Im Jenseits spielt die Blasmusik

von Stefan Bläske

Wien, 16. Mai 2010. Haben Sie sich schonmal Gedanken darüber gemacht, welche Musik bei Ihrer Beerdigung gespielt werden soll? Nein? Sollten es vielleicht eher Kirchenlieder sein? Klassische Musik oder moderne? Fröhliche Klänge, auf die Sie gerne getanzt haben, pardon, tanzen? Oder etwas Getragenes, Klagendes? Wie wär's mit Mozart, Beethoven oder den Beatles? Mit "Yesterday" oder "Ave Maria" als Gänsehautgarantie und Äugleinnässer? Sollten die Zurückgebliebenen eher traurig gestimmt oder in Festtagslaune gebracht werden?

Ein Fest, ein "Friedhofsfest", lettisch "Kapusvētki", haben uns Regisseur Alvis Hermanis und sein Ensemble des Jaunais Rīgas teātris versprochen. In ihrer Uraufführung im Rahmen der Wiener Festwochen machen sie jene Tradition friedlich-fröhlicher Feierei zum Thema, die Letten auf ihren Friedhöfen begehen. Die Inszenierung indes des Friedhofsfestes geriet weniger zum Theaterfest denn zur musikalisch untermalten Foto-Vorführung. Der eigentliche Künstler heißt nicht Hermanis, sondern Mārtiņš Grauds.

Ein fotografischer Schleier voller Schönheit

Der lettische Fotograf hat ein Faible für Friedhöfe, seine Sammlung von über 500 Aufnahmen diente als Ausgangspunkt der Inszenierung: Grabsteine, Wege, Bänke, vor allem aber Menschen auf Friedhöfen, bei Beerdigungen, der Grabpflege oder dem Friedhofsfest-Picknick. Grauds' wohlkomponierte Schnappschüsse halten das Friedhofstreiben fest und stellen es still, sodass die Bilder von den Lebenden, die die Toten besuchen, wirken, als zeigten sie Menschen, die zwischenzeitlich selbst schon wieder verstorben sein könnten. Ein fotografischer Schleier voller Schönheit liegt über diesen Stilleben: das Sterben wie von Agfa bezeugt.

Die Fotografien ziehen an uns vorüber wie Wolken am windigen Himmel - unaufdringlich, schwerelos, wunderschön, wie auch das Leben an uns vorüberzieht. Projiziert werden die Bilder auf eine große Leinwand im Bühnenhintergrund, vorn an der Rampe befindet sich eine im Halbrund aufgestellte Reihe von Stühlen und Notenständern. Hier nehmen die Schauspieler Platz, dreizehn an der Zahl, die spielen, sie seien Musiker.

Vom Zentralfriedhof nach Mexiko

Noch schlichter als die Bühne sind Ablauf und Dramaturgie des Abends: Zunächst werden Fotografien vom Wiener Zentralfriedhof (schwarz/weiß) gezeigt, dazu ein Prolog (auf deutsch von Gundars Āboliņš) über diesen alles andere als zentralen Ort. Dann Fotografien aus Lettland (schwarz/weiß), dazu vom Schauspielensemble im Wechsel entweder Musik (Blechblas) oder Friedhof-Anekdoten (original lettisch und kopfhörersimultan deutsch).

© Dorothea Wimmer
© Dorothea Wimmer

Gegen Ende wird die Bildwelt bunt, wechselt von Lettland nach Mexiko, zeigt Totentagsfotos in satten, warmen Farben und praller Pracht: "Día de los Muertos". Rasch aber geht's zurück auf Anfang, die letzten Bilder zeigen wieder Wien - den Zentralfriedhof, diesmal in Farbe mit leuchtendem Herbstlaub. Fast moralisierend wirkt diese "Koloratur" als Appell, auch hierzulande bunter, fröhlicher, lebendiger mit dem Tod zu leben.

