Die Garten-WG sind wir!

von Ralph Gambihler

Jena, 28. April 2010. Im Englischen gibt es das praktische Wort backyard, das den Hinterhof bezeichnet, aber auch den kleinen Garten hinter dem Reihenhaus. In so einem backyard - in diesem Fall ist es der kleine Garten - spielt Tomas Schweigens neues Stück "MyState". Die Kulisse ist mit Bedacht gewählt. Sie setzt dem Geschehen gewissermaßen die Krone der Kleinbürgerlichkeit auf, verlacht es mit Zutaten aus der Welt der Gardena Gartenschläuche. Aber vielleicht ist es ja grundverkehrt, wenn man sich eine Staatsgründung als ein großes, reihenhausübergreifendes Ereignis vorstellt.

Gut zwei Jahrzehnte ist es her, dass die Parole "Wir sind das Volk!" einen bestehenden Staat und seine Eliten hinweggefegt hat. Höchste Zeit eigentlich, die historisch noch etwas ältere Geschichte "Wir sind die WG!" mal wieder auszuprobieren, nun allerdings in der Variante "Die WG sind wir!". Im Reihenhaus von Schweigens Lieblingsbühnenbildner Stephan Weber wohnt nämlich keineswegs eine Kleinfamilie, sondern eine Kommune aus sieben mutmaßlichen Singles, hochsemestrige Studenten vielleicht oder Berufstätige, die sich für kein anderes Leben entscheiden können.

Die Tücken der Souveränitätsgewinnung

Trotz einschlägiger Lektüre - Erwin S. Strauss' Separatistenbibel "How to start your own country" - haben die Kommunarden allerdings wenig bis nichts mit den Revoluzzern von 1968 ff. gemein. Es sind eher brave, kaum aufmüpfige und obendrein namenlose Leute, die morgens maulfaul sind, in Unterwäsche oder Bademantel im Garten vorbeischauen und feinsäuberlich ein Handtuch unterlegen, wenn sie sich im weiteren Verlauf des Tages ein Sonnenbad gönnen. Aber unabhängig und selbstbestimmt wollen sie sein! Irgendwie! Und bestehe der Mikrostaat nur aus 100 Quadratmetern Normalrasen mit Blumenbeet und Ginsterbusch!

Tomas Schweigen, der "MyState" zusammen mit seiner Züricher Theatergruppe Far a Day Cage für das Theaterhaus Jena (aktuelles Spielzeitmotto: "Letzte Ausfahrt Utopie") und sechs weitere kooperierende Bühnen entwickelt hat, geht es nicht um einen grotesk angespitzten Kommentar zur Zeitgeschichte. Er hat auch nicht den Separatisteneifer von Thomas Freyer. Es ist eher ein allgemeines Utopiebedürfnis, aus dem heraus eine sehr liebenswerte, teils aberwitzige Parabel über die Tücken der Souveränitätsgewinnung und die Konventionen von Staatlichkeit und Repräsentanz entstanden ist. Wer will, kann in "MyState" den Abgesang auf den Nationalstaat heraushören und das betont unpathetische Hohelied auf die Community. Man muss das aber nicht.

Affen und der Anfang einer Gemeinschaft

Der Zeitgeschichte am deutlichsten entrückt ist das Vorspiel. Fast wie in Stanley Kubricks cineastischem Geniestreich "2001 - Odyssee im Weltraum" erscheinen die späteren WG-Bewohner zunächst als Affen (allerdings ohne Affenkostüm). Ängstlich wagen sie sich aus finsterer Nacht zuerst in einen, dann in zwei Lichtkegel, werden darin heimisch, schmatzen, fressen, streiten, erleben die Konflikte der Gemeinschaftsbildung und das Drama von Macht, Rivalität und Ausschluss, um alsbald die Möglichkeiten der Bewaffnung zu entdecken und der Logik des Wettrüstens zu erliegen. Die Geschichte der Staatenbildung wird in zehn federleichten Minuten nacherzählt, ohne Worte, nur mit einer bildhaften und choreographischen Sprache.

In gewisser Weise ist "MyState" ein sehr unterhaltendes Lehrstück. Es handelt davon, wie aus einer Utopie im Handumdrehen eine Welt der Abgrenzung und Abschreckung wird. Zugleich ist der Abend ein anderthalbstündiges Erstaunen über die ganz normalen Kuriosa staatstragender Formen und Rituale. Die Komödie des militärischen Zeremoniells etwa, die Tomas Schweigen und seine sieben spielfreudigen Darsteller lustvoll auskosten, ist ebenso einfach wie haarsträubend. Das deutsche Theater kennt ja nun wahrlich viele Marsch- und Stechschritt-Parodien. Die hier sind aber besonders komisch.

