Ich und mein Gold

von Andreas Klaeui

Zürich, 31. März 2010. Eine Figur zum Lachen ist dieser Volpone nicht. Das ist die große Leistung des kurzen – 75 Minuten langen – Abends: André Jung spielt einen Volpone, der in Haltung und Motivationen weit über die Jonson'sche Menschentierfabel hinausgeht; Volpone, der reichste Mann Venedigs, der Fuchs, der schlau den Sterbenden spielt und die aasgierigen Raubvögel reinlegt, Voltore, Corbaccio, Corvino, Geier, Krähe und Rabe, und am Ende selbst reingelegt wird von seinem gerissenen Diener Mosca, der Schmeißfliege.

Der Zürcher Volpone ist eher Künstler als gerissen. Raffgier ist nicht sein Antrieb. Wie ein Kunstliebhaber tut er sich im begehbaren Trésor um und bewundert seine Feinunzen mit der Lupe; wie ein Schauspieler buhlt er bei Mosca um Anerkennung, wenn er wieder besonders wirkungsvoll den Todkranken gegeben hat: Wie war ich?

Ein desillusionierter Melancholiker

Was er im Trésor hat, gibt er freizügig weiter oder setzt es um ins Gabelfrühstück (mit Champagner aus Reims und Käse aus dem Piemont), das er ganz selbstverständlich mit Mosca teilt. Er ist ein Bonvivant von heute, an Venedig erinnert noch ein Lüster aus Muranoglas. Wenn ihn das Gold begeistert, dann als Stoff für eine äusserst ambivalente Ode. Und auch seine Intrigen scheinen ihn in erster Linie als Kunstwerk zu interessieren, nicht als Mittel zum Besitz-Zweck. Geizistgeil ist das nicht.

André Jung spielt einen Volpone ganz ohne Tücke, mit viel Raum um sich, unaufgeregt, nachdenklich, desillusioniert – ein Melancholiker. Das wird er am Ende gewesen sein. Und da hat er am Ende auch noch mal einen kostbaren Theatermoment im nunmehr geleerten – golden ausgeleuchteten – Trésor, um alles gebracht, von allen verlassen, nur mit sich selbst und seinem Gold-Gedicht.

Es gibt einige schöne Schauspielermomente an diesem Abend: Kabinettstücklein der listigen Krankenverstellung, in allen Phasen, zwischen Ächzen auf dem Todeslager und Verdämmern im Rollstuhl. Sekundiert vom aufsässigen und weit lebenstüchtigeren Mosca von Johannes Zirner, der ihn schön skrupellos umschwirrt, aber alles in allem doch nur Charge bleibt.

Die Welt als Wille und Verstellung

Werner Düggelin richtet sein Augenmerk auf Volpone, kaum auf die ihn umgebenden Figuren (dabei läge ja bei ihnen auch einiges an Brisanz, etwa in der Frage, wie weit sie zu gehen bereit sind, um an Volpones Gold zu gelangen). Sie bleiben eindimensional, auch Voltore, Corbaccio und Corvino: ein Erbschleicher-Typ in dreifacher Ausführung, unterschieden einzig darin, dass beim einen die Vertrottelung altershalber auftritt, beim anderen natürlich.

Es ist zuletzt dann doch alles zu eindeutig. Zu moralisch ist der Schluss (in Düggelins eigener Textfassung); zu symbolhaft dreht sich auf Raimund Bauers Bühne das Karussell von Trésor und Verstellungs-Garderobe; zu offensichtlich dräuen im Hintergrund die stimmungsadäquat eingefärbten Wolken. Die Botschaft ist allzu klar.

Aber einfach nur grinsen mag man über diesen Volpone doch nicht.

Volpone
von Ben Jonson
deutsche Fassung von Werner Düggelin
Regie: Werner Düggelin, Bühne: Raimund Bauer, Kostüme: Francesca Merz, Licht: Markus Keusch, Video: Andi A. Müller, Dramaturgie: Roland Koberg.
Mit: André Jung, Johannes Zirner, Ludwig Boettger, Siggi Schwientek, Markus Scheumann, Carolin Schär, Franz Beil.

www.schauspielhaus.ch

 

Ben Jonsons Raffzahn-Satire von 1605 wurde in diesen Geiz-ist-geil-Zeiten immer mal wieder aufgelegt, unter anderem auch auf Schwäbisch, beim Gomaringer Theatersommer 2009 von Albrecht Hirche. Am Staatstheater Wiesbaden servierte im November 2009 Herbert Fritsch eine komödiantische Hochgeschwindigkeitsversion.