Die warmen, kräftig-sonnengetränkten Farben ändern indes nichts daran, dass einen die Inszenierung insgesamt eher kalt lässt. Absicht? Die Schlichtheit ist Konzept, ist klug, wird dem Thema und Zugang atmosphärisch gerecht. Das Sterben wird hier eben nicht dramatisiert und pathetisiert, der Tod ist unspektakulär und so natürlich wie das Leben selbst, man begeht die Bestattung mit Schnaps, Kaffee, Sülzfleisch und Musik. Notfalls mit Synthesizer, besser aber mit traditioneller Blaskapelle, denn "einmal im Leben", spätestens zur Beerdigung, "sollte doch Live-Musik für Dich gespielt werden".

Tuba und Wodka

Und so spielen sie, die Schwarzjackettierten: Kirchenmusik, lettische Folklore, Beethoven, später "Yesterday" und mexikanische Rhythmen. Sie spielen beeindruckend gut dafür, dass sie das Blechblasen von Tuba bis Trompete extra für diese Inszenierung erlernt haben. Sie spielen es aber nicht gut genug, um als altgediente Blaskapellisten durchzugehen, die stolz herumposaunen, wie viele hundert Friedhofbeschallungen sie schon auf den Lippen haben.

In ihren Spielpausen entsabbern sie die Mundstücke, trinken Wodka und erzählen uns Anekdoten von Toten und Überlebenden: Es geht um den Konflikt zwischen religiösem Ritual und kommunistischem System. Um das richtige Redenhalten und Grabpflegen. Um Erinnerungen an das Ableben der Eltern oder des Lebenspartners ("Er hatte so einen schönen Tod!"). Um Zigeuner, die die Musiker nicht bezahlt haben, weil diese schließlich für den Toten gespielt haben und nicht für sie. Es fällt schwer, sich des Gefühls zu erwehren, dass die Geschichtchen weitaus amüsanter und berührender gemeint sind, als sie weithin wirken.

Das Requiem der lettischen Geschichten

Gemessen an anderen Inszenierungen von Alvis Hermanis, dem Meister der Tiefe und des leisen Tons, wirkt "Kapusvētki" ein bisschen platt in seiner fast volkshochschulartigen Mischung aus Dia-Show, Anekdotensammlung und Blechblaskapelle. Aber womöglich lässt sich das ja begründen mit dem Versuch, dem Großen und Unheimlichen, dem Sterben, seinen Schrecken und seine Abgründigkeit zu nehmen, das Alltägliche und Normale daran zu betonen. Und damit, dass von den Toten eben meist nicht viel mehr bleibt als ein paar Photos und Anekdoten.

Jedenfalls sollte man das Friedhofsfest nicht als Solitär betrachten, sondern im Kontext der gesamten Arbeit des Jaunais Rīgas teātris. "Kapusvētki" bildet den Abschluss von mehr als zehn Arbeiten zur lettischen Nation, Kultur und Seele. 2003 hat dieser Reigen mit "Gara dzive/Langes Leben" begonnen, jener wunderbaren, wortlosen Inszenierung, in der die jungen Schauspieler ganz aufgehen in der Haut von alten Menschen. Wer diesen weitgespannten Bogen, wer die "Lettischen Geschichten" und die "Lettische Liebe" von Hermanis im Blick hat, der spürt auch noch im Requiem, in dem blechbläsernen Abgesang auf Lettland etwas von der Kraft und Liebe, die sich durch die Arbeit des Neuen Theaters Riga zieht. Mag ja sein, dass außer der Wurst alles ein Ende hat. Aber das letzte Photo der Inszenierung zeigt einen Grabstein mit der Inschrift "Auf Wiedersehen." Grund genug zur Freude.

 

Kapusvētki / Friedhofsfest
von Alvis Hermanis und Ensemble Jaunais Rīgas Teātris
Konzeption und Inszenierung: Alvis Hermanis, Fotografie: Mārtiņš Grauds, Musik: Jēkabs Nīmanis, Musiklehrer: Ansis Nikolovskis, Bühnentechnik: Jānis Liniņš, Ton und Videotechnik: Gatis Builis, Licht: Mareks Lužinskis
Mit: Vilis Daudziņš, Gundars Āboliņš, Andis Strods, Ivars Krasts, Varis Piņķis, Edgars Samītis, Andris Keišs, Ģirts Krūmiņš, Gatis Gāga, Iveta Pole, Maija Apine, Ansis Nikolovskis, Jēkabs Nīmanis.

www.festwochen.at

 

Mehr zu Alvis Hermanis im nachtkritik.de-Glossar. Bei den Wiener Festwochen besprach nachtkritik.de zuletzt Robert Lepages monumentales Lipsynch.

