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Mit Blickrichtung gestern dem Fortschritt entgegen

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 12. September 2007. "Klar war es früher schöner, aber da warst du auch anders", sagt Helga einmal zu Königsforst, den sie seit über 30 Jahren liebt. Dieses "früher" ist der Sehnsuchtsort des Abends. Helga und Königsforst werden Wolfen verlassen, eine ostdeutsche Stadt, der die Bevölkerung abhanden kommt. Weil "Heaven (zu tristan)" ein Stück von Fritz Kater ist, wird dieser Umzug im Handumdrehen kurzgeschlossen mit dem Auszug aus Ägypten und dem Exil einer jüdischen Wissenschaftlerin während des Dritten Reiches.

Diese hieß Marietta Blau und war maßgeblich an einer bedeutenden foto-chemischen Erfindung beteiligt. In Wolfen stand einmal eine große Filmfabrik, nun nicht mehr. Wieder einmal erzählt Fritz Kater von ostdeutscher Ödnis, als schreibendes Alter Ego des Regisseurs Armin Petras. In einer Koproduktion mit dem Gorki Theater Berlin hat Petras das Stück nun im Schauspiel Frankfurt uraufgeführt.

Weggeher und Dableiber

Den Tristan-Mythos aufgreifend, erzählt "Heaven" von Flucht und innerer Migration, vom Architekturstudenten Anders Adlercreutz, der Wolfen und seine Freundin Simone verlässt. Er geht nach Amerika, sein Glück zu machen. Simone war schon davor geistig zerrüttet, nach einem Selbstmordversuch und Anders’ Weggang kümmert sich Robert um sie. Ein alter Jugendfreund, der gerne mehr wäre für sie und sich mehr schlecht als recht mit immer neuen Geschäftsideen durchschlägt. Immerhin hat er im Zweifelsfall irgendwo noch einen großen Vorrat an Leergut, den man plündern kann für Flugtickets oder den Kauf einer Kiesgrube.

Liebe im Kater-Land

Die Geschichte der Jugend, die eigentlich schon alles hinter sich hat, wird mit der von Helga und Königsforst verschränkt. Sie war Mitarbeiterin im Filmwerk, er Psychiater, bis auch das Krankenhaus geschlossen wurde. Nun brechen sie auf in ein neues Leben, ohne dass sie dem alten entkommen werden.

Susanne Böwe als Helga und Peter Kurth als Königsforst sind sich alte Vertraute, die nicht mehr wissen, was sie miteinander anfangen sollen. Zögerlicher Körperkontakt führt zu hilflos-eisigem Stillstand, und wenn sie einander wirklich mal etwas sagen wollen, vertrauen sie ihren eigenen Worten nicht, greifen sie zu anderen Biografien, als seien es Schnittmusterbögen für Lebensbewältigung.

So nimmt sich Helga das Leben der Physikerin Marietta Blau und stülpt es sich samt all seinen Niederlagen und Verzweiflungen gleichsam als Maske über. Auch die Wissenschaftlerin Marietta Blau half einem Mann zu leben, ihre Arbeit brachte dem Kollegen Victor Hess den Nobelpreis ein, und Marietta Blau musste als Jüdin aus dem Land der Nazis fliehen. Wie Marietta einst wegen einer jüngeren Bettgenossin von Hess düpiert wurde, wird auch Königsforst seine Frau verlassen. Wie sich in Wolfen und anderswo im Kater-Land überhaupt alle ständig und immer verfehlen. Robert liebt Simone, Simone liebt Anders, Helga liebt Königsforst, Königsforst liebt (vielleicht) Simone. Und Sarah, Tochter von Helga und Königsforst, liebt (vielleicht) Anders.

