Ein (un)fertiger Haufen

von Willibald Spatz

München, 10. April 2010. Dorota Masłowska hat Freude am Kaputtsein. Und Kaputtsein wird umso lustiger, in je mehr Nummern man es verpackt. Ihr zweites, in München nun auf Deutsch erstaufgeführtes Stück "Wir kommen gut klar mit uns" ist angefüllt mit Personen, die jede auf ihre Weise am Ende ist und die ihre Fertigkeit mit der Welt zelebrieren. Die polnische Autorin kam vor knapp zehn Jahren mit 18 und ihrem ersten Roman "Schneeweiß und Russenrot" groß raus und soll nun dauernd beweisen, dass sie damals nicht umsonst gelobt wurde und wirklich was kann.

Diesem zweiten Stück merkt man nun an, dass sie sich nicht mehr beweisen und positionieren will. Sie lässt viel offen, sie stellt Möglichkeiten aus und zwingt keinen ihrer Zuschauer, sich auf irgendwas festzulegen. Die Regisseurin Tina Lanik nimmt diesen Ball gerne auf, inszeniert anfangs eine grelle Ostblockshow, die enthusiastisch jedem Klischee hinterherjagt, und landet bald auf einem Jahrmarkt toller Einfälle, die allein für sich schon gewirkt und gar kein Stück als Grundlage mehr gebraucht hätten.

Drei Frauen, drei Generationen

Drei Generationen leben in einer Schmuddelwohnung: Da ist die greise Großmutter im Rollstuhl; in Gestalt von Jennifer Minetti bringt sie Ruhe und eine Art von Würde auf die Bühne. Sie redet von früher und vom Krieg, bevor sie verstummt und zum Auge wird, das das überdrehte Wuseln beobachtet. Den größten Umtrieb veranstaltet die Tochter – bei Grit Paulussen ein ADHS-Vamp, der nicht rauskommt aus den vier Wänden des Zuhauses und es liebt, die anderen aus ihrer Stumpfheit wachzuekeln: "Was du nicht sagst, Oma, wir fangen auch manchmal Präser. Ich meine so gammlige Kondome. Und wie die entschlüpfen, wie die wegglitschen! Die Jungs lachen, aber mich packt die kalte Wut, wenn ich daran denke, wie viele pfiffige opportunistische potentielle kleine Polen sich jeden Tag vorm Dasein drücken."

Dazwischen dann die Mutter (Ulrike Arnold), die wirklich kaputt ist von der Arbeit und vom System, die heimkommt mit einer gebrauchten Zeitschrift aus dem Altpapier und manisch hinter der Tür eine nach der anderen raucht, weil sie das nötig hat, um nicht durchzudrehen.

Trümmer der Gegenwart

Alles passiert in einer Wohnung, doch Magdalena Guts Bühnenbild stellt mehr eine wohlgeordnete Müllhalde dar: Rechts die Farbdosen, links die gelben Säcke und in der Mitte die Plastikflaschen. Es gibt Türen ohne Wände, durch die man auf diesen Schutt gelangen kann. So weit, so erledigt. Insgesamt machen die drei in ihrem Elend noch keinen Abend voll, den irgendjemand anschauen will. Deswegen darf eine weitere asoziale und unglaublich dicke Frau den Typenschaukasten bereichern.

Und ein Autor und Filmregisseur wird eingeführt und mit ihm eine Metaebene: Er lässt die Wohnung von IKEA neu einrichten und denkt sich das alles nur aus an seinem Laptop. So bekommen Franziska Rieck und Thomas Gräßle die Gelegenheit, noch ein paar Mal die Rollen zu wechseln und die Aufführung komödiantisch zu beleben. Die Ebenen und Zeiten jagen durcheinander – man verliert zwar nicht den Überblick, vermisst aber manchmal die Ruhe im Sturm. Die Wohnung verwandelt sich in ein Fernsehstudio und Ulrike Arnold sich in eine Moderatorin, die die Hauptdarsteller eines Films interviewt. Drogen sind im Spiel und die Verdummung in den Medien ist auch noch mal eben thematisiert.

Polen, nicht verloren

Gegen Ende wird noch mal richtig mit Polen abgerechnet, der Zweite Weltkrieg bricht gerade wieder aus und dem Autor auf der Bühne kommt die Idee, dass das eine Chance wäre, alles ungeschehen zu machen mit einem erzählerischen Kniff. War also alles nichts, weil es sich heutzutage nicht mehr lohnt, Stücke fürs Theater zu schreiben?

