Einen Jux will sie sich machen

von Rainer Petto

Saarbrücken, 16. Mai 2010. Eine Uraufführung war angekündigt, ein Stück von Felicia Zeller, die mit "Kaspar Häuser Meer" so etwas wie einen Durchbruch an deutschen Bühnen erzielt hat. Und nicht nur eine Uraufführung, sondern zugleich eine literaturhistorische Entdeckung. Über eine familiäre Verbindung, so verbreitete es das Saarländische Staatstheater, war Felicia Zeller in den Besitz einer noch unveröffentlichten Handschrift von Carl Zuckmayer gelangt, eine nicht vollendete Hochstaplergeschichte mit dem Titel „Der große Blöff". Die Autorin habe diesen theaterhistorischen Fund "in all seiner Widersprüchlichkeit" rekonstruiert und daraus ein eigenes Stück gemacht, das in seinem Titel auf die verwandtschaftliche Beziehung anspielt: "Der große Blöff/Entfernte Kusinen".

Spannung also im Parkett: Würde sich das Zuckmayer-Fragment als Vorarbeit zum "Hauptmann von Köpenick" erweisen? Würde dieser Text sich mit dem typischen Felicia-Zeller-Stil zu einem Ganzen fügen? Würde man, so fragte auch die "Saarbrücker Zeitung" am Vortag der Premiere, die Originalteile noch erkennen können?

Die doppelte Zeller - auf der Bühne und im Parkett

Auftritt der Autorin, der Dramaturgin und der Enkelin von Zuckmayer zu einer Podiumsdiskussion vor der Aufführung des eigentlichen Stücks. Doch in der Dramaturgin Gisela Meinbrecht und der Enkelin Winnie-the-Pooh Zuckmayer erkennen wir die Herren Klaus Meininger und Hans-Georg Körbel aus dem Saarbrücker Ensemble, und auch Felicia Zeller ist nicht Felicia Zeller, sondern Katrin Aebischer, der im Publikum sitzenden Autorin mit auffallendem Brillengestell und fahrigen Gesten in etwa nachempfunden. Die aus Amerika angereiste Erbin hält den Fund für eine Fälschung und will die Aufführung verhindern, die Autorin macht Ausflüchte, die Dramaturgin glaubt immer noch, für ihr kleines Haus einen großen Fang gemacht zu haben. Ohne Scheu vor vordergründigem Witz wird vom ersten Augenblick an deutlich gemacht, dass dies eine Komödie ist.

Aber so viel an ernsthafter Substanz kommt rüber: Die ganze Zuckmayer- und Kusinen-Story ist ein zwar nicht ganz großer, aber doch immerhin ein doppelter Blöff. Das Staatstheater hat die Öffentlichkeit, und die Autorin auf der Bühne hat die Dramaturgin auf der Bühne an der Nase herum geführt. Statt eines literaturhistorischen Gemischs gibt es hundert Prozent Zeller.

Ganz in Weiß und aus Pappe

Ein Hotel in Ostsee-Bäderarchitektur, dessen weißer, stark stilisierter Gastraum schon Schauplatz der Podiumsdiskussion war. Die Damen und Herren im Outfit der Zwanziger Jahre, als Klischee: die alleinreisende Dame (Nina Schopka) mit Pagenfrisur, der Herr Schriftsteller (Johannes Schmitt) in Knickerbockern. Und das schöne rote Oldtimer-Cabriolet ist aus Pappe. Alles Fake, alles Kulisse, alles Theater. Musik aus Tatis Fünfzigerjahre-Film "Die Ferien des Monsieur Hulot". Die Hotelbesitzerin ist tief verschuldet, ein kleiner Schriftsteller gibt sich – Ironie in der dritten Potenz – als der Erfolgsautor Carl Zuckmayer aus. Auch ein paar weitere Personen treten auf, ein aufmüpfiges Zimmermädchen etwa und ein pseudophilosophischer "Heringskönig", auch eine weibliche Hochstaplerin.

Und die Dialoge? Große Kaffeeflecken haben das Manuskript weitgehend unleserlich gemacht, nur noch ein paar Bühnenanweisungen sind zu entziffern, kaum Text. Also muss heftig improvisiert werden: Männer in Frauenklamotten, die Versprecher, chronische Stolperer, das Lallen eines Besoffenen – Regisseurin Daniela Kranz gibt der Komödie Zucker. Da ist nichts zu platt, schließlich ist alles aufgehoben in einem höheren Zusammenhang.

Raffinierte Selbstbezüglichkeiten

Aber in welchem? Eine Hochstaplergeschichte, erklärt die Autorin, sei auch für die heutige Zeit überraschend gültig: Das Gefühl, Besseres verdient zu haben, sei ein Basisgefühl unserer Gesellschaft. Aber ist diese Interpretation nicht auch Teil des großen Blöffs? Felicia Zeller, die in ihren Stücken unterschiedlichen sozialen Milieus ihren Sound abgelauscht hat, hält diesmal dem zeitgenössischen Theater den Spiegel vor: der Gier nach aufsehenerregenden Entdeckungen, der phrasenhaften Herstellung von Gegenwartsbezug, dem widersprüchlichen Verhältnis zwischen freien Autoren und ihren Förderern in der Institution Theater.

Aber nichts in diesem mehrbödigen Stück voller raffinierter Selbstbezüglichkeiten ist wirklich greifbar. Selbst die Kritik ist immer schon mitgedacht. Auch das Kein-Ende-finden-Wollen der Komödie gegen Ende der zwei Stunden ist womöglich Teil der Parodie. Dabei macht die Autorin vor sich selber nicht halt: Ihr auch hier praktizierter Stil der gekonnt unvollendeten Sätze ist glatte Selbstpersiflage.

Zuckmayer, so lässt sie es an anderer Stelle mehr neidvoll als tadelnd sagen, war ein Theaterhandwerker. Vielleicht wollte Felicia Zeller auch mal ein Stück schreiben, das einfach gut ankommt. Den Schauspielern hat’s offensichtlich Spaß gemacht, selbst die schwächeren Mitglieder des Ensembles laufen zu Hochform auf. Und das Saarbrücker Publikum hat am Sonntagabend mit guten Gewissen über diese Mischung von Klamauk und höherem Witz sozusagen auf mehreren Ebenen lachen können und wollte am Ende mit dem Beifall gar nicht mehr aufhören.

 

Der große Blöff/Entfernte Kusinen
von Felicia Zeller
Inszenierung: Daniela Kranz, Bühnenbild und Kostüme: Jutta Burkhardt, Dramaturgie: Ursula Thinnes.
Mit: Klaus Meininger, Katrin Aebischer, Hans-Georg Körbel, Gertrud Kohl, Saskia Petzold, Nina Schopka, Johannes Schmidt/Pit-Jan Lößer, Boris Pietsch, Andreas Anke.

www.theater-saarbruecken.de

 

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