Mörderische Macht, menschlicher Abgrund

von Michael Laages

Dresden, 27. März 2010. Wer konnte das schon ahnen? Hätten Hollywoods Filmgötter nur ein bisschen anders entschieden, hätten gestern gleich zwei "Oscar"-Preisträger in Dresden Theater-Premiere gefeiert. Aber auch so, mit den Schauspielern Christian Friedel und Burghart Klaußner als "nur" nominierten "Oscar"-Kandidaten aus Michael Hanekes vielgerühmtem Film Das weiße Band, ist am Dresdner Staatsschauspiel mit Friedrich Schillers "Don Carlos" ein außerordentlicher Theaterabend gelungen.

Warum? Weil der junge Regisseur Roger Vontobel mit dem Klassiker nicht aufgesetzt und überangestrengt herum spektakelt hat, sondern weil er bei aller Modernität und Zeitgenossenschaft den gedanklichen Kern, den Schiller-Sound ganz unbehelligt ließ, ja, ihn in halbwegs ungewohnter Frische neu vermessen hat.

Raunendes Geflüster, gefährliches Getuschel

Klaußner und Friedel, die Kino-Stars und Protagonisten, sind in diesem Bemühen nur sorgsam platzierte Bausteine in einem generell sehr starken Ensemble. Was konkret vermag Vontobel mit dem alten Stoff neu zu erzählen? Vor allem findet er Bilder (und behält mit ihnen eine Sprache) für die zwanghaften Abhängigkeiten und unausweichlichen Brüche in jedermanns Persönlichkeiten, die ein politisches System mit sich bringen muss, dass auf Unfreiheit basiert.

© David Baltzer
Burghart Klaußner als Philipp im "Don Calos"
© David Baltzer

Schillers Spanien, ausgestattet mit allen Insignien der europäischen Groß, ja Welt-Macht, inklusive der kirchlichen Inquisition, ist hier ein Überwachungsstaat, in dem nichts und niemand unentdeckt bleiben kann. Und auf Magdas Willis zu Beginn, in der königlichen Sommerfrische, noch hell ausgeschlagener Bühne kommt aus der Tiefe der Versenkung ein Palast ganz in Schwarz herauf gefahren, mit haushohen Flügeltüren überall, schmal wie Schießscharten, hinter denen jederzeit die geballte Staatsmacht in Gestalt eines quasi ständig präsenten Bedienten-Korps erscheinen kann.

Draußen vor der Tür herrscht im übrigen die Überwachungskamera und zeigt all das, was nicht in den königlichen Gemächern stattfindet, und oft genug ist auch der Zuschauerraum angefüllt mit raunendem Geflüster und wissendem, gefährlichem Getuschel – da fehlt nur noch der Computer, der dieses Herrschaftswissen vernetzt in perfekter Staatssicherheit.

Ober-Guru einer finsteren Allgewalt

Aber eben auf den (und auch auf die in Dresden und zwanzig Jahre danach immer noch recht nahe liegenden Assoziationen zur Welt der Stasi-Informanten) kann Vontobel schon verzichten. Bereits die demonstrativ ordensbehängte Brust der Chef-Charge Herzog Alba wirkt um ein paar Spuren zu deutlich. Es reicht eigentlich schon, wenn Burghart Klaußners König Philipp das Sakko ablegt und die Krawatte öffnet, um die Enge und Ausweglosigkeit zu markieren, in der sich diese Macht hier eingesponnen hat.

Zum finstren Ende hin, nach dem Pistolen-Geballer bei der etwas überreizt mafiosen Hinrichtung des dezent nach Alt-68er aussehenden Freiheitshelden Marquis Posa sowie des Königs Mord am eigenen Sohn, taucht als Kardinal-Inquisitor (und Ober-Guru einer über-finstren All-Gewalt, wie sie einst eben "die Kirche" war) Lore Stefanek wieder auf, die zuvor den ganzen Abend über die Chefin der Bediensteten war im schwarzen Schloß der Macht und ganz zu Beginn, in den schönen Ferien-Tagen von Aranjuez, mit dem königlichen Kindchen spielte, von dem niemand (nur die Königin) weiß, ob es vom König ist oder vom Prinzen.

Noch dieser letzte, monströse Auftritt der Inquisition ist mit Lore Stefanek eine klug gesetzte Pointe. Denn die letzte, diese mörderische Macht, der dieses ganze System sich komplett unterworfen hat, kann und jederzeit und überall und ganz alltäglich menschlich-abgründige Gestalt annehmen: wie die Monster, die wir immer wieder rufen.

