Die bewegte Frau

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 23. April 2010. Das "Anti" hat sich der Autor erspart. Versteht sich von selbst. Wie klänge das auch: Versuch einer Anti-Heldin? Es bleibt bei: "Versuch einer Heldin" als Untertitel für Martin Heckmanns' neues Stück – in Auftrag gegeben vom Düsseldorfer Schauspielhaus, das innerhalb eines Monats schon die zweite bestellte Uraufführung (nach Juli Zehs Good Morning, Boys and Girls) herausbrachte und wo Heckmanns' Kommt ein Mann zur Welt vor drei Jahren ebenfalls seine Geburtsstunde erlebt hatte.

Ir(in)a, die Heldin von "Hier kommen wir nicht lebendig raus" stammt aus Neuss (von Düsseldorf einmal fix über den Rhein), trotzdem agiert sie www. Sie ist drin, wie ehedem Boris Becker: vernetzwerkt, angemeldet bei StayFriends und von diversen Multiplikatoren, Alternativangeboten und ergänzenden Informationen (Wenn Sie sich für X entschieden haben, könnte auch Y für Sie von Interesse sein) auf neuestem Stand gehalten.

Wer bin ich, und wenn ja, durch wie viele?

Iras Mutter findet, die Tochter sei "verwirrt von diesem vielen Internet". Zumal Ira auch noch Wohn- und Arbeitsplatz symbiotisch verbunden und als Kundenberaterin im Bereich "Junges Telefonieren" beide Kommunikationsebenen verschränkt hat. Die Formel "Wer redet, ist nicht tot" gilt wohl nicht mehr angesichts steriler indirekter Dialog-Formate. Die große Unübersichtlichkeit und die allgemeine Erreichbarkeit – irgendwie gehört das zusammen. Verbindung ohne Verbindlichkeit.

Heckmanns schaltet in 20 Kapiteln Iras Lebensweg kurz als Erfahrungsbericht und Entwicklungsroman unter akuten Bedingungen, sozusagen mit links von online zu offline. Auch wenn Ira den Informationsfluss real durchschwimmt und den totalen Kontakt erfährt, hat die Suchbewegung etwas Virtuelles. Andersrum: Wer bin ich, und wenn ja, durch wie viele? Solch eine Frage macht Ira nervös. Sie ist nicht so sehr ego- und konzentrisch, als vielmehr exzentrisch.

Manche würden sie – sagt Ira, die bewegte Frau – "die Phasenweise" nennen, da sie sich hier, da und dort ausprobiert, angstvoll und ohne Ruh. Sie will wissen, wo es langgeht. Und hat einen gerechten Zorn – das fordert ihr schon der Name ab, wenn man ihn Lateinisch liest. Ira ist unterwegs – wohin? Dorthin, wo das Gegenteil allgemeiner Erwartung wartet: "Ziellosigkeit, Abschweifung, Glück der Enttäuschung".

Knallige Munterkeit, gestraffte Schlaffheit

Der große (um nicht zu sagen einzige) Gewinn der Düsseldorfer Uraufführung ist Xenia Snagowski als Ira: wie sie sich anfangs auf ihrem Klappsessel nicht zu lassen vermag, die Beine verhakt und die Arme ohne Halt hält, auch für ihre Stimme keine feste Lage kennt, sich überhaupt ziemlich verdreht und – körperlich gesehen – mehr als eine Schraube locker haben muss, nur aus neuralgischen Punkten zu bestehen und von sich selbst ganz geknickt zu sein scheint. Ein Cowgirlie, in einer gewissen gestrafften Schlaffheit, energisch, emphatisch und mit einem Gesichtsausdruck beschäftigt, als sei sie ständig über sich selbst konsterniert.

Um sie herum inszeniert Hermann Schmidt-Rahmer auf rümpelig leerer Bühne, deren Rückwand das Wort HERO blinkend ausbuchstabiert, eine leicht bekloppte, knallige, verkleidungslustige, brüllende, exzessiv sportive Munterkeit, die, obwohl sehr in die Länge und Breite gezogen, kein Koordinatensystem hat.

