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Der Zorn ist spürbar noch

von Rainer Nolden

Trier, 25. April 2010. In Wikipedia, diesem unkontrollierbaren Meer des Wissens, wird er gleich in der Titelzeile als "Fluchthelfer" bezeichnet, als ob dies ein Beruf wäre. Für Wolfgang Welsch, Jahrgang 1944, freilich war es mehr als ein Beruf, es war Berufung und Möglichkeit zur Rache an der DDR, die dem gelernten Schauspieler die Freiheit genommen hatte.

Nach sieben Jahren Haft 1971 in den Westen freigekauft, wurde Welsch zum, wie er sich selbst sieht, "Staatsfeind Nr. 1". Er baute eine Fluchthelfer-Organisation auf und schaffte rund 200 Menschen in die Freiheit. Doch die Tentakel der Stasi-Krake reichten weit über den "antifaschistischen Schutzwall" hinaus: drei Mordanschlägen in England, Israel und der Bundesrepublik entkam er nur knapp.

Ein Leben zwischen den Fronten und zwei Systemen, wie es sich spannender auch John le Carré kaum hätte ausdenken können. Aber Welsch hat sich nichts ausgedacht, er musste es er- und durchleben. Er hat es aufgeschrieben in einem Buch, es wurde ein Fernsehfilm ("Der Stich des Skorpions", 2004), und jetzt gibt es eine dritte Reinkarnation als Theaterstück, mit dem der Autor – im Gegensatz zur Filmversion, die er kategorisch ablehnt – vollkommen einverstanden ist.

Steingraue DDR, quietschbunte BRD

Kunststück: Seine Autobiografie "Ich war Staatsfeind Nr. 1" hat er selbst zum Drama umgearbeitet. Am Theater Trier wurde es uraufgeführt, wo es sich nahtlos einfügt in das Motto, das Intendant Gerhard Weber der Spielzeit 2009/10 vorangestellt hat: "stand.ort.suche.deutschland", 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, 20 Jahre nach dem Mauerfall. Der Zorn ist spürbar noch, mit dem Welsch schrieb, und mit diesem Zorn als Treibsatz sind ihm und Regisseur Frank Asmus in der Tat einige beeindruckende Szenen gelungen. Für die hat Kerstin Laube ein ebenso bedrückendes, steingraues DDR-Ambiente wie eine quietschbunte Hasch- und Hippie-Bundesrepublik auf die Bühne gebaut.

Zwei Welten, ein Held: Jan Brunhoeber verleiht dem Protagonisten, bravourös und überzeugend, die Verzweiflung des Gedemütigten, die Aufsässigkeit dessen, der nichts mehr zu verlieren hat, den Hass des von Vergeltung Getriebenen, den Überschwang des Erfolgreichen, der es den Diktatoren heimzahlt - zwar mit vergleichsweise kleiner Münze nur, aber immerhin.

Für den Text, den er sprechen muss, kann er nichts. Der ist nämlich recht plakativ und thesenhaft geraten: jedes Wort ein Trompetenstoß, jeder Satz eine Absichtserklärung. Woran auch zahlreiche Ensembleszenen kranken, in denen sich die Schauspieler mit Dialogen quälen, die so hölzern daherkommen wie die Einpauksätze einer Schulbuch-Grammatik. Da hätten Dramaturgie und Regie die Gesetze des Literarischen konsequenter für die Anforderungen des Theaters zurechtbürsten müssen.

Zuchthauszellen hinter Blümchentapete

Ein starker Anfang immerhin: Welsch wird beim Fluchtversuch verhaftet und gerät zwischen die Zahnräder der DDR-Gerichtsbarkeit und des Strafvollzugs. Bedrohlich die Zuchthauszellen, umrahmt von vergilbter Blümchentapete: Spießertum und kalte Gewalttätigkeit bilden eine menschenverachtende Einheit, getrennt nur durch Konferenzzimmer-Falttüren, hinter denen das Grauen liegt. Ein stimmiges Bild für die geistige Befindlichkeit eines Staates, der den Horizont seiner Untertanen mit Steinen und Stacheldraht verbaut.

