Varieté der Vergangenheitsbewältigung

von Harald Raab

Heidelberg, 31. März 2010. Als Hannah Arendt 1963 ihr Buch "Eichmann in Jerusalem: A Report on the Banality of Evil" herausbrachte, gab es einen Sturm der Entrüstung: Wie könne man für ein Monster einen Platz unter Menschen einfordern? Auch Heinar Kipphardts "Bruder Eichmann" begegnete man 20 Jahre später mit dem gleichen Vorbehalt. Man wollte die Banalität des Bösen nicht wahrhaben, weil sie auf die Disposition zur Unmenschlichkeit in jedem von uns verweist.

Ist man heute mehr zur kritischen Selbstreflexion fähig – oder einfach nur desinteressiert? Schon wieder die alte "Holocaust-Leier"? Vieles kann man dem gestern in Heidelberg zum ersten Mal in Deutschland aufgeführten Stück "Die Demjanjuk-Prozesse" von Jonathan Garfinkel prophezeien, eines aber gewiss nicht: Einen Skandal, eine empörte Zurückweisung wird es auch "in diesem unseren Land" nicht erfahren. Im Gegenteil: Der Kanadier Garfinkel zeigt in einer schaurig-bizarren Herangehensweise, wie man heute Nazi-Verbrechen glaubwürdig – weil ohne verlogene hohle Betroffenheitsrituale – auf der Bühne verhandeln kann.

No business like Shoah-Business

Dokumentationstheater à la Kipphardt ist out. "Viel Spaß bei der Show!" So leuchtet eine Schrift an der Wand hinter dem weißen Quadrat der Spielfläche im Heidelberger "Zwinger 1" auf. Das Geviert assoziiert einen Boxring ohne Seile, ein Schlachtfeld also (Bühne: Anja Koch, Kostüme: Leah Lichtwitz) Ist der Spaßappell ein Menetekel oder einfach nur die Aufforderung, es locker anzugehen? Auch wenn der infame Satz so ganz nebenbei fällt: "There's no business like Shoah-business." Dance makabre im Bestiarium des Banalen. Es darf, es soll gegen alle political correctness gelacht werden. Man erschrickt über sich selbst. Wenn dieser Lachreflex auch nicht befreit, so schafft er doch Aufnahmebereitschaft für das Erkennen des Ungeheuerlichen.

Regisseurin Catja Baumann hat den Mut und das handwerkliche Potential, gepaart mit intelligenter Sensibilität für starke Bilder, den schwierigen Stoff konsequent in ein Nummern-Cabaret mit Gerichtsverhandlungseinlagen zu verpacken. John Demjanjuk (Klaus Cofalka-Adami) wird in einem Rollstuhl auf die Bühne geschoben, ein röchelnder Greis, in eine himmelblaue Decke gewickelt, mit Sonnenbrille und Baseball-Kappe, so wie man ihn von den Zeitungsfotos aus dem Gerichtssaal kennt. In der realen Welt, in München, läuft noch das Strafverfahren gegen den 89-jährigen Hilfswilligen der SS. Der Ukrainer soll an der Ermordung von 27 900 Juden im KZ Sobibór beteiligt gewesen sein.

Heiteres KZ-Raten

Doch John Demjanjuk will nicht "Iwan der Schreckliche" aus dem Vernichtungslager Treblinka gewesen sein. Dass man ihm das nicht beweisen kann, hat schon ein Verfahren in Israel gezeigt. Er wurde 1988 freigesprochen. Um dieses Prozess-Debakel geht es in Jonathan Garfinkels "Holocaust-Cabaret", 2004 in Kanada uraufgeführt. Das Stück haben die Regisseurin und ihre Dramaturgin Nina Steinhilber für die deutsche Erstaufführung – und für das Volk der Täter – umgearbeitet.

