Die humane Substanz wird zur Disposition gestellt

Berlin/Neustrelitz, 19. März 2010. Bei der gestrigen Verleihung des Kunstpreises Berlin in der Akademie der Künste erhielt Annett Wöhlert, die Oberspielleiterin des Schauspiels der Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz den Förderungspreis der Sektion Darstellende Kunst. In der Begründung der aus Nele Hertling, Gisela May und Christoph Schroth bestehenden Jury heißt es: "Annett Wöhlert ist es gelungen, eine starke regionale und überregionale Ausstrahlung des Schauspiel-Ensembles zu erreichen. Ihre Arbeit sprengt mittlerweile den Rahmen einer 'Provinz-Bühne'." Die 1965 geborene Regisseurin bedankte sich mit folgender Rede, in der sie die alarmierende kulturpolitische Situation in Mecklenburg-Vorpommern skizziert:


"Sehr geehrter Herr Akademiepräsident – verehrter Herr Staeck, sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister – verehrter Herr Wowereit, sehr geehrte Damen und Herren!

Ich danke der Akademie der Künste für diesen Förderungspreis. Es ist mir eine große Ehre, ihn entgegen – und mit nach Mecklenburg nehmen zu dürfen. Denn dort, in Mecklenburg-Vorpommern, herrscht derzeit kulturpolitische Ratlosigkeit.

Einfalt statt Vielfalt

Ehemals sechs leistungsfähige Bühnen kürzte eine sogenannte Theater- und Orchesterreform mit Fusionen und Kooperationen auf 4 Mehrspartenbühnen zusammen. Kulturpolitisches Ziel der Landesregierung ist es, dass in Mecklenburg-Vorpommern ab 2014 die dann noch bestehenden Bühnen in zwei "Kulturkooperationsräumen" zusammengefasst werden. Die Zuschauerzahlen sind bereits jetzt Förderkriterium des Bundeslandes geworden: Einfalt statt Vielfalt. Es gibt in diesem Prozess keine künstlerischen Kriterien.

Die Neubrandenburger und Neustrelitzer Bühnen sind derzeit durch kaum noch lösbare Finanzierungskonflikte in Frage gestellt. Die Finanzierung erfolgte bis gestern in Monatsraten. Wir wissen, dass 90 Prozent der Kommunen in Mecklenburg-Vorpommern verschuldet sind. Aus diesem Grund sind sie  'legitimiert', ihre  "freiwilligen Leistungen" zur Kulturförderung zu kürzen oder ganz aufzugeben.

Täglich ist es möglich, dass Bühnen in Insolvenz geraten und ihre Theaterarbeit beenden müssen. Und was jetzt an Theaterkultur weggekürzt wird, ist für immer verloren.

Gegen die tauben Ohren!

Es gibt einen Aufschrei aus Wuppertal, einen aus Schleswig-Flensburg, es gibt auch einen aus Mecklenburg. Wir arbeiten daran, dass er nicht auf taube Ohren trifft.

Dass es nicht Normalität der gesellschaftlichen Betrachtung wird, die humane Substanz – durch die Theater und Orchester getragen und über Generationen hinweg vermittelt – jederzeit zur Disposition zu stellen. Es würde uns alle bald weitaus mehr betreffen, als sich jetzt manch Verantwortlicher vorstellen kann.

Noch einmal meinen großen Dank an die Akademie der Künste für den Förderungspreis und besonders für den Blick auf ein Theater weit ab der 'großen Städte'. Ich verstehe ihn als eine Ermutigung für unser Theater und für eine widersprüchliche, eingreifende, poetische Theaterarbeit.

Herzlichen Dank."

 

 

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