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Das perfekte Multi-Kulti-Dinner

von André Mumot

Hannover, 27. März 2010. Na, da ist aber jemand großzügig gewesen mit dem Knoblauch. Das Publikum betritt den Saal und taucht unversehens ein in die dichte Duftwolke eines marokkanischen Dinners, das bereits munter vor sich hinbrutzelt. Eine voll funktionstüchtige, gut aussehende Edelstahlküche bildet die Schranke, hinter der fünf ebenso gut aussehende junge Menschen, vier Damen und ein Herr, in guter Laune Paprika schneiden, Wein trinken und ungezwungen mit einander plaudern. Das ist ein bisschen wie im Maggi-Kochstudio, aber sehr hip und weltoffen und bestimmt auch irgendwie ironisch. Bis alle plötzlich erstarren und im Chor verkünden: "Allah ist mein Herrscher." Und: "Ich will errettet werden, will mich unterwerfen."

Für den Ballhof, die Nebenspielstätte des Schauspiel Hannovers, hat Lars-Ole Walburg jetzt seine Burgtheater-Inszenierung der "Schwarzen Jungfrauen" von 2007 neu eingerichtet. Aus Interviews mit jungen Muslima hatten Feridun Zaimoglu und Günter Senkel 2006 dieses Stück gebaut, das sein Provokationspotential inzwischen wahrlich nicht eingebüßt hat. Sprechen hier doch bezwingend selbstbewusste Frauen, denen vor allem eins gemein ist: Die pauschale Verachtung einer westlichen Kultur der "Schwuchteln, Porno-Schlampen und Ungläubigen.

Ist das klar, ihr Christenspießer!

Walburg verdichtet das Material auf schlanke 70 Minuten, verteilt es unter den Darstellern, löst klar umrissene Identitäten auf und gibt nur wenigen Figuren die Möglichkeit, ihre vollständige Geschichte zu erzählen. Das ist noch vergleichsweise amüsant bei der bosnischen Handyverkäuferin, die Julia Schmalbrock mit patenter Großmäuligkeit zur Sympathieträgerin macht und die nach der missglückten Bekehrung eines Verehrers kleinlaut feststellt: "Ich bin schwer für Djihad, aber mit der Liebe könnte es auch mal klappen.

Am beängstigenden anderen Ende der Radikalisierungs-Skala aber steht der berüchtigte Höhepunktmonolog, den Sachiko Hara mit schwerem asiatischen Akzent und wild funkelnden Augen ausfaucht, nachdem sie traumverloren zum Blauen-Donau-Walzer getanzt hat: "Mit mir läuft keine Liebe, ich reiße dem Angreifer die andere Wange vom Gesicht. Ist das hier allen klar, all den Christenspießern mit ihrem Lämmchenjesulein, all den Judenscheißern mit ihrem alten Kacktestament und dem gottlosen Gesocks? Liebt euch, bis euch die Luft wegbleibt, liebt euch, ihr Touristen, bis euch die nächste Detonation zerfetzt.

Poetische Versuchsanordnung ...

Der Westen ist Walzer, er ist weich und verletzlich, der Hass aber, der ihm gegenübersteht, ist stark. Walburg verzichtet auf Versöhnungsgesten, seinem eindringlichen Abend scheint es vor allem darum zu gehen, allgemeine Verunsicherung zu erzeugen -  was ihm hervorragend gelingt. Stark und fesselnd und bestürzend ist die Inszenierung aber gerade deshalb, weil er dabei keine platte Reality-Show abliefert, keinen authentisch alarmierenden Report von der Islamistenfront, sondern die Zaimoglu/Senkel-Texte als poetische Versuchsanordnung aufgreift.

Der religiösen Ideologie einer radikalen Komplexitätsreduktion, in der starre Rollenmuster Übersichtlichkeit garantieren sollen, tritt hier das theatrale Spiel entgegen, das alle Klarheiten unterläuft. Die Rollen sind bewusst nicht mit Frauen besetzt, die offenkundig aus einem muslimischen Migrationskontext stammen, und die Tatsache, dass ganz selbstverständlich ein Mann in den Damenchor einstimmt (Martin Vischer mit bodenlangem falschem Haar), spricht für sich. Vor jedem Solo wird die entsprechende Perücke aufgesetzt, eine George-Bush-Maske kommt ebenso zum Einsatz wie verschiedene Burkas, und außerdem wird vor der Edelstahlküche Madonnas "Like a Virgin" angestimmt.

