Großer Welttheater-Zampano ready for take off

von Stefan Bläske

Wien, 12. Mai 2010. Der Weltraum. Unendliche Weiten. Wir sehen Bilder von Galaxien und Sternen, wir hören dazu die Stimme von Robert Lepage, der uns erklärt, wie all das entstand, wie groß unser Universum ist, wie winzig wir Menschen. In seinem ersten Kino-Auftritt, 1989 in "Jesus von Montreal", erklärte uns Robert Lepage als Schauspieler René die Welt, indem er in einem Tonstudio den Text für eine sternfunkelnd-universelle Edutainment-Doku einspricht.

Zwei Jahrzehnte später macht Regisseur Lepage die Vertonung und die Synchronisierung von Filmen zu einem der zentralen Themen seines universalen Edutainment-Theaterspektakels "Lipsynch". Der Titel verweist als Kurzform von "Lip Synchronisation" sowohl auf Synchronisationen als auch auf Playback, denn es ist die menschliche und die medialisierte Stimme, die sich als Leitmotiv durch die Familiensaga zieht.

lips2_el_004XXL Seifenopera

Diesem Audio-Aspekt zum Trotz bleibt der Video-Virtuose Lepage seiner Ästhetik treu und serviert uns, was wir von dem Bildertheater-Blender und Cirque du Soleil-Zauberer eben kennen - und meist ja auch mögen. Die Magie der Bühnenbildverwandlungen ist vertraut, und das XXL-Format fügt sich ein in die Reihe von Lepages Großtheaterprojekten "The Dragon's Trilogy" und "The Seven Streams of the River Ota": Nun also sind es neun Schauspieler, neun Geschichten und neun Stunden (erschummelt mit fünf Pausen). Das ist große Oper!

Vor allem ist es große Seifenoper - zwischen Episodenkino und Theaternovela. Mosaikartig montierte Beobachtungen aus des Menschleins Alltag werden durch verschiedene Charaktere miteinander verbunden und wohldosiert zu existentiellen und ergreifenden Momenten verdichtet. Gleich zu Stückbeginn eine Klage-Arie, Góreckis Symphony Nr. 3, so berührend schön gesungen als sei's Playback, und dann eine Szene im Flugzeug über dem Atlantik. Eine junge Frau, Nicaraguanerin, gleitet unbeachtet vom Schlaf in den Tod. In ihrem Arm beginnt ihr Baby zu weinen.

lips2_el_020Menschen verlieren ihre Eltern, ihre Kinder, ihre Freiheit, ihr Gedächtnis, ihre Sprache. Sie müssen lernen, mit dem Verlust zu leben, oder sich das Verlorene neu erarbeiten. Es sind tragische und vor allem archetypische Szenen, derer sich Robert Lepage bedient. Geburt und Tod, Krankheit, Inzest, Vergewaltigung, Zwangsprostitution: die Themen könnten echte Tränendrüsendrücker sein. Häufig aber werden sie erdrückt von der Art ihrer Inszenierung.

Robert Lepages Virtuosität im Verweben von Schicksalsgeschichten, sein Gespür für eindrucksvolle Bilder, seine Akkuratesse und Brillanz der technischen Realisierung sind legendär. Bedauerlich aber ist, wenn dies zur Marke erstarrt auf dem Markt der großen internationalen Festivals, zu einem erfolgreichen, sich perpetuierenden Rezept der immergleichen Motive und Muster wird: Epische Dramen bzw. dramatische Epen, überästhetisiert verpackt, emotionalisiert mit Musik, Hoch- und Popkultur, Bach und Schumann, Rock und Rap, mit Figuren aus möglichst vielen gesellschaftlichen Schichten, Generationen, Religionen und Nationalitäten. "Seht", schreit es aus jeder Szene, "wir machen Welttheater!"

Repräsentativer Gehirnsturm

Vor allem ist es aber Repräsentationstheater, in all seinen Facetten. Zum Beispiel insofern es den Eindruck erweckt, unsere Kultur (re)präsentieren zu wollen. (Vielleicht ja gar als möglicher Beitrag für die Sammlung, die in den Weltraum, auf die andere Seite des Mondes geschossen wird, um außerirdischen Findern die menschliche Kultur zu vermitteln?) Die aus Improvisationen und als Work-in-Progress entstandene Inszenierung wirkt wie eine Materialsammlung, ein Brainstorming zur Frage, welche Geschichten, Erfindungen und Techniken uns etwas über unsere Kultur lehren, und speziell: über Sprachen und Stimmen.

