Die Schweiz nach dem Super-GAU

von Charles Linsmayer

Aarau, 17. März 2010. "Unter mir, da haben sie ganze Fussballfelder mit glühenden Kohlen zugeschüttet, die leuchten in der Nacht, ganz hell und da ist Rauch in diesem Licht und riesige Haufen von irgendwas..." Die Frau, die das sagt und gleichzeitig auch den Titel von Gerhard Meisters neuestem Theaterstück verrät – "Die leuchten in der Nacht" –, hat zu ihrem 25. Geburtstag einen Helikopterflug geschenkt bekommen. Einen Flug über das radioaktiv verstrahlte schweizerische Mittelland, in das ganz Europa seine atomaren Abfälle entsorgt.

Um die deutsche Schweiz herum wurde nach der Explosion eines Atomkraftwerks eine Mauer gezogen, innerhalb derer die überlebende Bevölkerung auf schreckliche Weise dahinvegetiert, und in zynischer Launenhaftigkeit des Schicksals wird in einem Punkt offenbar sogar ein Defizit wettgemacht: "Die Strahlen sind gut fürs Vögeln, der Schwanz leuchtet und wird hart wie eine Neonröhre. Was will man mehr."

Parallelaktion und Trümmerlandschaft

Gerhard Meisters Werk ist eher ein Sprechstück denn ein wirkliches Drama und besteht aus einer Reihe parallel geschalteter Monologe von Figuren, die kaum je miteinander ins Gespräch, geschweige denn in eine dramatische Auseinandersetzung geraten. Eine Vorlage, die für den Regisseur Nils Torpus, der das Stück mit Mitgliedern des Theaters Marie in einer Koproduktion mit dem Schlachthaus-Theater Bern und dem Theater Winkelwiese Zürich im Aarauer Theater Tuchlaube zur Uraufführung gebracht hat, eine nicht geringe Herausforderung darstellt.

Torpus lässt das Stück in einer Art Trümmerlandschaft spielen, die, wie sich bald einmal zeigt, aus zusammengerollten Lichterketten und Neonröhren besteht und im Verlauf der 100 Minuten Spielzeit immer stärker leuchtet oder eben: strahlt (Bühne: Renato Grob). Miriam Japp stellt, in Strahlenschutzkleidung mit darübergeschlagenem Kaninchenfellmantel, eine Journalistin dar, die dem Super-GAU noch rechtzeitig entkommen war und später dann in die verstrahlte Schweiz reiste, um den in der Ruine des Zürcher Hotels Dolder residierenden Schweizer Präsidenten Steiner zu interviewen. Was sie darüber zu erzählen hat, ist eine Mischung aus Horrorstory und Antiatomkraftwerkpamphlet. Aber in ihrer gelassenen, ruhigen Art vermag die Schauspielerin das Didaktisch-Oberlehrerhafte der Texte weitgehend zurückzudrängen und viel von der Beklemmung zu vermitteln, die der dunklen Vision innewohnt.

Mehrere Traumatisierungen

Philippe Graber spielt den "Mann in der Wohnung", einen Zyniker, der zuerst alles verdrängt und sich über die grassierende Atomhysterie lustig macht, um dann allmählich doch von den Ereignissen eingeholt zu werden. Eine Rolle jedenfalls, die eine echte Entwicklung zulässt und die darum auch mit Abstand am theatergerechtesten wirkt. Herwig Ursin verkörpert Sascha, einen jungen Mann, der die Explosion in einem fahrenden Zug miterlebt haben muss und ein schweres psychisches Trauma erlitt. Während er der Leiche eines Skifahrers nach und nach die Kleider wegnimmt, stammelt er unzusammenhängendes Zeug und vermittelt in Grunde nicht viel mehr als den Beleg dafür, dass der GAU die Menschen auch um ihren Verstand bringen kann.

Irgendwie traumatisiert erscheint auch die bereits erwähnte "Frau aus dem Hubschrauber", die von Francesca Tappa gespielt wird und die von ihrem Helikopterflug über die Strahlungszone, den Absturz, den sie und ihr Freund als einzige überlebten, und vom Marsch durch das verstrahlte Gebiet in einer lächelnden und munter-fröhlichen Weise erzählt, als berichte sie von einer Ferienreise in die Karibik.

Gegen die Verdrängung

Man könnte vieles kritisieren an diesem Stück, das die Dinge nur parallel setzt, statt sie miteinander zu verbinden und das auf eine Form des – dezidiert Partei ergreifenden – politischen Theaters zurückzugreifen scheint, wie sie einst von Peter Weiss oder Heinar Kipphardt gepflegt worden sind. Aber man kommt nicht daran herum zu anerkennen, dass es damit Nils Torpus und seinem kleinen feinen Ensemble gelingt, mitten im Zentrum des mit Atomkraftwerken besonders reich gesegneten Schweizer Kantons Aargau eine Aufführung zu präsentieren, die einen gerade mit ihrer etwas monotonen, aber eindringlichen Spielweise in einer Hinsicht nachdenklich stimmt, die zu verdrängen sich einmal bitter rächen könnte.

 

Die leuchten in der Nacht
Uraufführung
von Gerhard Meister
Regie: Nils Torpus, Bühne: Renato Grob, Dramaturgie: Myriam Zdini.
Mit: Miriam Japp, Francesca Tappa, Philippe Graber, Herwig Ursin.
Koproduktion des Theater Marie mit dem Theater Tuchlaube Aarau, Schlachthaus Theater Bern und Theater Winkelwiese Zürich.

www.theatermarie.ch

 

Kritikenrundschau

Vier Menschen, die hundert Minuten lang erzählen, erklären, stammeln, beschreibt Marco Guetg den Abend in der Aargauer Zeitung (19.3. 2010) "Die leuchten in der Nacht" sei ein Sprechstück aus Monologen. "Verknüpft werden die Figuren fast nie." Es sei eine schwierige Aufgabe für die Regie, "hier überhaupt eine dramatische Spannung aufzubauen." Also setze Nils Torpus mit seinem "fein agierenden Mini-Ensemble" auf Monotonie und spiele "mit der Spannung, die im Thema liegt."

"Weitgehend im Allgemeinen und damit leider sattsam Bekannten", bleibt der Abend für Bettina Spoerri von der Neuen Zürcher Zeitung (3.4.2010), die den Abend nach der Premiere im Zürcher Theater an der Winkelwiese (1.4.2010) gesehen hat. Die wenigen Seitenhiebe auf Politik und Zustände des Landes haben aus ihrer Sicht nicht mehr Sprengkraft als harmlose, alberne Gags. "Da macht es sich der Autor zu einfach, wenn er sich damit begnügt, ein paar Hinweise einzubauen wie etwa die, dass CS, UBS, Nestlé und andere Grossfirmen natürlich ihren Hauptsitz aus der Deutschschweiz haben abziehen lassen oder dass der neue Präsident – wie könnte es anders sein – im ehemaligen Dolder-Luxushotel residiert und seine Porträtfoto zwischen die von Tell und Minder placiert hat." Gespiegelt würden die Ereignisse aus vier zeitlich verschobenen Perspektiven, die an bestimmten einzelnen Punkten Verbindungen zwischen den Erzählungen und Szenen entstehen lassen. Das sind die Momente, in denen für die Kritikerin "etwas vom wirklichen Grauen aufscheint, das hier eigentlich beschwört werden soll." Doch insgesamt entwickelt diese Inszenierung, wie sie schreibt, "keinen dünnen Boden, durch den man plötzlich stürzen könnte. Sie bleibt vielmehr statisch und fliesst über weite Strecken nur zäh dahin."

 

 
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