 

Kritikenrundschau

Christiane Enkeler schreibt in ihrem Beitrag für "Kultur heute" auf der Webseite des Deutschlandfunks (17.5.2010): Am liebsten hätte sie nicht "tief im Theaterdunkel wie in einer Gruft" gesessen angesichts des "Volksfestes" und des "Karnevals", die durch den Abend wehten. Sie freut sich über das "Erfrischende einer sinnlichen, verkehrten Welt: betrunkene Musiker, verliebte Mädchen, Familienstreitigkeiten" und langweilt sich auch ein wenig, denn: auf der Bühne unter den Fotos selbst tue sich nicht viel. Fünf Wochen hätten die Schauspieler bloß Zeit gehabt, informiert uns Enkeler, die Instrumente spielen zu lernen. Zuvor hätten sie die Geschichten, die sie erzählen und die "Totes vom Rande her lebendig machten", selbst gesammelt, "um sie poetisiert auf die Bühne zu bringen". Die von den Schauspielern dargestellte Blaskapelle erzähle, dass aus Geldgründen "der Synthesizer inzwischen oft die Livemusik ersetzt". Alvis Hermanis, der Lettland in ökonomischer und moralischer Krise sehe, sage, die Inszenierung sei "vielleicht eine Art Requiem auf Lettland".

In der Wiener Tageszeitung Der Standard (18.5.2010) beschwert sich Ronald Pohl über den "zähen Nekrolog", bei dem dreizehn "als Friedhofsmusiker verkleidete Schauspieler" sich "mit beachtlicher Kunstfertigkeit an diversen Blechblasinstrumenten" zu schaffen gemacht und im Wiener Dialekt "vom Alltag auf lettischen Gottesäckern" erzählt hätten. Doch leider sei dies alles nur "gähnend langweilig" gewesen, weil dem "ruhelos beschäftigten Hermanis die Muße zur Abfassung eines Skripts gefehlt" habe, würfen sich nun die "Blasmusiksitzer gegenseitig Anekdötchen an die Köpfe".

In der Wiener Tageszeitung Die Presse (18.5.2010) schreibt Norbert Mayer der "musikalischen Diaschau" fehle die Dramatik. Der Abend mit seinen hübschen Anekdoten sei alles andere als "nervenzerfetzend" gewesen, er passe wohl "eher in ein philosophisches Rahmenprogramm für einen ruhigen Kirchentag". Man habe erfahren, schreibt Mayer, dass die Letten "versessen" seien auf das "Totengedenken", in der "Morbidität Mexikanern und Kakaniern offenbar ebenbürtig". Textlich besinnlich, musikalisch grob der "Vortrag", "hochwertig dagegen die "Diaschau" von Mārtins Grauds. Seien früher auf dem Wiener Zentralfriedhof Treibjagden abgehalten worden, so knüpften die Letten beim "Picknick zwischen den Gräbern" neue Beziehungen. Grauds fotografische "Impressionen" seien das "eigentlich Theatralische an dieser Produktion", eine "Charade", die an der "Grenze zwischen Malerei und Poesie" eine "Atmosphäre der Gelassenheit" gegenüber den letzten Dingen entstehen lasse.

