Neue Jeans fürs Königreich

von Sarah Heppekausen

Bochum, 10. April 2010. Dieser König Peter lässt sich in der Kunst des japanischen Bogenschießens unterrichten. Lässt sich wie der Philosoph Eugen Herrigel von seinem Lehrmeister erklären, dass ein zu williger Wille genauso wenig förderlich sei wie falsches Warten. "Absichtsloses Gespanntsein" heißt das Zen-Ziel und meint eine Art Loslösung von sich selbst. Büchners König ist vom Regieren ganz wirr geworden, der moderne Herrscher hilft sich mit Entspannungstechnik. Und vergisst trotzdem, woran ihn der Knoten in seinem Taschentuch erinnern sollte: an seine Aktionäre.

Regisseurin Anna Bergmann, deren Thalia-Inszenierung von "Ernst ist das Leben (Bunbury)" in diesen Tagen beim Festival radikal jung in München gezeigt wird, hat vor Büchners Text keine schüchterne Ehrfurcht. Hemmungslos und erfrischend stellt sie Szenen um, streicht reichlich und fügt andere Texte hinzu. Und bleibt damit eigentlich in Büchners Nachfolge, denn der Autor selbst zitiert für sein Lustspiel gleich mehrere Literaten und ihre Werke, von Brentano bis Shakespeare. Anna Bergmann will aber noch mehr: Sie formuliert die Aktualität von Büchners Text, indem sie die Figuren und ihre Anliegen konsequent und klug ins Heute übersetzt.

17 Prozent Marktanteil für L&L
Die Königskinder, krank an Idealen, vermarkten sich selbst. Lena präsentiert ihr Eau de Parfum, Leonce eine Jeans – Made of Love. Was bleibt den Kindern der Reichen, die sich alles leisten können und an nichts mehr Gefallen finden? Nur noch ihr eigenes Produkt, das Ruhm und noch mehr Geld verspricht. Das erhoffen sich zumindest ihre Agenten. Bei einer Heirat der beiden könne die Luxusmarke "L&L" ein Marktanteil von mindestens 17 Prozent erreichen, rechnet der Präsident vor. Gut, es müssten Stellen abgebaut werden, aber so ist das eben bei Betriebszusammenführungen.

Ihre Langeweile bekämpfen die Partygänger Leonce und Lena derweil mit Musik, Sex und Koks im Glitzerglanz der Diskokugel. Als Putzmann, der die weißen Überreste einer durchschnieften Nacht aufwischt, weist der Leonce-Vertraute Valerio (Sebastian Kuschmann) noch verdeckte sozialkritische Züge auf, wenn er sagt "Müßiggang ist aller Laster Anfang". Später tritt er als "Valerio von den Gelben Seiten" auf und will effiziente Anzeigen an den Mann bringen. Bis er endlich die enge Krawatte löst und sich als parteipolitischer Agitator der "V.A.L.erio – Vereinigung der Arbeitslosen" outet und volle Arbeitslosigkeit statt Fabrikfaschismus und Büro-Oligarchie fordert. Der Müßiggänger ist im Arbeitsamt angekommen. Aber er bleibt der weise Narr, der sich über seine Reflexionen amüsiert.

Selbstfindung am Südpol

Die Textzusammenschnitte von Alt und Neu funktionieren auf der Bühne erstaunlich bruchlos. Anna Bergmann spielt mit der Vorlage, aber nimmt sie dabei ernst. Sie pickt sich das an Text heraus, was aktuelle Bilder in ihrem Kopf erzeugt hat. Leonce – melancholisch, zynisch, lebenssatt – wird bei Ronny Miersch zum Kurt Corbain der Oberschicht, fettige lange Haare, schwarz umrandete Augen. Langweilt er sich, greift er zur Gitarre oder zerschlägt sie. Freut er sich, ist es die exaltierte Freude eines Junkies, die nie lange anhält.

