Arbeit Lohn Einsamkeit - und eine große Illusion

von Beat Mazenauer

Zürich, 7. Mai 2010. Gestern ist immer: besser, schöner, vertrauter. Seit 15 Jahren lebt Sándor in der Fremde. Er floh von zuhause, weil er seinen Vater erstochen hatte. "Gestern wehte ein Wind, den ich kannte", sinniert er mit poetischer Entrücktheit. Im Exil aber fehlt ihm der. Er arbeitet in einer Uhrenfabrik und trifft Landsleute. Den Samstag verbingt er mit Yolande. Arbeit, Lohn, Einsamkeit fasst er sein Leben bündig zusammen.

Es ist zum Verzweifeln, lebte nicht ein Traum in ihm, der auf einmal wahr wird. Er begegnet Line, die er vor 15 Jahren als ein Knirps von 12 verlassen hatte. Line weilt mit ihrem Mann Kolomán in der Stadt. Alte Zeiten und süße Erinnerungen wecken Sándors Lebensgeister und begraben sie zugleich unter einem Wust von Illusionen. Nur er kennt das Geheimnis zwischen ihm und Line.

Wiederholungstäter

Vor einer schäbigen Holzwand mitten in einer rohen Fabrikhalle wickelt sich im Zürcher Schiffbau ein Spiel um Träume, Lügen und Selbstbetrug ab. Wand und Boden sind übersät mit Textentwürfen und Notizen - denn Sándor ist Schriftsteller. Er schreibt träumerische Texte, die sich aus seiner unerfüllbaren Liebe und seiner Melancholie nähren Schreiben ist einfach, es braucht wenig dazu, doch auf Lines Vorwurf, was denn von ihm zu lesen sei, weiß er nur ein kleinmütiges "Ich schreib noch zu wenig gut" zu entgegnen.

Line ist praktischer veranlagt, auch in der Liebe. Wo sich Sándor nur wackligen Traumgebilden hingibt, wägt sie ab. Spätestens der gemeinsam verbrachte Weihnachtsabend beschädigt auch Lines Beziehung zu ihrem Mann Kolomán (Aurel Manthei). Das darauf folgende Duell zwischen ihm und Sándor, bei dem dieser hinterrücks zusticht - wie einst gegen seinen Vater - lässt sich ganz sachlich und nüchtern werden.

Für ihre Aufführung haben Dušan David Pařízek und Roland Koberg den dramatischen Bogen des Romans umgestellt, was größere Spannung in die Beziehung von Sándor und Line bringt. Agota Kristofs geradezu schwindelerregend nüchterner Erzählton erfährt dadurch allerdings eine Akzentuierung und Dramatisierung, die nicht immer ganz nachvollziehbar wirkt.

Frank Seppeler als Sándor hält mit seiner permanenten Bühnenpräsenz das Stück bravourös und ausdrucksstark zusammen, an den Rändern seines Aktionsfeldes droht es im zweiten Drittel aber etwas auszufasern. Der Regisseur Dušan David Pařízek behilft sich zwei, drei Mal mit kleinen aktionistischen Einlagen, die indes als Streckmittel verpuffen.

Liebesringen, zähflüssig aber poetisch

Sándor will die Liebe nicht gelingen, er leidet daran und wütet dagegen. Neben diesen starken Gefühlen stehen der Rolle seiner Geliebten (Julia Keusch) kaum vergleichbare Ausdrucksmittel zur Verfügung - was nicht einfach der Schauspielerin angelastet werden kann. Mit ihren Sachlichkeit folgt sie Kristofs Erzählvorlage. In dieser Hinsicht gelingt die szenische Adaption dieses Stoffes nicht restlos. Das Liebesringen wirkt auf der Bühne mit der Zeit eher zähflüssig und unschlüssig. Das Stück bleibt in diesen Passagen zwiespältig.

Mit dazu trägt auch bei, dass Sándors Landsmann Jean (Sean McDonagh), eine verlotterte, zugleich freundliche Flüchtlingsgestalt, in diesen Szenen bloß noch sporadisch auftaucht. Seine Auftritte in der ersten Hälfte verleihen dem Spiel eine vitale Mischung aus unbezwingbarer Lebenslust und abgrundtiefer Traurigkeit,. Mit seinem Witz bringt er Wärme und Freundlichkeit auf die Bühne. Er ist der einzige, der die naive, aber treuherzige Yolande (Lilith Stangenberg) versteht.

