Das schreit doch nach Krise!

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 17. April 2010. Hier ist die Zeit bleiern. Es herrscht das Wort Gottes und seines Stellvertreters auf Erden, des Hausherren. Seinem Willen ist nur durch Selbstmord zu entgehen, doch auch dieser will scheinbar nicht gelingen: Mariane, die unglückliche Tochter des Hauses, trägt neben einer verzerrten Leidensmiene ihre verbundenen Handgelenke zur Schau. Dagegen kann auch die toll tobende Dorine nichts tun, gespielt von der fabelhaften Josefin Platt. Denn in diesem "Tartuffe" von Molière haben die Frauen zwar den Überblick, aber keine Macht.

Im großbürgerlichen Salon steht ein schwarzer Flügel, verkleidet Holz die Wände, leuchtet Tageslicht durch die raumhohen Fenster und hängt ein Kronleuchter. Das Bühnenbild von Volker Hintermeier wirkt zunächst wie ein trompe l'oeil, so sehr hat man sich die an abstrakten, reduzierten Bühnenbilder des Gegenwartstheaters gewöhnt.

Verfressene, angeschmutzte Krummgestalt

Im Salon stehen erstarrt die verstörte Familie, denn es hat sich ein Fremder in dem Wohlstand eingenistet, der sich als religiöser Eiferer in die Gunst des Hausherren schleicht und ihnen allen das Wasser abzugraben droht. Valère, der Schwiegersohn in spe, spielt immer wieder dieselben drei Takte am Klavier, Mariane summt dazu, doch sie kommen nicht voran, im Lied nicht wie im Leben.

Man spricht die Verse in Wolfgang Wiens Übersetzung verlangsamt und mit Endsilbenbetonung. Von Anfang an nimmt Regisseur Staffan Valdemar Holm der Komödie das Tempo und zerdehnt die Szenen. Der Schwede inszeniert erstmals in Frankfurt, ab der Spielzeit 2011/12 wird er Generalintendant des Düsseldorfer Schauspielhauses. Seine Molière-Gesellschaft ist in Schönheit und Schrecken erstarrt.

Als Orgon nach zwei Tagen der Abwesenheit wieder nach Hause kommt, rauscht mit Michael Abendroth ein Vorhang herein, der die Vorderbühne abtrennt, auf der fortan gespielt wird – Versteckspiele eingeschlossen. Tartuffe ist hier eine angeschmutzte Krummgestalt, gespielt von Wolfgang Michael. Ihm hängt das Hemd aus der Hose, und sein pseudo-religiöser, verfressener und habgieriger Trickbetrüger ist ganz und gar windhundig – und das facettenlose anderthalb Stunden lang.

Kräftig auf die Schenkel patschen

Mit seinen gebeugten Schultern und verhakten Händen ist Michaels ganz Mund - er nuschelt, sabbert, jammert und nölt, er seufzt, prustet und schnaubt. Ein Wunder, dass Hausherr Orgon diesem wehleidigen, wenn auch wortwendigen Heuchler so gründlich auf den Leim geht, dass ihm Ehe- und Familienbande nichts mehr gelten.

Nur eine Erklärung bietet die Inszenierung an, eine heimliche Liebe nämlich. Abendroths Orgon fährt ein strenges Regiment, verfährt mit den Seinen, wie es ihm gefällt, und wischt mit der Geste des Souveräns alle Zweifel an Tartuffe zur Seite. Taucht dieser auf, so werden ihm die Augen feucht, und dann kann der dem guten Mann schon mal kräftig auf den Schenkel patschen und ihn fest ans Herz drücken.

Es wird viel geheult in Holms Inszenierung, auch von den Jungen, die gegen die Regeln der Alten keinen Widerstand leisten, sondern bloß in infantilen Trotz und Geplärr verfallen. Isaak Dentler als Damis kickt lackbeschuht und folgenfrei seine Wut in die Luft, Valère (Christoph Pütthoff), von Tartuffe um seine Braut gebracht, hat nichts als fäusteschüttelnde Jammerschreie übrig. Und Mariane, gespielt von Henriette Blumenau, greint breitmundig um ihr verlorenes Liebesglück - beleidigte Kindskopf-Leberwürste, allesamt! Da helfen auch die Intrigenversuche der energisch-mütterlichen Zofe Dorine nichts.

Die Gegenintrige bleibt aus

Die Frankfurter Fassung endet auf halber Strecke: Nachdem Elmire (Franziska Junge) ihrem Gatten in einer quälend langen Szene vorführt, dass Tartuffe sie begehrt, schmeißt nicht Orgon Tartuffe, sondern der Betrüger den Hausherren raus. Schließlich hat letzterer dem "guten Mann" längst sein Hab und Gut überschrieben. Die bei Molière gesponnene Gegenintrige bleibt aus, stattdessen brüllt Tartuffe mit Siegergeste das letzte Wort: "Jaaaa!"

Ist Holms "Tartuffe" ein Abgesang aufs Frankfurter Bürgertum, das von Bahnhofsviertelpennern um sein Vermögen gebracht wird? Auf jeden Fall siegen Habsucht und Gier im Namen des Rechts über die Gerechtigkeit. Hier hat der Regisseur wohl die Aktualisierung des 350 Jahre alten Stoffes gewittert, das schreit doch nach Krise, Korruption und Veruntreuungsmaßnahmen, die der Menschlichkeit den Garaus machen!

