Menschen sind wie Staaten 

von Rüdiger Oberschür 

Kassel, 15. September 2007. Es ist noch warm in Kassel. Documenta-Besucher sitzen am Abend auf den Grünflächen vorm Staatstheater, während am Fridericianum eine Schlange weit ins verblühte Mohnfeld reicht. Vom nahenden kunstbetrieblichen Zapfenstreich sind es nur wenige Schritte zum Theater und damit zu politischen Privatgesprächen: Die deutschsprachige Erstaufführung von David Hares "Vertical Hour", von Ingrid Rencher mit "Zeitfenster" übersetzt und vom Kassler Intendanten Thomas Bockelmann, der hier höchst selbst inszeniert, schon im Vorfeld als außerordentlich "unter den politischen Zeitstücken" gelobt. Heiß reden sich darin die Köpfe. Der Bühnenboden im Schauspielhaus ist dabei so grün wie draußen der Rasen, als könne nichts die Hoffnung trüben. 

Wie schon in seinem Monolog "Via Dolorosa" lenkt der britische Dramatiker und Drehbuchautor David Hare in seinem neuen Stück den Blick wieder auf östliche Krisengebiete und verlegt die Dreh- und Angelpunkte internationalen Konfliktpotentials geschickt in einen familiären Rahmen. Der Makrokosmos des Politischen wird eng geführt mit dem Mikrokosmos des Privaten. Die ewige Allegorie von Menschen und Staaten.

Fahrt ins ländliche Grün

Physiotherapeut Philip fährt von Wisconsin mit Freundin Nadia, einst Kriegs-Reporterin und nun erfolgreiche Politologin, zu Besuch ins heimatliche Wales zu Vater Oliver, einem gestandenen Psychologen. Im Aufeinandertreffen von potentieller Ehefrau und eigentlich verhasstem Vater spinnt das Stück sein Gewebe, der unausgesprochene Konflikt mit dem Sohn liefert den fünf Szenen ihren Unterbau.

Welten prallen mit den wohl justierten Figuren aufeinander, amerikanischer Aktionismus hier, britische Gelassenheit da, deutlicher geht es nicht: Nadia, gerne auch süffisante Freud-Spötterin, hat trotz aller Vorbehalte aus ihren schockierenden Erfahrungen im ehemaligen Jugoslawien mit Präsident Bush diskutiert und für den Irak-Krieg votiert, weil sie die "Resultate unserer Gleichgültigkeit" an anderen Krisenherden dieser Welt gesehen hat, wie sie sagt.

Eingreifen oder Wegschauen?

Der Psychiater und Lebemann Oliver sah trotz aller offiziellen britischen Verbundenheit stets nur Kriegsgewinnler und die Vorhersehbarkeit humanitärer Katastrophen am außenpolitischen Horizont. In diesen unterschiedlichen Haltungen verkörpern die Figuren zeitgemäße Identitätsfragen und gestehen nach und nach eigene Defizite, die Thomas Bockelmann in einer einwandfreien Umsetzung des politisierenden Konversationsstücks geduldig entblättert.    

Erscheint Agnes Manns Nadia zuerst wie eine Akademiker-Tussi, ausgestattet mit dem Charme einer intellektuellen femme fatale und fehlgeleiteter Gerechtigkeitsfantasie, gelingen ihr später scharfe wie anrührend bedrückende Momente. Gerade wenn sie im Landhausambiente des Bühnenbilds (Daniel Roskamp), detailliert vom Genozid auf dem Balkan oder von der "Vertical Hour", jenem kurzfristigen Zeitfenster spricht, unter dem die Medizin die ersten Momente nach einer Katastrophe versteht, in denen man sich entschließen kann zu handeln. Der Titel des Stücks ist also ein Verweis auf den Zwiespalt zwischen Handeln und Zurückhaltung, Eingreifen oder Wegschauen.

Wir leben in Zeiten des Krieges  

Erstklassig ebenfalls, wie Agnes Mann darauf ihren verhassten demokratischen Gucci-Studenten verbal eins überbrät oder einen masochistischen Liberalismus der bildungsbürgerlichen Mittelschicht anprangert. Noch deutlicher funktioniert die Sympathielenkung für den gewieften Endfünfziger Oliver, den Jürgen Wink mit leicht lakonischer Höflichkeit, oft bestechend überlegen verkörpert. Eine reife Chardonnay-Coolnes. Sohnemann Philip (Nico Link) degradiert ihn zu einem miesen Casanova. Aber am Ende muss schon eine Art Todesschuld ans Licht kommen, damit die Fassade dieses Mannes überhaupt bröckelt.