"Die Geschichte einer großen, unmöglichen Liebe", wie Line im Unernst einmal spricht, wird richtig erst vom Schluss her verständlich. Sándor offenbart Line, dass sie Geschwister sind. Damit entsteht nochmals eine atmosphärische Verdichtung, in der die große Poesie dieses Stoffes spürbar wird.

Den spektakulärsten Effekt hat sich Dušan David Pařízek für den Schluss aufgespart. Unvermittelt fällt die hohe Holzwand vornüber und gibt schlagartig den Blick auf ein ernüchterndes Schlussbild frei. Sándor hat Yolande geheiratet, die seinen Kindern eine gute Mutter ist. Er schreibt nicht mehr.

 

Gestern
nach dem Roman von Agota Kristof
Regie und Bühnenbild: Dušan David Pařízek, Dramaturgie: Roland Koberg, Kostüme: Kamila Polívková, Musik: Roman Zech, Lichtdesign: Ginster Eheberg.
Mit: Frank Seppeler, Lilith Stangenberg, Sean McDonagh, Julia Keusch, Aurel Manthei.

www.schauspielhaus.ch

 

Mehr zu Dušan David Parizek: der Leiter des Prager Kammertheaters inszenierte im Oktober 2009 Dantons Tod am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.

 

Kritikenrundschau

"Das Schicksal jener, die wie sie aus dem Osten in den Westen kamen und dort statt der erhofften Freiheit eine zersetzende Vereinsamung erfuhren", habe Agota Kristof "in ihrem so schmalen wie dichten Werk auf den Punkt gebracht", schreibt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (10.5.2010): "Die Lakonie der hochstilisierten Sprache dimmt alle Emotionen ein - doch sie vibrieren in den Leerstellen, welche sich überall auftun." Der Regisseur Dušan David Pařízek treffe Kristofs "kargen Ton". "Mit sparsamen Mitteln und sorgfältig ausbalancierter Dynamik - gestaute Gefühle entladen sich plötzlich, danach herrscht wieder Ruhe -" bringe Pařízek "das Buch auf die Bühne, bis dessen Deckel zusammenklappen". Die Kritikerin lobt zudem das "feine, zwischen aufflackernder Freude und endgültiger Abstumpfung sekundenschnell wechselnde Spiel" Frank Seppelers.

"Agota Kristofs im weitesten Sinne zur Migrationsliteratur zählender Roman 'Gestern'" sei "auf den ersten Blick für eine szenische Adaption nicht gerade ideal", meint Cornelie Ueding auf Deutschlandfunk (8.5.2010): "Dialogsplitter, durchsetzt von Träumen, Selbstbeobachtungen Sándors und getränkt mit seiner literarisch überformten, alle Vorkommnisse verzerrenden Sicht auf die Welt." Doch Dušan David Pařízek sei "der Balanceakt gelungen, das Pathetische der unfrohen Vorlage virtuos-banal zu umspielen und Agota Kristofs ohnehin doppelbödigem Text einen zusätzlichen doppelten Boden zu verleihen: In einer Mischung aus Erstarrung und künstlicher Lebendigkeit ist ein Kammerspiel zwischen verdämmernder Avantgarde und entgrätetem Schicksalsdrama entstanden." Was zunächst "als melodramatisches Gastarbeiterstück mit allen Ingredienzien des selbstmitleidigen Underdog-Klischees" beginne, wandele "sich im Verlauf der nuancenreichen Aufführung zu einer Analyse - oder soll man sagen Autopsie - der eigenen Herkunft."

Der Wiener Ulrich Weinzierl zuletzt unter anderem in St. Pauli unterwegs, schreibt diesmal (auf Welt Online vom 11. Mai 2010) Zürcher Impressionen, bevor er auf die Aufführung zu sprechen kommt. Als "Verehrerin" Thomas Bernhards habe Agota Kristof "ausgeprägten Sinn für Katastrophenkomik, die das Düsterste aufhellt". Sie schreibe "archaisch anmutende, dem bösen Märchen verwandte Prosa". Dušan David Pařízek erzähle mit "reduziertem, Witz und Tragik ausbalancierendem Realismus" und bewältige "Schwieriges": eine "starke epische Vorlage in Theater zu verwandeln, das uns nahe geht, ohne das Original zu verraten". Auf seiner Bühne setze sich die "Lakonik" des Textes "stimmig" fort. "Bewusste Lethargie" und "Gefühlsausbrüche" der Schauspieler wechselten einander "abrupt" ab. Wie Lilith Stangenberg als Yolande Sándors Zurückweisungen jeweils "demütig mit einem gegicksten" 'gut' beantworte, rühre genauso ans Herz wie ihr "todtraurig vergeblicher Striptanz.

 

 
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