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Rap in Spielfilmlänge

von Christian Rakow

Berlin, 6. Mai 2010. Wenn das kein dramaturgischer Salto mortale ist! Nuran David Calis überschreibt "Die Kindermörderin" von Heinrich Leopold Wagner (1776), das Sturm-und-Drang-Trauerspiel um den Missbrauch des Bürgermädchens Eva durch den adligen Leutnant Gröningseck. (Zusammen mit Frank Castorfs jüngster Reanimierung der ähnlich gelagerten Lenz'schen Soldaten erlebt dieser Sittenstoff in Berlin also gerade eine Konjunktur.)

Und Calis richtet das Sozialgefälle auf frappierende Weise neu ein: Eva ist bei ihm ein Mädchen aus besserem Hause; der geckenhafte Offizier Gröningseck dagegen ein wortkarger Vorstadtprolet namens Grönsbeck, der sich mit zwei Hip-Hop-Buddies Geld als Türsteher in Discos verdient. Leider sind mit dieser Achsendrehung die Verhältnisse keineswegs auf die Füße, sondern bloß auf vertracktere Weise auf den Kopf gestellt.

Er: "die sterne" – Sie: "die sonne."

Schnell wird die Liebe mit dem Downtown-Boy geschmiedet: Grönsbeck: "ich liebe die nacht" – Eva: "ich liebe den tag" – Er: "die sterne" – Sie: "die sonne." (Merke: Gegensätze ziehen sich an.) Dann noch mal sie: "das fürchten lernen will ich...". Es wird gelingen, zumindest dem traumatischen Intro nach (das schon mal an den Schluss voraus eilt), in dem Eva verkündet, dass ihr Vater der Mutter mit einem "Scheermesser" den Hals durchschnitt. Die Mordphantasie, allem voran gestellt, könnte auch eine fixe Idee sein; jedenfalls bezeugt sie den gefühlten Leidensdruck, der bereits den Tigersprung über die soziale Kluft in Grönsbecks starke Arme ermöglicht.

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"es gibt tage da laufe ich leer durch die gassen" – Olivia Gräser in der Betonröhre ©Arno Declair

Ja, diese Uptown-Girls haben ihre Macken. Tatsächlich ist Evas Vater (Matthias Neukirch) ein Managertyp mittleren Kalibers mit junger Geliebter (Claudia Eisinger). Dass er unentwegt bekennt, "seinen Namen reinhalten" zu wollen, scheint allein Wagners Vorlage geschuldet. Für Eva hat er die Ehe mit dem Armani-Anzugträger Herrn "Magista" vorgesehen, der den Wagner'schen Hofmeister auf MBA-Niveau revitalisiert.

Am anderen Ende der Wohlstandspyramide fahren die Hip-Hop-Jungs (Mike Adler, Johannes Schäfer) kräftig die Kumpelkiste, damit ihnen ihr alter Anführer Grönsbeck nicht in die Salonliga abspringt: Denn Tussis okay, aber nicht dauerhaft, ey. Oder in den Worten des Stückes: "zieh die hose wieder an – deine pussy ist mir zu froschig – schlampe – was willst du tun – ich bin potenter als ein ochse – wenn ich sterb dann zumindest mit meinem schwanz in deiner fotze".

Schwarze Löcher

Motivationen und genauere Psychologien bleiben in den Hauruckdialogen, aus denen Calis seine "Schattenkinder" zurechtgeschustert hat, weitestgehend auf der Strecke. Die gelegentlich eingestreuten Originalpassagen von Wagner, die für Pathosschübe sorgen sollen, wirken wie schwarze Löcher. Sie saugen uns in den dunklen Schlund unfreiwilliger Komik. Bemerkenswert ist allein die Eleganz, mit der Ulrich Matthes als Magista über manch stilistischen Abgrund hinwegtänzelt: "die anthropologische konstante – eine wolfsnatur".