Globale Mikrostaaterei

Der 1977 in Wien geborene Theatermacher Tomas Schweigens beschäftigt sich gerne mit menschlichen Auf- und Ausbrüchen. Er schafft dabei den Spagat zwischen freier Szene und Stadttheater und bastelt poppige, bisweilen überdreht wirkende Irrwitzstückchen wie "Second life" (2007), in dem der Avatar zum Thema einer Bibelstunde wurde. Seine neue, vom Premierenpublikum mit viel Beifall aufgenommene Arbeit ist vergleichsweise konzentriert, fast schon minimalistisch, dabei aber kein bisschen verkniffen.

Nebenbei ist "MyState" ein - wenn man so will: politisch brisanter - Hinweis auf und eine Recherche über das um sich greifende Phänomen der Mikrostaaten. Von "Sealand" vor der englischen Küste hat man vielleicht schon mal gehört, aber von Waveland, Nova Roma oder  der Republik Molossia? Eine betont sachliche Stimme aus dem Off sorgt mit Infohäppchen für Aufklärung, und im Abspann ist auf der Videoleinwand das ganze  Ausmaß der globalen Mikrostaaterei zu bestaunen.


MyState (UA)
von Tomas Schweigen / Far a Day Cage
Ein Projekt von Far a Day Cage in Koproduktion mit dem Theaterhaus Jena und dem Theaterhaus Gessnerallee Zürich, Kaserne Basel, WUK Wien, FFT Düsseldorf, HAU Berlin und TaK Schaan (FL)
Regie: Tomas Schweigen, Bühne: Stephan Weber, Kostüme: Gwendolyn Bahr, Dramaturgie: Anja Dirks, Rebekka Kricheldorf.
Mit: Philippe Graff, Vera von Gunten, Julian Hackenberg, Silvester von Hösslin, Jesse Inman, Grazia Pergoletti, Saskia Taeger.

www.theaterhaus-jena.de

www.faradaycage.ch


Mehr zu Tomas Schweigen: Beim Impulse Festival 2009 lief Pate I-III Ein Projekt. Wir besprachen auch Memento, das im Dezember 2008 in Jena Premiere hatte. Und Second Life kam dito in Jena heraus, und zwar im Oktober 2007.

 

Kritikenrundschau

Woody Guthries Song "This Land is Your Land" werde in Tomas Schweigens "MyState" am Theaterhaus Jena "nach Herzenslust live intoniert, verrockt, vergeigt und geschrammelt", so Frank Quilitzsch in der Thüringischen Landeszeitung (30.4.2010). Der ironische Ansatz des Projektes behauptet: der Trend führt "weg vom anonymen, molochartigen Staatswesen, hin zu kleineren und kleinsten Gemeinschaften, mit denen sich der Bürger noch identifizieren kann". In "My State" werde "die Gründung eines solchen Mikro-Staates in einer Kleingartenparzelle durchgespielt - als Parodie auf wirkliche und gedachte Zustände." Wie die Kleingärtner reagieren, wenn ihre Toleranzschwelle überschritten wird, werde "mit umwerfender Komik" dargestellt. Schweigen pflege "das gute alte Improvisationstheater im Stile eines Horst Hawemann. Es gibt keinen Text, nur ein Thema. Die Szenen werden gemeinsam mit den Schauspielern entwickelt und bei der Vorstellung teils per Live-Cam aufgezeichnet." Dann überschnitten sich Video, Dokument und Performance so, "dass die Grenzen zwischen Sein und Schein verschwimmen". Heraus komme dabei zwar kein Stück, "aber rasantes Theater. Denn diese Staats-Streiche sind verrückt, witzig und am Ende sogar ein bisschen melancholisch."

Michael Helbing schreibt in der Thüringer Allgemeinen (30.4.2010): Im szenischen, stummen Prolog führten, wohl als Referenz an Stanley Kubricks "2001", sieben mit Latten ausgerüstete "Wilde" mit "grunzendem Affentheater" die "Menschwerdung der separatistischen Bewegung" vor. Das neue Projekt von Tomas Schweigens "Far A Day Cage" mit dem Theaterhaus Jena begebe sich "ins Orchideenfach der sozialen Netzwerke". Die "bewusste Gründung realer Mikro-Nationen" und "virtueller" werde übertragen auf "die alltägliche Absonderung hinterm Gartenzaun." Durchschnittsmenschen erfänden sich als eigene Nation. Auf dem Rasen exerziere das Ensemble "groteske Spielarten des Autonomen als Groteske". Der Abend unterhalte mit "einigen skurrilen Szenen", überzeichne "die Spießigkeit des "My home is my castle" und sei doch nichts weiter als "ein großes Gestikulieren".

 


 
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