Aufbruch in die Ökumene

von Ralph Gambihler

Oberammergau, 15. Mai 2010. Märchenkönig Ludwig II. hat, wie es heißt, die Apostel-Darsteller mit Silberlöffeln beschenkt, bis auf Judas, der einen Blechlöffel bekommen haben soll. Der Automogul Henry Ford wollte dem Jesus-Mimen gar einen fahrbaren Untersatz vermachen. Auch Adolf Hitler wallfahrte nach Oberammergau und beglückte die Spiele mit dem Attribut "reichswichtig". Die Ovationen der Mächtigen, seien sie im Nachhinein auch peinlich, gehören zum Mythos wie der Haar- und Barterlass des Bürgermeisters oder das Aufflattern der weißen Tauben, die bei der Vertreibung der Händler aus dem Tempel aus dem Festspielhaus fliegen dürfen.

Wer sich mit diesem Mythos befasst, merkt schnell, dass die Geschichten und Anekdoten rund um Oberammergau blühen. Das erklärt zwar nicht, warum aus einem 1633 ausgesprochenen Gelübde wider die Pest binnen einiger Jahrhunderte die berühmtesten Passionsspiele der Welt wurden, vermittelt aber zumindest einen Eindruck davon, dass in der Mitte dieses Mythos eine Tradition wie eine Eiche steht, mindestens so knorrig und fest verwurzelt wie die andere Eiche in Bayreuth, nicht minder anstrengend und tückisch für denjenigen, der etwas aus ihr machen will.

Traditionalisten und Reformer in einem Dorf

Christian Stückl hat genau dies zum dritten Mal gewagt. Er war 1990 der jüngste Spielleiter aller Zeiten und hat damals schnell einsehen müssen, dass es keine neuen Ideen gab ohne die Traditionalisten im Dorf, die diese Ideen möglichst schnell kassieren wollen. Er war im Jahr 2000 der Spielleiter, der die meisten inhaltlichen und formalen Reformen oder, passender in diesem Fall, Revolutionen durchgesetzt hat. Und er ist, wie man nun bei der Premiere erleben und schon vorab ausführlich lesen konnte, diesen Weg weiter gegangen, begleitet von
Oberammergauer Bürgerentscheiden und Krächen, die der Presse manche schöne Geschichte bescherten.

© Arno Declair
© Arno Declair

Wobei aber alles eine Frage der Perspektive ist. Wenn Jesus am Anfang, vor
der Vertreibung der Händler aus dem Tempel, auf einem Esel einreitet, umgeben von Hunderten Darstellern, um sein beschwörendes "Denkt um!" unter die Leute zu bringen, ist dies zwar eine bemerkenswerte Ergänzung, die darauf hinaus läuft, die Leidensgeschichte Christi um das Element der Liebe, eine zentrale Botschaft der Bergpredigt, zu bereichern.
Aber eine Revolution? Um das Revolutionäre an Stückls Sicht zu erkennen, muss man stets den lokalen Festspiel-Konservatismus mitdenken.

Integration der Muslime

Eins ist deutlich: Noch nie hat es so politisch korrekte Passionsspiele gegeben wie im Jahr 2010. Die antisemitischen Tendenzen der aus dem 19. Jahrhundert stammenden, noch immer maßgeblichen Textfassung von Otmar Weiß und Joseph Alois Daisenberger, die nach 1945 zum Problem geworden waren und auf internationalen Druck bereinigt wurden, eher gemächlich als eilig, sind in der neuerlichen Überarbeitung von Stückl und seinem Dramaturgen Otto Huber nicht nur völlig passé; aus ihnen ist im Nachgang geradezu die Neudefinition der Heilands-Figur geworden. Jesus ist ein engagierter junger Jude, der seinen Glauben kompromisslos lebt und deshalb mit dem jüdischen Establishment des Hohen Rates in Konflikt gerät. Die Passion wird als innerjüdische Geschichte lesbar, als Abfolge innerjüdischer Konfrontationen.

Das letzte Abendmahl etwa zeigt Stückl als ein von Trauer verdunkeltes Pessachfest. Und wenn Jesus dabei das Brot bricht, um es an die versammelten Jünger zu verteilen, spricht er auch einige Brocken Hebräisch. Der Aufbruch in die Ökumene ist nicht zu übersehen. Er macht sich auch in der Besetzung bemerkbar. Seit 2000 spielen ortsansässige Muslime mit. Das war nicht weniger als eine Kulturrevolution.