Aber gerade durch die Schattenseiten des Vaters erlangt das Stück, im letzten Jahr von Sam Mendes am New Yorker Music Box Theatre uraufgeführt, auch einen passenden Generationendiskurs, der als zusätzlicher Nährboden dienlich ist. Wink, Mann und Link sowie in zwei Nebenrollen Shaheen Wacker (als Terri) und Jochen Drechsel (als Dennis) spielen dabei hervorragend. So fesselt das schlagfertige Geplauder, ob persönlich, wissenschaftlich oder politisch, vor allem mit seinen brennenden Fragen nach der Gestaltung des eigenen Lebens. Das Konzept Hares, dieses vielseitigen Film- wie Theaterschaffenden und einstigen Hausautoren des Royal Court Theatres, geht hier gleichermaßen auf.

   

Zeitfenster
von David Hare
Regie: Thomas Bockelmann, Bühne: Daniel Roskamp, Kostüme: Ulrike Obermüller.
Mit: Jürgen Wink, Agnes Mann, Shaheen Wacker, Jochen Drechsel, Nico Link.

www.staatstheater-kassel.de

 

Kritikenrundschau

In der Hessischen/ Niedersächsischen Allgemeinen online (16.9.2007) schreibt Bettina Fraschke halb kritisch, halb fasziniert vom Spiel der Agnes Mann als Nadia. "Es ist der Mund der Agnes Mann, der die Blicke an diesem Theaterabend anzieht. Sie arbeitet viel mit ihm. Dauernd streckt sie ihre Zunge heraus, mal ablehnend, mal kokett." Ansonsten changiert sie in diesem psychologisch angereicherten Lehrstück zwischen dem "großen Heulen des kleinen Mädchens in karierter Schlafanzughose" und "rasantem Dampfschnoddern". Die erste Hälfte bleibe "statisch, verändert oder steigert sich kaum". Später "verpuffen wichtige Dialogteile. Nadias Entwicklung wird zu wenig erlebbar."

Von "Besinnungskunst über die politische Weltlage", schreibt Wolfgang Höbel auf Spiegel online (16.9.2007). "Jung und Alt diskutieren dabei über Amerikas Kriegseinsätze in Bosnien und im Irak". Im Grunde aber folge das von Regisseur Thomas Bockelmann als "abendliche Plauderstunde" inszenierte Stück "der platten Kinderfragen-Rhetorik des Documenta-Machers Roger M. Buergel": "Ist die Moderne unsere Antike?", "Was ist das bloße Leben?" und "Was tun?". "Schnappschüsse aus dem Krieg und Laberflashs über moralische Verantwortung, das ist der Mix, aus dem Hares Stück zusammengequirlt ist". Die Schauspieler in Kassel seien brav und sagten den Text nur auf: "alles total gutgemeint und gar nicht uninteressant (...) Egalkunst halt."

"Interessant", aber "nicht stringent", urteilt Joachim F. Tornau in der Frankfurter Rundschau (18.9.2007) über Hares Stück. Es sei, schreibt Tornau, "spannend (und schauspielerisch ein Fest!)", wie sich Agnes Mann und Jürgen Wink "umkreisen, annähern und abstoßen, wie sie erst ihren Intellekt aneinander messen und sich schließlich gegenseitig knacken". Doch letztlich habe das Stück nicht mehr als "küchenpsychologische Binsenweisheiten" für schwierige Lebensfragen anzubieten.

Annabel Dillig immerhin hält "Zeitfenster" in der Süddeutschen Zeitung (19.9.2007) für "kein schlechtes Stück". "Es bietet Nebenschauplätze, die mehr verdient hätten." Der Kernsatz des Stückes falle im Prolog. Oliver, der einst den Unfalltod seiner Geliebten verschuldete, gesteht, er habe "nach rechts geblinkt, obwohl er nach links wollte". Das sei "ein Knaller, politisch wie privat." Der notorisch "dozierende Tonfall"  Nadias und letztlich der Inszenierung gefällt Dillig weniger. Das alles erinnere "an all die Internet-Foren, die so tun, als hätten sie den Masterplan für den Weltfrieden auf der Festplatte."

 
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