Packende Stoffe, zwingende Erzählweisen

von Georg Kasch

München, 16. April 2010. Und der Preis geht an ... Romanadaptionen. Beim "radikal jung"-Festival am Münchner Volkstheater zeigten die Hälfte der acht Produktionen epische Stoffe: frei von Formzwängen und virtuos in der Wahl theatraler Mittel, um ihre Geschichten zu erzählen - nicht nur die Siegerproduktion, Bastian Krafts Adaption eines Romanfragments von Franz Kafka "Amerika".

Und das in einer Win-Win-Situation: Die eingeladenen vier Regisseurinnen und vier Regisseure um die 30 geraten in den Fokus von angereisten Theatermachern und Kritikern. Und auch das Haus bedient sich später gerne aus dem Pool der Gäste: die aktuelle Spielzeit wird mit einer Ausnahme (Hausherr Christian Stückl, gerade im Oberammergau-Fieber, inszenierte "Hamlet") von einstigen "radikal jung"-Teilnehmern bestritten.

Überwiegend heiter

Auch sonst kümmert sich das Festival um den Nachwuchs: Eine Masterclass besucht und diskutiert die Vorstellungen, in diesem Jahr erstmals mit Regie-Studierenden aus dem deutschsprachigen Bereich, Jungkritiker des Aufbaustudiengangs Kulturjournalismus an der Bayerischen Theaterakademie schreiben und verteilen die Festivalzeitung. Und die Generation zwischen 20 und 30, die das Publikum dominiert, blickt über den Münchner Tellerrand. Weil sich das längst herumgesprochen hat, waren die Vorstellungen ausverkauft und die Abschlussparty voll, als sich Volkstheater-Schauspieler Friedrich Mücke deutschrappend unter Gimmick und DJ Danger mischte, die Mitzwanziger-Meute mit den Füßen wippte und Regisseur Bastian Kraft endlich mal entspannt an der Wand lehnte. Kraft, Jahrgang 1980, erhielt den mit 2500 Euro dotierten Publikumspreis, gestiftet von den Freunden des Münchner Volkstheaters, der nach bewährtem Muster ermittelt wird: Nach den Vorstellungen werfen die Zuschauer bunte Kärtchen in drei Kästen, sonnig, bewölkt, regnerisch.

Schöner allerdings wäre eine Zwischenkategorie gewesen wie "überwiegend heiter". Denn es gab viel Bemerkenswertes: Etwa Johannes Schmits intelligente und sinnliche Inszenierung von Katharina Schmitts Leipziger "Im Pelz" -Phantasie frei nach Sacher-Masoch, wo sich das Publikum auf Fellimitaten räkelt, während Anna Blomeier und Melanie Schmidli den masochistischen Balanceakt zwischen "Au!" und "Ah!" wagen; Christine Eders Münchner Dramatisierung von Helmut Kraussers "Eros", pathosfrei glänzender Boulevard, von einem präzise eingespielten Ensemble auf Talkshow-Couches serviert. Oder Simon Solbergs MTV-taugliche "Romeo und Julia" -Version, deren intime Szenen zwischen den Titelhelden (Annika Schilling und Sascha Göpel) so unmittelbar berühren wie selten.

Tops ....

Aber es fehlte ihnen doch ein Quantum an Geschlossenheit und innerer Spannung, die Bastian Krafts Kafka-Adaption "Amerika" und Antú Romero Nunes' Schiller-Anverwandlung "Der Geisterseher" zu den herausragenden Produktionen des Festivals machten. Nunes' Diplominszenierung für die Theaterkaderschmiede "Ernst Busch" am Berliner Maxim Gorki Theater stellt Schiller vom Kopf auf die Füße, zerschreddert das Romanfragment in Zitat- und Themenbausteine, destilliert zwei gegensätzliche Charaktere heraus und hetzt sie aufeinander.

Jirka Zett, der blonde und rehäugige "kleine Prinz", der "mit dem Herzen sieht", und Paul Schröder, der mysteriöse Fremde, Freund und Magier, der im gegenlichtdurchfluteten Kunstnebel Karten und Stühle durch die Luft wirbelt. Die zwei Jungs spielen, wie es Kinder tun: mit Windmaschine, Konfetti, Diskokugel, Weihrauchbecher und einander, mit unbändiger Phantasie, einem sich fortwährend wandelnden Rollenverständnis, einem ständigen Aufeinanderabstimmen von Handlung und Charakteren. Und schaffen so Atmosphären und Situationen, die der Klassiker-Kolportage faszinierend entsprechen. Nunes gewann zwei von der Regie-Masterclass gestiftete Bierkästen, wäre aber ebenso preiswürdig gewesen wie Kraft, der neben dem Publikumspreis auch den der Nachwuchskritiker erhielt – eine Flasche Wein.

In seiner atmosphärisch dichten Fassung von Kafkas "Amerika" am Thalia Theater Hamburg entdeckt Schauspieler Philipp Hochmair in der engen, inwendig verspiegelten Glaszelle von Peter Baur eine schier endlose Welt – eine anonymisierte, hierarchische, menschenverachtende Gesellschaft, in der Karl Roßmann vergeblich anzukommen versucht. Hochmairs Karl scheitert in seinen Anpassungsbestrebungen mit großen Augen und naiver Stimme, trotz "Verantwortungsbewusstsein, Kundenorientierung, Teamfähigkeit, hoher Zahlenaffinität, Einsatzfreude, Selbstständigkeit und Belastbarkeit", wie er aufzusagen weiß. Und stößt, medial erweitert durch Kamera und Spiegelreflexe, an die Grenzen seiner selbst. Ein scharfer, intensiver Beitrag auch zur Wirtschafts- und Finanzkrise, der den Publikumspreis zu Recht erhält.