Dorota Masłowska erliegt nicht der Versuchung, irgendjemand schocken oder ekeln zu wollen. Sie macht ziemlich deutlich, dass das alles in erster Linie auf dem Papier stattfindet und kein Lebender gemeint ist oder gar angegriffen werden soll. Sie bündelt eine Menge Osteuropa-Klischees und Dramenversatzstücke und breitet sie vor ihrem Publikum aus, auf dass sich jeder das heraussuche und mit nach Hause nehme, was ihn am ehesten anspricht. Fertig sind in diesem Stück, wie gesagt, nur die Gestalten.

 

Wir kommen gut klar mit uns
von Dorota Masłowska
Deutsch von Olaf Kühl
Regie: Tina Lanik, Bühne: Magdalena Gut, Kostüme: Su Sigmund, Musik: Rainer Jörissen, Dramaturgie: Angela Obst.
Mit: Ulrike Arnold, Jennifer Minetti, Grit Paulussen, Franziska Rieck, Thomas Gräßle.

www.bayerischesstaatsschauspiel.de


Mehr zu Tina Lanik im nachtkritik-Archiv: Wir besprachen zuletzt Von morgens bis mitternachts, das sie im November 2009 in München inszeniert hat und Diesseits von Thomas Jonigk, das sie im Mai 2009 dito in München auf die Bühne brachte.

 

Kritikenrundschau

Dorota Maslowska sei "in der noch überschaubaren Szene der jungen polnischen Literatur ein Solitär; ihre Wut ist echt, ihre sperrige Sprache ebenso", meint Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (12.4.2010).  Ihre Texte, ob Roman oder Drama, wühlten "sich stets durch den Abfall einer Gesellschaft, die sich im vollen Bewusstsein der leidvollen Geschichte des Landes immer noch zu wundern scheint, dass es dieses Land überhaupt gibt." Auch der Text zu "Wir kommen gut klar mit uns" sei "böse, grotesk und voller Wut. Der Wut einer Polin über das eigene Land." In ihrer deutschsprachigen Erstaufführung im Münchner Marstall-Theater gelinge es Tina Lanik dabei "zauberisch leicht, einen Weg zwischen eindeutiger Härte und uneindeutigen Bezügen zu finden. Der Abend schillert in bösen Farben, auch dann noch, als sich die Wohnhöhle in eine Fernsehwelt verwandelt, das ganze Elend als vielleicht doch nur inszeniertes erscheint, die Figuren, nun strahlend schön, ihre Träume dem Diktat einer kapitalistischen Wohlfühlwarenwelt unterwerfen. Das ist scharf und grotesk, doch auch recht redundant, so dass die Aufführung eine halbe Stunde vor Schluss von der Farce in eine Litanei, in ein sehnsuchtsvolles Klagemantra kippt."

Der "Irrsinn der schönen neuen Warenwelt" sei Thema in Dorota Maslowskas "Ossi-Farce" "Wir kommen gut klar mit uns", schreibt Alexander Altmann im Münchner Merkur (12.4.). An schräger Action herrsche kein Mangel, "denn Regisseurin Tina Lanik, sonst eher für adrettes Theater der Marke 'keimfrei' zuständig", sudele "für ihre Verhältnisse ganz schön rum". Eigentlich sei "diese überdrehte Milljöh-Posse, in der alle bloß die Phrasen aus Frauenzeitschriften und Ratgebern nachbrabbeln, Teil einer TV-Schnulze über 'die herrschenden Ausgegrenzten'. Eine Ballung von Klischees eben, 'Pixelmüll' frisch aus dem 'Photoshop'. Schade nur, dass die Regisseurin nicht noch mehr Mut zur Groteske hatte und den Rhythmus immer wieder stolpern lässt." Immerhin aber schraube sie die Inszenierung "an den besten Stellen zum absurden Theater hoch, in dem eine tragikomische Poesie der Verzweiflung aufblitzt. Da ist spürbar, dass die polnische Jungautorin (...) die Mechanismen einer Bewusstseinsindustrie parodiert, die uns als Marionetten am Faden zappeln lässt."

Maslowskas Protagonisten sind "Typen", schreibt Teresa Grenzmann (FAZ, 13.4.2010), "denen man das Streben nach nationaler Identifikation und internationaler Definition gar nicht zutrauen würde, weil sie die reale sowieso schon gegen die drogenbetäubte Scheinersatzwelt eingetauscht haben". Doch statt "an Gegenentwürfen zu knabbern, beißen sie tief und vor allem provokativ in ihr vererbtes Generationsunglück, hin und her gerissen zwischen der einen und der anderen Seinssinnlosigkeit". Was bleibt? "Sarkasmus." Und die Inszenierung von Tina Lanik "machte sich eigenartig reaktions- und kommentarlos, in beinahe hilfloser Autorentreue, an die plakativ harte Bebilderung des Textes, inklusive Europahymne und Fliegerangriff".

 

 

 
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