Kopfüber durch die Beine

von Andreas Klaeui

Zürich, 10. April 2010. Der Betonkubus der Zürcher Box im Schiffbau ist ein Atelier: ein Künstleratelier. Leinwände, Farbtöpfe und Pinsel, ein Rasterwerk am Boden, wie es Hodler über seine Zeichnungen legte, um sie auf monumentale Leinwände zu übertragen, dazu aber auch schon die museumstypischen Audioguides. Noch sind sie im Aufnahmemodus und werden von summenden Darstellern bespielt: mit dem "Bernermarsch", Appell zur kriegerischen Mobilmachung.

"Der Hodler" nennt Ruedi Häusermann seinen neuen Abend, und wie im mundartlich eingefärbten Titel beides anklingt, Ländlichkeit und Heroismus, so ist der Hodler in weiten Kreisen bis heute konnotiert: mit Monumentalbildern von patriotischen Helden und erhabenen Berg- und Seen-Landschaften.

Wahrheit, Erschütterung und Abstraktion

Dass Hodlers Bilder keine Salonmalerei sind, hat aber in einer wunderbaren Miniatur schon Robert Walser festgehalten, der im Frühlings-Buchenwäldchen auch Erstarrung und kalten Wind am Werk sieht; dass Hodler künstlerische Wahrheit über Schönheit setzte, "mögen die Leute davon halten, was sie wollen", konnte man seit langem wissen; dass er in einer erschütternden Portrait-Serie Valentine Godet-Darel, die "große Leidenschaft" seines Lebens, in allen Phasen ihres Sterbens festgehalten hat, in Ausstellungen sehen; dass seine verspiegelten Genfersee-Bilder auch als abstrakte Streifenbilder zu lesen sind, wird seit Mark Rothko jedem eingeleuchtet haben. Wenn nur diese verflixte patriotische Rezeption nicht wäre...

Es haben in gewinnbringenden Ausstellungen und Büchern viele dagegen argumentiert; und Ruedi Häusermann hat dem im Grunde nichts Neues anzufügen. Er entwickelt in seiner "musiktheatralischen Einsicht", wie er den Abend rubriziert, keine eigenen neuen Ideen, aber er setzt ein Hodlerbild zusammen wie ein Puzzle aus dem, was andere gesagt haben, Robert Walser, Peter Bichsel, der Kunsthistoriker Jura Brüschweiler (erste Adresse, wenn es um Hodler geht), und was Hodler selbst notiert hat in seinen "Carnets". Eine Sammlung von Selbst- und Fremdbildnissen - zum schönen Schluss verwandelt sich das Künstleratelier in der Schiffbau-Box denn auch mit monumentalem Bühnenkraftaufwand (organisiert von Bettina Meyer) in eine Museumshalle, nachempfunden der historischen Wiener Ausstellung von 1904, die Hodlers definitiven Durchbruch auch im Vaterland bedeutete, und die Audioguides finden ihren Platz unter einer Serie hübsch verwaschen kopierter Hodler-Selbstportraits.

Fragend, tastend, erdig tönend

Natürlich geht es auch um Kunstbetrachtung an diesem Abend, um Position und Zumutung des Künstlers, die Ruedi Häusermann mit einigem selbstironischen Augenzwinkern inszeniert; nicht nur, wenn die Darsteller in jeder Pause, bei jedem Gang an die Rampe Anerkennung heischend ins Publikum lächeln. Es ist also mehr teilnehmende Einsicht als objektivierender Einblick, da steht der Untertitel schon zu Recht. Fragend und tastend geht Häusermann vor, und nimmt sich selbst dabei nicht allzu ernst.

Hodlers Selbst- und Fremdzeugnisse sind verteilt auf vier Schauspieler; und dieses szenische Quartett spiegelt sich in vier Musikern, die zwischendurch auch malen, eigentlich aber in den Instrumentenstimmen eines Streichquartetts, das mit zwei Bratschen (statt zwei Violinen) sehr erdig tönt. Die Quartettsätze halten kontrapunktisch gegen die Erzählung oder gehen abbildend mit ihr mit; in das Streichquartett mischen sich musikalische Objets trouvés, das rhythmische Rascheln von Putzpapier oder das Zahnrad einer Seilwinde, das hat viel Reiz, bleibt aber als Tonspur auch für sich. Es verschmilzt nicht wirklich mit der Hodler-Erzählung zu einem Bühnen-Ganzen.

Gebirgszauber im Tiefland

Diese wiederum folgt mehr oder weniger linear, anekdotisch der Biographie, und namentlich Hansrudolf Twerenbold trifft, wenn er aus Hodlers eigenen Notaten vorliest, einen schön sperrigen, etwas trotzigen, kauzigen Ton, den man sich gern als den Hodler-Ton vorstellt. Eine fast zärtliche Annäherung ist dies im Ganzen - und wenn das Ensemble dann in einem marthalerischen Chörlein das Waadtländer Volkslied vom "Armailli" singt, dem heimwehkranken Alphirten, so wird in anrührenden Melismen viel von jenem authentischen Gebirgszauber greifbar, der Hodler in die Hocke trieb, damit er kopfüber durch die gespreizten Beine schaute und so, mit mehr Blut im Kopf, die Farben noch leuchtender wahrnahm.