Von der wütenden Elektra bis zur töpfernden Hausfrau

Iras Arbeit an der Verhältnismäßigkeit geht so: Aufgewachsen in "Hassbeton", verlässt sie das (hier mit einer Strick-Lineatur markierte) mütterliche Heim, sucht einen Mentor, legt die Schauspielprüfung ab, bei der sie die Elektra (noch eine "wütende Frau") vorspricht, kriegt ein Engagement im Stadttheater Hiddenhausen und fällt nach 1000 Tagen aus der Rolle, wird von einem Talentscout für eine Spaßshow angeworben, tritt der Partei der "Freien Marktwirtschaftler" bei, träumt von Putsch und Öko-Diktatur, lernt als "elektrisches Mädchen" Jakob, den "zerrissenen Jungen", kennen, raubt mit ihm einen Tante-Emma-Laden aus, scheitert an der Hermeneutik eines Bankomaten, begegnet Nudisten und Ökofreaks sowie einem Bäcker mit Poesie, begeht symbolischen Vatermord, dichtet Lyrik und – kehrt heim.

Schnittig montiert, flink gedacht, mit ironischem Herzen betrachtet, zwischen Allegorie und Abenteuer platziert, scheint Ira eine jüngere Schwester von Heckmanns' Bruno aus "Kommt ein Mann zur Welt" zu sein und ebenso ein Sorgenkind des Lebens, das seine Ich-Komödie als Projekt der Selbstbehauptung gegenüber multipler Identität, zu vielen Optionen und Fremd-Erzählung aufführt.

Aber irgendwann unterwegs verliert sich die Lust an dem sprunghaften, mit Wortwitz elastisch gehaltenen "Problemverlauf", und man ist froh oder es ist einem schlichtweg gleichgültig, wenn und ob Ira vielleicht doch Ehefrau eines Sparkassenangestellten und töpfernde Hausfrau wird. Oder Rabenmutter oder Luder oder Bohèmienne oder Widerständlerin oder eine schöne Leich'. Erlösung im Unerlösten, wobei Ira im Open End noch die größte Autonomie erlangt.

 

Hier kommen wir nicht lebendig raus (UA)
von Martin Heckmanns
Regie: Hermann Schmidt-Rahmer, Bühne: Michaela Springer, Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Dramaturgie: Irma Dohn.
Mit: Daniel Christensen, Rainer Galke, Cornelia Kempers, Winfried Küppers, Katrin Röver, Xenia Snagowski.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Mehr Besprechungen zu Stücken von Martin Heckmanns: Zukunft für immer (Dresden, 9/2009), Das wundervolle Zwischending (Schauspielhaus Zürich, 6/2008), Ein Teil der Gans (Deutsches Theater Berlin, 10/2007 und Heidelberg, 4/2008) sowie Kommt ein Mann zur Welt (Düsseldorf, 4/2007).

 

Kritikenrundschau

Peter Michalzik macht in der Frankfurter Rundschau (26.4.2010) eine "immer wiederkehrende Gattung des neuen und neuesten Dramas" aus, nämlich "das, was man das 'Dissidenzdrama' nennen könnte. Dissidenzdramen drehen sich (...) um eine Figur, die versucht, sich zu finden, die unangepasst sein will, die in sich den Dissidenten als Sehnsuchtsmenschen trägt." Mit "Hier kommen wir nicht lebendig raus" habe nun auch Martin Heckmanns, "bisher der Wortbeschleuniger (...) unter den Jungdramatikern", ein Dissidenzdrama geschrieben. Das Stück zeige aber "das ganze Dilemma des Dissidenzdramas. Der Autor, der Dramaturg und der Zuschauer wissen – alle sind ja schlau -, dass Dissidenz, Selbstverwirklichung nicht mehr möglich ist. Das Dissidenzdrama läuft also etwas nach, an das es selbst nicht glaubt. (...) Egal wo man losgeht, egal wohin man geht, die Welt ist rund und man entkommt ihr nicht. Daraus entsteht die eigene Tragik, Komik und auch Langeweile des Dissidenzdramas." Der Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer führe bei seiner Düsseldorfer Uraufführung fort, überhöhe, blase auf, was bei Heckmanns angelegt ist. "Scheinbar sehr lebendig" hangele sich die Aufführung "von einer Station zur nächsten, requisitenselige Lustigkeit, herbeiimprovisierte Aufgedrehtheit, gesellschaftskritische Versatzstücke, Zitate früherer Suchbewegungen". Aber Lachen sei hier "keine Befreiung, Schadenfreude bedeutet keinen Schmerz, Nachdenken verläuft im Leeren, wir sehen eine Revue der verlorenen Überzeugungen."