Lena ist bei Sina Kießling nicht das märchenhaft-zarte Blumenwesen. Das Parfum versprühende Partygirl kann richtig zickig sein, vor allem im Gespräch mit nervtötenden Journalisten, die sie nach ihrer Drogenvergangenheit fragen. Ihre Gouvernante "Konstante" ist ein Mann in Frauenkleidern (Michael Lippold), ein Transvestit zwischen den Geschlechtern und den Gesellschaftsschichten. Wie Leonce und Lena auf der Suche nach sich selbst. Sie finden den jeweils andern im Bochumer Schauspielhaus nicht in Italien, sondern am Südpol. Ein verheißenes Land mit Selbstfindungsgarantie. Und reichlich Platz für wunderschöne Traumszenerien vor Videobildern von Pinguinen und Polarlichtern.

Sinnreiche Bezüge, parodistische Einlagen, durchgeknallte Kostüme

Matthias Werner hat für den zweiten Akt eine verschneite Eisfläche imitiert, auf der sich die Paare nicht wie in einem großen Garten verlaufen, sondern permanent ver- und ausrutschen. Sie gleiten auf so unsicherem Fuß, so willenlos in ihr Liebesglück als hätte sie doch jemand anderes in die vorgesehene Bahn gelenkt. Das ist in diesem Fall die Hochzeit als Fusion von Lena Parfum und Leonce Jeans zu "L&L – when love meets life", der passende Werbeclip ist bereits produziert.

Anna Bergmanns Inszenierung glänzt durch sinnreiche aktuelle Bezüge, parodistische Einlagen und zum Teil durchgeknallte Kostüme (von Claudia González Espíndola). Eigentlich bleibt die Regie doch ganz nah bei Büchner, zeigt "Leonce und Lena" als vielschichtiges Stück zwischen absurd komischer Sozialkritik und traumspielartigem Lustspiel, zwischen bitterem Selbstekel und veralberter Commedia dell'Arte. Von Langeweile keine Spur.


Leonce und Lena
von Georg Büchner
Regie: Anna Bergmann, Bühne: Matthias Werner, Kostüme: Claudia González Espíndola, Sound-Design: Heiko Schnurpel, Dramaturgie: Dietmar Böck.
Mit: Bernd Rademacher, Ronny Miersch, Sina Kießling, Sebastian Kuschmann, Michael Lippold, Katja Uffelmann, Manfred Böll, Maximilian Strestik, Alexander Ritter, Sebastian Zumpe.

www.schauspielhausbochum.de


Mehr lesen: In Dimiter Gotscheffs Leonce und Lena am Thalia Theater im September 2008 ähnelte Leonce nicht Kurt Cobain, sondern Pete Doherty und spazierte zwischen Schlafsäcken, in denen sein Volk eingerollt auf der Bühne lag. Anna Bergmann inszenierte im Februar 2010 in Oldenburg Breaking the Waves und im November 2009 am Thalia Theater Bunbury, das zum Festival radikal jung eingeladen wurde.

 

Kritikenrundschau

Auf Matthias Werners Drehbühne im Bochumer Schauspielhaus erschaffe Anna Bergmann "eine Leonce- und eine Lena-Welt zwischen Christina-Aguilera-Videoclip und Calvin-Klein-Werbeästhetik", schreibt Max Florian Kühlem in den Ruhr Nachrichten (12.4.2010). Während da "das wasserstoffblonde Model Lena sich auf ihrem Plüschbett räkelt, zerschlägt Kurt-Cobain-Verschnitt Leonce eine Gitarre", dazu eine "ausgelassene After-Show-Party mit Massenkuscheln und platzendem Koksballon". An "Bildern für die existenzielle Leere und Langeweile" mangele es bei Bergmann also nicht. Wer allerdings die beiden sind, die sich nach der Pause in der Eiseskälte des Südpols wiederfänden, "was sie fühlen, warum sie sich ineinander verlieben", bleibe unklar. "Trotz der Überfülle an Ideen findet die Inszenierung nicht zu einem stimmigen Gesamteindruck und produziert immer wieder Leerlauf." Auch die angebliche Gegenwart, in die Bergmann Büchners Figuren versetze, wirke "seltsam entrückt": diese 90er-Jahre, "als die New-Economy-Blase sich aufzublähen begann und Guillaume Paoli die 'glücklichen Arbeitslosen' erfand", Müßiggang-Valerio wirke "wie ein Spätzünder". Die Hochzeit mit dem genialen Bernd Rademacher als König Peter sei allerdings "unbedingt sehenswert".

 
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