Solcherart Konzentration erreicht der Abend hauptsächlich eingangs und gegen den Schluss hin, zwischendurch wird er didaktisch-schwerfällig und hätte Straffung vertragen können (Dramaturgie Katja Hagedorn). Doch blitzen auch jetzt, bei der Niederschrift und beim Versuch einer analytischen Ordnungsauslage, immer wieder und vor allem die Häusermann'schen Zaubertricks durch die Erinnerung, diese zauberhaften Bühnentricks: wenn die Instrumentenkästen aufs Mal zu tönen beginnen und ein paar Takte für sich musizieren, und eigentlich bleibe ich gern noch ein wenig hängen an diesem Abend und sinniere weiter - wenn auch nicht unbedingt über Hodler.

 

Der Hodler (UA)
Musiktheatralische Einsicht
von Ruedi Häusermann
Regie und Komposition: Ruedi Häusermann, Bühne: Bettina Meyer, Kostüme: Barbara Maier, Licht: Rainer Küng, Dramaturgie: Katja Hagedorn.
Mit: Jan Bluthardt, Klara Manzel, Nicolas Rosat, Hansrudolf Twerenbold, Sara Hubrich (Violine), Josa Gerhard (Viola), Benedikt Bindewald (Viola), Christoph Hampe (Violoncello).

www.schauspielhaus.ch


Mehr zu Ruedi Häusermann: Am Burgtheater Wien vertonte er im Januar 2009 Händl Klaus' Die Glocken von Innsbruck läuten den Sonntag ein. Und wir besprachen seine Uraufführung von Jelineks Über Tiere im Mai 2007.

 

Kritikenrundschau

"Wenn sich ein Theatermacher und Musiker wie Ruedi Häusermann mit einem Nationalmaler wie Ferdinand Hodler befasst, dann werden keine Postkartenklassiker gefeiert", weiß Susanne Kübler im Tagesanzeiger (12.4.2010). "Dann geht es um die Begegnung mit einem weniger bekannten, weniger verbrauchten Hodler. Und darum, neue Neugierde auf die Bilder zu wecken." Den eigentlichen Kitt von Häusermanns Zürcher Aufführung "Der Hodler" liefere aber die Musik: "die Streichquartette, die zu Ehren Hodlers und im bewährten Häusermann-Stil mit vielen Klangfarben experimentieren." Illustrativ sei diese Musik trotzdem nicht, "sie will es ganz entschieden nicht sein. Häusermann will Räume und Ohren öffnen mit seinen Klängen. Und in diesem Fall auch Augen." Es sei die Stärke dieses Theaterabends, "dass er die Wucht von Hodlers Bildern erlebbar macht. Und es ist sein Problem, dass die theatralischen Aktionen neben dieser Wucht zuweilen etwas schal wirken." Sie hätten "mehr mit einer bestimmten Theatertradition zu tun als mit Hodler." Der Schluss allerdings sei grandios, das Publikum werde da "sozusagen in die Knie gezwungen vor einem echten Hodler, an dem man in einer Ausstellung vermutlich vorbeigegangen wäre."

Einen "Geniestreich" nennt Ulrich Weinzierl in der Welt (12.4.2010) Ruedi Häusermanns "musiktheatralische Einsicht" "Der Hodler". Erzeugt werde "eine wundersame Atmosphäre", der Bild- werde zum Echoraum erweitert. "Ruedi Häusermann ist pointiert, aber nie witzig im Schenkel klopfenden Sinn. Er hat leisen Humor, der sich stets als Bruder der Melancholie zu erkennen gibt. Ungemein behutsam, beginnend mit sparsamster Dosierung, wird das Publikum zu Hodlers Schöpfungen hingeführt: Darum überwältigen die abschließenden Projektionen seiner berühmten Gebirgsstudien vom Genfersee jeden Zuschauer wie ein gewaltiges Crescendo." Hinreißend sei "das mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks agierende Ensemble der Musiker und Schauspieler". Häusermanns "buchstäbliches Kunststück" habe "uns in eine bessere Welt entrückt. Der Triumph reinen Theaterzaubers."

Dass sich Häusermann hier "zum ersten Mal mit einem Maler beschäftigt, ist auch deshalb ungewöhnlich, weil er, der Miniaturisierer, Leisetöner und Verschrobenheitsgärtner, sich von den wesensgleichen Aussenseitern ab- und einem Einsitzer des Künstler-Olymps zugewandt hat", schreibt Tobias Hoffmann (NZZ, 12.4.2010). Dabei bemühe er sich "durchaus, dem Publikum Hodlers Lebensgeschichte zu vermitteln". Allerdings blieben "viele Wege des Personals" an diesem Abend "unerforschlich. Vor allem weil es gedoppelt wird durch ein Streichquartett". Zum dritten Mal arbeitet Häusermann dabei "mit selbst komponierten Streichquartett-Miniaturen. Nicht dass sie sperrig klingen würden, doch ist ihr Charakter nach innen gekehrt, in sich kreisend". Fast immer sei der Klang "sordiniert und mit experimentellen Klemmvorrichtungen verfremdet". Dies sei "ein dialektischer Coup de Théâtre: Häusermann verbindet Monumentalität und Miniatur, Ruhm und Vergänglichkeit in einem Bühnenzaubertrick. Es ist, als führe er mit ironischem Wink Hodlers Grösse auf die Grundelemente seiner eigenen Kunst zurück.

 

 
Kommentar schreiben