Nomade mit nervösem Zucke im Aug'

In seinem Prolog nimmt Anders dies alles voraus. Max Simonischek sitzt an der Rampe und lässt die Beine baumeln. Spricht von schrumpfenden Städten. Von einer Gesellschaft ohne Utopie. In seinen Augen ein nervöses Zucken, in seiner Hand ein Schlafsack. Denn dies, so Anders, ist vielleicht die Lösung: Temporäre Behausungen. Neuzeitliches Nomadentum. Doch so ganz scheint die mobile Utopie nicht zu taugen, denn am Ende wird Anders wie Tristan in seine Heimatstadt zurückkehren. Da sieht er ziemlich zerrupft aus, und auch in Wolfen ist unterdessen alles vor die Hunde gegangen.

Dem Fortschritt setzt Kater Figuren entgegen, die nur eine Blickrichtung haben: rückwärts. Der große Knall bildet sich in den privaten Beziehungen ab. Sind sie schon von Anfang an Isolierte, so zersprengt es sie schließlich ganz. Kein Paradies, nirgends. Simone, die Fritzi Haberlandt in bewährter Manier spielt, mit verhakten Gliedern und kindlich-kieksenden, sehr amüsanten Ausbrüchen – diese Simone wird plötzlich lebhaft, wenn sie Kindheitserinnerungen ausgräbt. Gesicht und Hände erblühen, sie tiriliert und jubiliert. Die Gegenwart aber lässt sie verstummen. Da helfen auch Roberts Wiederbelebungsversuche nichts, genauso wenig das herrlich unbeholfene Imponiergehabe, das Ronald Kukulies dabei an den Tag legt.

Gothic-Novel mit Nostalgieüberschuss

Kater montiert Motive und Texte aus Wagners "Tristan und Isolde", Bibelfragmente und Wissenschaftsgeschichte mit etwas Romantik à la Novalis und Tristans Raben, dem alten Aasfresser. Eine Gothic-Novel mit Nostalgieüberschuss, die Petras pointenreich, mit akrobatischen Einlagen inszeniert. Wenn schon alles den Bach runtergehen muss, dann wenigstens witzig.

Rührend und komisch tragen diese postmodernen Verlassenen den ersten Teil des Abends – da regt sich höchstens ein Verdacht gegen zu viel Possierlichkeit und Skurrilität. Nach der Pause aber werden sie ganz zu Karikaturen – der Nerd Anders etwa, der gerne ein Held wäre, und die Lolita Simone, die von der Ferne träumt, sie aber alleine nicht betreten kann. Weil sie allesamt nicht gegen den Lauf der Zeit schwimmen können, der sie mit sich fortreißt, überziehen sie die Bühne mit schwarzer Folie und versenken sich im Dunkel. Doch der Rabe krächzt kein letztes "nimmermehr".

 

Heaven (zu tristan)
von Fritz Kater
Regie: Armin Petras, Bühne und Kostüme: Bernd Schneider, Patricia Talacko, Video: Niklas Ritter. Mit: Susanne Böwe, Fritzi Haberlandt, Yvon Jansen, Ronald Kukulies, Peter Kurth, Juliane Pempelfort, Max Simonischek.

www.schauspielfrankfurt.de
www.gorki.de

 

 

Kritikenrundschau

Matthias Heine glaubt in der Welt (19.11.), dass Armin Petras mit "Heaven" "etwas ganz Neues" ausprobiere: "Eine Aufführung, in der Emotionen der Figuren nicht ironisiert und in äußerliche Spielereien 'übersetzt' werden." Zumindest weitgehend. Die Schauspieler seien "ganz famos", und zwar "nicht nur die, bei denen man es ohnehin erwartet wie die Hausstars Kurth und Haberlandt", sondern auch Ronald Kukulies, der "hier als liebenswerter Loser zum langhaarigen Hippiekönig der Herzen" werde. So sehr sich aber "die Aufführung nach dem 'Heaven' des ganz großen Gefühlsdramas" strecke, bleibe sie "doch in einem nicht ganz so aufregenden Vorhimmel stecken". Aber kurzweilig sei sie allemal.

