Vom Heim ins eigene Heim, doch Entfremdung bleibt

von Hartmut Krug

Dessau, 7. Mai 2010. Sie scheinen vergessen, die in den Achtziger Jahren entstandenen Stücke des 1990 verstorbenen "DDR-Autors" Georg Seidel. Der poetische Realist Seidel entwickelte Gesellschaftsparabeln von sprachlich sperriger Schönheit, die in den Erfahrungen des realen Sozialismus wurzelten, aber in ihrer schmerzvoll wütenden Auseinandersetzung mit ihm hinauswuchsen in eine Durchleuchtung allgemeiner gesellschaftlicher Verhaltensweisen.

Seidel schaut auf die, die "über den Rand hinaus schreiben", die sich nicht einfügen, die sich in entfremdeten gesellschaftlichen Situationen diesen entfremden - entfremdet werden. Seidel schrieb "DDR-Gegenwartsstücke", die zugleich unsere Zeit treffen. Nach seinem "Jochen Schanotta" in Magdeburg kam jetzt auch seine "Carmen Kittel" wieder auf die Bühne, in Seidels Geburtsstadt Dessau.

Kartoffelschälerin in der Tanzbar

Im kleinen Studio des neuen "Alten Theaters" richtet sich die Hauptfigur ihre Welt selbst ein. Während ein Trio das Publikum schwungvoll unterhält, führt Carmen ihre Mitspieler nacheinander an der Hand auf die offene, ebenerdige Bühne, weist ihnen ihren Platz und ihre Haltung zu. Carmen ist im Heim aufgewachsen und kämpft um ihren Platz in der Gesellschaft. Sie arbeitet als Karoffelschälerin und sucht Vergnügen in einer Tanzbar. Ein Journalist reflektiert über den Sinn von Welt und Gesellschaft, ein Mann schießt ihr mit einem Bolzenschußgerät Bolzen in die Betonwände ihres Zimmers, damit sie der trüben unveränderlichen Umwelt mit Bildern ihre Farben aufzwingen kann.

In Dessau werden Seidels knappe, sprachlich spröd pointierte Szenen mit spielerischen Effekten aufgeladen und zu Beginn zu einer Art Zitaten-Potpourri verdichtet. Dann singt das Ensemble einen Chor aus Bizets "Carmen", Carmen Kittel träumt ihren Liebestraum mit Harald, dem Macher und Macho ("Stetiger Aufwind! Guckt euch meinen Lohnstreifen an! Das sind Zahlen! Ich bin oben!"), der sie mit Zaubereien verblüfft, worauf beide in einem fulminant skurrilen Video-Trickfilm als königliches Liebespaar agieren.

Ines Schiller spielt ihre Carmen Kittel nicht als hilfloses Opfer, sondern als eine geheimnisvoll von innen leuchtende Frau mit großer Willenskraft. Die Schauspielerin macht aus Seidels Scheiternder eine Hoffnungsfigur. Weil sie bei sich bleibt in einer Welt, in der mitfühlende Arbeitskolleginnen und aggressiv dominante Männer längst festgelegt haben, wo ihr Platz und wie ihr Verhalten zu sein haben.

Ein Ende mit Bolzenschussgerät

Wenn sie schwanger wird und, gegen ihren eigenen Willen, Haralds Forderung nach einer Abtreibung nachgegeben hat, wehrt sie sich noch immer dagegen, das Scheitern ihres Traumes von einem selbstbestimmten Leben zu akzeptieren. In die Enge getrieben von den fürsorglichen Kolleginnen, spielt sie weiter die Schwangere und stiehlt und erstickt (bei Seidel) schließlich ein fremdes Baby.

Doch in der Dessauer Inszenierung endet sie konsequenterweise nicht als Kindermörderin und in Hilflosigkeit. Hier führt sie dem Mann mit dem Bolzenschussgerät, der sich bei ihr als "Bestimmer" einnisten will, die Hand zum tödlichen Schuss, mitten in ihr Herz.

