneweg, aber auch Sebastian Schindeggers fruchtlosem Gatten; dem ganzen Ensemble ist generell gut zuzuschauen. Wenn dann aber über die Wand hinter Christian Kiehls Nudelbrett-Bühne mit Stühlen und Requisiten rechts und links per Gabelstapler noch eine bühnenhohe Monsterkinderpuppe herüber gewuchtet und rätselstiftend ins Bild gestellt wird, geht's auch ein bisschen albern zu. Huch: Bedeutung!

Nach knappen eineinhalb Stunden ist der Lorca-Kommentar dann zu Ende. Yerma ist nicht nur verdorrt und verdurstet, sondern leider auch emotional verhungert. Besoffen von Trauer und Lust, wie vom fernen Lorca im fremden Südamerika, ist wahrscheinlich kaum jemand in die Nacht entlassen worden.


Yerma
von Federico García Lorca
Inszenierung: Sebastian Schug, Bühne: Christian Kiehl, Kostüme: Nicole Zielke,
Musik: Johannes Winde, Friedrich Stürmer, Dramaturgie: Volker Bürger.
Mit: Veronika Avraham, Sandra Bayrhammer, Sachiko Hara, Thomas Mehlhorn, Christina Rubruck, Sebastian Schindegger sowie den Musikern.

www.staatstheater-hannover.de

 

Der Regisseur Sebastian Schug, 1979 in Leverkusen geboren, inszenierte zuletzt im November 2009 am Theater Bremen Henrik Ibsens Hedda Gabler. Weitere Informationen im entsprechenden Glossareintrag.

 

Kritikenrundschau

Lorcas Stück "Yerma" erzähle "eine tragische, einfache Geschichte" mit zeitlosen Qualitäten, schreibt Stefan Arndt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (15.3.2010). Sie passe nicht schlecht in unsere Gegenwart, "in der kinderlose Frauen den Demografen eine nie gekannte Aufmerksamkeit bescheren und die Praxen der Reproduktionsmediziner florieren". Sebastian Schug verzichte allerdings "auf alle Bezüge zur Tagespolitik. Bei ihm bekommt die Geschichte vielmehr etwas Beispielhaftes – und neue Facetten, die alle Schlichtheit vergessen lassen." Gesehen hat er eine Art "Straßentheater im Staatsschauspiel", in dem die Schauspieler um Sandra Bayrhammer jeweils verschiedene Männer- und Frauenrollen annehmen. Diese "Verwirrung der Geschlechter" trage dazu bei, "das glutvoll dunkle Stück zu entsexualisieren. Die körperliche Nähe, die Lorca (...) fast drohend umkreist, wird in dieser Inszenierung zurückhaltend eingesetzt". Die metaphorische Sprache übersetze Schug dabei passenderweise in "kühle und rationale Bilder": "Die Liebe ist nicht poetisch, sondern ein Gesellschaftsproblem." Das Stück erscheine auf der Bühne "bedrohlicher und rätselhafter (...), als es eigentlich ist". Lob auch für das "sehr präsente Ensemble".

 

 
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