Verschiedene Gesichter des Verrats

Auch Judas wird neu gedacht. Er ist nicht mehr der Inbegriff des Verräters, sondern – im Kern zumindest - ein tragischer Held von fast Shakespearscher Größe. Er erscheint als politisch Enttäuschter und verhängnisvoll Getäuschter, der dem Hohepriester Kaiphas in die Falle geht und der, als er das Ausmaß des Betrugs erkennt, das Ruder noch einmal herumzureißen versucht, der alles riskiert und schließlich, als er in Ohnmacht kapitulieren muss, über den Qualen seines Gewissens zum Selbstmörder wird. So markant ist diese Läuterungs- und Sühnegeschichte des Judas' noch nicht erzählt worden. Als weichliche, eigentlich fast feige Parallelfigur wird der dreimalige Jesus-Verleugner Petrus gezeigt. Der Verrat hat verschiedene Gesichter in Oberammergau.

Den Premieren-Jesus gab Frederik Mayet - er ist im Hauptberuf Stückls Pressesprecher am Münchner Volkstheater und wechselt sich mit dem Psychologen Andreas Richter ab - glänzend als leidenschaftlichen Visionär von ergebener und oft stummer Leidensfähigkeit. Seine körperliche Erscheinung erinnert an die gängigen Jesusbilder der Nazarener, in seinem Spiel gewinnt aber ein Individuum Kontur, das durch Glauben und Willenskraft zur Lichtgestalt wird.

Satte historische Patina

Was gab es noch am Premierensamstag? Außer einem nasskalten Hundewetter und Bergen, die stärker in Wolken gehüllt waren als in jedem Werner Herzog-Film? Außer Zuschauern, die sich einzeln oder paarweise in Decken wickelten und trotzdem froren? Außer gewiss nicht weniger frierenden Darstellern und Choristen, die aber neuerdings trocken bleiben, weil sie unter dem fahrbaren High-Tech-Glasdachs spielen, das die Bühne wie einen Baldachin überspannt?

Theatralik! Langatmigkeit! Überdeutlichkeit! Stückls dritte Bearbeitung kann nicht verhüllen, dass diese Passion eine satte historische Patina hat. Die Ankunft des Regietheaters in Oberammergau, von einem Journalistenkollegen vorab und ziemlich voreilig ausgerufen, hat ganz sicher nicht stattgefunden. Woher auch? Es steckt die alte Statuarik in den Szenen. Der Gestenpomp. Der Monumentalismus und der Naturalismus. Diese tradiert wirkende Mixtur aus Laienspiel und großer Oper, bei der sich teilweise mehr als 500 Darsteller auf der Bühne drängen und in der Schlüsselszene "Kreuziget ihn!" brüllen, bis auch der Letzte im Festspielhaus Gänsehaut hat. Und trotz aller klassizistischer Stilisierung in Kulisse und Kostüm erinnert manches eben doch an die Klischeeparaden aus Sandalenfilmen.

Aber was soll's! Passionsspiele sind historisch von Anfang an und würden sich selbst aufgeben, wenn sie dem Geschmack des zeitgenössischen Theater-Jet Set hinterherliefen.
Als Großereignis sozialer Kooperation, mit allen Mühen und Wehen erarbeitet, auch in den sehr weltlichen Zusammenhängen eines millionenschweren "Passionsgewinns", den die verschuldete Gemeinde bitter nötig hat, ist Oberammergau einzigartig! Ein ganzes Dorf macht Theater! Und eine halbe Million Menschen gehen hin! Unglaublich eigentlich!

 

Passionsspiele Oberammergau 2010
nach einer historischen Textfassung von Otmar Weiß und Joseph Alois Daisenberger
bearbeitet von Christian Stückl und Otto Huber
Erster Spielleiter: Christian Stückl, zweiter Spielleiter und Dramaturg: Otto Huber, Ausstattung und Bühne: Stefan Hageneier, Dirigent: Markus Zwink.
Mit: Frederik Mayet/Andreas Richter, Maximilian Stöger/Jonas Konsek, Carsten Lück/Martin Norz, Ursula Burkhart/Andrea Hecht, Eva Maria Reiser/Barbara Dobner, Anton Burkhart/Anton Preisinger, Christoph Maier/Hubert Schmid, Christian Bierling/Stefan Burkhart, Markus Köpf/Raimund Fussy, und viele andere.

www.passionsspiele2010.de

 

Kritikenrundschau

Vladimir Balzer schreibt auf der Webseite des Deutschlandradios (15.5.2010): was die Bewohner des "talentiertesten deutschen Theaterdorfs" auf die Bühne gebracht hätten, habe eine "theatrale Wucht von der viele etablierte Regisseure in München, Berlin und anderswo nur träumen" könnten. In Oberammergau gehe es um die "Klarheit der Geschichte" und die "Verständlichkeit des Gefühls". Und das "ohne jede Anbiederung, ohne Kitsch, ohne Klischees, ohne sentimentales Getue". Regisseur Stückl habe alles richtig gemacht: Er zeige Jesus als "zutiefst überzeugten Humanisten". Zwar halte Frederik Mayet "etwas lange" den Predigerton bei, dafür schreie der "eher stille Darsteller" seine Verzweiflung den 5000 Zuschauern entgegen, "als er den Tod vor Augen hat". Jesus als Mensch, "der das Leben liebt und nicht nur das Himmelreich vor Augen hat". Christian Stückl gebe Jesus "seinen jüdischen Hintergrund" zurück, der Mann aus Nazareth zelebriere "jüdische Lithurgien", küsse die Thora und sprieche "zuweilen hebräisch".