Worin aber der religiöse Wahn begründet liegen soll, der die ganz Misere erst herbeiführt, und warum die Familie in devoter Verzweiflung dem Patriarchen folge leistet, so dass er sie allesamt sehenden Auges in den Untergang treibt, das bleibt im Zappendustern.

 

Tartuffe
von Molière
Deutsch von Wolfgang Wiens
Regie: Staffan Valdemar Holm, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Christine Mayer, Licht: Jan Walther, Dramaturgie: Andreas Erdmann.
Mit: Michael Abendroth, Franziska Junge, Isaak Dentler, Henriette Blumenau, Christoph Pütthoff, Sébastien Jacobi, Wolfgang Michael, Josefin Platt.

www.schauspielfrankfurt.de


Andere Tartuffes zeigten unter anderem Matthias Hartmann im Winter 2007 am Zürcher Schauspielhaus, Rafael Sanchez im Mai 2008 im Theater Essen und Herbert Fritsch im Theater Oberhausen und zwar im September 2008.

 

Kritikenrundschau

Der schwedische Regisseur Staffan Valdemar Holm habe in Frankfurt den "Tartuffe", "Molières bitterschwarzes Lustspiel auf gut Schwedisch in eine Art Strindbergsche Traumspiel- oder Todestanz- oder Zwangsjacken-Welt", schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen (19.4.2010). "Die Komödie hat hier ihre Fallhöhe nicht verloren, sondern gar nicht erst erreicht: Sie liegt in der Grube zwar auswegloser, aber neurotisch-komischer Depression." Staat, Recht, Gesellschaft, König und Bote und eine Außenwelt überhaupt seien völlig gestrichen. "Das alles ist eigentlich kaum komisch. Aber trotzdem zum Lachen. In Staffan Valdemar Holms locker und manchmal auch etwas neckisch ausgehobenem Regie-Bombentrichter verschwinden zwar Einzelheiten, Seelen, Schmerzen auch, und, wie gesagt, ein ganzer Staat. Und wenn alle ungefähr gleich meschugge sind, geht uns ja keiner mehr richtig nahe. Aber der Verlust an individueller Differenz wird doch sehr hübsch ausgeglichen durch einen Gewinn an kollektiver Boshaftigkeit. Molière hat schon mehr ausgehalten."

Das Seltsamste an diesem Frankfurter 'Tartuffe' sei, "wie unseltsam er ist", wundert sich Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (19.4.2010): "Er wurde nur seltsam umrahmt und verpackt." Dazwischen aber entwickle sich die Handlung "nach herkömmlicher Lustspielart. Augen werden gerollt, Fäuste geballt, Wutquieker ausgestoßen. Molières 'Tartuffe' ist extrem komisch, insofern ist das richtig so. Es ist nur, nun, irritierend, ihm auf der riesigen Bühne des Frankfurter Schauspiels und modern zurechtgemacht mit derselben Freude am Händeringen und Zornesschnaufen zu begegnen, wie Sommer für Sommer auf den Freiluftbühnen der Umgebung." Solche Abende erlebe "man gar nicht selten, wenn große Bühnen sich vielgespielter Kracher annehmen. Man kann sich vorstellen, wie die Theatermacher denken: Ist doch lustig, wenn wir auch mal tun, was die anderen tun, nur besser. Und dann ist alles wie immer oder womöglich sogar flauer."

"Einen solchen Tartuffe hat man wohl noch nicht gesehen", schreibt Michael Kluger in der Frankfurter Neuen Presse (19.4.2010): "Wolfgang Michael verkriecht sich in einen abgerissenen Dreckskerl und ranzigen Nuschler. Dieser scheinheilige Moralist ist so verkommen wie die Lederflicken auf seinen Sakkoärmeln. Als schmieriger Stinkstiefel schlurft er in schäbigen Klamotten mit hängenden Schultern schlaff und gelangweilt über die Szene, schnoddert und sabbert, schnauft und schmatzt, ein ätzender Widerling durch und durch, der unentwegt die versiffte Hose richtet und sich manchmal ans Gemächt greift. Warum der feine Herr Orgon diesem monotonen Tippelbruder auf den Leim gegangen ist, weiß vermutlich nur der Regisseur". Bei alldem bleibe der Spaß "so lahm wie die gewonnenen Erkenntnisse".

Egbert Tholl schreibt in der Süddeutschen Zeitung (22.4.2010): Der "fabelhafte" Beginn mit der "konsequenten Verweigerung jedes Anflugs von Naturalismus" hätte die Möglichkeiten geschaffen, "Äquivalente zu dem zu suchen, worauf sich Molières Spott vor knapp 350 Jahren richtete". Der "aktuelle Zustand" der katholischen Kirche oder vermeintlich "religiös motivierte Familienkatastrophen" etwa. Vielleicht vertraue Holm darauf, dass dies "mit der reinen Vorführung des Stücks" und "annähernd perfektem Schauspielertheater" gelänge. Doch stünde ihm dabei das "eindeutig heutige Ambiente" im Weg. Zwar fehlte den Figuren "jegliche Selbstreflexion", doch seien sie "modern gezeichnet". Ihre "Unfähigkeit, naheliegende Probleme" mit einem "klaren Satz aus dem Weg zu räumen", die "Tölpelhaftigkeit", mit der sie sich von Tartuffe einfangen ließen, all dies bewege sich "nah am Kabarett", würde es nicht die "Oberfläche eines großen Theaterabends" behaupten.

 

 
Kommentar schreiben