Der Tod kommt aus dem Kleiderschrank

von André Mumot

Hannover, 17. April 2010. Also, eigentlich ist der Tod das Thema. Unschön. Mal sehen: Vielleicht kommt man irgendwie dran vorbei. Der Chor singt jedenfalls mit stolzgeschwellter Feierlichkeit: "Hurra, wir leben noch!" Ein trotzig-tapferer Widerstand, schließlich steht hier die Seniorenkantorei einer hannoverschen Kirchengemeinde auf der Bühne. Die pheräischen Greise, die Euripides als Kommentatoren seiner "Alkestis" vorgesehen hat, sind also in diesem Fall tatsächlich, was sie sein sollen: betagt, wenn auch sehr rüstig. Und gut drauf. "Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse" tönt es aus dem Off, und die fröhlichen Rentner tanzen unverfroren die Wendehals-Polonaise, während die Jugend an der Rampe untröstlich trauert.

Demographischer Sängerkampf

Es war wohl unvermeidlich, dass sich Tom Kühnel, seit dieser Spielzeit Hausregisseur am Schauspiel Hannover, ein solches, mit dem demographischen Holzhammer gezimmertes Bild nicht entgehen lassen wollte: Immerhin handelt dieses Stück auch davon, dass die Alten darauf bestehen, weiter zu leben und damit erheblich die Notlage ihrer Kinder intensivieren.

Aber das ist ja nicht alles: Admet selbst (Rainer Frank) hat zugelassen, dass seine junge Frau sich für ihn opfert und muss nun das Hinterbliebenen-Leid aushalten - nur weil es irgendwelchen Göttern eingefallen ist, Todesaufschub und Sterbendenaustausch anzubieten. Es folgt programmgemäß eine quälende Auseinandersetzung mit der allgemeinen Vergänglichkeit, dem Prozess des Abschieds und einer von schlechtem Gewissen erschwerten Trauerarbeit.

Als Admet das Schlafzimmer renovierte

In Hannover lässt sich all das ganz gut an. Die Senioren singen gedämpft "Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt, sagt die Welt, dass er zu früh geht", (ein alter Tränendrücker von den Puhdys) und spähen durchs Fenster eines zeitgenössisch eingerichteten Großbürger-Schlafzimmers, das sich langsam aus dem Graben erhebt. Im Bett liegt Carolin Eichhorst - eine Sterbende im hauchdünnen Negligée - und die Erinnerungen an glücklichere Tage laufen als kurzer Film hinter ihr über die Wände: Das Über-die-Schwelle-Tragen im Brautkleid, das Tapezieren des Schlafzimmers, eine Familienfeier - so dies und das. Es blitzen feine Tränen in den Augen dieser Alkestis, sie taumelt mit Anmut durch den Raum und sinkt fast zornig zurück in die Kissen.

Kühnel kann, wenn er will, eine still verstörte Traurigkeit inszenieren. Er will es aber nicht sehr lange. Denn in der zentralen Sterbeszene erklingt plötzlich zuckersüß und dick ein Violinkonzert. Alkestis ringt die Hände und deklamiert in hohlstem Pathos: "Das ist der Tod! Kinder, lebt! Mutter muss fort!" Der Gatte greint teilnahmslos in antiker Rhetorik, und der adrett kostümierte Nachwuchs winkt treulich zum Abschied. Das Mädchen ruft: "Nun bin ich verwaist, ich armes Kind!" Die ganze Szene strotzt vor verblüffender Herzlosigkeit und ist eine formvollendet giftige Parodie auf seifenopernde Sterbeschnulzen. Mehr allerdings auch nicht.

Auf die Tränendrüse gedrückt

"Alkestis", womöglich als unbehagliches Satyrspiel geschrieben - man weiß es nicht so genau - soll eben unbedingt zur Komödie werden. Und so bricht mitten in der tiefsten Trauer Herakles durch die Wand. Der Deus ex Machina ist bei Aljoscha Stadelmann ein keulenschwingender Suffkopp, der zur Begrüßung einen tiefen Schluck aus der Blumenvase nimmt und bis zum Schluss sehr laut und rustikal feixend seine Sätze zur polternden Pointen machen muss. Wie Thanatos (Rainer Frank), der sich mit gezücktem Schwert und in schwarzer Federn-Kutte aus dem Wandschrank der Alkestis schält, scheint er direkt aus einem knallbunten amerikanischen Fantasyfilm entlaufen zu sein.