Auf der Webseite des Deutschlandfunks (16.5.2010) schreibt Sven Ricklefs: der aktuelle Jesus zeige seine Passion "in einem doppelten Sinn", als Leidensweg, aber auch als "Leidenschaft für sein Anliegen von Gerechtigkeit und Nächstenliebe" und als "heiligen Zorn" gegen "überkommene Hierarchien und ihre Anmaßung". Dafür habe Stückl den Text der Oberammergauer Passionsspiele "erneut bearbeitet" Text, etwa Auszüge aus der Bergpredigt, hinzugefügt. Wie Jesus-Darsteller Frederik Mayet die "Verlorenheit und zutiefst menschliche Not" seiner so wortgewaltigen Figur "im Angesicht des Todes" herausarbeite, ohne dem "naheliegenden Opferkitsch" zu verfallen, gehöre zu "den großen Momenten dieser Passion" und zeige, wie Stückl es verstünde, aus "seinen Laien Ungeahntes hervorzuholen". Natürlich bleibe die Oberammergauer Passion 2010 auch das "monumentale Breitwandspektakel", in dem Massen oftmals einfach arrangiert werden, samt "Dromedar, Ziegen oder Esel". Dennoch sei Oberammergau ein "Weltphänomen". Der Einfluss Stückls zeige sich vor allem in "seiner Beharrlichkeit", mit der er vor zehn Jahren die "unerträglich antisemitischen Tendenzen" aus der Vorlage entfernt habe, und mit der er jetzt Jesus "als Juden betont" und die Passion als "innerjüdischen Konflikt".

Frederik Mayet, der Pressesprecher der 41. Passionsspiele Oberammergau, zugleich einer ihrer Hauptdarsteller, sei "ein überzeugender Jesus", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (17.5.2010). "Er zeigt einen Menschen, der lediglich klüger, anständiger und frommer ist als die anderen. Außerdem sieht er Jesus wahnsinnig ähnlich. Dem Jesus aus der mitteleuropäischen Kinderbibel. Mittelbraun das Haar, zart die Statur, der Blick auch aus einiger Entfernung noch melancholisch. Peinlich ist er nie. Das ist eine ganze Menge." Die eher nicht erstrangige Musik eines Rochus Dedler (1779-1822) nehme aber "einen erschreckend großen Teil der Aufführung ein", und auch der hohe Ton des Geistlichen Rats Joseph Alois Daisenberger (1799-1883) schlage immer noch durch, "obwohl der gegenwärtige Spielleiter Christian Stückl und sein zweiter Mann Otto Huber beharrlich daran arbeiten". Die Massenszenen aber seien "keinen Deut schwächer als in einem 1A-Sandalenfilm."

Die Passionsspiele seien "Körper, Geist und Sinne beanspruchendes Elementartheater, da mag das Bemühen um theologische Modernisierung und theatralische Professionalisierung noch so sichtbar sein", meint Eckhard Fuhr in der Welt (17.10.2010). "Die Kreuzigungsszene erspart dem Zuschauer kein Detail. Die Art und Weise, wie der Gekreuzigte abgenommen wird, verrät, dass in dem Herrgottschnitzerdorf Oberammergau der Weg zum Sinnbild immer noch über das Stoffliche führt." Die Juden, "in älteren Inszenierungen als blutrünstige Masse gezeigt", erschienen "als Volk, das unter dem Druck der römischen Besatzung in Parteien zerfallen ist." Durch diese Umdeutung gewinne das Stück "eindeutig an dramatischer Spannung und Tiefe." Das große Opfer dieser großen Passionsreform aber sei die Hauptperson. "Jesus macht auf der Bühne keine gute Figur. Und das liegt nicht am Darsteller Frederik Mayet", vielmehr tauge Jesus nicht als Theaterfigur, "weil er zu gut ist. Das macht ihn langweilig. Das Grundgute verlangt das Grundböse als Gegenüber. Dieser Zahn aber ist dem Passionsspiel gezogen. So kommt es, dass man sich manchmal in jene vergangenen Zeiten zurücksehnt, in denen struppige Teufel auf der Bühne ihr Unwesen und Possenreißer ihren Schabernack trieben."