Bei Armin Petras – so meint Christine Wahl im Tagesspiegel solle: (19.11.) – sei wie immer "weltkanonisches Mythengut à la 'Tristan und Isolde'" an der Tagesordnung, das man allerdings "keinesfalls kleinlich aufdröseln, sondern sportlich nehmen""als grob gespanntes Assoziationsangebotsnetz, um den Bitterfelder Raum ein Stück weit ins Universelle zu öffnen." Der Preis dafür sei "die petrastypische Ausrisshaftigkeit; bisweilen am Rande der Zerfaserung." In "Heaven" überrasche Petras "stellenweise mit verhältnismäßig ungebrochener Melodramatik", was dem Abend nur bedingt bekomme. Stark sei er vor allem da, wo er die Wirklichkeit stärker verdichte. Und am stärksten sei Fritzi Haberlandt, die "hier ein neues, tolles Ausdrucksspektrum" zeige.

Gunnar Decker im Neuen Deutschland (19.11.) zufolge inszenierte Petras sein neues Stück "Heaven", das "kein Stück im strengen Sinne", sondern "eine Spurensuche im Labyrinth der eigenen Biografie" sei, "mit traumsicherer Gewalt". Die Aufführung sei "präzise durchgearbeitet – durchgedacht bis an die Grenze, wo etwas nicht mehr übersetzbar wird, Geheimnis bleibt". Das "Zugleich von banalster Alltäglichkeit und romantischem Traummotiv" (Wagners Liebestod-Motiv) nennt Decker gar einen "Geniestreich". Und es sei "ein großer Abend für hervorragende Schauspieler, die sich der Tragik-Komödie eines Lebens im Aufbau-Abriss-Umbau aussetzen". "Das Geheimnis für das Gelingen dieses Abends: Sie alle wagen den Sprung ins Ungewisse."

Für Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (19.11.) ist es "eine Art kleines deutsch-deutsches Happyend", dass "Heaven" mit großem Erfolg zuerst am Schauspiel Frankfurt herauskam: "Nicht nur das Erzählen (das Außenstehende leicht mit Jammern verwechseln) hat begonnen, sondern auch das Zuhören (das Außenstehende leicht mit Verstehen verwechseln)." Petras schaffe es wie wenige, "die gesellschaftlichen Konflikte mit individuellen Figuren zu erzählen – ohne die Konflikte zu Privatangelegenheiten ... verkommen zu lassen". Stück und Inszenierung seien "fast so geräumig wie das Leben selbst, man könnte ewig weiter auslegen". Was nicht zuletzt mit den Schauspielern zu tun habe, die bei Petras "überdurchschnittlich harte Seelenarbeit" leisteten.

Das Theater habe begonnen zu schweben, berichtet Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (14.9.), vor lauter Glück über eine "lange wunderschöne" von Fritzi Haberlandt und Ronald Kukulies dargebotene "Spielstrecke zarter Lebensbehauptung und zerbrechenden Lebenswillens". Dabei war der überragende Peter Kurth als Königsforst noch nicht einmal im Spiel. Michalzik ist so hin und weg, dass er glaubt, er könne eine ganze Wand mit schönen Adjektiven über die Aufführung vollschreiben. Er gipfelt in einem unerhörten Vergleich: " … in der Spannung zwischen Verzweiflung und Zartheit, zwischen Aussichtslosigkeit und Selbsterfindung, in der Ernsthaftigkeit, mit der Kater sich dem Kitsch verlorener Seelen widmet, tritt er in die Fußstapfen" Heinrich von Kleists.

Dieter Bartetzko, etatmäßig Architekturkritiker der FAZ, hat die "Hölle des Ostens" auf der Bühne der Frankfurter Kammerspiele gesehen (14.9.). "Nach zwanzig Minuten ist klar, dass man sich wieder mal im "Blut-Schweiß-Rotz-Sperma-Tränen-Pool deutscher Jungdramatik befindet". Die gescheiterte Tristan-Figur, sei nur "die Schmuddelmarionette eines Theaters, das Gag und Schrecken verwechselt". Die Schauspieler sind großartige Virtuosen, derweil Petras den "ganzen Dreck unseres verrotteten Kapitalismus auf die Bühne bringen will". Doch dieser Dreck "ist auf dem Weg durch den Kopf des Autors zu sterilem Papier geworden und erregt nicht den Widerwillen, der ihm gebührt, sondern nur noch spontanen Ekel vor unkontrollierbaren Spritzern in den Zuschauerraum".

