Der Kampf des Schauspielers mit seinem Bildnis

von Stefan Bläske

Wien, 19. März 2010. Nun, da ich das echte Leben kennengelernt habe, kommt mir die Bühne falsch vor, sagt die Schauspielerin. Nun, da Du mich aber auf der Bühne nicht mehr faszinierst, erwidert Dorian Gray, interessierst Du mich auch im Leben nicht mehr. Für Dorian sind Leben und Kunst nicht mehr voneinander zu trennen. Und dass Schönheit oberflächlich ist, begreift der Schöne längst nicht mehr als Manko, sondern macht es sich zum Credo.

Diesen Ästhetizismus und auch diese Art der Oberflächlichkeit macht sich die Inszenierung von Bastian Kraft zu eigen. Das Bühnenbild besteht allein aus Leinwänden, an denen bunte Videobilder abgleiten wie an Lotusblüten. Dorian Gray selbst bekommen wir nur als Hülle, als Maskerade zu Gesicht: Sein Körper wird vollständig umhüllt von schwarzem Stoff, einem feinen Anzug inklusive Handschuhen, sein Kopf ist ganz in Gold getaucht, Haut und Haare wie von Metallschlacke und Blattgold überzogen.

Phantom der Kunst und sündenzerfurchtes Wrack

Es ist ein faszinierender Effekt. Bildhübsch wirkt das, und zugleich gruselgrausam, unheimlich mumifiziert. Das goldhautfetzenüberzogene Gesicht zeigt alles in einem: Dorian als begehrenswerten Goldjungen, als zeitlose Statue, Phantom der Kunst und sündenzerfurchtes Wrack. Dank dieser Maske sehen wir den attraktiven Jüngling, der Frauen, Männern und Malern den Kopf (und die Pinsel) verdreht – und erkennen zugleich sein altes Ich und Alter Ego: jenes Ganzkörper-Porträt, das auf magische Weise an Dorians statt altert und die "Spuren von Grausamkeit" aus dessen Laster-Leben auf sich nimmt. Das verhängnisvolle und darum verhängte Gemälde bleibt weiße Fläche, ein Raum für Projektionen, Leerstelle auf der sonst beständig von Bildern überfluteten Bühne im Vestibül des Burgtheaters.

Illusionistische und symbolistische Videos werden passgenau auf siebzehn Leinwände geworfen, meist im Großbild-Fernsehformat. Gemeinsam ergeben sie eine zwar fragmentierte, aber doch kinoartig die gesamte Bühne füllende Projektionsfläche. Eingespielt wird alles, was nicht Dorian Gray ist: seine Umgebung, Stimmung und alle anderen Figuren. Während Dorian etwa für sein Portrait posiert, blickt von einer der Leinwände der Maler durch eine dicke dunkle Hornbrille konzentriert auf sein Modell, auf einer anderen Leinwand taucht sein Pinsel in die Farbe.

Der Biss in den Apfel der Selbstbespiegelung

Eine weitere Projektionsfläche zeigt den Glatzkopf von Dandy Henry, mit seinen schmalen, schelmischen Äuglein und dem Spitzbart um die dünnen Lippen, mit denen er entweder Zigarettenrauch oder zynische Aphorismen ausstößt. Wenn er seine Zigarette ausdrückt oder am Espresso nippt, die Hand vom Mund zum Tisch wandert, dann springt sie von einer Leinwand auf eine andere. Und ganz unten wippen in Nahaufnahme seine pinkbesockten, elegantbeschuhten Füße.

Die einzelnen Kameraeinstellungen fangen Ausschnitte und Assecoires ein, wie Oscar Wilde sie in seinem Roman beschreibt. Sie schaffen Atmosphäre durch detailverliebte Umgebungszeichnung (das Teegeschirr, die Blumen), und charakterisieren oder klischieren die Figuren.

Diese – darin besteht der Clou – werden allesamt vom selben Schauspieler gespielt. In einer beeindruckend wandlungsfähigen One-Man-Show verkörpert Markus Meyer sämtliche Rollen – Verführer wie Verführte, Maler wie Model, jung wie alt. Als Dorian live auf der Bühne unterhält er sich mit den vorproduzierten Filmfiguren, führt Gespräche (Selbstgespräche?) über Kunst, Moral und Alter, streitet und interagiert mit den Videobildern.

Das ist Präzisionsarbeit und als schauspielerische Leistung einfach umwerfend. Wenn Markus Meyer akrobatisch über die Gestelle zwischen den Leinwänden umherklettert, beturnt er zunächst – vor Dorians Biss in den Apfel der Selbstbespiegelung – noch den frühlingsfrischen Garten unschuldig wie ein Kind ein Klettergerüst; wenn die Jahre und Sünden ins Land ziehen, hängt er wie Harold Lloyd an einer Uhr; und schlussendlich wirkt er wie von den Mühlrädern der eigenen Psyche geschreddert.