... oder gehässiges Sinnbild?

Die Parolen sind das eine, das Theater das andere. Auf dieser Bühne werden mitunter die menschenverachtendsten Dinge gesagt, und gleichzeitig wird von der Lebenslust erzählt, es werden emotionale Zwischenräume aufgerissen, Stolz und Demütigung und Selbstbestrafung sichtbar gemacht. Und dann wird wieder gekocht und geplaudert. Irgendwann ist das Essen fertig - und es sieht tatsächlich fantastisch aus. Schön bunt. Exotisch. "Na also, geht doch!" möchte man sagen, während das Quintett einträchtig zulangt.

Aber dann fällt die Stimme eines kleinen Mädchens aus dem Off und rekapituliert, dass die Kultur des Hasses die stärkere sein wird und dass das "Zivilisationsbabylon" mit seiner verweichlichten Demokratie bald schon Geschichte sein wird. Die Köchinnen lauschen kurz, zucken dann aber bloß mit den Schultern und kauen fröhlich weiter. Oh weh. Ist das perfekte Multi-Kulti-Dinner also doch keine schöne Theater-Utopie gewesen, kein hoffnungsvolles Gegenmodell, sondern bloß gehässiges Sinnbild unserer fröhlichen Arglosigkeit?

Die Knoblauchwolke hat sich gesenkt. Das Publikum schluckt. Der Appetit ist vergangen.

 

Schwarze Jungfrauen
von Feridun Zaimoglu/ Günter Senkel
Inszenierung: Lars-Ole Walburg, Bühne und Kostüm: Nina Wetzel, Musik: Tomek Kolczynski, Video: Sebastien Dupouey, Dramaturgie: Sebastian Huber.
Mit: Sandra Bayrhammer, Sachiko Hara, Elisabeth Hoppe, Julia Schmalbrock, Martin Vischer.

www.staatstheater-hannover.de


Der Regisseur Lars-Ole Walburg, seit dieser Spielzeit Intendant in Hannover, hat dort zuletzt im Januar 2010 Lukas Bärfuss' Parzival uraufgeführt, u.a. mit Sandra Hüller. Zum Spielzeitauftakt stellte er sich im Oktober 2009 mit dem Heiner-Müller-Abend Wolokolamsker Chaussee/ Das Leben des Autors vor.

 

 

Kritikenrundschau

Die Party verlaufe anders, "als die verlockenden Düfte, die durch den Theatersaal ziehen, verheißen". Denn dieser Abend zeige vor allem, was "in den Figuren brodelt", so Karl-Ludwig Baader von der Hannoverschen Allgemeinen (29.3.2010). Lars-Ole Walburg setze in seiner Inszenierung von "Schwarze Jungfrauen" "auf die schnelle Abfolge schriller Szenen, die überwältigen wollen und es auch tun" – was sicher auch im Sinn der Autoren Zaimoglu und Senkel sei, die hier Interviews "zu eloquent-aggressiven Monologen verdichtet haben". Zaimoglu interessiere sich "für die Extreme, nicht nur für politisch-religiöse, sondern auch sprachliche Radikalität", lässt seine Frauen also das ganze "Schimpf-, Fäkal- und Drastikvokabular von coolen Großstadtgirlies" draufhaben. Das Stück ziele auf Provokation, spiele mit Klischees und zersetze diese. Dabei fehle "jede Ausgewogenheit, jedes didaktisch durchdachte Buhlen um 'Verständnis'". Das Stück wolle "den Wohlmeinenden auf den Nerv gehen und ihnen die gewohnte Beschützergeste eines patriarchalischen Feminismus austreiben". Und lasse sich "als ein konfrontativ und provokativ angelegter Appell verstehen, sich einmal für das wirkliche Denken der jungen Muslime zu interessieren (...), statt nur über ihre Köpfe hinweg Vermutungen anzustellen".