Die Menschen in "Lipsynch" parlieren Englisch, Französisch, Spanisch, Deutsch und zahlreiche Dialekte, sie stottern und gehen zur Sprechtherapie, tragen Gedichte vor oder referieren Erkenntnisse der Neurologie, singen Opern oder Beatbox-Rap, sie versuchen sich an die Stimme ihrer verstorbenen Eltern zu erinnern oder übermitteln ihren letzten Willen und Witz auf einem Tonband, sie synchronisieren Filme, machen Radio, nutzen Sprachanalysen zur polizeilichen Ermittlung, besprechen Anrufbeantworter, lassen sich im Auto Anweisungen von einem Navigationsgerät geben und lernen dann die Person kennen, der diese Stimme gehört. Vieles davon mag unspektakulär sein, aber Robert Lepage weiß es dramatisch, manchmal absurd zu überhöhen. So stirbt etwa jener Mann, der die Ansagen für die englischen Züge und Bahnhöfe eingesprochen hat, ausgerechnet auf den Gleisen - seine konservierte Stimme verkündet daraufhin die von ihm verursachte Störung des Fahrplans.

Zauberhaft gefurzt

Die Zuspitzungen in Story und Dramaturgie und die symbolträchtigen Bilder erzeugen stellenweise eine bemerkenswerte Komik und Tragik, gleiten nicht selten aber auch in Kunstgewerbe, Schwülstigkeit und Pathos ab. Die Grenzen sind fließend, Geschmäcker verschieden. Ist es nicht schmerzhaft kitschig, ja peinlich pathetisch, wenn in der Schlussszene, zum molligen Operngesang der Pflegemutter Ada, der Sohn seine leibliche, tote und in strahlendes Weiß gekleidete Mutter Lupe im Arm hält wie den frisch vom Kreuz genommenen Christus, wenn dieser Sohn und seine beiden Mütter in enger Dreieinigkeit dem Black entgegensehen? Ist es hingegen nicht szenisch wie musikalisch tief bewegend, wenn die Opernsängerin Marie nach einer Hirntumor-Operation, die ihr Sprachzentrum beschädigt hat, ihren eigenen Gesang aufnimmt, per Computer-Schaubild visualisiert und wieder abspielt, um dann gemeinsam mit sich selbst zu singen, mit herzzerreißender Stimme, halb stöhnend, halb singend, mit immer neu hinzukommenden und gespeicherten Tonspuren ein musikalisches Selbstgespräch und eine Polyphonie der eigenen Sprachlosigkeit zu erzeugen?

Trotz des in die Inszenierung eingebauten Hamlet-Monologs: Der Rest ist hier kein Schweigen, sondern Sprache. Und die sucht sich ihren Weg durch alle Öffnungen, scheint uns Lepage sagen zu wollen. Das Baby in der Wiege hat bereits Blähungen, und noch nach dem Tod entfleuchen dem Menschenkörper Gase, jedenfalls furzt - in einem kasperle-komischen Satyrspiel - selbst noch die Leiche. Aller Sprach- und Hirnforschung, aller Medientechnologie und allem Bühnenzauber trotzend: Am Ende ist das Leben eben doch ziemlich banal.


Lipsynch
Ein Schauspiel-Marathon von Robert Lepage / Ex Machina / Théâtre Sans Frontières
Premiere deutschsprachiger Raum
Regie: Robert Lepage, Text: Frédérike Bédard, Carlos Belda, Rebecca Blankenship, Lise Castonguay, John Cobb, Nuria Garcia, Marie Gignac, Sarah Kemp, Robert Lepage, RickMiller, Hans Piesbergen. Bühne: Jean Hazel, Kostüme: Yasmina Giguère, Dramaturgie: Marie Gignac, Licht: Étienne Boucher, Sound Design: Jean-Sébastien Côté, Projektionen: Jacques Collin.
Mit: Frédérike Bédard, Carlos Belda, Rebecca Blankenship, Lise Castonguay,
John Cobb, Nuria Garcia, Sarah Kemp, Rick Miller, Hans Piesbergen.

www.festwochen.at

 

Mehr zu Robert Lepage: Im Juni 2007 erlebte Nina Peters Lepage bei einer öffentlichen Diskussion in Montreal. Mit Eonnagata gastierte Lepage im November 2009 in Berlin.

