Der deutschfranzösische Theaterweg ist keine Einbahnstraße

Berlin, 7. Mai 2010. Der ehemalige französische Kulturminister Jack Lang hielt die Rede zur Eröffnung des Berliner Theatertreffens 2010:

Sehr verehrte Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude und Ehre heute in Berlin zu sein, um das Theatertreffen zu eröffnen - dieses wirklich einzigartige Ereignis in Europa.

Ganz besonders möchte ich mich bei Iris Laufenberg und Joachim Sartorius für die Einladung bedanken, hier einige Minuten Ihre schöne deutsche Sprache ein wenig malträtieren zu dürfen.

Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, wie bewegend es für mich ist, hier zu sein. Berlin - das war für mich als theaterbegeisterten jungen Mann ein mythischer Ort.

Jahr für Jahr pilgerte meine ganze Generation zum Berliner Ensemble, zur Volksbühne und später dann, in den siebziger Jahren, zur Schaubühne von Peter Stein. Außer der Arbeit meines Freundes Giorgio Strehler hat das französische Theater in den letzten sechzig Jahren nichts so stark geprägt wie die deutsche Bühnenkunst.

Als ich 1963 das Theaterfestival in Nancy gründete, war Claus Peymann einer meiner ersten Gäste. Er war auch der erste einer langen Reihe von deutschen Regisseuren, die in Nancy für Frankreich entdeckt wurden: Pina Bausch, Peter Zadek, Werner Schroeter, Hans Peter Cloos...

Anfang der siebziger Jahre lud ich als Direktor des Théâtre National de Chaillot Klaus-Michael Grüber ein, der sich mit seinem "Faust" in das französische Theatergedächtnis einbrannte.

Nicht minder enthusiastisch wurden die deutschsprachigen Dramatiker empfangen: Natürlich zuerst und vor allem Bertolt Brecht, aber auch Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Peter Handke, Thomas Bernhard und nicht zuletzt Heiner Müller, mit dem mich eine persönliche Freundschaft verband.

Ein paradoxes Phänomen: Das deutsche Theater, das vor dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich fast unbekannt war, wurde zum Vorbild; es beeinflusste die französischen Regisseure - Patrice Chéreau, Bernhard Sobel und viele, viele andere.

Auch heute hat in Frankreich die innovative Regiearbeit des deutschsprachigen Theaters seine Ausstrahlungskraft nicht verloren. In dieser Saison hatten wir in Paris wieder einmal das Privileg einige ganz großartige deutschsprachige Aufführungen zu bewundern: die
"Dreigroschenoper", "Richard II.", "Kean", Thalheimers "Ratten" - und demnächst Christoph Marthaler in Avignon!

Aber der deutschfranzösische Theaterweg ist keine Einbahnstraße. So werden französische Autoren in Deutschland, Österreich und der Schweiz oft ernster genommen und anders interpretiert als im eigenen Land.

Ich denke beispielsweise an Jean-Paul Sartre, der heute in Deutschland mehr gespielt wird als in Frankreich; ich denke an den Vaudeville-Autor Labiche, den Botho Strauß und Elfriede Jelinek bzw. Stein und Grüber als einen großen sozialkritischen Dramatiker entdeckt haben und ich denke auch an Yasmina Reza, deren Stücke in den Inszenierungen von Luc Bondy, Felix Prader oder Jürgen Gosch eine ganz besonders künstlerische Dimension erhalten haben.

Aber es sind nicht allein die Werke, die beeindrucken. Es ist auch der allgemeine Respekt, den man in Ihrem Land der Kunst und den Künstlern entgegenbringt. Als Kulturminister diente mir Deutschland oft als Vorbild: die Buchpreisbindung, die Förderung der Gegenwartskunst und die enorme Zahl an Theatern, die über das ganze Land verteilt sind.

Damals haben wir, die Franzosen und die Deutschen, es gemeinsam geschafft so utopische Projekte wie ARTE und eine deutsch-französische Universität zu realisieren. Warum begnügen wir uns damit?
Sollten wir nicht mehr Ehrgeiz entwickeln?

Eine deutsch-französische Staatsbürgerschaft, ein deutsch-französisches Parlament - warum eigentlich nicht? Thomas Ostermeier, in Frankreich ebenso bekannt wie in Deutschland, ist nun Präsident des deutsch-französischen Kulturrates. Warum gründen wir kein deutsch-französisches Kulturministerium?

Mag sein, dass es nicht der richtige Moment ist für solche transkulturellen Visionen. Es ist ja kein Geheimnis, dass sich die Kultur und speziell das Theater in einer schwierigen Situation befinden: in ganz Europa und sogar im Theaterland Deutschland.

Zu viele Politiker halten das Theater heute für überflüssigen Luxus. Sie verweisen auf die Wirtschaftskrise als Vorwand, um die Kürzungen im Kulturetat zu rechtfertigen. Es ist ein törichtes Argument.

Gerade in Krisenzeiten müssen wir die Kunst, die Kultur und die Bildung mehr denn je unterstützen. Die aktuelle Krise hat nicht allein finanzielle, sondern auch moralische und intellektuelle Gründe.

Den Politikern scheint es im Augenblick allerdings an Ideen zu mangeln, um die Krise zu überwinden. Es ist daher an uns, Utopien zu entwickeln. Wie Heiner Müller sagte: "Theater ist eine Projektion in die Utopie oder es ist nicht besonders."

Mit ihm zusammen habe ich oft in Berlin oder Paris von einer internationalen Republik der Künste und der Künstler geträumt, von einer deutsch-französischen Kulturnation, die der Idee Europa eine Seele gibt.

Theater - Treffen : Zwei einfache, zwei schöne Wörter, die wunderbar zueinander passen und in unserer virtuellen Welt fast subversiv wirken: Von Natur aus ist das Theater eine revolutionäre Kunst, eine Kunst des intellektuellen Widerstands, eine Kunst, die die bestehende Ordnung in Frage stellt! Eine Kunst, die der Jugend eine andere Lebensform anbietet.

In diesem Sinne ist das Theater heute politischer als es die Politik je sein kann.

Ich bedanke mich für ihre Geduld, wünsche allen Künstlern viel Erfolg
und uns allen ein spannendes und lebendiges Theatertreffen 2010.

 

 
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