Ach, dieses kalte Seelengefängnis

von Jens Wellhöner

Kiel, 22. Mai 2010. Ellida Wangel lebt in einem kleinen norwegischen Dorf als Frau eines Arztes. Sie träumt davon, frei im Meer zu leben, wie eine Robbe. Täglich schwimmt sie im Fjord, aber ihre Sehnsucht nach dem Meer kann dadurch nicht gestillt werden. Aufgewachsen ist sie in einem Leuchtturm, wild und frei. Nach dem Tod ihrer Eltern suchte sie Schutz und Geborgenheit bei einem Man, der sie mit in seine enge Welt aus Konventionen nahm: in ein enges Dorf, zu zwei Stieftöchtern, die die Neue im Haus schnell hassen. Der Schutzraum Ehe, den sie suchte, wird für Ellida zum Gefängnis. Da trifft sie ihre alte Liebe wieder: Einen Seemann, der sie vor zehn Jahren verließ. Jetzt will er sie auf seinem Schiff mitnehmen.

Henrik Ibsen schrieb "Die Frau vom Meer" im Jahr 1888 als seine ganz persönliche Variante der Sage von der Robbenfrau, die, von einem Menschen erpresst, ihm an Land folgen muss, als Menschenfrau, und daran fast zugrunde geht, bis sie schließlich doch in die Freiheit flieht. Ibsen machte daraus ein Plädoyer gegen die engen Vorstellungen seiner Zeit gegenüber Frauen: Sie waren damals materiell völlig von ihren Männern abhängig, hatten sich ihnen unterzuordnen.

Konsequent reromantisiert
1999 nahm sich die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag des Stoffes an und bearbeitete das über hundert Jahre alte Ibsen-Drama. Sie kürzte mehrere Figuren aus der Geschichte heraus, vereinfachte die Handlung stark und legte den Akzent auf Monologe, in denen die Figuren ihre Gedanken und Träume schildern. Die junge Regisseurin Annette Pullen hat in Kiel nun wiederum die Sontag-Version überarbeitet. So zitieren ihre Figuren norwegische Gedichte, ein norwegisches Volkslied wird gesungen, ein Hauch von Meer-Mythos blitzt auf, anders als in Sontags konsequent entromantisierter Fassung.

© Olaf Struck
© Olaf Struck

Trotzdem: "Die Frau vom Meer" bleibt auch in Kiel das, was Sontag wollte: Das Drama einer Frau, die letztlich doch nicht ihrem Gefängnis entkommen kann. Die Ausstattung von Gregor Sturm unterstützt das sehr gekonnt: Gleich zu Beginn des Stückes quälen sich die Darsteller durch eine silbermetallisch glänzende, kalte Schiebewand. Eine Chiffre für das kalte Seelengefängnis, in dem die Figuren in diesem Stück leben. Mehr Bühnenbild gibt es nicht, im kahlen Bühnenraum spielt sich die Handlung ab. Durch Lichteffekte wird dieser Bühnenraum trotzdem lebendig und spiegelt die trostlose seelische Verfassung der Figuren wider.

Sehnsucht nach Freiheit
Für die Freiheit, nach der sich Robbenfrau Ellida sehnt, steht ein künstlicher Wasserfall, unter dem sie ihren verloren geglaubten, ehemaligen Seemann-Geliebten wiedertrifft. Einfache Stilmittel, die aber auf der Kieler Bühne eine große Wirkung entfalten. Eine Handlung gibt es in dieser Ibsen-Sontag-Pullen-Fassung nur noch rudimentär: Die einzelnen Szenen könnten beinah für sich allein stehen, beispielhaft für die Träume, Sehnsüchte und die Verbitterung der einzelnen Figuren. Die sprechen in manchmal recht langen Monologen.

Trotzdem wird das Stück nicht langweilig: Zu intensiv agiert das Ensemble (allen voran Agnes Richter als Ellida, fesselnd-tragisch), das die Gefühle und Gedanken der Figuren in dieser Inszenierung bis ins Detail auslotet und besonders gegen Ende zu fesseln versteht, wenn Ellida zwischen ihrem alten Leben an Land und der Aussicht auf ein freies Leben auf dem Meer hin- und hergerissen wird und vor der Entscheidung steht, aus ihrem Gefängnis auszubrechen oder nicht – und merkt, dass sie gar nicht weiß, was Freiheit wirklich ist.

Allerdings: Das Thema "Emanzipation der Frau" ist nicht gerade originell. Heute sind die Frauen zum Glück keine Anhängsel ihrer Männer mehr, wie häufig noch zu Ibsens Zeiten. Doch Annette Pullen und ihr Team bringen dem Zuschauer die Figuren so nah, dass man mit ihnen leidet und viel über Enge, Zwang und die Sehnsucht nach Freiheit erfährt.


Die Frau vom Meer
nach Henrik Ibsen und Susan Sontag
Regie: Annette Pullen, Ausstattung: Gregor Sturm, Dramaturgie: Jens Paulsen.
Mit: Agnes Richter, Immanuel Humm, Janna Wagenbach, Maria Goldmann, Christian Kämpfer, Marco Gebbert.

www.theater-kiel.de


Die Regisseurin Annette Pullen, 1974 in Gelsenkirchen geboren, inszenierte im Februar 2010 am Staatstheater Stuttgart die Uraufführung von Nis-Momme Stockmanns Stück Kein Schiff wird kommen, das für den Mülheimer Dramatikerpreis 2010 nominiert worden ist.

 

Kritikenrundschau

Das Finale von Pullens Inszenierung kenne keine Erlösung, sondern lasse die Figuren im Regen stehen, schreibt Christoph Munk in den Kieler Nachrichten (25.5.2010). Niemand könne in diesem Raum von Gregor Sturm glücklich werden, denn "hier ist nirgendwo". Und Agnes Richters Ellida ist in diesem Nirgendwo eine "mit den Jahren ausgetrocknete Frau", während Immanuel Humms Wangel ohne jeden "Hauch von Seele" sei, schreibt Munk. Nur woher rührt die Ruhelosigkeit? Es müsste doch noch ein "Geheimnis schlummern", doch so wie Susan Sontag in ihrer Übersetzung die Ibsen-Geschichte verkürzt und von geheimnisvollen fremden Seemann nur mehr Spuren gelassen habe, so zwingt Annette Pullen, wenn Marco Gebhardt dann wirklich als Fremder "attraktiv durch die Szene geistert" das Wunschbild, die Erinnerungsfetzen vom "Vielschichtigen ins Eindeutige".

 

 
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