 

Kritikenrundschau

Keiner mache mit dem Theater so kurzen Prozess wie Werner Düggelin, schreibt Ulrich Weinzierl auf Welt-Online (3.4.2010), der sich lieber nicht vorstellen will, wie sich solch radikale Straffung woanders ausgewirkt hätten. Hier nämlich lebe "das abgespeckte, aufs Wesentliche reduzierte Drama in aller Munterkeit weiter, es hat bloß an Prägnanz und Konturschärfe gewonnen." Düggelin konzentriere sich in seiner "musikalisch beschwingten Inszenierung" auf die Protagonisten Volpone und Mosca. Die übrigen blieben Scherenschnittfiguren der elisabethanischen Commedia dell' arte. Auch sind die zentralen Momente der Aufführung für Weinzierl keineswegs jene, in denen Jung den Sterbenden mimt: "Steht er Celia gegenüber, verwandelt er sich plötzlich in einen schwärmerischen Jüngling, in leibhaftige Sehnsucht, und singt ganz zart und traurig Leonard Cohens "I'am your man". Wunderbar." Einen einzigen Fehler findet der Kritiker beim Genauigkeitsfanatiker Düggelin, worauf ihn aber erst nach der Vorstellung ein Schweizer an der Garderobe stößt, der kundig zu seiner Begleitung sagt: "Goldbarren sind keineswegs so locker mit einer Hand zu nehmen, wie Mosca das beim Ausräumen des Safes tat - sie wiegen immerhin je zwölf Kilo." Derlei könne wirklich nur in Zürich auffallen.

Zu den ganz Großen zählt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (3.4.2010) den Schweizer Regisseur. Der achtzigjährige Werner Düggelin sei "unter den Regisseuren der Paradiespfortenöffner, der seinen Figuren, indem er ihnen einfach genau zuhört, zu einem ganz anderen Leben verhilft". In diesem Sinne schenke er nun in Zürich auch "dem Volpone eine sensationell neue Lebens- und Sehnsuchtsluft."

"Brillanter kann Bosheit nicht implodieren", feiert Barbara Villliger-Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (3.4.2010) diese Inszenierung von Ben Jonsons berühmtem "Unsittenbild" des Kapitalismus. Diesmal gehe Düggelin so radikal wie rasant vor: "Er streicht Jonsons skurrile Nebenhandlung, um sich hingebungsvoll jenem geniesserischen Risiko-Spiel zu widmen, mit dem der Superreiche die geldgierige Welt an der Nase herumführt." Düggelins Volpone-Figur sei ein Gambler erster Güte, der, wie jeder echte Spieler, laufend den Einsatz erhöhe. "André Jung lässt ihn als hintersinnig lächelnden Profi durch die Gewinnphase schweben. Doch sein Fuchs gibt sich eine Blösse, die den phantastischen Schauspieler von der Höhe sinnlich-intellektuellen Genusses in den Zusammenbruch treibt. Er kämpft zwar – aber verliert."

"Der Dügg ist ganz bei sich – und bei seinem Helden, Volpone", schreibt Alexandra Kedves in der Baseler Zeitung (3.4.2010). Aus Jonsons scharf geschnittenem Typen-Theater mit der klaren Moral und dem pessimistischen Menschenbild habe Düggelin "ein feines Psychogramm destilliert, eine moderne Charakterstudie unter Laborbedingungen." In der Zürcher Fassung seien alle Nebenhandlungen und -figuren gestrichen. "Wenn Düggelin, der letztes Jahr seines 80. Geburtstag feierte, Gier schildert, so tut er dies asketisch. Und, wie es seine Art ist, ästhetisch – unterm geschwungenen Lüster, vorm Wolken-Video, das immer düsterer wird."

 

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