Heul doch!

von Esther Slevogt

Berlin, 15. September 2007. Das interessiert das Bürgertum! Die Ränder der Gesellschaft, ihre Wucherungen ins Wilde, Antizivilisatorische! Und ist es nicht schön, wenn man an einem so zivilisierten Ort wie dem Theater an diese Abgründe herangeführt wird, im Rahmen des "Als-ob"? Im Berliner Deutschen Theater konnte man gestern eine Theateradaption der Skinheadbeichte "No llores, mi querida / Weine nicht, mein Schatz" nach dem Roman von André Pilz erleben.

Pilz sei selber Skin gewesen, wird das Verlagsmarketing nicht müde zu behaupten und stachelt damit den Voyeurismus der befriedeten Teile der Gesellschaft noch an. Und auch das Deutsche Theater lässt sich nicht lumpen: schickt eine Truppe von sechs mehr oder weniger vor Authentizität dampfenden Akteure auf die kleine Box & Bar-Bühne.

Glatze, Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln, wild-verlorenes Flackern im Blick, immer eine sinn- oder brutale Melancholie stiftende Zeile der Böhsen Onkelz auf den Lippen, die den Skin begleiten wie weiland den Bildungsbürger sein Goethe. Man mischt Fussballstadien auf, liefert sich Schlachten mit türkischen Gangs, vergewaltigt, schwadroniert über Neger und Juden – ganz wie im wirklichen Leben, beziehungsweise in André Pilz' Roman. Schon der watet mit Lust in den sprachlichen Möglichkeiten dieser Randgruppe, lässt die Klischees krachen und macht es sich immer wieder gemütlich zwischen Suff, sexueller Verwahrlosung und Rassenhass.

Der Skin als neue Justine

Irgendwann darf sich Rico, den Marek Harloff mit gebührendem Bubischmelz versieht, in eine Frau verlieben, die ganz und gar nicht ins Rassenbild passt. Das muss natürlich böse enden. Doch zuvor wird es fast romantisch. Regisseur Robert Borgmann lässt ein zauberhaftes NPD-Sommerfest mit Luftballons und bulligen Funktionären als Film einspielen. Kurz verlässt Rico seine Jungs für die Liebe. Dann jagen Pilz und Borgmann ihren naiven Helden auch schon wieder mit dem gleichen Spaß durchs Fegefeuer, wie einst de Sade seine tugendliebende Justine.

Eine böse Lehrerin tritt auf, die Klein-Rico mit mathematischen Formeln traktiert, was wohl die Schuld der Gesellschaft am Abdriften des Sensibelchens ins Brutale nahe legen soll. Seine schwangere zwölfjährige Cousine wird vom Laster überfahren. Und wieder losgefetzt und weiter gepöbelt. Die Zuschauer halten sich an den Stühlen fest und ducken sich vorm Bier, das aus umherfliegenden Flaschen spritzt.

Skandal authentisch oder inszeniert?

Nur einer Zuschauerin wird es zu bunt. Sie steht auf und greift verbal erst die Schauspieler, dann auch den unter den Zuschauern sitzenden Intendanten Bernd Wilms an. "Was ist das hier für eine Scheiße!" Wilms blickt betreten zu Boden. Die Theater-Skins pöbeln munter zurück und liefern sich mit der Dame eine heftige Auseinandersetzung in Wort und Bier.

Kein Moment der Irritation: fast zu hemmungslos wird auf die erboste Zuschauerin eingebrüllt, als dass man so ganz an die Echtheit des Auftritts glauben könnte. Und weil es sich bei der Dame, die am Ende wutschnaubend das Theater verlässt, auch noch um die Schauspielerin Klara Höfels (und Mutter von Mitspielerin Alwara Höfels) handelt, fällt es noch schwerer zu glauben, dass dies hier kein abgekartets Spiel sein soll. So freut man sich einerseits am ironischen Abgrund, den dieses Spiel mit der Authentizitäts-Huberei plötzlich aufreißt. Und zweifelt andererseits, ob hier nicht doch ein kleiner Skandal inszeniert werden soll, um die Aufführung als Politikum zu behaupten.

 

Weine nicht. Ein Skinhead-Stück
nach André Pilz
Fassung und Regie: Robert Borgmann, Ausstattung: Jochen Schmitt, Musik: Frank Raschke.
Mit: Alwara Höfels, Franz Konstantin Beil, Marek Harloff, Alexander Rohde, Michael Schweighöfer, Pedro Stirner.

www.deutschestheater.de

 

Siehe dazu auch den Brief von Klara Höfels an DT-Intendanten Bernd Wilms im nachtkritik-forum, der eine kleine Debatte auslöste.

 

Kritikenrundschau

Im Tagesspiegel (17.9.) schreibt Jan Oberländer , der Abend sei "bisweilen visuell eindrucksvoll und alles andere als langweilig", doch bleibe er "richtungslos". Wenn ein großer Skinhead zu Beginn einen kleinen am Kragen herumschleudere und der kleine Skin dabei keuche und schreie: "Gewalt ist die größte Erfolgstory unserer Geschichte. Gewalt ist die einzige Möglichkeit, nicht länger unsichtbar zu sein ...", tauge das als Parole für den Abend. Auch Robert Borgmanns Inszenierung versuche dauernd, den Zuschauer beim Kragen zu packen und ihm zu zeigen: "Ich bin da."

Weniger gewogen zeigt sich Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (17.9.). Zwar habe das Team um Regisseur Borgmann "gängige Klischees" vermieden und sich alle Mühe gegeben, dem Spiel jede Behäbigkeit auszutreiben, allein – eine Erklärung, wie jemand "zum Alles-Hasser wird", werde nicht geliefert, statt dessen: "viele lose Fäden". Unangenehm findet Pilz die hemmungslosen schauspielerischen Bemühungen um Authentizität. "Der Szenen-Reigen (...) veröffentlicht ein lautes Schweigen. Es erzählt davon, dass grundverschiedene Welt- und Selbst-Erfahrungen, Skinhead- und Bürgerwelt zum Beispiel, kein vermittelndes Gespräch, sondern nur Ratlosigkeit, Unverständnis und gegenseitigen Hass kennen".

 

 
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