Das Publikum, die Enkel der Mitläufer, sie sind zum Mitspielen aufgefordert. Nazis im Zuschauerraum sollen sich outen und beim heiteren KZ-Raten mitmachen, von A wie Auschwitz über M wie Majdanek und S wie Sobibór bis T wie Treblinka. Kopfrechnen ist gefragt: Wenn pro Tag die Mordmaschine in Treblinka 18 000 Menschen vergast hat, wie viele sind es pro Minute gewesen? Die Antwort: 12,5 JPM. Das Kürzel steht in der Bürokratensprache der Mörder für "Juden pro Minute". Es darf mitgesungen, mitgeklatscht werden. Es geht doch nichts über deutsche Gemütlichkeit bei der Arbeit.

Besonders schwer war die ja – so der oberste SS-Führer, Heinrich Himmler – beim Judenausrotten. Ein polnisches Mädchen (Grazyna Asam) darf auf der Ziehharmonika zum Tanz aufspielen: zum Totentanz beim Zug in die Gaskammern und zur Entspannung fürs Bedienungspersonal. Wenn dann noch "Der Mond ist aufgegangen . . ." gesummt wird, möchte man am liebsten einstimmen. Weniger allerdings bei den diversen Songs nach dem Strickmuster Brecht/Weill, solche von der Schlechtigkeit der Welt und überhaupt, dass die Idylle halt doch ein Mörderstückchen sei.

Große Gesten, groteske Szenen

Schrille Figuren bevölkern die rasche Szenenfolge. Da ist das deutsche Fräulein (Simone Mende), Typ Hohe Frau wie Emmy Göring, langes Glitzerkleid, weiße Pelzstola und das blonde Haar in dicken Zöpfen züchtig wie eine Krone ums Haupt gewunden. Ihr assistiert Rosi (Natalie Mukherjee), muntere Kichererbse wie Shirley Temple. Catch-as-catch-can im Jerusalemer Prozess: Staranwalt Yoram Sheftel (Frank Wiegard) setzt mit einem gezielten Tritt in die Eier Staatsanwalt Michael Shaked (Heiner Junghans) außer Gefecht. Große Gesten, groteske Szenen, immer noch eins draufgesetzt: Im Varieté der Vergangenheitsbewältigung werden alle Register gezogen. Die Sprache ist knapp, die Sätze fallen wie Peitschenhiebe.

Und mitten drin dieser John Demjanjuk, Urbild eines braven Ford-Arbeiters aus Ohio: treu sorgender Familienvater, Gartenfreund, Kuchenbäcker, Baseball-Fan. Klaus Cofalka-Adami gibt dieser Figur die Konturen eines Biedermanns und Opfertiers in den Mühlen der rachsüchtigen Justiz. Man kann, man soll mit diesem Bündel Mensch mit leiden, Mitleid haben.

Sein abgespaltenes Alter Ego, sein Quälgeist, sein schlechtes Gewissen und gleichzeitig eine höhere moralische Instanz im Namen der öffentlichen Gerechtigkeit ist Iwan. Daniel Stock gibt diesem Part mit Glatze, Springerstiefeln und schwarzem Kampfanzug mephistopelische Züge. Er ist dem armen John immer dicht auf den Fersen, sitzt ihm im Nacken, hat ihn schon in der Schlinge, die ihn vom Leben zum Tod befördern soll. Hängen will man einen der letzten Nazi-Verbrecher sehen.

Kinder haften für ihre Eltern

Und immer wieder attackiert dieser Störenfried das Publikum. Es soll sich nicht zurücklehnen in dem wohligen Gefühl, dass man doch selbst nicht so ist wie dieser Nazi-Knecht. Iwan schneidet die Fluchtwege ab: Der Prozess wird letztlich uns allen gemacht. Die Gnade der späten Geburt ist als Entlastungspopanz entlarvt. Im Angesicht der Shoah haften Kinder eben doch für Eltern, Groß- und Urgroßeltern.

