Täter sind Menschen

von Ulrich Schmidt

Bielefeld, 26. März 2010. Walter hat zwölf Jahre Knast wegen Unzucht mit Minderjährigen hinter sich. Jetzt in Freiheit ist er unsicher. Er ist unsicher, weil er sich wieder an die Freiheit gewöhnen muss, unsicher, weil er nicht weiß, wie er mit den Menschen umgehen soll. Also passt ihm sein ungemütliches Zimmer in der Vorstadt, wo ihn keiner kennt, sehr gut als Rückzugsmöglichkeit.

Aber er bekommt keine Ruhe. Gegenüber seiner Wohnung sind ein Kindergarten und eine Schule. Eine seiner Bewährungsauflagen lautet: Nie näher als 100 Fuß an solche Einrichtungen heran. Zwischen Haustür und Schule liegen, er hat es nachts ausgemessen, 105 Fuß.

Jeder hat so seine Nöte

Natürlich ist er mit seinen Problem nicht allein. Er hat einen Therapeuten, doch ob der eine große Hilfe ist oder sein kann, wird nicht deutlich. Zudem schleppt der ein eigenes Problem mit sich herum: Rosen weiß nicht, wie er mit seinem Judentum umgehen soll. Schwager Carlos hält derweil unbedingt zu Walter. Denn er hat ihn gegenüber der Restfamilie immer verteidigt und ihm auch einen Job besorgt. Das war bevor er ins Gefängnis musste. Carlos hat im Job Karriere gemacht, hat sich also bewährt.

Nikki ist Walters Arbeitskollegin und seiner Einladung nach Hause gefolgt. Sie mag ihn, sie will ihn und sie kriegt ihn. Lucas wiederum mag Walter gar nicht. Der Polizist ist der Meinung, dass Kinderschänder für immer weggesperrt gehören. Demzufolge sieht er bei Walter keine Ansätze zur Läuterung. Des weiteren zieht mehrere Mal ein zwölfjähriges Mädchen, das "Walli" ruft durch die Szene, dem Walter verträumt-verschreckt hinterher schaut, als ob er nicht ganz begreift, wie ihm geschieht. Sehr real hingegen ist Robin, die dringend zwölf Jahre alt werden will, weil sie elf für ein blödes Alter hält.

So war das aber nicht gemeint

Soweit die Versuchungsanordnung des Autors Steven Fechter. Drama mag man das Stück nicht nennen, dafür sind die Dialoge viel zu dürftig. Und aus der Übersetzung quillt zu viel "gottverdammte Scheiße" bzw. es wird immer dann, wenn im amerikanischen Original gesagt wird "I mean" im Deutschen "Ich meine" gesagt, was nun aber gar nicht gemeint ist.

Stefan Imholz gibt Walter dabei als einen nervösen, gelegentlich auffahrenden Mann, der gern den Makel des Kinderschänders los sein möchte. Dazu stellt er sich auf die Probe. Die Wahl der Wohnung gehört dazu. Walter stellt sich also ans Fenster und beobachtet das Kommen und Gehen. Und er entdeckt eines Tages einen jungen Mann, der die Kinder so lange beobachtet, bis er ein Opfer gefunden hat. Diese Szene ist dann keine reine Mauerschau mehr.

Und ach, der Zufall!

Regisseur Christian Schlüter gibt Walter für diese Szene ein Mikrophon in die Hand, es wird daraus eine Reportage. Die Erregung, die Walter dabei ergreift – das zeigt Stefan Imholz sehr gut – ist eine, die er aus eigenem Erleben kennt. Und das Gesehene schlägt um in Wut. Gegen Ende erfahren wir, dass "Candy", so hat Walter diesen Unbekannten für sich getauft, ganz fürchterlich zusammen geschlagen worden ist. Steven Fechter demonstriert an der Begegnung Robins mit Walter folglich, dass er sich tatsächlich von seinem Dämon befreit hat. Er kommt mit dem Mädchen ins Gespräch, weil sie Vögel im Park beobachtet. Und als er es wagt, sie zu fragen, ob sie sich wohl auf seinen Schoß setzen möchte, erfahren wir, dass Robin auch ein Missbrauchsopfer ist.

Da schlägt ein bisschen zu viel Zufall zu. In einem wenig überzeugenden Schnellkurs macht Walter das Mädchen stark, um gegen den Vater auszusagen. Hier spielt wohl der Wunsch des Autors den Vater des Gedankens, aber Walter durchlebt natürlich noch einmal seine eigene "Karriere".

Nikki (Nicole Lippold) ist dabei so eine Art gute Fee, die meint, mit Sex, mit gutem, versteht sich, lässt sich der Kerl schon hinkriegen. Auch das ist eine Schwachstelle im Stück. Und bei der Rolle des Therapeuten im Text weiß man nicht so recht, ob er positiv gesehen werden soll. Denn einerseits ist er ja überzeugt, helfen zu können, andererseits treibt er seine Spielchen mit dem Probanden. Dieses Changieren ist bei John Wesley Zielmann allerdings gut aufgehoben.

Aber gut gemeint ist es schon

Der dröhnende, reaktionäre Polizist Lucas von Thomas Wolf hat dagegen ein Problem: Er ist kein amerikanischer Cop, wie man ihn aus den Filmen kennt. Dabei wird noch nicht einmal das Klischee konsequent bedient. Der Hut stimmt schon der Hut nicht, die Krempe ist viel zu schmal. Und allein mit Kaugummikauen markiert man nicht einmal einen Amerikaner.

So changiert dieser Abend zwischen der banalen Erkenntnis, dass auch Täter Menschen sind, denen Rehabilitation zuteil werden soll und der ernüchternden Erfahrung, dass Therapie und Liebe wunderbare Ansätze dafür sind. Aber in etwa anderthalb Stunden ist das nicht einmal ansatzweise zu diskutieren. So ist das Stück nur gut gemeint, was natürlich in der derzeitigen Situation vermutlich das Haus füllt, aber zur aktuellen Diskussion nicht beitragen kann.

 

The Woodsman (DEA)
von Steven Fechter, Deutsch von Christine Richter-Nilsson und Bo Magnus Nilsson
Regie: Christian Schlüter, Bühne und Kostüme: Anke Grot.
Mit: Stefan Imholz, John Wesley Ziemann, Georg Böhm, Nicole Lippold, Thomas Wolf, Rebecca Knorre-Bogdan/Tabea Knorre-Bogdan.

www.theater-bielefeld.de


Mehr zu Christian Schlüter: Im Januar 2009 brachte er in Bielefeld Antonio Negris Schwarm (Essaim) – Empörung und Hoffnung zur deutschsprachigen Erstaufführung.

 

Kritikenrundschau

Steven Fetchers Stück "The Woodman" spiele wie in einer Versuchsanordnung die Begegnung des Sexualstraftäters Walter mit der Gesellschaft durch und sei "dabei alles andere als eine trockene Angelegenheit, sondern engagiertes Theater, das sich an einer höchst aktuellen Frage abarbeitet - wie Umgehen mit Straftätern, die nach verbüßter Strafe wieder unter uns leben", schreibt Stefan Brams in der Neuen Westfälischen (29.3.). Der von Christian Schlüter in Bielefeld inszenierte Abend sei "eine Gratwanderung, ja, aber eine notwendige, eine verstörende und eine, die glückte - dank eines konzentriert und intensiv aufspielenden Ensembles und dank des Hauptdarstellers Stefan Imholz, der Walters Ringen mit der Welt beklemmend authentisch bis hinein in jede Faser seines Körpers spielte."

 
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