Offenkundig interessiert sich Kühnel hauptsächlich dafür, wie wir uns Geschichten vom Tod und vom Sterben erzählen, uns Märchen und Tragödien erfinden, böse und hilfreiche Götter, edle Frauen und leidende Männer - und wie wir uns Lieder dazu komponieren, mit denen sich trefflich sentimental sein lässt. Wenn Admet trauert, tritt er deshalb vors Mikrofon und singt Udo Lindenbergs grausiges "Stark wie zwei" in einer wummernden Electro-Wave-Variante ("Der Fährmann setzt dich übern Fluss rüber/ ich spür, deine Kraft geht voll auf mich über.").

Ausflüchte vor dem Tod

Und über die entseelt aus dem Totenreich zurückgeholte Alkestis freut er sich mit einer absichtlich läppisch gestalteten religiösen Ekstase, die, wie so vieles in dieser Premiere, für launige Heiterkeit im Publikum sorgt. Nicht über den Tod wird hier gelacht und nicht übers Sterben, nur darüber, wie wir beides banalisieren. Das hat tatsächlich eine amüsante szenische Geschmeidigkeit, macht aber meistens den Eindruck einer schützenden Vemeidungsstrategie. Man parodiert sich vom eigentlichen Thema weg und schafft es doch nie ganz. Der Tod ist auch an diesem Abend viel zu nah, um so weit weg zu sein.

 

Alkestis
von Euripides. Deutsch von Hans von Arnim
Regie: Tom Kühnel, Bühne und Video: Jo Schramm, Kostüme: Marysol del Castillo, Musik und musikalische Leitung: Tomek Kolczynski, Dramturgie: Volker Bürger.
Mit: Carolin Eichhorst, Rainer Frank, Aljoscha Stadelmann, Paula Feil, Charlotte Jentzen, Julien Jopp, Patrick Wehrhahn. Projektchor der Seniorenkantorei der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannes: Wolfgang Bruns, Sabine von Campenhausen, Juliane Consbruch, Martin Cordes, Marie-Luise Ehrhardt, Elke Gärtner, Sabine von Graevemeyer, Karl Junge, Herbert Koch, Petra Metsch, Jürgen Meyer, Alwin Meynecke, Joachim Müller-Brandes, Dorothea Noth, Andreas Noth, Detlef Pfingsten, Edda Schlichting, Uwe Toepfer, Karl-Heinz Wiesel, Gerhard Württenberger, Rita Württenberger, Marion Zwarg.

www.staatstheater-hannover.de

 

Mehr zu Tom Kühnel: Hier besprochen wurde Go west von Saša Stanišic, das Kühnel im März 2008 in Graz zur Uraufführung brachte. Und die Revue Fordlandia, die in Zusammenarbeit mit Jürgen Kuttner im Oktober 2007 am Schauspiel Köln entstand.


Kritikenrundschau

Regisseur Tom Kühnel habe in seiner Inszenierung der "Alkestis" des Euripides am Schauspiel Hannover "für die Verwundung durch die Trauer ein wunderbares Bild gefunden", meint Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen (19.4.2010). "Und fast hätte man geglaubt, dass sich das Theater den großen Fragen nicht verweigert und hier ganz ernst und mutig etwas verhandelt, was uns alle angeht." Aber dann sei es "doch wieder nur ein Witz" gewesen, aus Alkestis' Sterben jedenfalls mache Kühnel "am Ende nur Großkino der falschen Gefühle". Das Theater spiele, "wie das Kino Sterben spielt. Kühnel begnügt sich mit schmaler Kulturkritik an Hollywood, wo er klug und anders vom Leben und Sterben hätte erzählen können (und ein bisschen ja auch erzählt hat)." Was aber "hätte das für ein grandioser Abend werden können, wenn Kühnel sich an die großen Fragen getraut hätte und nicht beim Kleinklein der Kitschkritik stehen geblieben wäre".

 

 

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