Man wünscht, dass "Die Demjanjuk Prozesse" auf viele Spielpläne in Deutschland gesetzt werden. Mit der kongenialen Realisierung der Absichten Jonathan Garfinkels setzt das Team des Theaters Heidelberg allerdings Maßstäbe. In der deutschesten der deutschen Städte ist das Stück der Trailer zum "Heidelberger Stückemarkt 10" vom 29. April bis zum 9. Mai. Dieses Mal sind Israel und die Shoah im Focus: Es geht um jüdische Identität, die schicksalhaft mit der deutschen verbunden ist.


Die Demjanjuk-Prozesse
von Jonathan Garfinkel
Deutschsprachige Erstaufführung
Aus dem Englischen von Frank Heibert
Regie: Catja Baumann, Bühne: Anja Koch, Kostüme: Leah Lichtwitz, Musik und Sounddesign: Matthias Engelke, Dramaturgie: Nina Steinhilber, Jan Linders.
Mit: Klaus Cofalka-Adami, Daniel Stock, Simone Mende, Natalie Mukherjee, Heiner Junghans, Frank Wiegard, Grazyna Asam (Akkordeon).

www.theaterheidelberg.de


Die Theaterpartnerschaft zwischen dem Heidelberger Theater und dem Teatron Beit Lessin in Tel Aviv wurde im Januar 2010 mit dem dokumentarischen Theaterprojekt They call me Jeckisch von Nina Gühlstorff und Nina Steinhilber eröffnet. Israel ist außerdem Gastland beim diesjährigen Heidelberger Stückemarkt.

 

Kritikenrundschau

Der junge kanadische Autor Jonathan Garfinkel, "erzogen im jüdischen Glauben, erfahrener Israel-Reisender," so Christian Gampert im Deutschlandfunk (1.4.2010), nehme sich die Freiheit zu sagen: "solche Prozesse sind absurd, sie kratzen nur an der Oberfläche." Dabei betreibe er seine Publikums-Verunsicherung mit theatralischen Mitteln, die in Deutschland bei diesem Thema neu seien: "Verständnis auch für die Täter, bissige Songs, Gerichts-Satire, Holocaust-Witze." Regisseurin Catja Baumann lasse in ihrer Heidelberger Umsetzung "hinter der Provokation immer den Abgrund sichtbar werden, der in uns allen lauert: in den Staats- und Rechtsanwälten, den Geheimdienstlern, den Zuschauern - und eben auch in dem ukrainischen Automechaniker John Demjanjuk, wer immer das sei." Dadurch gelingt es ihr aus Sicht des Kritikers, "(bis auf wenige Ausnahmen) verblüffend gut, die vielen verschiedenen Schreibweisen des Stücks zusammenzuhalten: Dokumentation und Disput, Song und Publikums-Anmache, bösartige Satire und einsamen Monolog."

Von "funktionierendem Gebrauchstheater" spricht Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (3.4.2010), bei dem allerdings grundsätzlich der Eindruck bei diesem Holocaust-Kabarett überwiegt, "es sei schon ein hartes Stück Arbeit, so zu tun, als könne man sich leichtgewichtig einem im Rollstuhl dämmernden Phänomen nähern." Jonathan Garfinkel wolle "auf jeden Fall die Groteske sichtbar machen, die sich hinter der Fassade derartiger Prozesse abzeichnet". Die von Regisseurin Catja Baumann der entschlackten Vorlage findet Berger allerdings "immer dann stark, wenn Garfinkel das Faustische im Protagonisten erforscht." Da sei dann zum einen "der brave John, ein begriffsstutzig hilfsbereiter Mechaniker, der schon früh die Liebe zum Dieselmotor entdeckt und die Aggregate gewartet haben soll, mit denen das Gas in die Vernichtungskammern von Sobibor geleitet wurde". Ihm gegenüber stehe "ein zweiter John, der logischerweise Iwan heißt und wie ein mephistophelischer Versucher sein Alter Ego" umschleiche. "Garfinkel spiegelt das Banale im Bösen und lässt offen, ob John Demjanjuk unter Umständen nicht doch ein ganz normal Böser sein könnte."

 

 
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