Kritikenrundschau

"Robert Lepage enttäuscht bei den Wiener Festwochen" heißt es in der Unterzeile der Rezension von Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (14.5.2010). "Vielleicht hat man einfach zu viel erwartet. Ein Meisterwerk, nicht weniger." Sechseinhalb Stunden wäre genug Zeit für eine Verzauberung. Dass die ausbleibt, habe drei Gründe, so Tholl: "Lepage interessiert sich für Form mehr als für Inhalt; er mag seine Figuren nur, wenn sie Funktionen innerhalb der Form erfüllen; er unterwirft seine Geschichten einem hybriden Konstrukt und verschleiert mit ihrer Verflechtung den Mangel an Tiefe." Lepage baue die Bühne um, wieder und wieder, verschiebt technoide Kisten, deren Verwandlungszauber lediglich einer des Budgets ist. Aber: "So virtuos die technischen Abläufe sind, so enervierend sind sie auch." Was die Überdeutlichkeit mancher Bilder angeht, sei Lepage wahrlich nicht zimperlich. "Raum für Phantasie bleibt dabei nicht."

Gerhard Stadelmaier kann sich dagegen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.5.2010) vor Begeisterung nicht halten und füllt die halbe erste Feuilletonseite: Nichts führe sich bei Lepage als Technik selber vor, "alles steht im Dienst einer Geschichte, von Figuren, von Menschen, denen er so nahe, so liebevoll, so neugierig auf die Pelle rückt wie selten ein Regisseur neben ihm." Lepage webe in "Lipsynch" einen Teppich beziehungsweise ein Netz, in dem alle Fäden und Maschen und Menschen und Stimmen und Schicksale zusammenkommen, obwohl oder gerade weil sie nichts miteinander zu tun haben und so verwoben sind, dass zwischen sie tausend andere passen und sie allesamt nie zu einem Ende, höchstens zu einem Momentbild kommen. "Eine Handlung ist da kaum zu erzählen, man muss die Fäden und ihre Knüpfstellen, die Zufalls- und Schicksalsabenteuer diverser umherschießender Weberschiffchen verfolgen."

Für Paul Jandl in der Welt (15.5.2010) handelt es sich bei Lipsynch um eine große Kulturen überspannende Familienaufstellung: Drama und Groteske zugleich. Bei der Schilderung unglücklicher Lebensläufe und im Erzählen von Gefühlen könne Robert Lepage ungemein subtil sein. "Im melancholischen Halbdunkel seiner Geschichten beginnen die Figuren zu leuchten, bis der Theatermacher dann noch eins drauflegt und auch vorm großen Kitsch nicht zurückschreckt." Lepage könne auf so hohem Niveau zaubern, dass Jandl "von der immer spürbarer werdenden Mechanik seiner Tricks lieber nichts wüsste." Unangestrengt ist das Bild für den Kritiker, "wenn vor dem schwarzen Grund der Bühne leuchtende Schneeflocken taumeln, wenn gierig tastende Männerhände auf den Körper eines jungen Mädchens projiziert werden. Aber sonst?" Nervös würden metallene Kästen auf der Bühne verschoben, neu gedreht, geteilt und zusammengesteckt. "Alles gleitet, klappt und rollt, und man nimmt die omnipräsenten Bühnenarbeiter bald als Teil des Geschehens wahr, krude Technik schiebt sich vor das Leben.."

Barbara Villiger Heilig schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung (19.5.2010) über die Wiener Festwochen, die sie, was Schauspiel betrifft, als eines der "schönsten Festivals überhaupt" ansieht: Qualität gibt es, keinen Zwang zur Avantgarde, auch keine Angst vor ihr und die Treue zu bestimmten Künstlern. Außerdem kann man auch Marathon machen wie Robert Lepage bei "Lipsynch". Die Produktion habe während ihres jahrelangen Produktionsprozesses auch "Lebenszeit der Mitwirkenden in sich aufgenommen" und das sehe man ihr an. Das Ganze, schreibt Villiger Heilig, erinnere an eine Fernsehserie. Dass man dabeibleibe, verdanke sich "den unvergleichlichen Schauspielern". Die gingen "höchstwahrscheinlich" derart "rückhaltlos im Spiel auf", weil sich die Rollen einer "Lebenssimulation" anschmiegten, wie sie "selten zu erfahren ist auf der Bühne". In den neun Stunden messe Lepages Ensemble eine "komplexe eigene Welt" aus. "Die neurologischen Vorträge" könnten unter Umständen wie "Edutainment anmuten", das Durchdeklinieren der menschlichen Stimme möge "aufdringlicher sein als nötig". Doch über die Länge der Zeit finde eben alles zu einer "unnachahmlichen Balance".

 

{denvideo http://www.youtube.com/watch?v=ChdeR--QIbw}


 
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