Pscht, das ist jetzt schön!

von Sarah Heppekausen

Essen, 20. März 2010. Beim Einlass in die Casa des Grillo Theaters warten die Schauspieler am Bühnenrand, checken Scheinwerferkabel, quatschen, nehmen Bekannte in den Arm. Gleich von Beginn an stellen sie klar, dass an diesem Abend mit offenen Karten Theater gespielt wird, und dass Einfühlung nicht zwingend etwas mit stringenter Figurenentwicklung zu tun haben muss. Im Folgenden rutschen die Darsteller so lässig in ihre Rollen und aus ihnen heraus wie die von Bühnenbildnerin Julia Plickat aufgestellte Rampe hinunter. Der junge Regisseur Antú Romero Nunes will den Zuschauer nicht belügen, hat er mal gesagt.

In seiner Inszenierung von Anja Hillings Episodenstück "Sinn" (2007 für das Thalia Theater, die Theaterakademie Hamburg und die Comédie de St. Etienne geschrieben) verlegt er das Geschehen in eine Art Filmset oder Traumrealisierungs-Werkstatt. Da kann das Publikum der Illusion bei ihrer Produktion zusehen und den Darstellern bei ihrer Rollenfindung.

Zeigen, wie man Romantik macht

Jeweils zwei (verliebte) Jugendliche treffen in Hillings Minidramen aufeinander, sie erzählen über sich oder den anderen, in der direkten oder indirekten Rede, im Präsens oder Perfekt. Nunes mischt das Sprach- und Figurenkonstrukt um Liebe und Sehnsucht auf, verteilt Sätze und Rollen scheinbar wahllos an die acht Schauspielstudierenden (die Produktion entstand in Zusammenarbeit mit der Folkwang Universität) und entzerrt so die Erzähl-Dialoge zu stimmigen, heiteren Handlungssträngen. Obwohl von (dramatischer) Handlung eigentlich kaum die Rede sein kann, weder im Stück noch in der Inszenierung.

In Hillings sehr poetischem, radikal und bildreich ausformuliertem Text erschöpft sich Handlung in Beobachtung und Nacherzählung. Nunes verlebendigt die (gekürzten) Verse, aber nicht indem er seine Schauspieler erblinden, röcheln, sich ritzen oder übergeben lässt, sondern indem er sie spielen lässt, wie man effektvoll Worte in Szene setzen kann. Der Regisseur bricht den lyrischen Bombast und die Ernsthaftigkeit des Textes auf. Und er fügt dem Stück eine neue Handlungsebene zu, die Wir-zeigen-Euch-wie-man-Romantik-macht-Ebene.

Die verzweifelte Suche nach dem perfekten Liebesmoment

"Pscht, das ist jetzt schön" meint zum Beispiel ein Darsteller, bevor Tommi über sein Mädchen sagen wird: "Ein Vulkan in einer Reihenhaussiedlung. Die Kreuzung des Menschen mit dem Seepferdchen". Das Licht gedimmt, Liebesszenen-Musik (von Johannes Hofmann) läuft. Der Regisseur spielt mit dem Kitsch wie mit den Möglichkeiten der Theater-Illusions-Maschinerie. Videoaufzeichnungen, Mikrofone, Filmblut, Spotlights, Wind- und Nebelmaschine – jede verzweifelte Suche nach dem perfekten Liebesmoment wird zur Showeinlage, die im close shot knutschender Paare endet, nachdem sie kurzzeitig von Fernseh-Kochstudios oder Live-Interviews unterbrochen wurde.

Das macht nicht nur Spaß beim Zuschauen, das Spiel mit den Spielmöglichkeiten lässt auch Pathos zu: Bei sinnreichen Fragen wie "Bewegt sich Musik in dir ... Haben Geräusche Gerüche ... Bin ich eine Farbe ein Ton eine Bewegung", die Phöbe an den blinden DJ Fred stellt zum Beispiel. Oder am Ende, das Nunes witzfrei, in Ruhe, dringlich und dann doch ganz im Vertrauen auf Hillings Worte bloß sprechen lässt.

Echtheit des Spiels

Die Schauspielstudierenden geben sich dem sinnlichen Spiel zwischen Schokoladensauce und knallenden Ohrfeigen, zwischen Improvisation und Rollenverteilung, zwischen Kameramann und Hauptdarsteller mit voller Wucht und Spielfreude hin. Das gelingt ihnen meist mehr, manchmal auch weniger überzeugend in den vielen Tiefenschichten, die die Inszenierung ihnen bietet. Gerade um Glaubwürdigkeit allerdings geht es dem Regisseur.

Auch wenn er sich vom Illusionsbegriff, der auf Nachahmung und gefühlsechtem Erfahrungstheater fußt, ganz offensichtlich distanziert: in den starken Momenten der Inszenierung erzeugt das Wechselspiel von Entertainment und psychologischen Porträts verliebter Jugendlicher größtmögliche Authentizität. Weil die Liebe im Alltag manchmal wie in einem Filmscript plötzlich vor einem steht.

Weil Blindheit auch mal zum Lachen sein kann. Weil Kochen auf der Bühne heutzutage unvermeidlich mit TV-Shows assoziiert werden muss.

Wahrhaftigkeit ist dann die Ehrlichkeit, mit der gespielt wird.


Sinn
von Anja Hilling
Regie: Antú Romero Nunes, Bühne und Kostüme: Julia Plickat, Musik: Johannes Hofmann, Video: Sebastian Pircher, Dramaturgie: Anna Haas.
Mit: Elmira Bahrami, Simon Breuer, Raphael Fülöp, Jessica Maria Garbe, Henriette Fee Grützner, Max Hemmersdorfer, Karolina Horster, Želkjko Marović.

www.schauspiel-essen.de


Der Regisseur Antú Romero Nunes, 1983 in Tübingen geboren, inszenierte zuletzt im Feruar 2010 am Berliner Maxim Gorki Theater die Uraufführung von Oliver Klucks Stückemarktpreis-gekröntem Das Prinzip Meese.

 

Kritikenrundschau

Anja Hillings "jugendlicher Beziehungsreigen" sei eine "romantisch-rasante Konfrontation mit dem Unmöglichen, verdichtet in knappe Minidramen und lakonische Liebesbeschreibungen", schreibt Martina Schürmann auf dem Kulturportal Der Westen (24.03.2010). Der "junge Regisseur" Antú Romero Nunes nutze "Hillings von Poesiebuch-Pathos und Werther-Tragik nicht immer ganz freie Vorlage in der Essener 'Casa' vor allem als Spielmaterial". "Das Beste an diesem Abend ist dabei die Wucht, mit der Nunes seine jungen Schauspieler, allesamt Studenten der Folkwang Hochschule, in die Rollen regelrecht hineinrauschen lässt." Einen "kurzweiligen Szenenfluss, in dem Poesie und Macker-Pose, Traum und Realität spielend leicht zusammenfinden" hat die Kritikerin beobachtet und zeigt sich voll des Lobs: "Wie reich das Theater der wenigen Mittel ist, wenn Menschen völlig hemmungslos so tun als ob."

 

 

 
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