Blut ist auch nur was zum Trinken

von Caren Pfeil

Hellerau, 14. Mai 2010. Es ist wahrscheinlich müßig, darüber nachzudenken, ob das nun noch Performance oder schon Theater ist, eine Versuchsanordnung, ein Experimentierfeld oder einfach eine Show aus Musik, Bild, Mensch, Text, Licht und Gedankenfetzen. Oder, wie norton. commander. production es selbst ankündigen: "The Wolf Boys. Eine Horror-Musik-Film-Performance." Es ist.

Und zwar der n.c.p - Stil – Ende Mai bekommt die Künstlergruppe dafür den zum ersten Mal vergebenen George-Tabori-Preis vom Fonds Darstellende Künste, der diese Koproduktion mit dem Mousonturm Frankfurt am Main nun auch unterstützt hat, ebenso wie die Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank und das Europäische Zentrum der Künste Hellerau, wo die Veranstaltung gestern Premiere hatte. Es ging also um den Horror. Nicht im Allgemeinen, sondern am Fall von Vampiren, Werwölfen, Pädophilen in Badewannen und eigenbluttrinkenden Transvestiten untersucht.

Dunkle Triebe, elektrische Fledermäuse

Nun gerät das Genre, wenn man es denn ernst nimmt, sowieso schon zur Satire, und da ist es nicht leicht, es auch noch satirisch zu betrachten und sozusagen seiner Faszination zu berauben, die es für einen großen Teil der zivilisierten (!) Menschheit zweifellos hat. Es liegt nahe, die Lust am Horror, vorzugsweise am blutrünstigen, als die trivial-romantische Verkleidung tatsächlicher dunkler Triebe oder psychischer Defekte zu demaskieren.

Nur ist das weder eine neue Erkenntnis, noch lustig, jedenfalls nicht lustiger, als die Schneidezahnmonster im Kino es ohnehin sind. Trotzdem gelangen auch Momente, in denen sich das Bild-Ton-Wort-Geschehen verdichtete, in denen sich Bedeutungsebenen mit verfremdenden Mitteln – und die beherrschen n.c.p. virtuos – so bizarr überlagern, dass einen tatsächlich das Grauen über den Menschen im Horrorkostüm erfasst.

Es gab auch schöne Details, etwa zwei elektrische Fledermäuse, die in schön choreografierten Kreisen über den Köpfen schwebten, später freilich abgeschossen wurden. Oder vier Männer beim Betrachten einer nicht sägenden, sondern sozusagen sinnlos brüllenden Kettensäge – das hatte auch seine Schönheit.

Performer im Pelz
Während sich auf der Vorbühne das Equipment der Musiker breitmachte, war das zentrale Bühnenbildelement eine dreckig weiße Guckkastenbühne, von oben bis unten mit schönem rotem Blut bespritzt. Hier präsentierten sich skurrile Gestalten mit manchmal zum Aufhorchen verführenden Texten (eine wilde Mischung aus Novalis, Lautréamont, Benn u.a., auch eigenem der Meinings). Überhaupt spielten die beiden Performer ununterbrochen mit männlichen und weiblichen Rollen, mal ganz klassisch verkleidet mit schwarzer Strumpfhose und Pelz, mal als zwei händchenhaltende Dirndls mit Haaren aus Fleischlappen.

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The Wolf Boys © Stephan Floss

Letztlich aber blieb es ein Nummernprogramm, nur äußerlich zusammengehalten von den drei Teilen eines Films in Stummfilmoptik, der gewollt handgemacht das Sujet Entführung mit dem Genre Vampirfilm verknüpfte und schließlich in einer Art religiöser Groteske endete. Die aufregendste Szene war der quasi improvisierte Dialog des Komponisten mit den beiden Hauptakteuren, während die sich für ihren nächsten Auftritt ankleideten.

Durch den ausgestellt lapidaren Grundgestus gelangten Aussagen über das täglich Brot eines Werwolfs, also das Töten, in Verbindung mit der Werwolftruppe des Nazigroßvaters in brisante Zusammenhänge. Hier riss der Abend für einen Moment Dimensionen auf, die über den sonstigen Horrorklamauk hinausgingen.

Das nächste Lied, die nächste Nummer
Ach ja, es wurde auch noch Eigenblutdoping live vorgeführt, das heißt, der echte Mensch da auf der Bühne zog sich echtes Blut aus den Adern, verdünnte es in einer Wasserflasche und trank den Inhalt unter effektvoller Beleuchtung aus. Ich schaue auch in einem Wartezimmer bei solcher Gelegenheit gern weg, wenn ich aber auf der Bühne dazu genötigt werde, erwarte ich als Gegenleistung einen klugen, einen überraschenden, wenigstens einen neuen Gedanken. Der kam aber nicht, sondern stattdessen das nächste Lied, die nächste Nummer.

So plätscherte der Abend dahin, und folgerichtig beendete Wagner den letzten Song mit einem lapidaren "Tschüss".

 

The Wolf Boys (UA)
von norton. commander. productions

Von und mit: Harriet Maria Meining, Peter Meining, Otmar Wagner, Ole Wulfers, Nikolaus Woernle, Steffen Huhn.

www.hellerau.org
www.nc-productions.com

 

Kritikenrundschau

"The Wolf Boys" schreibt Michael Ernst in den Dresdner Neuesten Nachrichten, sei ein "Grusel-Spektakel", das kaum ein Thema zwischen Leben und Tod aussparen wolle. Der Wolf selbst sei als exotisches Tier, als Motiv von "Erinnerungskulturen" wie der des Werwolfes für diesen Theaterabend theatertauglich. Auf einer an Hermann Nitsch erinnernden Bühne verschmölzen die vier Darsteller zu einem "Gesamtkunstwerk". In Liedfolgen mit "skurrilen Titeln" und "abstrusen Ansagen" werde "das Prinzip Horror" zu lautstarkem Bassdröhnen und Schlagstockwirbeln besungen. Auch vor "offenen Frage", wie der, warum es Gewalt gebe, wenn die menschliche Existenz doch allein im Koitus erfahrbar sei, gebe es keine Scheu. Die "gewaltige Klangmacht" erinnere mal an den "Sog von Rammstein", mal an Schlingensief, das Eigenblutdoping wiederum an die Volksbühne. Doch das Ergebnis sei ein "Unikat", das Bestand haben werde.

 

 
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