Cinderella und die Bodenreform

von Esther Slevogt

Berlin, 23. April 2010. Am Ende ein Riesenapplaus. Vor einem abstrakten, expressionistisch angehauchten und nach hinten leicht ansteigenden Bühnenbild, das auf eine gotisch geformte Öffnung in der schwarzen Rückwand zuläuft, badet ein großes Ensemble im allgemeinen Jubel. Die Kostüme sind exotisch bunt: viele tragen archaische Felljacken und komische Hüte, manche haben Fantasieuniformen an, die an die Uniformen der Roten Armee erinnern und entsprechend revolutionäre Patina ausstrahlen. Es gibt Männer in Kosakenkutten oder schrillen Mönchskostümen. Andere wieder kommen geradezu heutig daher.

Zum Schluss verbeugt sich im eleganten Anzug auch der Regisseur des Abends: ein alter Herr mit listigem Lächeln und längerer grauer Mähne: Manfred Karge, dessen Karriere als Anfang Zwanzigjähriger vor fast einem halben Jahrhundert an diesem Haus, dem Berliner Ensemble, begann. Als er sich aus dem eifersüchtig sich belauernden Assistentenrudel der damaligen Hausherrin und Brecht-Witwe Helene Weigel löste und mit Matthias Langhoff ein höchst erfolgreiches Regieduo begründete, das an der Stätte der orthodoxen Brechtverwesung zunächst mit höchst unorthodoxen Brechtabenden auffiel. Was natürlich nicht lange gut gehen konnte.

Das Theater der Zukunft ist Vergangenheit

All dies ist lange her und fast schon nicht mehr wahr. Ebenso wie die Geschichte, die das berühmte Drama erzählt, das heute hier gegeben wurde. Auch das Theater der Zukunft, für das Brecht sein episches Vorzeigestück 1944 im amerikanischen Exil schrieb, ist lange eingemottet. Wobei "Der kaukasische Kreidekreis" eigentlich zwei Geschichten erzählt und die Fabel von Grusche – der Tochter aus dem Volk, die in den Wirren einer Revolution ein verlassenes Gouverneurskind annimmt, unter Opfern als ihr eigenes aufzieht und am Ende nicht mehr hergeben will – nur zur Illustration des revolutionären Standpunkts dient, dass nämlich immer dem etwas rechtmäßig gehört, der das Beste für die Gesellschaft daraus macht.

Im vorliegenden Fall geht es um Land, das im Zuge stalinistischer Bodenreformen seinen Besitzer wechselte, im georgischen Heimatland von Josef Stalin – damals, als auch Stalin noch als der weltrettende, in eine bessere Zukunft führende Übervater galt. Inzwischen sind die sozialistischen Bodenreformen zumindest hierzulande weitgehend rückgängig gemacht, die alten Besitzverhältnisse längst wiederhergestellt. Sogar die Institution, die für die Reprivatisierung des Volkseigentums stand, also die Treuhand, ist ziemlich vergessen.

Brecht im Disney-Look

Man muss so weit ausholen und die Lesergeduld auf die Probe stellen, um einmal die höchst aktuellen Reibungsflächen des Stoffes anzudeuten, die hier in einem gewaltigen und gelegentlich hyperaktiven Kostümfest fast ein wenig untergingen. Zwischen Figuren, die so schrill und comichaft agierten, als hätte es Brecht in den 40er Jahren wirklich geschafft, in Hollywood zu reüssieren und beispielsweise Drehbücher für Walt Disney zu schreiben.

Da ist die böse Gouverneursfrau, die statt ihr Kind ihre kostbaren Kleider rettet, und die Marina Senckel mit schriller Boshaftigkeit spielt, dass man an die bösen Schwestern aus "Cinderella" denken könnte; dann die allesamt grotesk ausstaffierten Fratzen der Macht, Fürst, Gouverneur, schwarz-weiß-gewandete Ammen mit Schwesternhauben oder tumbe Soldaten im Red-Army-Look. Und schließlich Grusche, das Aschenputtel des epischen Theaters (Anna Graenzer), das am Ende nicht nur das Kind sondern auch ihren Prinzen (äh – Soldaten) bekommt. Über allem thront der korrupte Richter Azdak, der im Suff fast aus Versehen Recht spricht im Sinne einer sozialistischen Gerechtigkeit (und ihren eigenen Normen) – der rotbackig röhrende Dieter Montag spielt ihn unterm gewaltigen Schnurrbart auch als diskrete (bös romantisierende) Stalinkarikatur.

Staubt es oder staubt es nicht?