In der Frankfurter Rundschau (18.5.2010) schreibt Stephan Hilpold: Man müsse wohl eingestehen, dass der Tod anders als bisher sprichwörtlich bekannt doch kein Wiener sei, sondern ein Lette. Gegenüber den von "Friedhöfen, Totenfeiern und Blumenarrangements besessenen Einwohnern" des baltischen Staates sei die "süße Todesversessenheit der Wiener ein Klacks". Im dokumentarischen Theater des Alvis Hermanis recherchierten die Schauspieler immer selbst und setzten aus dem gewonnenen Material auch selbst die Texte zusammen. Doch anders als etwa Rimini Protokoll arbeite die Truppe aus Riga "aus dem Bauch heraus". Das gebe den Abenden Farbe, ende manchmal aber "in platter Nostalgie - beziehungsweise Ostalgie". "Das Friedhofsfest" sei ein "Erzählabend". Doch holten nicht einmal die Fotos die Worte der Schauspieler in die Gegenwart. Das sei die Schwäche dieses "einfach gestrickten und immer länger werdenden Abends". Die Konflikte, die die Gemeinschaft zerstört hätten, die beim lettischen Friedhofsfest beschworen werde, diese Konflikte bringe die Aufführung leider nicht zur Sprache.

Paul Jandl schreibt in der Tageszeitung Die Welt (18.5.2010): Der Zentralfriedhof in Wien gelte zwar "als doppelt so lustig wie Zürich", doch sei er gar nichts gegen das lettische Friedhofsfest. Da werde "getrauert, gefeiert und gesoffen, dass es eine Freud' ist". Von dieser allerdings bekomme man in Alvis Hermanis' Stück nicht viel mit. Spielten die Schauspieler einen Totenmarsch, greife die "scheppernde Trauer" der Musik ans Herz, während der Text des Stücks "allenfalls in postmortale Agonie" versetze. Das Ganze sei eine "schöne Leich' wie man in Wien sagt. Würdig, aber mehr nicht."

Barbara Villiger Heilig schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung (19.5.2010) über die Wiener Festwochen, die sie, was Schauspiel betrifft, als eines der "schönsten Festivals überhaupt" ansieht: Qualität gibt es, keinen Zwang zur Avantgarde, auch keine Angst vor ihr und außerdem halten die Festwochen treu zu einer bestimmten Gruppe von Künstlern, deren Arbeiten sie begleiten. Wie ein "Essay" illustrierten die "wunderbaren Bilder" von Fotografen Martins Grauds, was das als Blasorchester aufgereihte Ensemble erzählt. Die Schauspieler haben das Material zu Hause recherchiert. "Dem zunehmend mehr im Ausland tätigen Hermanis schickten sie DVD; er griff per Telefon oder E-Mail ein und steuerte zuletzt vor Ort den letzten Schliff bei."
Herausgekommen sei eine "poetische, aber untheatralische Installation zu Friedhofsritualen".
Die Schauspieler tuteten "zwischen bedächtig vorgebrachten Anekdoten" ihre Musikstücke, "immer schön falsch". "Subtiler Humor" würze das "schwebende Erinnerungsgebilde."

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.5.2010) schreibt Dirk Schümer: dass Alvis Hermanis mit seinen "angenehm tempolosen, intimen Stücken" schon "in jungen Jahren" zu einer "grauen Eminenz des europäischen Theaters" geworden sei. Er sei "gefragter Gast an vielen großen Häusern", weil er seine Schauspieler nicht "Literatur ausagieren", sondern sie "mit viel Poesie" ihre "je individuellen und kollektiven Geschichten erzählen" lasse. Im "Friedhofsfest" seien die Arrangements der Lieder für das Blech das "zum Heulen Schönste an dieser kurzen Unterrichtsstunde in morbider Heimatkunde". "Ohne sich kaum je zu erheben" oder auch nur "sonderlich mimisch zu agieren", erzählten die Schauspieler Anekdoten und "über die Gebräuche", von den "stets besoffenen Musikern", von den "kommunistischen Funktionären, die in einem anderen Rayon zu den kirchlichen Totenfesten kamen, weil sie daheim die Atheismusmedaille einheimsen wollten". Weil Hermanis seine Schauspieler beim Inszenieren alleine gelassen habe, komme aber die Produktion, trotz des "wundervollen Theaterthema Tod" nicht "recht vom Fleck". Sie wirke wie eine "vom Ende erzählte Anekdote".

 

 
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