.... und Flops

Allerdings ist auch die "radikal jung"-Jury aus Volkstheater-Chefdramaturg Kilian Engels, Publizist C. Bernd Sucher und Schauspielerin Annette Paulmann nicht unfehlbar und hat 2010 auch Produktionen eingeladen, die verzichtbar gewesen wären: "Himmelangst" etwa, die Uraufführung eines Stückes von Daniela Dröscher, bei der Lilli-Hannah Hoepner durch phantasievolle, aber etwas wirre Aktionen versucht, den klischeekleisternden Text über eine traumwandelnde Begegnung dreier iranischer Stewardessen mit Barack Obama verdaubar zu machen. Und ebenso scheitert wie Alice Buddeberg mit ihrer Frankfurter "Hedda Gabler" zwischen Heizstrahlern und Eis, wo sich Constanze Becker herausragend und das Publikum zunehmend langweilt, weil alle übrigen Protagonisten gar zu fatalistisch und blass auf ihre Bauchnabel schauen.

Dennoch: 2010 war ein überzeugender "radikal jung"-Jahrgang – und ein Versprechen auf die krisenresistente Zunkunft eines Theaters, das großartige Schauspieler, packende Geschichten und zwingende Erzählformen zu einzigartigen Erlebnissen zu verschmelzen weiß.

 

www.muenchner-volkstheater.de/RadikalJung/festival

 

Hier alle Stücke und Informationen auf einen Blick.

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 radikal jung 2010: schlecht verhüllte RessentimentsThomas Löw 2010-04-17 23:34
Einigermaßen erstaunt habe ich Egbert Tholls Résumé des Festivals "radikal jung" im Münchener Volkstheater gelesen. Es scheint beinahe, als ob weibliche Regisseure bei Herrn Tholl a priori einen schweren Stand hätten (es sei denn, sie inszenieren an seiner Lieblingsbühne, dem Münchener Volkstheater). Seine schlecht verhüllten Ressentiments dann aber auch als abfälliger, selbstherrlicher und jenseits persönlicher Vorlieben kaum begründeter Rundumschlag heraus zu blöken, ist einfach schlechter Stil - journalistisch wie menschlich. Ist das etwa das Bild, das man sich vom modernen Theaterkritiker machen muss: (...) unfair und dabei außer Rand und Band?
#2 radikal jung 2010: aus Zufall Männerstawrogin 2010-04-18 17:44
also ich kann da keine ressentiments erkennen. herr tholl hat einfach zwei inszenierungen, die zweifelsfrei höhepunkte von radikal jung waren heruasgehoben und zwei eher misslungene noch recht wohlwollend besprochen (wie zumindest im fall von hedda gabler schon andere kritiker vor ihm). dass die einen junge männer, die anderen junge frauen sind, ist doch eher zufall. vorallem wenn man sich vergangene radikal jung besprechungen und gewinnerinnen ansieht (z.B. frau rudolph)
#3 radikal jung 2010: Theater, Kritiker und GeschmackThomas Löw 2010-04-19 01:06
Ob es Zufall ist, dass sowohl weibliche Regisseure als auch Autoren bei Herrn Tholl keine Gnade finden, die gehypten männlichen Regisseure jedoch schon, darüber kann ich nur vage Vermutungen anstellen. Eine apodiktische Vorstellung, wie "junges Regietheater" zu sein habe, scheint Tholl aber durchaus zu haben und seinen Beurteilungen recht erbarmungslos zugrunde zu legen. Er gehört zu jenen (zahlreichen) anderen Kritikern, die das Theater nach ihrem Geschmack formen wollen, ohne selbst einen kreativen Stempel zur Verfügung zu haben.
#4 radikal jung 2010: anmaßende SelbstüberschätzungThomas Löw 2010-04-19 02:41
Im Übrigen gehen mir die ganzen Kritiker auf die Nerven, die ihre Positionen permanent mißbrauchen, um in anmaßender Selbstüberschätzung und weit über Gebühr Einfluß auf Spielpläne, Inszenierungsstile und Personalien zu nehmen. Warum werden die Kritiker nicht einfach Intendanten? Dann müssten sie wenigstens Verantwortung für ihren Geschmack übernehmen. Es zeugt von Ignoranz gegenüber der Jury und der meist wochenlangen und meist ernsthaften Arbeit aller (nicht nur die "radikal jung"-) Theaterleuten, wie mitunter den Künstlern Hilf- und Gedankenlosigkeit, Dummheit und Unvermögen unterstellt wird, anstatt einen Moment inne zu halten und sich zu vergewissern, ob in einem Theaterabend nicht möglicherweise mehr drin stecken könnte, als man anzunehmen bereit ist. Es würde dem Theater (und auch dem Kritikerberuf) nur helfen, wenn sich die Rezensenten nicht genötigt fühlen würden, sich selbst andauernd in den Mittelpunkt zu rücken.
Ferner, stawrogin, sind mir Begriffe wie "zweifelsfreie höhepunkte" suspekt. Ich habe die Inszenierungen nicht in dieser Klarheit einordnen können, dazu hat die lautstarke Lobbyarbeit rund um das Festival viel zu sehr gestört.
#5 radikal jung 2010: läuft das noch?mülheimerin 2011-06-05 12:09
schöner interessanter, gut geschriebener text, herr kasch! ich habe direkt große lust mir die beiden herausragenden inszenierungen anzusehen, weiß jemand, wo und ob die noch laufen?

Kommentar schreiben