Regisseur Niklas Ritter und das spielfrohe Ensemble grundieren das traurig zwangsläufige Geschehen mit spielerischer Heiterkeit. Sie zeichnen keine historische (DDR-)Zeit, sie geben den Figuren keine klaren sozialen und beruflichen Konturen, sondern zeigen Menschen in einer eingerichteten, einengenden Welt, die wissen, das Paradies soll stattfinden auf Erden, "und dann sind es doch immer nur bessere Kühlschränke und Autos".

Überzeugend in Schmerz und Wut

Seidels karg-sinnliche Sprache blüht gerade zu auf in dieser phantasievollen Inszenierung, bei der oft nur kurz erzählt, statt immer genau vorgespielt wird. Nicht überzeugt allerdings die Einfügung von drei realen Dessauer Bürgern ins poetische Spiel, worauf die Erweiterung von Seidels Titels mit "Ich wünsch mir einen Sonnenstrand" hinweist. Die älteren Herrschaften sollen, gewissermaßen als Spiegelbilder der jungen Darsteller, die Wünsche und Erfahrungen von Experten des DDR- und Nachwende-Alltags einbringen. Doch wenn alle an gemeinsamer Kaffeetafel zusammen sitzen, werden nur schlichte, klischeehafte Allgemeinplätze verkündet, immerhin mit Witz und Ironie.

Die Inszenierung spielt auf drei übereinander gebauten blauen Blocksegmenten, mit einer Tür, einer Heizung und einer riesigen Eule (für eine der in Seidels Stück eingebetteten Bedeutungsparabeln). Sie überrascht mit einer Fülle bunter Einfälle und überzeugt durch ihre verspielte Heiterkeit, die Seidels Schmerz und Wut deutlich durchscheinen lassen. Dem homogenen Ensemble gelingt es, den Text aus dem Jahr 1986 so erscheinen zu lassen, als sei er ganz von heute. Dieser Georg Seidel, das beweist die nur 75-minütige Inszenierung, ist zu Unrecht vergessen.

 

Carmen Kittel oder Ich wünsch mir Sonnenstrand
von Georg Seidel
Regie: Niklas Ritter, Bühne: Michael Graessner, Musik: Til Ritter/ Jan Kersjes, Kostüme: Katja Schröpfer, Video: Niklas Ritter, Dramaturgie: Holger Kuhla.
Mit: Ines Schiller, Susanne Hessel, Regula Steiner-Tomic, Eva-Marianne Berger, Sebastian Müller-Stahl, Thorsten Köhler, Jan Kersjes, Helmut Szulczynski, Marlies Krätsch/Karin Klose.

www.anhaltisches-theater.de

 

Mehr zu Niklas Ritter: der Regisseur ist bisher vor allem als Videograph von Armin-Petras-Inszenierungen hervorgetreten.

 

Kritikenrundschau

"Carmen Kittel oder Ich wünsch mir Sonnenstrand" von Georg Seidel sei "eine Entdeckung", schreibt Andreas Montag in der Mitteldeutschen Zeitung (10.5.2010). Regisseur Niklas Ritter nehme "den Text Seidels beim Wort. Und wortmächtig war dieser Autor, man kapiert es nach wenigen Sätzen. Dazu bringt Ritter die DDR der kleinen Leute auf die Bühne (fein gebaut von Michael Graessner): Endstation Sehnsucht, könnte der Ort heißen." Und diese "Welt der kleinen DDR-Leute, erzählen der Autor Georg Seidel und Niklas Ritter, sein Regisseur, ist grundsätzlich aus den Fugen, das Glück im Plattenbau ist eine fromme Legende, auch wenn es manchem heute anders scheinen mag." In der Aufführung werde "nichts denunziert, auch wenn es manchmal zum Kichern verleitet, was die Damen und Herren über die Zeiten gebracht haben. Hört man genauer hin, ist es Traurigkeit, die alles grundiert". Hauptdarstellerin Ines Schiller "und das gesamte Ensemble aus Profis und Laien überzeugen in einem Stück, das mehr über die DDR erzählt, als viele ihrer Bürger heute noch erinnern wollen."

 
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