Tragisches, politisches Märchen

Alle siedeln ganz privat am eigenen Abgrund in diesem durch alle Zeiten hoch politischen Stück, und alle können fallen – Schauspielerinenn und Schauspieler zeigen in Dresden, wie das geht: Klaußner als furios in und an sich selber zerbrechender Machthaber, Friedel als zögernder, immer wieder im Selbstgespräch sich verstörender Sohn, dessen Impuls die unerfüllte Liebe zu jener Frau ist, die einst ihm versprochen war und nun sein Mutter sein muss; Matthias Reichwald schließlich als selbstsicher intrigierender, aber auch an der eigenen Sehnsucht nach Heldentum scheiternder Revoluzzer Posa.

Zwischen ihnen die Frauen: hier Sonja Beißwenger als dunkel-schmale, mutig-entschlossene Königin Elisabeth, da die grandiose Christine Hoppe als tragisch in die Irre liebende Hofdame Eboli. Noch Thomas Eisen und Christian Erdmann als stark verknappter Hofstaat halten ihre schmalen Rollen eng und kompakt. Spätestens mit ihnen beginnt das Publikum zu vergessen, dass hier ein dramatisch politisches Märchen aus uralten Zeiten erzählt worden ist.

Kein Wunder, dass es uns nicht aus dem Sinn gehen will.


Don Carlos
von Friedrich Schiller
Regie: Roger Vontobel, Bühne: Magda Willi, Kostüme: Dagmar Fabisch, Video und Musik: Immanuel Heidrich, Dramaturgie: Robert Koall.
Mit: Sonja Beißwenger, Thomas Eisen, Christian Erdmann, Christian Friedel, Christine Hoppe, Burghart Klaußner, Matthias Reichwald, Lore Stefanek und Statisterie.

www.staatsschauspiel-dresden.de


Der Regisseur Roger Vontobel kam 1977 in Zürich zur Welt und ist im südafrikanischen Johannesburg aufgewachsen. Seine Inszenierung von Ibsens Peer Gynt, im Januar 2010 am Theater Essen herausgekommen, wurde zum NRW Theatertreffen 2010 eingeladen.

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=xKCNzBfGy5E}

 

Kritikenrundschau

Auf Tomas Petzold von den Dresdner Neuesten Nachrichten (29.3.2010) wirkt Roger Vontobels "Don Carlos"-Inszenierung, die sich ganz auf den Text und die Schauspieler konzentriere, "sehr jung und frisch". Er verschiebe das Zentrum des Dramas von Carlos auf den König, der hier "mehr noch als die jungen Weltverbesserer zum tragischen Helden wird". Er sei mit Burghart Klaußner, der "mit seinem Gespür für die allgegenwärtigen Abgründe der menschlichen Existenz über die Dauer zu fesseln mag", ideal besetzt. Philipp sei hier "der Boss, einsamer Souverän", dem Klaußner "gewiefte Erfahrung und wachen Instinkt" verleihe. Christian Friedel stelle ihm als Don Carlos "alles entgegen, was auflodernder Intellekt, gewinnender Charme und scheinbar verzeihlich-jugendlicher Überschwang vermögen". Statt im spanischen Königreich des 16. Jahrhunderts wähne man sich hier "eher in einer postdemokratischen Gesellschaft, einem Wirtschaftsimperium vielleicht, dessen Macht gleichwohl auf der Dreieinigkeit mit Militär und Kirche ruht". In diesem "spätbürgerlichen Milieu" würden Schillers Verse fast zur Prosa." Vontobel konzentriere sich "stärker auf Missverständnisse als auf Intrigen" und suche "weniger nach Gut und Böse als nach genutzten und vertanen Chancen" – "von den Idealen der Aufklärung zur Politik als Kunst des Möglichen?" Am Ende erschieße Philipp den Sohn beim "privaten Showdown"; das darauffolgende Schweigen werde "von einem selten so einhellig begeisterten Publikum gebrochen".

Das bestätigt Valeria Heintges von der Sächsischen Zeitung (29.3.2010), die ebenfalls positiv verblüfft ist, dass das "uralte Werk als packender Thriller aus den Vorder- und Hinterzimmer der Mächtigen auf die Bühne kommt". So wie dieser Don Carlos "trickst und schachert", habe wahrscheinlich Merkel mit Sarkozy über die EU-Hilfen für Griechenland verhandelt. Auf der "äußerst spartanischen" Bühne würden die inoffiziellen Gespräche in den Hinterzimmern überzeugenderweise nur über Videobilder sichtbar. "In dieser Welt der Anzugträger, Konferenzräume und Sicherheitsleute" zeige sich Schillers Handlung "wie ein endlich entwirrtes Wollknäuel" – dank der "sehr genauen Regie, die sich keine Schludrigkeiten erlaubt, und Schauspielern, die den Text erden und so erst mit Leben füllen". Beides sei Vontobels Team "hinreißend gelungen". Der "größte Gewinn dieser Inszenierung" sei wohl, dass sie verdeutliche, "wie genial Schiller berufliche und private Motivationen untrennbar vermischt". Klaußner spiele "ungeheuer differenziert, schleudert geschliffene Worte wie spitze Messer". Friedels Carlos sei "wie ein junger Vogel, der sich voller Wut die Flügel am goldenen Käfig wundschauert", während Reichwalds Posa "ein hochfliegender Visionär und Kämpfer, aber auch unsicher uns stolz" sei.