In diesem System ist Peter Singers Staatsanwalt eine gruselige Karikatur des Nazi-Blutrichters Roland Freisler; später vertritt er als Generalmajor mit bräsiger Brutalität die Interessen seiner Machthaber. Hans-Peter Leu gibt mit kalter Teilnahmslosigkeit den desinteressierten Rechtsvertreter Welschs, Knetmasse in den Händen der Staatsanwaltschaft. Mit solch pointiert gesetzten Beiläufigkeiten enthüllt das Stück, wie hilflos und ohnmächtig einer wird, der sich zu widersetzen wagte.

Ein später Sieg der Stasi

Paul Steinbach ist als Welschs ebenfalls freigekaufter Mithäftling Klaus rationaler, cooler und - zu Recht - misstrauischer, wenn es um Freunde, auch die im Westen, geht. Dazu gehört Peter Haack, den Tim Olrik Stöneberg mit zielgerichteter Gefühllosigkeit und leicht zu durchschauender Kumpelhaftigkeit spielt. An Barbara Ullmann als Welschs West-Ehefrau demonstriert der Autor schließlich, wie fatal es ist, wenn auf einem Minenfeld wie der Fluchthilfe Privates und Geschäftliches vermischt werden: Hilde Welsch zerbricht an den an sie gerichteten Ansprüchen wie zuletzt die ganze Familie. Auch dies ein später Sieg der Stasi über ihr Opfer.

"Ich war Staatsfeind Nr. 1" ist der bewusst subjektiv gehaltene Blick eines Opfers auf seine Vergangenheit. Das geht durchaus in Ordnung. Als Theaterstück weist es zwar erhebliche Defizite auf. Als Lebensbericht aus einem untergegangenen Staat, in dessen brackigem Kielwasser viele Täter unbehelligt und komfortabel weiterleben, viele Opfer bis heute keine Gerechtigkeit erfahren, ist es jedoch ein aufrüttelnder Beitrag zur jüngsten deutsch-deutschen Geschichte.


Ich war Staatsfeind Nr. 1
von Wolfgang Welsch
Uraufführung
Regie: Frank Asmus, Bühne: Kerstin Laube, Video: Timm Ringewaldt, Sound: Daniel Dorsch, Dramaturgie: Sylvia Martin.
Mit: Jan Brunhoeber, Barbara Ullmann, Paul Steinbach, Tim-Olrik-Stöneberg, Peter Singer, Michael Ophelders, Helge Gutbrod, Manfred-Paul-Hänig, Hans-Peter Leu, Angelika Schmid, Judith Kriebel, Manuela Gutsmann.

www.theater-trier.de

 

Kritikenrundschau

Auf dem Portal 16 vor - Nachrichten aus Trier schreibt Christian Baron, die "glanzvolle Theater-Adaption" lege mit "Ich war Staatsfeind Nr. 1" um den ehemaligen DDR-Fluchthelfer Wolfgang Welsch ein "fesselndes Stück Zeitgeschichte offen". Peter Singer spiele den Generalmajor Fiedler "amüsant, aber doch mehr als nur eine Spur zu gekünstelt". Auch die Besetzung des Protagonisten scheine "misslungen": Der "durchaus talentierte Jan Brunhoeber" verleihe seinem Wolfgang Welsch "eine Affektiertheit, die in dieser Form unmöglich beabsichtigt sein kann" und stelle den Titelhelden leider "viel zu blasiert dar, was die Identifikation unnötig erschwert". "Richtig starke Leistungen" lieferten dagegen Paul Steinbach, Tim Olrik Stöneberg und Barbara Ullmann, die ihren Rollen "die größtmögliche Glaubwürdigkeit" verleihen. "Durchweg famos" seien die Leistungen von Autor und Regie: Welsch habe sein Leben zu einer "uneitlen Storyline konzis gerafft", Frank Asmus und seine Dramaturgin Sylvia Martin transportierten den schwierigen Stoff "mit bestechender Präzision, welche die Verbrechen der DDR wirksam anklagt, ohne in einen ideologisch-moralischen Verdammungsblickwinkel oder in kleinbürgerliche Arroganz zu verfallen". Zu verzeihen seien dem Stückeschreiber, dem insgesamt ein "mitreißendes Stück" gelungen sei, somit auch "die wenigen tendenziös und selbstgerecht wirkenden Seitenhiebe gegen Marxismen aller Art".