Triumphmarsch der Mensch-Maschine

von Andreas Klaeui

Zürich, 11. Mai 2010. "Industry and Idleness" nannte der Kupferstecher William Hogarth eine seiner moralischen Bilderfolgen. Sie hat Heiner Goebbels zu einer Komposition und nun zu einem "Szenischen Konzert" in der aufgelassenen Industriearchitektur der Zürcher Schiffbau-Halle angeregt, in dem er fünf Ensemble-Kompositionen locker verknüpft und mit korrespondierenden Sprechtexten unterlegt, "Herakles" nach Heiner Müller, "La Jalousie" nach dem Nouveau Roman von Alain Robbe-Grillet, T. S. Eliots "Triumphal March" aus der Coriolan-Bearbeitung, ein Leporello der Waffenindustrie.

In allen ist das Industrielle, Mechanische, Serielle dem Abschweifenden, Individuellen gegenübergestellt, sehr deutlich etwa im (titelgebenden) zweiten Stück des Abends, wo die konzertierenden Musiker über einem sehr strikten, uhrwerkartigen Sampler-Rhythmus elegische Melodien kreisen lassen: Mensch contra Maschine.

Zwischen Notenständer und Robbe-Grillet'scher Jalousie

Heiner Goebbels' Musik ist nie nur zum Hören, immer auch Musik zum Schauen. So auch hier: Die anfängliche Phalanx von Eliots Triumphmarsch, über zwanzig trommelnde Musiker in einer Reihe, löst sich auf, die Musiker verteilen sich im Raum, bilden Instrumentengruppen wie lockere Inseln um den Dirigenten Andrea Molino. Eine dezente, doch suggestive Lichtregie setzt ein, zunächst zaghaft und flackernd, dann immer deutlicher; die als alleiniges Requisit und Bühnenausstattung dienenden Transportpaletten erhalten verschiedene Funktionen zugewiesen, vom Notenständer bis zur Robbe-Grillet'schen Jalousie.

 

industry2_5-2010_tanjadorendorfMensch contra Maschine. Heiner Goebbels' Klangreise durch das Industriezeitalter
©Tanja Dorendorf/T+T Fotografie

All dies gehört untrennbar zu Goebbels' Musik, einer Musik, die keinerlei Berührungsängste oder Abgrenzungszwänge kennt, sondern auf allen Ebenen integriert, was ihr an Material begegnet. Schreibmaschinenrattern so gut wie Motorengeräusche, kammermusikalische Formen und das gute alte Melodram, die "echten" Klänge von Instrumenten wie die "unechten" des Samplers. Dies wirkt mal äusserst stimmungsvoll, mal durchaus auch ranschmeißerisch, es ist selbstredend von äußerster handwerklicher Versiertheit und von großem sinnlichen Reichtum, zumal wenn es so akkurat und inspiriert wiedergegeben ist wie hier vom Collegium Novum.

Klangphantastisch

Es ist ein musikalisch-szenisches Arrangement, das mehrerlei Zugänge zu den einzelnen Stücken eröffnet: Man kann den Texten und ihren inhaltlichen Bezügen nachhorchen; man kann sich rein musikalisch vergnügen an der raffinierten Faktur; man kann sich schlicht betören lassen vom Erfindungsreichtum der Klangphantasie.

Dennoch wollen sich die einzelnen Teile an diesem Abend nicht zum runden Ganzen fügen – es bleibt ein Eindruck von Zufälligkeit und einer herkömmlichen Konzertdramaturgie. Daran ändern auch die Sprechtexte nichts, die Peter Schweiger mit viel Bedeutungsschwere vorträgt: Es bleibt ein Konzert-Programm, eine musikalische Installation im (durchaus passenden) Raum, aber keine vollgültige Inszenierung. Meilen von den großen Goebbels-Abenden wie "Eraritjaritjaka", "Hashirigaki" oder Stifters Dinge entfernt.


Industry and Idleness
Szenisches Konzert von Heiner Goebbels
Musik und Regie: Heiner Goebbels. Musikalische Leitung: Andrea Molino. Licht und Raum: Mathias Mohr. Klangregie: Holger Stenschke. Mit: Peter Schweiger, Musikerinnen und Musiker des Collegium Novum Zürich.

www.schauspielhaus.ch

 

Für die im Text erwähnte Arbeit Stifters Dinge folgen Sie diesem Link ins nachtkritik-Achiv. In diesem Jahr erhält Heiner Goebbels den Kunstpreis des Landes Rheinland-Pfalz.

 

Kritikenrundschau

Vom Komponisten Goebbels her nähert sich Christian Gampert im Deutschlandradio Kultur (10.05.2010) der Sache: "Der Züricher Abend mit dem hochvirtuosen 'Collegium Novum' unter Andrea Molino ist reines Klangtheater, eine musikalische Skulptur. Nach einem gewalttätigen, perkussiven Beginn (eine Phalanx von 22 Trommlern) kann man sich im Titelstück auch mal zurücklehnen in Klangteppiche, Lautmalereien, träumerische Passagen." Und resümiert dementsprechend wohlwollend: "Das Ganze ist ein Gesamtkunstwerk auf musikalisch modernstem Materialstand."

"Reine Unverbindlichkeit" hat hingegen Alfred Zimmerlin im Schiffbau angetroffen, wie er in der Neuen Züricher Zeitung (11.05.2010) konstatiert: "Die Stücke werden aneinandergereiht, ohne dass sich eine Dramaturgie für den ganzen Abend ergibt; es werden keine Schwerpunkte gesetzt, es gibt keine Entwicklungen, die Form erzählt nichts. Wertfrei steht Tatsache neben Tatsache." Mit einer starken Szene zu Beginn, wo die 26 Musiker auf den Paletten trommeln und als Sprechchor Peter Schweiger bei seiner Aufzählung von Waffengattungen der Rüstungsindustrie unterstützen, habe Goebbels andere Erwartungen an seine Kompositions-Retrospektive geweckt. Doch "auch szenisch findet sich nicht die Üppigkeit, die man sonst von Goebbels gewohnt ist. Als Ganzes hat der Abend etwas – gewollt? – Unfertiges."

Einen starken Beginn hat auch Susanne Kübler im Zürcher Tagesanzeiger gesehen (12.05.2010): "Die Latte jedenfalls liegt hoch für den Rest des Abends, der Werke aus den Jahren 1991 bis 2003 zu einem szenischen Konzert verbindet." Kübler preist die musikalische Ausführung, muss aber feststellen: "Szenisch  passiert  dazu  nicht  viel,  als Regisseur hat sich Heiner Goebbels bei dieser Schauspielhaus-Produktion sehr zurückgehalten.  Die  Paletten  werden als kleine Podien im Raum verteilt, und dann ist da noch der Dirigent Andrea Molinari, der von der Mitte aus nicht nur das Ensemble zusammenhält, sondern die Musik sozusagen vortanzt."

 

 

 
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