Auch in seinem neuen Stück erweise sich Heckmanns "wieder als Dichter moderner Vergeblichkeit, der seinen Figuren all die abgegriffenen Formeln heutiger Selbstfindungs-, Sinnsuche- und Weltverbesserungsrhetorik in den Mund legt, auf dass sie den schalen Geschmack erkennen", schreibt Dorothee Krings in der Rheinischen Post (26.4.2010). "Das hat oft filigranen Sprachwitz, ergibt aber insgesamt ein allzu bekanntes Lamento. Der moderne Mensch: internetzerstreut, ohnmachtsparalysiert, ideologieernüchtert, orientierungslos – man hörte bereits von dieser Diagnose." Hermann Schmidt-Rahmer immerhin setze "die Windmühlengefechte der zornigen Versuchsheldin mit deftigem Witz in Szene", und Xenia Snagowski sei "die ideale Besetzung für die Figur der Irina, denn die Schauspielerin besitzt das Talent und die Kondition, mit rasendem Tempo den Typ zu wechseln, mal kess zu sein, mal ängstlich, nölig, lieblich, trotzig, berlinmittig, aggressiv." So könne man "Aufbau und Ablauf amüsiert betrachten, der Erkenntnisgewinn für den eigenen Heldenkampf ist gering."

"Dass diese Suche nach Erfahrungen albern, komisch und zugleich berührend" sei, liege "am gelungenen Zusammenspiel von Autor, Regisseur und Ensemble", meint Marion Troja in der Westdeutschen Zeitung (26.4.2010). Heckmanns wandele mit seinem Text "auf dem Grat zwischen Tiefsinn und Plattitüde. Die Pointen in seinen Dialogen zünden, weil sie seine Typen treffsicher charakterisieren. Dass deren Macken nicht irgendwann zu nerven beginnen, verdanken die Figuren den guten Darstellern und Regisseur Schmidt-Rahmer." Xenia Snagowski als Ira etwa leiste Herausragendes. Wer allerdings das Stück "Kommt ein Mann zur Welt" gesehen habe, "das Heckmanns vor drei Jahren ebenfalls für das Düsseldorfer Schauspielhaus schrieb und das ein Publikumsrenner wurde, der muss sich manchmal fragen: 'Kenne ich das nicht schon?'"

Das neue Stück von Martin Heckmanns gefällt Andreas Rossmann sehr gut. Ausführlich erzählt er davon in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.04.2010): In "zwanzig knappen Kapiteln" erzähle Heckmanns "keine Erlösungsgeschichte, sondern eine Art Mutprobelauf". "Überraschende Spiegelungen und Wendungen, Theater im Theater und epische Kommentare, Wortwitz und Verfremdungskomik" enthöben Iras Abenteuer dem Alltag und ließen sie "mit Windmühlen kämpfen", eine "Doña Quijotita aus dem Plattenbau". Allerdings, durch "die Vielzahl der Verweise und Versatzstücke" drohe dem Stück auch die Gefahr, dass "Wirklichkeit wird nur mehr angetippt statt in Konflikten erschlossen" werde. Xenia Snagowski, die ihre Rolle als Ira mit "Verve, virtuoser Vitalität und androgyner Wendigkeit darstellerisch" ausbuchstabiere, sichere der Inszenierung "Zug und Zusammenhalt". Doch sei die Aufführung "hektisch und laut" und lasse Heckmanns' Stück "keinen Raum zum Räsonieren und für poetische Verschnaufpausen".

Nicht recht froh wird Vasco Boenisch mit Martin Heckmanns' neuem Stück. In der Süddeutschen Zeitung (28.4.2010) schreibt er über Ira: "wie es sich für eine moderne Komödiantin ziemt, weiß Ira selbst nicht recht, was, wie oder warum." Vor drei Jahren habe Heckmanns mit "Kommt ein Mann zur Welt" schon einmal das "Stationendrama einer Sinnsuche" herausgebracht. Diesmal sei die Hauptfigur "ein bisschen selbstironischer, ein bisschen auf- und abgeklärter." Und es gibt ein bisschen mehr "Mittdreißigerweltphantomschmerz." Boenisch findet das ermüdend, denn "so sehr hier alles und alle demaskiert werden", so sehr fehle seiner "Diagnose ein ernsthafter, dringlicher Gegenpol." Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer bediene das "Leitmotiv einer Welt als Fake" mit viel Maske und Kostümwechseln; aber zwischen Xenia Snagowskis "jungmädchenhaftem, enerviert-enervierendem "Ey", "Nee", "Ne" leuchte für Sekunden doch "echter Zorn" auf. Dass sie sich nach dem gescheiterten Ausbruchversuch gegen den von der Erzählerin feierlich verkündeten "Erschöpfungstod aufbäume", sei "der spannendste Moment dieser Authentizitäts-Show". Dennoch bleibe der Eindruck, als habe Heckmanns seinen Erfolg "Kommt ein Mann zur Welt" recycelt.

 

 

 
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