Diese ganzen verwickelten Raffinessen der sich überlagernden und widersprechenden Geschichten und historischen Befunde kitzelt Karges Inszenierung schön heraus (ohne dass sie für das Verständnis des Abends zwingend nötig wären). Auch die gelegentliche Fadenscheinigkeit Brecht'scher Dialektik, mit der hier neue Besitz- und Gesellschaftsverhältnisse begründet und gerechtfertigt werden, die inzwischen schon wieder rückgängig gemacht worden sind.

Dem Erzähler der Rahmenhandlung, dem aasigen Norbert Stöß, hört man immer wieder sehr aufmerksam zu, wie er in Nadelstreifenanzug seine Wahrheit zu Markte trägt, mitunter tänzelnd, näselnd, listig argumentierend: wie er vom georgischen Tal erzählt, das traditionell Ziegenzüchtern gehörte, die dann von Hitlers Armeen nach dem Überfall auf die Sowjetunion vertrieben worden sind. Später beanspruchten Obstbauern das Land, das sie zu einem Garten machen wollten und bekommen es dann auch in Stalins Sowjetunion. "Und wehe, wenn ihr keinen Garten daraus macht!" hört man am Ende in Stöß' kolportierender Erzählung einen Alteigentümer sagen. Wir wissen ja längst: sie haben keinen Garten daraus gemacht.

All dies sind Gedanken, die dieser Abend provoziert, bei dem man aber trotzdem nie wirklich weiß, woran man eigentlich ist: Macht sich Manfred Karge über Brecht lustig, nimmt er das epische Theater und seine comichafte, höchst grob veranschaulichende Schwarz-Weißmalerei auf die Schippe, und verhilft ihm (höchst spielfreudig) auf diese Weise zu neuer Schärfe? Oder staubt es eher unfreiwillig komisch aus Jessica Karges bunten Kostümen?

 

Der kaukasische Kreidekreis
von Bertolt Brecht
Musik: Paul Dessau
Inszenierung und Bühne: Manfred Karge, Kostüme: Jessica Karge, musikalische Leitung: Alfons Nowacki, Dramaturgie: Hermann Wündrich.
Mit: Claudia Burckhardt, Heinrich Buttchereit, Larissa Fuchs, Anna Graenzer, Monika Lennartz, Swetlana Schönfeld, Marina Senckel, Alexander Ebert, Winfried Goos, Roman Kaminski, Roman Kanonik, Michael Kinkel, Peter Luppa, Dieter Montag, Lucas Prisor, Stephan Schäfer, Martin Schneider, Andreas Seifert, Norbert Stöß, Jörg Thieme, Felix Tittel, Georgios Tsivanoglou, Thomas Wittmann sowie alternierend Jonas Borkowski, Gustav Körner und Roland Sommer als Kind Michel.

www.berliner-ensemble.de

 

Vor einem Jahr ließ Manfred Karge am BE Brecht-Sketche spielen: Furcht und Elend des Dritten Reiches. Brecht-Inszenierungen der allerjüngsten Vergangenheit: Der gute Mensch von Sezuan (Friederike Heller, Schaubühne Berlin), Herr Puntila und sein Knecht Matti (Anne Lenk, Schauspielhaus Bochum), Die heilige Johanne der Schlachthöfe (Nicolas Stemann, Deutsches Theater Berlin), Im Dickicht der Städte (Matthias Langhoff, Landestheater Linz).

 

Wie Ohnsorg im Kaukasus

"Diese Inszenierung ist ein Desaster", urteilt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (26.4.2010). Denn Karge "betreibt die Umwertung aller Brecht-Werte ins Hilflos-Komödiantische." Was "bei Brecht Verfremdung im Dienste des Erkenntniszuwachses sein soll, wird in diesen drei traurigen Stunden zu Verdummung. Die Figuren sind mit ihren angeklebten Bärten, umgeschnallten Säbeln und herausgedrückten Bäuchen Karikaturen ihrer selbst." Einzig Dieter Montag erspiele sich "leise Freiheiten von diesem die Sinne und das Denken ausschaltenden Kostüm- und Kasperletheater." Ansonsten "aber rumpelt hier ein Brecht über die Bühne, der alles Hoffen auf eine geänderte Welt der Lächerlichkeit preisgibt."

Wie "Rokoko ohne Reifröcke, wie ein Erwachsenenmärchen mit einem Märchenonkel (Norbert Stöß) in Nadelstreifen" mutet Karges Inszenierung für Katrin Pauly von der Berliner Morgenpost (26.4.2010) an. Dieter Montag sei als Richter Azdak "sicher der herausragende Darsteller des Abends, mit überroten Bäckchen formt er seine Figur ebenso karikierend wie charakterstark." Doch täuschen einzelne einprägsame Schauspielerleistungen nicht über den Gesamteindruck hinweg: "alles hübsch bunt und volksnah, manchmal fast wie Ohnsorg im Kaukasus, aber am Ende fehlte Karge dann doch die Traute, das Stück konsequenter anzufassen. Es bleibt so ganz ohne Aktualisierung in seiner Moral in diesen Bankenkrisen- und Globalisierungszeiten allzu träumerisch."

