Im Herzen des Chauvinismus

von Christian Rakow

Essen, 7. September 2007. Was war eigentlich letzthin aus Amerika zu hören? George Bush kommen die Gefolgsleute abhanden. Senator Larry Craig ist bei "homosexuellen Handlungen" auf einem Flughafenklo in Minneapolis erwischt worden. Der Abgeordnete Mark Foley verschickte anzügliche E-Mails an minderjährige Kongresspraktikanten. Der Senator von Louisiana steht bei Washingtoner Prostituierten auf der Kundenliste.

Die Öffentlichkeit feixt: Wo die Moral besonders hoch im Kurs steht, da kriegt auch das Laster eine grelle Fratze.

Man fühlt sich mitten hinein versetzt in das Amerika, das Tennessee Williams in seinem Südstaaten-Klassiker "A Streetcar named desire" 1947 schilderte. Eine miefige Moralkulisse und mittendrin sorgsam angerichtete Pikanterien – dieses Setting hat auch Williams, der Dichter aus dem protestantischen Pfarrhaus, für sein Psychogramm der Blanche DuBois gewählt. Das Pikante bringt die Heldin selbst mit: Weil sich Blanches erster Liebhaber als schwul entpuppt hat, bindet sie sich nie wieder, sondern macht, gewissermaßen nymphoman geworden, eine Kleinstadt unsicher.

Wucht des Moralischen

Nach einer Affäre mit einem Teen-Schüler verlässt sie die Stadt und zieht zu ihrer Schwester Stella nach New Orleans. Dort aber widerfährt ihr die volle Wucht des Moralischen in Person von Stellas Ehemann, dem Einwanderersohn Stanley Kowalski. Viril, proletenhaft und dabei randvoll mit patriarchaler Sittlichkeitsvorstellung verteidigt Stanley sein häusliches Regime gegen das eitle Mittelklassefräulein Blanche. Er deckt ihre Vorgeschichte auf, verhindert ihre gerade aufkeimende Partnerschaft mit seinem Kumpel Mitch und lässt sie schließlich, da sie immer wirklichkeitsfremder wird, in ein Irrenhaus einweisen.

Nun aber Deutschland. Neokonservativismusdebatte in der CDU hin oder her, in der Mitte der Gesellschaft ist dieses chauvinistische Koordinatensystem (Stanley: "Jeder Mann ist ein König!"), das den moralischen Konflikt des Stückes trägt, hier kaum zu verorten. Ungleich größer wird so die Gefahr für die Inszenierung, in der Peripherie stecken zu bleiben, bei den Problemen, die Männer vom Schlage eines Bushido umtreiben ("Berlin wird wieder hart, denn wir verkloppen jede Schwuchtel").

Panorama der Vorstadt

Endstation Märkisches Viertel. Die Bühne von Ansgar Silies ist denn auch vorstädtisch gehalten. Auf einer Anhöhe steht eine große 60er Jahre Bungalowfront mit Panoramafenster. Darunter Rudimente eines Wohnzimmerbereichs mit ranzigen Sofas und Stehlampen mit Schirmen. Es gemahnt ein wenig an Castorf-Bühnen von Bert Neumann. Doch geht es hier gänzlich anders zu. Die junge Regisseurin Schirin Khodadadian (Jahrgang 1969), deren Stern unlängst in Ingolstadt und Kassel aufging, wählt für die Essener Saisoneröffnung am Grillo ein behutsames Tempo. In Filmmanier, teilweise mit unterschwelliger Musik unterlegt, saugt sie die Zuschauer hinein in ein hyperreales Milieu, eine Flip-Flop- und Stöckelschuh-Gesellschaft, die ebenso gut im Ghetto-Block wie in einer Schrebergartenkolonie zu finden sein könnte.