Marcus Hladek in der Frankfurter Neuen Presse (14.9.) gönnt es Petras, dass angesichts der Qualität von "Heaven" das "Dramometer nach oben" ausschlage. Mit seinem "klaren Thema" fasse das Stück "genug harsche Realität in sich", "scharf konturiert" seien die Figuren und nur ein wenig "sinnhubere" das Werk beim "Gequatsche" der Tristan-Figur "über Novalis". Hinreißend differenziert spiele Peter Kurth, schon mimisch verleihe Fritzi Haberlandt ihrer Simone eine "stockende Intensität", die notfalls ganz allein die Inszenierung aus dem Feuer risse.

Auch Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (14.9.) ist des Lobes voll. Sehr ausführlich geht er auf das völlig stumme Telefongespräch ein, das Fritzi Haberlandt nur durch virtuose Mimik in ein Erlebnis verwandelt, und konstatiert, dass Petras "mehr denn je ein linearer Bühnenerzähler" sei, der seine "Inszenierungsideen aus dem Text heraus entwickelt". Auch der Autor kriegt sein goldenes Fett ab, "da Fritz Kater zwar ein mit Mythen angereichertes Spiel von der Kernzertrümmerung einer Seelenlandschaft geschrieben, dem Ganzen aber viel melancholischen Witz mit auf den Weg gegeben hat, der die verschiedenen Geschichten zusammenhält".

Für Franz Wille in Theater Heute (10/2007) fügt sich "HEAVEN (zu Tristan)" "eigentlich bruchlos in die jüngste Reihe von Ost-Depressions –Dramatik, welche die sozialen Kontaktprofile einstürzender Neubauten feiert (Tine Rahel Völckers 'Die Höhle vor der Stadt …') oder autonome Selbstversorgerstaaten in verwahrlosten Neubausiedlungen ausruft (Thomas Freyers 'Separatisten')." Fritz Kater, schreibt Herr Wille weiter, habe einen guten Bekannten, den Regisseur und Intendanten des Berliner Gorki Theaters, Armin Petras. "Er begegnet dem Autor mit zugewandter respektlosigkeit und dreht ihm gelegentlich das Wort im Munde herum, bis Katers Menschenpark aufblüht." Da die Figuren in "Heaven" "intellektuell im gehobenen Zeitungsleserbereich siedeln", fehle es ihnen nicht an Erklärungen für Ihr Befinden. "Der zuständige Regietherapeut" zeige sich von "den angeschlagenen psychosozialen Erklärungsmustern – Identitätsverlust! Traumatisierung! – allerdings wenig beeindruckt. Sobald ein Sinnspruch ansteht, wird er darstellerisch so blendend ausgeleuchtet, bis er zur nackten Phrase schrumpelt."

Der Doyen der Ost-Theaterkritik Martin Linzer schreibt in seiner Kolumne in Theater der Zeit (April 2008), die einzelnen Erzählstränge von "Heaven" stünden wie "erratische Blöcke zueinander" und folgten doch "einer höheren Dramaturgie", die die Geschichte samt allen Einschüben, historischen Verweisen und Zitaten zusammenhalte. "Gesellschaftliche Konflikte immer als individuelle Konflikte erzählend, entsteht ein Mosaikbild deutsch-deutscher Befindlichkeit als Momentaufnahme eines historischen Prozesses. Das ist …  frei von jeder (N)Ostalgie wie von Besserwisserei." Die Inszenierung sei "spannend ohne Überhitzung", die "gefundenen Bilder und Bildmetaphern von herber Poesie. Ein Ereignis ist das Ensemble, aufs Äußerste gefordert, wie stets bei Petras aber auch hochmotiviert und bis zum Umfallen Figuren in ihrer Widersprüchlichkeit formend: lebendige Menschen eben."