Auch Frank Dietschreit in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (26.4.2010) sieht Brechts "Kreidekreis" durch Karge "zum unfreiwillig komischen Märchen aus der guten alten Zeit verniedlicht." Der "einst so glühende Brecht-Schüler" habe "leider gar keine Lust, das Publikum mit ein paar unangenehmen Wahrheiten zu belästigen und ihm das bürgerliche Grinsen auszutreiben." Auch hier fällt Lob auf Dieter Montags Azdak; ansonsten aber seien die Schauspieler "festgenagelt" in "ihren Rollen und Klischees". Fazit: "Brecht zum Abgewöhnen."

Ganz anders sieht das Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (26.4.2010). Im Anschluss an einen Verriss von Friederike Hellers "Der gute Mensch von Sezuan" an der Schaubühne widmet sich die Kritikerin Manfred Karge, der sich bei seiner "textlich klug gestrafften Fassung mehr oder minder an die reduziert-beredte Ästhetik von Brechts eigenen Inszenierungen" halte. "Allerdings wirkt die Aufführung dadurch kein bisschen verstaubt, sondern, im Gegenteil, durchdacht, konzentriert und spannend." Im mit Lob bedachten Ensemble glänze neben Dieter Montag und Norbert Stöß insbesondere die "famose junge Anna Graenzer" durch ihre "stets ein wenig amüsant pippi-langstrumpfhafte Grusche". Im Ganzen gewinne der "Der kaukasische Kreidekreis" hier "eine schöne, gänzlich unangestrengte Präsenz. Brecht wird bei Karge nicht mit aller Kraft in die Gegenwart gezerrt, weil er in seiner Lesart aus ihr nie verschwunden war. Er lässt statt quälender Aktualisierungen lieber Worte und Bilder für den Autor sprechen. Natürlich bleiben die Fragen am Schluss offen; doch wie sie in dieser Inszenierung gestellt wurden, ist ein anregend-geistreiches Unterfangen."


"Wie heute umgehen mit Brechts epischen Totalitäten?", wie der von Martin Walser behaupteten "normalen Klassikerlangeweile" entgehen, fragt Jürgen Otten in der Frankfurter Rundschau (27.4.) Leicht ist es nicht, dies bewiesen die beiden Brecht-Abende ("Der gute Mensch von Sezuan" in der Schaubühne und "Der Kaukasische Kreidekreis" im BE) in Berlin. Manfred Karge "fehlt eine Idee, was das Stück bedeuten könnte, deswegen flüchtet er sich in die Groteske". Einzig sein Einfall, einen "Künstler aus der Hauptstadt" zu "installieren", baue eine "Brücke hin zu Brecht". Doch die stürze "mit erschreckender Kontinuität jedesmal wieder ein", wenn die Schauspieler auf der "abstrakten" Bühne nicht wüssten, "was sie spielen sollen" und "ins Chargieren" verfielen. Nur Dieter Montag als Azdak, eine Figur, die schon Brecht als Karikatur angelegt habe und die deshalb nicht überspielt werden könne, beschere momenthaftes "Theaterglück".

Gustav Seibt äußert sich in der Süddeutschen Zeitung (27.04.2010) nach Ansehen des "Kaukasischen Kreidekreises" auch noch ein Mal zu "Sezuan" von Friederike Heller in der Schaubühne. Heller und ihre Darsteller reagierten auf ein Grundproblem bei Brecht: "Seine mit allen heutigen Sehgewohnheiten in schreiendem Widerspruch stehende Langsamkeit." Heller entreiße den "Guten Menschen" durch "fliegenden Rollen-Wechsel der Darsteller, Anleihen am Fernsehgeplapper und eine modernisierte Commedia dell"Arte der lehrhaften Drögheit". Karge wähle indes einen entgegengesetzten Ansatz: den "Binnenraum einer zur Gegenwart hin möglichst verschlossenen strengen Musealisierung". Es ist, als sähe man auf alte Theaterfotografien als "kolorierte lebende Bilder". Der "frühe DDR-Staatstheaterstil", mit "bunten Kostümen, farbiger Schminke, präzisem Gesang und genau gespuckten Silben", wirke überaus "befremdlich" - "in einem archäologischen Sinne theaterhaft". Angesichts der "historisch unvermeidlich wirkenden Unspielbarkeit" vor allem "der lehrhaften Brecht-Stücke" wirkten nur "extreme Lösungen" glaubwürdig, andernfalls drohe gähnende Langeweile. Es sei "schwer zu sehen", was "das Dritte zwischen radikaler Lässigkeit und entschlossener Musealisierung" sein sollte.


 

 
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