Das Drama der Männer

Man läuft in Badeshorts oder Morgenrock, gern ärmelfrei und farbenfroh, man motzt sich an mit Ruhrpottakzent, man tanzt und pokert. Bilder eines schwülen Sommers. Es wird ein Drama der Männer. Blanche (Judith van der Werff) ist von Anbeginn an nicht mehr als ein verirrter Schmetterling. Geschminkt wie eine Porzellanpuppe entwickelt sie ihre Liebe zum kitschigen Detail ("dieser entzückende Lampion!") und referiert stets großäugig und mit hüpfendem Kopf: "Ich will keinen Realismus. Ich will Zauber!" Von dieser Kunstfigur ist weder eine Entwicklung noch eine Provokation zu erwarten.

Was ist es dann, das Stanley aus der Reserve lockt und seine Zerstörungslust anstachelt? Vermutlich nur, dass Stella mit dem Eintreffen von Blanche ihre Zuneigung zwischen beiden aufteilt. Der Mann, der König sein will, duldet nicht, dass seine Frau zum Diener zweier HerrInnen wird.

Dass im Herzen dieses Chauvinismus ein neurotisches Schutzbedürfnis ruht, macht Khodadadian gleich an beiden männlichen Protagonisten klar. Mitch (Werner Strenger) ist ein tapsiger Riese mit ausgeprägtem Mutterkomplex. Und auch Stanley (Andreas Grothgar), der glatzköpfig, mit kurzen Koteletten und Tätowierungen einen veritablen Hooligan abgeben würde, zeigt sich zunehmend weich. Selbst die im Stücktext vorgesehene Vergewaltigung von Blanche gerät ihm am Schluss nurmehr zu einem Abwehrkampf.

Dunkel ausgeleuchtetes Milieu

Wo sich aber der Gatte als brüchig erweist, da wird auch die ansonsten grundlegend geerdete Stella von Katharina Linder trostlos. Mit leerem Blick gibt sie das Schlussbild: Diesen Kerl wird sie ab jetzt aushalten müssen. Schirin Khodadadian lässt ihre Studie mit einem durchweg überzeugenden Ensemble in gut zwei Stunden ablaufen. Atmosphärisch dicht, stets unbehaglich dunkel ausgeleuchtet, gibt sie mehr als eine naturalistische Milieuschilderung. Und doch befällt einen die Ahnung, dass dieser von Machismo geprägte Wirklichkeitsentwurf jenseits von deutschen Hauptschulen eine äußerst eingeschränkte Geltung besitzt und dass also zwischen 1947 und heute ähnlich viel Distanz liegt wie zwischen dem Amerika des George Bush und Deutschland unter Angela Merkel.


Endstation Sehnsucht
von Tennessee Williams
Regie: Schirin Khodadadian, Bühne: Ansgar Silies, Kostüme: Pia Janssen, Musik: Katrin Vellrath, Licht: Eduard Ollinger, Dramaturgie: Gwendolyne Melchinger.
Mit: Judith van der Werff, Katharina Linder, Andreas Grothgar, Werner Strenger, Barbara Hirt, Lukas Graser, Dominic Oley u.a.

www.schauspiel-essen.de

 

Kritikenrundschau

In der WAZ (10.9.2007) betont Wolfgang Platzeck die Überzeitlichkeit des Stückes. Blanche sei eine "in der Nähe zu Tschechow angesiedelte Symbolfigur für eine untergehende Gesellschaft", die von Judith van der Werff als "leicht verhuscht, enervierend, alles Widrige auch in der eigenen Biografie verdrängend" überzeugend gespielt würde. Trotzdem (ihn wundert das, aber inhaltlich macht es Sinn) dominiere letztlich Stella (Katharina Lindner), deren laszive, selbstbewusste Libido sie zur "eigentlich Starken" machen würde. Das alles gefiel, nur das Bühnenbild von Ansgar Silies ließ Platzeck "ratlos" und kam ihm vor wie ein "besserer ´Lampenladen´". "Das Leben ein Provisorium? Darum geht es bei Williams eigentlich nicht."

 

 
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