Roger Vontobel hat einen "Psychothriller über drei Männer in ihrem Wahn inszeniert", schreibt Christine Diller (Frankfurter Rundschau, 30.3.2010): "Ziemlich konventionell in den Mitteln, sieht man von den Live-Videos vom herumirrenden, -schwirrenden Hofstaat und der Geräuschkulisse mit dessen perfidem Geflüster und Geschwätz ab, aber sehr, sehr aufregend in seiner Präzision." Schillers "verzwickte Blankverse" würden hier "in jeder Silbe wieder Geste, Gedanke, Gefühl, und deshalb hängt man dreieinhalb Stunden lang gebannt an den Lippen der Schauspieler". Ein "Getriebener, Rasender" werde dabei "der großartige Christian Friedel als Don Carlos". Hervorragend im "wunderbar spielenden Ensemble sind auch Sonja Beißwenger als coole Elisabeth und Christine Hoppe als zutiefst zerstörte Eboli". "Je größer und komplizierter der Stoff, desto größer und fruchtbarer Vontobels Lust, sich darauf einzulassen, und umso geringer die Gefahr, sich in Regie-Ideen zu verrennen?", fragt Diller. "Ist das vielleicht die Vontobel-Formel? In der bejubelten Dresdner Premiere hatte es den Anschein."

Für Anne Peter von der taz (8.4.2010) ist das Bestechende, "in welcher Klarheit" und "mit welcher Spannung" Vontobel den verwickelten Politthriller erzählt. Alle von Schiller ineinander verschränkten Dramen liefen nebeneinander her, "ohne dass eines die Oberhand gewinnt". "Unaufdringlich heutig" wirke der Abend, ohne dass er den Stoff "verkleinernd in einer Real-Sphäre verankert". Das Ereignis dieser "weder formal noch interpretatorisch auftrumpfenden Inszenierung" seien vor allem die Schauspieler, deren nuanciertes Spiel die Figuren "in aller Ambivalenz schillern" lasse. Sie gelängen "so glaubwürdig, dass man nicht mit einer von ihr mitgeht, sondern sie alle in ihren Ängsten, Nöten und dunklen Gefühlen zu verstehen glaubt" und "binnen einer Szene zwischen ihnen hin- und hergerissen" werde. "Die Inszenierung macht plastisch, was es heißt, dass Politik (...) immer von Menschen gemacht wird." Und wo sich "die Öffentlichkeit jeden Tag aufs Neue erschrickt, wie furchtbar Ämter und Verantwortung missbraucht werden können", tue es gut, "wenn das Theater auf solch luzide Weise daran erinnert, dass nichts ungeheuerer ist als der Mensch".

Es sei nicht "der deutende Zugriff, der diesen Abend zum Ereignis macht", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (8.4.2010). Denn dass im "Don Carlos" eine Überwachungsstaats-Kritik stecke, hätten schon andere entdeckt. Dass Misstrauen der Kitt dieser Hofgesellschaft ist und "die Sehnsucht nach Erlösung durch erfülltes Lieben in ungetrübtem Vertrauen geradezu pathologische Züge annimmt" auch. "Groß und bestaunenswert, ja packend und von einer seltenen szenischen, psychologischen Dichtheit" werde Vontobels Abend "durch die schneidende Präsenz, die Selbstaufgeklärtheit der Spielweise: Keiner wickelt hier seine Sätze einfach als Figurenbeiwerk ab, keiner flüchtet sich in routinierte, abgehangene Gesten". "Am deutlichsten unbestimmbar" blieben der König und sein Sohn, "die mit ihrem Beziehungskrieg" im Zentrum stünden. Doch das "Spiel der kleinen, hoch verdichteten Gesten" beherrschten nicht nur Klaußner und Friedel, "das gesamte, erstaunlich homogene Ensemble" erschaffe "ein Denk- und Schaustück von flirrender Intensität", in der alle "an Heimweh nach einem besseren, tieferen, ruhigeren Leben erkrankt" scheinen.

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