Die Gray'sche Gefahr

Markus Meyer macht seinen Dorian auf magische Art lebendig, während er doch in ein so enges Korsett eingeschnürt ist. Das Timing jeder Bewegung, jedes Wortes ist durch die Videos vorgegeben, und Präzisionsmaschine Meyer muss durchgängig gegen das Flimmern der Leinwandbilder und gegen seine Maske anspielen, die beide einen stark distanzierenden Effekt haben, die zugleich entzücken und entrücken. So wird der Kampf des Schauspielers zum Kampf von Dorian Gray – mit seinem Bildnis.

Man darf es wohl als kluges Konzept interpretieren, dass die gut einstündige Inszenierung stellenweise allzu effektbetont, oberflächlich, übermedialisiert und -ästhetisiert daherkommt – denn dies trifft sich mit einer naheliegenden Lesart des Romans von Bonmot-Bohèmien Oscar Wilde. "Alle Kunst", schrieb Wilde in seiner Vorrede zu Dorian Gray, "ist zugleich Oberfläche und Symbol. Wer unter die Oberfläche dringt, tut dies auf eigene Gefahr. Wer das Symbol deutet, tut dies auf eigene Gefahr".

Insofern ist es nur konsequent, wie Bastian Krafts Inszenierung die Oberfläche und die symbolischen Bildwelten radikalisiert, und genau damit ebenfalls der Gray'schen Gefahr aussetzt.

 

Dorian Gray
von Oscar Wilde
Regie: Bastian Kraft, Bühnenbild: Peter Baur, Kostüme: Dagmar Bald, Dramaturgie: Barbara Sommer, Musik: Arthur Fussy, Licht: Michael Hofer, Video: Michael Schüller, Peter Baur, Alexander Richter.
Mit: Markus Meyer.

www.burgtheater.at

 

Der Regisseur Bastian Kraft, Jahrgang 1980, ist Absolvent des Giessener Studiengangs für Angewandte Theaterwissenschaft. Seine, mit dem Schauspieler Philipp Hochmair am Hamburger Thalia-Theater erarbeitete Kafka-Adaption Amerika wurde 2010 zum Festival Radikal Jung in München eingeladen.

 

Kritikenrundschau

Der Einfall des Regisseurs Bastian Kraft, in seiner Inszenierung "Dorian Gray" im Vestibül des Burgtheaters "den realen Darsteller mit Filmzuschnitten kommunizieren zu lassen, ist einfach, aber genial", schreibt Daniela Tomasovsky in einer kurzen Kritik in der Presse (22.3.): "Er sorgt für Kurzweile und wird vor allem den beengten Platzverhältnissen gerecht. Manchmal wird auch zurückgespult, um einzelnen Episoden mehr Nachdruck zu verleihen." Der Darsteller Markus Meyer, der "gelenkig wie ein Akrobat" auf einem Gerüst herumklettere, verliere dabei "auch in den halsbrecherischsten Positionen den Faden nicht".

"Das Reflexionsniveau dieser Versuchsanordnung ist beachtlich", lobt Ronald Pohl im Standard (23.03.2010) die Regietat von Bastian Kraft. Im Vestibül finde "die 'décadence' ihre kongeniale, computergenerierte Nachbearbeitung." Kraft habe "eine Kletterlandschaft mit 15 Schirmflächen bauen lassen, auf deren Splitscreens Dorian, aber auch dessen Freunde und Bediente, darunter Lord Henry (der Einflüsterer) und Porträtmaler Basil (der in ihn Verliebte), zu sehen sind." Hier werde "Dorian Gray" zum "Virtuosenstück einer szenischen Kernspaltung." In Interaktion mit den Bildschirmen gebe "der grandiose Schauspieler Markus Meyer die vielen Doubles seiner selbst", wenn die Live-Kamera, "seine in Gold getränkte Larve in Echtzeit, aber eben auf viele Facetten verteilt, auf die Ebene der Wand überträgt." Alle Kontrahenten Dorians würden zu "manipulierten Ausgaben seiner selbst". In dieser Bildarbeit werde auch die Zeitverzögerungen signifikant. Denn: "Verspätung ist das ewige Schicksal des Menschen. Schönheit ist der Gewinn dieser tollen Produktion."

Anlässlich der Einladung zum Münchner Festival radikal jung 2011 schreibt K. Erik Franzen in der Frankfurter Rundschau (19.4.2011): Bastian Kraft etwa habe mit Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" einen Text inszeniert, "der noch heute schillert: wegen seines geistreichen Spiels mit Verschleierung, Entlarvung, Ironie, Abgrund". Die Suche nach dem radikalen Ich werde von Kraft "als vielschichtige Verfallsgeschichte eines Individuums erzählt, das sich in den Augen der anderen verliert". "Man mag das Setting als Design-Ästhetik abtun, die den Zuschauer doch ein wenig ermüdet. Aber Kraft hat gemäß der Vorlage eben dieses Spiel mit dem schönen Schein ins Zentrum gestellt." Fazit: "Was wir haben, und das hat das Festival eindrucksvoll gezeigt, sind Regisseure von heute, die sich ihr Material dort holen, wo sie Stoffe finden, die ihnen neue Spielräume eröffnen. Das muss kein Drama sein."

 

 
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