Christian Stückls aktuelle Textbearbeitung zeige sich auch "in der detaillierteren Charakterisierung einzelner Protagonisten, die so in ihren Handlungen für den Zuschauer fassbarer werden", schreibt Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen (17.5.2010). Interessant sei auch, "wie viel Leidenschaft und Dynamik in den politischen Diskussionen liegen, geführt zwischen gelobtem und gottverdammtem Land, zwischen Machtallüren und Verantwortungsbewusstsein." Insbesondere aber mit seinen Lebenden Bilder und Massenszenen wecke Stückl "im Zuschauer kleine Freu- oder Frierschauer. Dennoch wirkt diese Passion wider Erwarten vorsichtiger, gleichzeitig weniger innig und weniger pompös als all die Zwischenspiele, die Probeläufe, Passionsspiel-Warming-ups der vergangenen Jahre: 'König David', 'Jeremias' oder 'Die Pest'."

"Wenn die drei überdimensionalen Kreuze mit den halbnackten, blutverschmierten Körpern von Jesus und den beiden anderen Todeskandidaten dann an Seilen in die Höhe gezogen und mit einem Ruck im Boden verankert werden, ist es plötzlich sehr still in der riesigen Halle", berichtet Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (17.5.2010), "und es ist, als ginge ein Raunen durch diese Stille - eine Mischung aus kindlicher Betroffenheit und theatertechnischer Bewunderung. Denn was diese Laienspieler da vorne auf der gigantisch breiten Freilichtbühne treiben, rührt nicht nur an unsere tiefsten, bei vielen längst schon verschütteten Glaubensgründe. Es ist einfach auch sehr gut gemacht." Es handele sich hier um "das professionellste Laientheater, das es wohl jemals gab. Für alle, die noch nie dort waren und womöglich ihre Vorurteile pflegen: Das Spiel ist unter der Profi-Regie von Christian Stückl und in der exquisiten Ausstattung des Profi-Bühnenbildners Stefan Hageneier sehr viel mehr Oper als Volkstheater und hat eher Festspiel- denn Amateurcharakter. Nach den Peinlichkeiten und Unbeholfenheiten des Bauerntheaters sucht man hier vergebens."

Kirsten Riesselmann war im Juli in Oberammergau und schreibt in der taz (20.7.2010) darüber: "Oberammergau groovt im Rhythmus der Gezeiten seines berühmt-berüchtigten Passionsspiels".
Fünf Monate, fünf Tage die Woche spüle eine "monströse Welle die internationale Besucherschar in die Gassen", um halb drei beginne der erste Teil, "Einzug in Jerusalem, Vertreibung der Tempelhändler, letztes Abendmahl, Pause um fünf, drei Stunden Shoppen und Schlemmen für die Touris, dann zurück ins Theater, noch mal drei Stunden Ölberg, Geißelung, Kreuzigung, Auferstehung, dann der Shuttle-Service zurück zu den Busparkplätzen."
Voll ausgelastet sei das Remmi-Demmi nicht mehr, 40 Prozent der Karten-Kontingente der zumeist amerikanischen und britischen Reiseveranstalter gingen wieder zurück an die Tageskasse. Der Grund? Genaues weiß man nicht.
Seit 1990 Christian Stückl die Regie der Passionsspiele übernahm habe sich "einiges verändert". "Frauen über 35, Protestanten und Muslime" seien jetzt spielberechtigt, es gäbe mehr Spiellustige als Rollen. Stückl schaffe es, "die Massen zu motivieren", er habe "modernisiert, die jungen Leute mit eingebunden, viel Reaktionäres und Antisemitisches aus Text und Inszenierung verbannt". Immerhin seien Passionsspiele im Mittelalter regelmäßig Auftaktgeber zu Pogromen an der jüdischen Bevölkerung gewesen und Goebbels habe die Oberammergauer Spiele 1934 für "reichswichtig" erklärt. Noch 1950 habe eine lokale Ex-NS-Größe den Jesus gespielt.
Seit diesem Jahr riefe das Volk nicht mehr: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!", die jüdische Priesterschaft sei auch "kein geifernder, rachsüchtiger Block mehr, sondern in sich gespalten", Judas "ist ein politisch Enttäuschter" und Jesus "vor allen Dingen ein Jude". Dass seine Jünger das "R" oberbayrisch rollen, wenn sie ihn mit "Rabbi" ansprechen oder das letzte Abendmahl als Pessach-Seder feiern "stört gar nicht so sehr". Das Zuschauen und Zuhören mache "wider Erwarten Spaß". Man folge der Geschichte "gespannter als bei Mel Gibson".

 

 
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