Sample hinskizzierter Aufstiegsträume

Als Regisseur rettet Calis einiges an seiner Uraufführung. Er verlegt die Szene in ein zeitloses Irgendwo vor eine riesige, sporadisch rotierende Betonröhre (von Ausstatterin Irina Schicketanz) und dunkelt sie atmosphärisch ab. Mit Olivia Gräser als Eva und Christoph Franken als Grönsbeck hat er zwei Protagonisten, die sich glanzvoll die Nerven wund spielen. Den Rest besorgen innerlich bebende Video-Monologe, Tanzeinlagen vor, auf und in der Röhre sowie der elektronische Hip-Hop von Stromae ("Alors on danse").

Der Regisseur Calis denkt vom Musik-Clip her; seine Arrangements sind statisch, aber eindrucksvoll. Leider denkt auch der Autor Calis in diesem Format und begnügt sich also mit einem Sample vage hinskizzierter Aufsteigerträume, gemischt mit melogirliehaften Wohlstandsneurosen. Seine Lyrismen siedeln auf halber Strecke zwischen Eko Fresh und Tic Tac Toe: "es gibt tage da laufe ich leer durch die gassen – durch gassen – durch die du gegangen bist – tage – nächte – jahreszeiten – es ist egal, ob der wind weht oder nicht". Hier hat es ein handelsüblicher Rap auf Spielfilmlänge gebracht.

 

Schattenkinder
von Nuran David Calis (UA)
Frei nach Motiven von Heinrich Leopold Wagners „Die Kindermörderin"
Regie: Nuran David Calis, Bühne und Kostüme: Irina Schicketanz, Musik: Vivian Bhatti, Licht: Thomas Langguth, Dramaturgie: Claus Caesar. Mit: Olivia Gräser, Claudia Eisinger, Ulrich Matthes, Matthias Neukirch, Christoph Franken, Mike Adler, Johannes Schäfer.

www.deutschestheater.de

 

Im Dezember 2009 inszenierte Nuran David Calis, 1976 als Sohn armenisch-jüdischer Eltern in Bielefeld geboren, am Schauspiel Dresden seine Ibsenbearbeitung Peer Gynt.

 

Kritikenrundschau

Lediglich ein "fades dramatisches Lüftchen" durchweht nach Ansicht von Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.5.2010) das "ewige Dunkel" dieses "einfältig holprigen" Abends, dem die Kritikerin außerdem in der Motivlage einen "Hang zu wenig überzeugenden Konstruktionen" bescheinigt. Das Mitleid Bazingers gilt besonders Ulrich Matthes, der hier seine Magie aus ihrer Sicht nur ansatzweise entfalten kann.

Für Christine Wahl vom Berliner Tagesspiegel (8.5.2010) driftet der Abend nach einer halben Stunde immer stärker in die Regionen des Vorabend-Melodrams. Im Wesentlichen ist der starke Anfang nach Ansicht der Kritikerin dem "starken Distinktionsspiel" von Ulrich Matthes und Christoph Franken zu verdanken.

Der Autor Calis habe "seine erste Arbeit am Deutschen Theater regelrecht absaufen lassen“, urteilt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (8.5.2010). Statt auf die soziale Problematik verlege sich das Stück auf den Nachweis der "Existenz anthropologischer Konstanten". "Als Konstante wird an diesem Abend aber nur die Banalität sichtbar, dass Menschen nach wie vor schuldig werden können, wenn sie in Situationen geraten, die ihnen entgleiten." Es ist also "ein sehr dünnes Süppchen Menschenkunde, das uns hier als sättigende Geistes- und Sinnesspeise angeboten wird. Man ist versucht zu sagen: ein echter Rohrkrepierer."

In aller Kürze bespricht Peter Laudenbach den DT-Abend in der Süddeutschen Zeitung (11.5.2010). Während das Prekariats-Personal des Stückes dem Kritiker seriell erscheint, wird die Uraufführungsregie positiver beurteilt: "Calis’ Figurenzeichnung ist nicht übertrieben subtil, um es höflich zu sagen, aber sie funktioniert, weil der Autor und Regisseur seine Figuren nicht denunziert und weil er sich offenbar in beiden Welten auskennt: bei den Verlierern in Bomberjacken wie in den mindestens ebenso gefühlsabgestumpften besseren Kreisen."

 

 
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